DIE NATÜRLICHE SONNE
Mitteilungen
über unsere Sonne und ihre natürlichen Verhältnisse.
Durch das Innere
Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der 6.
Auflage 1980.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
Copyright © 2000
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Die Sonne
[NS.01_000,01]
Der Wesen Millionen um die Strahlenmutter kreisen / und hocherfreut in lichter
Wärme Mich, den Schöpfer, preisen. / Nicht unbekannt ist auch der Vater manchen
Strahlengästen, / auch nicht so manchen ausgedienten alten Weltenresten, / die
da in jenen weitgedehnten Sonnenmeerestiefen / von eingesog'nem Strahlensegen
wonneruhend triefen! –
[NS.01_000,02]
Die Sonnenerde, nicht so hart wie viele ihrer Kinder, / ist lebend gleich des
Weibes Brust und kennet ihren Gründer. / Es ist da sanft der Boden und gar
weich die weiten Triften, / die höchsten Berge ohne Fels und tiefgeritzte
Klüften, / und ist der Boden, wie die Berge, vollbelebt von Wesen, / die durch
des Lichtes Macht der Erden Todesbande lösen! –
[NS.01_000,03]
Die Strahlenwelt der Sonne kreist in Äthers leicht'sten Fluten; / wie hell und
stark das Licht allda, mag niemand wohl vermuten, / und wer in diesem höchsten
Strahlenglanze pflegt zu leben, / das war zu schauen keinem fleisch'gen Auge
noch gegeben. – / Ja – ungeahnte Wundertiefen in dem Lichte wallen, / die
nimmerdar hinaus auf klein'rer Welten Triften fallen! –
[NS.01_000,04]
Wer kann mit seinem Aug' allhier das Licht der Sonne tragen, / und wer, woher
dies mächt'ge Licht, Mir wohl recht kundig sagen? / O sieh, auf dieser lichten
Sphäre ist gar hehr zu wohnen! – / Nur allerreinster Kindlein Geister pflegen
hier zu thronen, – / und eine allerhöchste Mutter thront in ihrer Mitte / und
lehret diese da des Vaters Lieb' und Weisheits Sitte! –
[NS.01_000,05] O
Sonne, Sonne, Trägerin der tiefsten Wundergrößen, / die nie noch hat des
größten Engels Geist erschöpft bemessen! / Da sieh hinab zur dritten Tochter,
deiner kleinen Erde, / da weidet sich auf mag'ren Triften eine arme Herde; /
Ich will darum aus deines Lichtes überreichen Tiefen / belassen einen Tropfen
nur hinab zur Tochter triefen!
[NS.01_000,06]
Und dieser Tropfen wird da wohl zu reichlich nur genügen, / daß alle Kindlein
deiner Tochter in den stärksten Zügen / daran zu trinken sollen haben für all'
Zeit der Zeiten / und sollen sich darum nicht mehr ums Lebenswasser streiten. /
O sieh die Tagesmutter, wie ihr leuchtend Haupt sie neiget / und Mir dadurch
gehorsamlichst die alte Treu' bezeiget! –
[NS.01_000,07] O
freue dich, du ganze Erde, auf das Licht der Sonne! / In diesem Lichte wohnt
fürwahr der Weisheit höchste Wonne! / Es freut ja schon die Kindlein, in ein
kunstvoll's Werk zu blicken; / Ich weiß, wie sehr die Räder einer Uhr sie all'
entzücken. / Darum will Ich auch hier ein gar kunstvolles Werk euch zeigen /
und will das Schönste und das Größte darum nicht verschweigen!
[NS.01_000,08]
Da werd't ihr schauen, was zuallermeist euch wird beglücken, / wie sich da eure
Kindlein hehr mit Lieb' und Weisheit schmücken, / und wie sie sich da
gegenseitig pflegen zu belehren; / auch dies sollt ihr so gut wie mit den
eig'nen Ohren hören. – / Und endlich will Ich euch den hehren Trost auch nicht
entziehen, / wie eure Kindlein hier um euer Heil sich stets bemühen! –
[NS.01_000,09]
Doch solches wird euch erst der größ're Sonnenfunke bringen, / mit ihm werd't
ihr erst dann in all die Wundertiefen dringen; / dies Lied ist nur ein
Vorgesang zu jenen großen Gaben, / an deren Fülle ihr euch stärken werd't und
wonnigst laben! / Darum nehmt dieses Vorlied an mit wahren Liebesfreuden, /
denn Ich, – der Vater, pflege euch ja solches zu bescheiden.
1. Kapitel – Die
Sonne als Vollbegriff der Planetenwelten. – Allgemeines über Erdreich und
Pflanzenwachstum.
(Den 8. August
1842)
[NS.01_001,01]
Es wird hier nicht nötig sein, wie allenfalls bei der Darstellung eines andern
Sterns, den Standort eben dieses leuchtenden Sterns näher zu bestimmen, da
solches ja jeder Tag ohnedies überaugenscheinlich tut. Daher wollen wir zuerst
die Frage geben und lösen: Was ist die Sonne? Nach der Löse dieser Frage wird
sich alles leicht ordnen und gewiß wunderklärlich dartun lassen. Und somit
stellen wir diese Frage noch einmal und fragen: Was ist die Sonne?
[NS.01_001,02]
Die Sonne ist wohl in Hinsicht auf die um sie kreisenden Planeten ein Fixstern;
für sich selbst aber ist sie nur ein vollkommener Planet, indem auch sie (wie
die Erde mit ihrem Monde um eben diese Sonne kreist) um den euch schon
bekannten Zentral-Sonnenkörper mit allen ihren sie umkreisenden Planeten sich
bewegt, eine Reise, welche aber freilich etwas länger dauert, als die der Erde
um die Sonne; denn sie braucht zur Vollendung dieser großen Bahn beinahe 28000
Erdjahre.
[NS.01_001,03]
Somit wüßten wir, daß die Sonne nicht nur pur Sonne ist, sondern daß sie
vielmehr ein vollkommener Planet ist, der da im Verhältnis zu seiner
weltkörperlichen Größe auch in eben dem Verhältnis mit mehr Licht umflossen
ist, als jeder ihn umkreisende, bei weitem kleinere Planet.
[NS.01_001,04]
Wenn die Sonne aber selbst an und für sich ein vollkommener Planet ist, so muß
sie auch ganz sicher alle jene planetarischen Bestandteile im vollkommensten
Maße in sich fassen, welche auf all den andern kleineren sie umkreisenden
Planeten in sehr verminderten Potenzen vorkommen. Und so muß in der Sonne in
großer Vollkommenheit zu finden sein, was in viel kleinerer Form und somit auch
viel unvollkommener entweder im Planeten Merkur, Venus, Erde und ihrem Monde,
im Mars, in den vier kleinen Partikularplaneten Pallas, Ceres, Juno und Vesta,
im Jupiter und dessen vier Monden, im Saturn, dessen Ringen und sieben Monden,
im Uranus und dessen fünf Monden und in einem noch entfernteren Planeten und
dessen drei Monden, und endlich in all den bei zwölftausend Millionen Kometen
vorkommt, welche in weitesten Distanzen sich noch um diese Sonne bewegen.
[NS.01_001,05]
Oder mit kürzeren Worten gesagt: Der vollkommene Planet Sonne ist der
naturmäßig vollkommene Inbegriff aller seiner Weltkinder; oder: in diesem
vollkommenen Planeten kommt alles dieses selbst in naturmäßiger Hinsicht
lebendig vollkommener vor, als es da vorkommt in was immer für einem Planeten,
Mond und Kometen. – So wollen wir sogleich des besseren Verständnisses wegen
einige Beispiele hinzufügen.
[NS.01_001,06]
Das Erdreich eures Planeten ist tot, hart, steinig und ist nicht fähig, ohne
das Licht der Sonne etwas hervorzubringen. Das Erdreich der Sonne hingegen ist
sanft und mild, ist nicht steinig und nicht sandig, sondern es ist so weich,
wie da ist das Fleisch eines Menschen. Oder damit ihr es noch besser versteht,
es ist fast allenthalben elastisch, so daß da niemand, der allenfalls am Boden
hinfallen würde, sich irgend schmerzlich beschädigen möchte; denn er fiele da
gerade so, als fiele er über mit Luft gefüllte Polster. Dieses Erdreich ist
aber bei dieser Beschaffenheit nicht etwa also zähe wie bei euch allenfalls das
sogenannte Gummi elasticum, sondern es ist ganz locker, und ist nicht nur im
ganzen so elastisch, sondern in dessen kleinsten Teilen schon, welche an und
für sich lauter mit dem wahrhaften Lebensäther gefüllte Hülschen sind.
[NS.01_001,07]
Solches ist zwar wohl bei dem Erdreich eures Planeten auch der Fall; aber die
Hülschen sind an und für sich zu spröde und geben bei einem Stoß oder Fall
nicht nach, sondern pressen sich dadurch nur fester aneinander; und wenn sie
viele Jahre hintereinander ungestört also neben- und übereinander geschichtet
liegen, so ergreifen sie sich endlich so hartnäckig, daß sie dann zufolge
ebendieser gegenseitigen Ergreifung gänzlich zu Stein werden und in diesem
Zustande dann auch natürlicherweise noch einen bei weitem hartnäckigeren
Widerstand leisten als zuvor, da sie noch gesondert lockerer übereinander
lagen; aus welchem Grunde dann auch die Vegetation auf einem Planeten viel
kümmerlicher sein muß als auf dem vollkommenen Sonnenplaneten.
[NS.01_001,08]
Denn auf einem Planetenerdkörper, wie zum Beispiel eure Erde es ist, muß ein
mit einem lebendigen Keime versehener gröberer Same erst im Erdreich verwesen,
und muß eben durch diesen Akt die ihn umgebenden Erdhülschen zur Mitverwesung
oder vielmehr zur Weichwerdung nötigen, damit dann der freigewordene, lebendige
Keim alsbald aus diesen erweichten Erdhülschen seine ihm zusagende ätherische
Nahrung saugen kann. Sodann aber muß er alsbald eine Menge Wurzeln zwischen die
Erdhülschen hineintreiben, diese dadurch erweichen, dann durch sein Zunehmen in
seinem Volumen hartnäckig zerdrücken, um dadurch die fernere nötige Nahrung zu
seinem Pflanzenwachstum zu gewinnen.
[NS.01_001,09]
Ist solches auch auf dem vollkommenen Sonnenplaneten nötig? – Sehet, da
herrscht ein großer Unterschied. Weil das Erdreich dieses Planeten so sanft,
zart und mild ist, so ergreifen sich die zu einer Pflanze gehörigen Teile ohne
Samen schon unmittelbar im Erdreiche selbst und sprießen über dasselbe in den
zahllosesten, verschiedenartigsten und nützlichsten Gewächsen empor, deren
Schönheit, Güte und Nützlichkeit alles Erdenkliche auf allen andern Planeten
ums so Vielfache übertrifft, als die Sonne mit ihrem Licht und mit ihrer Größe
alle diese ihre Weltkinder überragt.
[NS.01_001,10]
In der Sonne hat dann weder ein Baum, welcher Art er auch immer sein möge, noch
ein Gesträuch, noch eine Pflanze Wurzeln und Samen, sondern alles wächst und
entsteht nahe auf die Art, wie bei euch das ursprüngliche Steinmoos, die
Schimmelpflanze und die Schwämme. Nur sind diese Gewächse nicht also
vergänglich und von so kurzer Dauer, wie die früher benannten auf eurem
Erdkörper; sondern wo solche Kräfte irgend etwas erwachsen lassen, da wächst es
dann immerwährend fort. Und wenn solches Gewächs auch von den natürlichen
Sonnenbewohnern gewisserart abgehauen wird, so wird es dadurch nicht getötet,
sondern der abgehauene Baum oder die abgenommene Pflanze erneut sich bald
wieder. Denn da die Wurzeln eines solchen Gewächses nicht so grobmateriell
sondern nur gleich sind feurigen Äther-Adern, so ergreift sich nach der
früheren Wegnahme solche vegetative Kraft wieder und wächst in neuer Pracht und
Herrlichkeit empor.
[NS.01_001,11]
Es dürfte sich hier mancher denken und sagen: Ja, wenn da die Gewächse auf
diese Weise nicht ausrottbar sind, werden sie da nicht bald jeden Flächenraum
dieses Planeten so stark in Beschlag nehmen, daß dann neben ihnen kein anderes,
frei wandelndes Wesen wird bestehen können?
[NS.01_001,12]
Solches aber ist allda durchaus nicht der Fall, denn die naturmäßigen Menschen
dieses vollkommenen Planeten haben auch eine noch viel stärkere Willenskraft,
als da ist die vegetative Triebkraft des Sonnenerdbodens. Aus diesem Grunde
wächst dann auf der Sonne auch weder ein Baum, noch ein Gesträuch, noch eine
Pflanze oder ein Grashalm ohne das Hinzutun des menschlichen Willens. Der
menschliche Wille ist dort sonach das alleinige, unendlich viel- und verschiedenartige
Samenkorn für alle Vegetation auf diesem vollkommenen Planeten. Daher wächst
nur da zum Beispiel ein Baum oder eine Pflanze aus dem Erdboden der Sonne, wo
ihn ein Sonnenmensch haben will, und wie gestaltet er ihn haben will. Daher
auch gibt es auf diesem vollkommenen Planeten durchaus keine bleibende,
gleichförmig vorkommende Art im Reiche alles Pflanzentums, sondern diese
richtet sich allzeit nach dem jeweiligen Wollen eines Menschen. – Wann aber ein
Mensch irgend einen Baum oder eine Pflanze durch seinen Willen aus dem Boden
gerufen hat, so kann sie kein anderer vertilgen, außer nur derjenige, der sie
hervorgerufen hat; oder ein anderer nur dann, wenn er von dem Zeuger
willensbevollmächtigt wurde.
[NS.01_001,13]
Aus eben diesem Grunde herrscht dann auch auf der Sonnenerde eine wahrhaft
unendliche Mannigfaltigkeit im Reiche des Pflanzentums. Denn bei zwei nächsten
Nachbarn schon finden sich nicht zwei gleichartige Pflanzen vor, sondern ein
jeder entlockt auf dem Boden, den er bewohnt, auch andere Pflanzen. Und so
möchte einer von euch viele tausend Jahre die weiten Flächen der Sonnenerde
durchwandern, so wird er zwar wohl auf immer neue und wunderherrliche
Pflanzenarten und Formen kommen; aber zwei Arten würde er auch auf dieser
langen Reise nicht auffinden, die sich vollkommen gleichsehen möchten. – Sehet,
aus diesem Beispiel könnt ihr euch schon einen kleinen Vorbegriff machen, warum
die Sonne ein vollkommener Planet ist. Denn es kommt auf jedem Weltkörper oder
kleineren Planeten Ähnliches vor, nur unvollkommen.
[NS.01_001,14]
So können auch auf eurer Erde bestehende Pflanzen verändert und veredelt
werden, aber auf eine viel mühsamere und bei weitem gebundenere Art. – Nur im
Geiste ist ähnliche Vollkommenheit bei den Menschen auch auf den andern Planeten
ersichtlich, wie zum Beispiel die Früchte der dichterischen Phantasie, sei es
in der Sprache der Begriffe, welche durch Worte ausgedrückt werden, oder in der
Sprache der Bildnerei, welche durch entsprechende Bilder ausgedrückt wird mit
Hilfe der Farben oder anderer, für die Bildnerei tauglicher Gegenstände; ganz
besonders aber durch die Sprache der Töne, worin ein solcher Tondichter die
größte Mannigfaltigkeit entfalten kann, wenn er in diesem Fach vollends
geweckten Geistes ist. Aber alles dessen ungeachtet ist selbst diese
erscheinliche Vollkommenheit auf den Planeten nur ein mattes Abbild von allem
dem, was sich da in jeder erdenklichen Hinsicht vorfindet auf dem vollkommenen
Planeten der Sonne.
[NS.01_001,15]
Daß die Sonne ein vollkommener Planet ist und somit alles Planetarische in sich
fassen muß, läßt sich aus dem ersehen, daß alles auf den Planeten durch das
ausstrahlende Licht der Sonne geformt wird. Der Unterschied zwischen dem
vollkommenen und den unvollkommenen Planeten ist nur daraus ersichtbar, daß auf
den letzteren alle Formen, welche dem Lichte der Sonne entstammen, notwendige
und bestimmte, nicht leicht abänderliche Formen sind und sich sogar noch zählen
lassen, während auf dem vollkommenen Sonnenplaneten alle Formen frei sind und
kein anderes Band haben, als das Band des Willens der Menschen dort, und daher
auch unzählbar und ins Unendliche verschieden sind.
[NS.01_001,16]
Dann und wann geschieht es wohl auch, daß selbst auf den unvollkommenen
Planeten eben durch die Einwirkung der Sonne manche ältere Wesenformen
untergehen, und dafür ganz andere ins Dasein treten. Allein solches geschieht
auf den Planeten nur selten, und die Veränderungs- und Übergangsperiode bedarf
eines viel längeren Zeitraums, als auf dem vollkommenen Sonnenplaneten.
[NS.01_001,17]
So sind auf eurem Erdkörper zwar wohl schon einige tausend Baum-, Gesträuch-,
Pflanzen- und Grasarten untergegangen, davon hie und da zwischen Steinlagen
noch Abdrücke vorgefunden werden. Auch mehrere Gattungen von Urriesenbäumen
sind untergegangen, und ihr Holz wird nun nur noch als schwarze Steinkohle
aufgefunden. Im gleichen Fall sind auch eine Menge riesiger Tiere vollkommen
aus dem Dasein getreten, wie zum Beispiel das Mamelhud und eine große Menge
jener großen beflügelten Amphibien, die da jetzt noch unter dem Namen ‚Echsen‘
bekannt sind.
[NS.01_001,18]
So sind untergegangen sogar die riesigen Leiber mancher Menschen, die da in der
Urzeit unter dem Namen Riesen bekannt waren, ingleichen auch mehrere große
Vogelgattungen, wie nicht minder viele Fische, die jetzt unter all den
bekannten nirgend mehr zu finden sind, außer höchst selten hie und da in den
Steinen, wo sie manchmal, was die Form betrifft, als noch recht gut erhalten
zum Vorschein kommen.
[NS.01_001,19]
Aber, wie gesagt, alle diese Veränderungen auf einem unvollkommenen Planeten
gehen fürs erste sehr langsam vor sich und weichen von den ihnen nachfolgenden
Formen nicht so sehr ab wie die stets vorkommenden Veränderungen auf dem
vollkommenen Sonnenplaneten.
[NS.01_001,20]
Eben aus diesem Grunde kann also die Sonne ein vollkommener Planet genannt
werden, weil alles, was nur immer auf all den Planeten vorhanden ist, auch auf
ihrem Erdboden im vollkommensten Sinne in der größten, stets wechselnden
Mannigfaltigkeit wie lebendig vorhanden ist. Aus diesem bis jetzt Gesagten muß
einem jeden einzuleuchten anfangen, daß die Sonne wahrhaft ein vollkommener
Planet sein muß, weil sie ein vollkommener Inbegriff alles dessen ist, was da
nur immer einen Planeten selbst, von seinem Mittelpunkte angefangen, in allen
seinen Teilen ausmacht, und was alles auf der Oberfläche desselben zum
Vorschein kommt. Denn wäre solches nicht der Fall, wie könnten da wohl die
Strahlen der Sonne Ähnliches auf den Erdkörpern hervorrufen?
2. Kapitel – Der
Sonnenmensch im allgemeinen.
[NS.01_002,01]
Also wüßten wir, daß die Sonne ein vollkommener Planet ist. Daher wollen wir
uns auch nicht länger bei den Vergleichungen aufhalten, sondern uns sogleich,
wie ihr zu sagen pflegt, mit Sack und Pack in die Sonne verfügen und sie von
Pol zu Pol beschauen, jedoch nicht in der Ordnung wie bei einem unvollkommenen
Planeten, sondern gerade in der umgekehrten.
[NS.01_002,02]
Ihr werdet fragen: Warum denn? – Die Antwort wird Mir gar nicht schwer. Auch
dürftet ihr sie sogar selbst finden, wenn euer Geist sich schon mehr seine
Faulenzerei abgewöhnt hätte. – Die Ursache ist diese: Auf den unvollkommenen
Planeten progeneriert alles bis zum Menschen hinauf, und der Mensch bildet da
die letzte, vollkommenste Stufe der Dinge und Wesen. – Auf dem vollkommenen
Sonnenplaneten aber fängt der Mensch die Reihe der Wesen an als ein Grund
derselben – darum, da sie allesamt und sämtlich aus ihm hervorgehen. Und zwar
nach der Ordnung seines Willens werden dann die untersten und letzten Potenzen
durch die Strahlen des Sonnenlichtes transzendent in die andern Planeten, wo
sie dann mit den atomistischen Tierchen und Wesen wie auch mit den alleisesten
Ätherschimmelpflänzchen, die bis jetzt noch jedem Naturforscher unbekannt sind,
ihren Anfang nehmen und sich sodann, wie schon bekannt, bis zum Menschen hinauf
progenerieren.
[NS.01_002,03]
Wenn ihr nun die Sache so recht bei Lichte betrachtet, so seid ihr in einer
Hinsicht Kinder der Menschen der Sonne. Freilich, was da wieder betrifft den
allein wahrhaft lebendigen Geist, der da in euch wohnet, da seid, wenn schon
dem Außen nach betrachtet, ihr Kinder der Sonnenmenschen wieder umgekehrt so
gut als ihre Eltern. Denn der unsterbliche Geist in euch ist Mir näher als der
Geist der Sonnenmenschen, da er ein zurückkehrender ist, während der der
Sonnenmenschen wie ein ausgehender ist.
[NS.01_002,04]
Ihr werdet hier euch notwendig fragen müssen: Muß demnach etwa der Geist der
Sonnenmenschen auch übergehen und ein Geist im Planetenmenschen werden? –
Sehet, solches ist wohl ein gar großes Geheimnis und wurde bis jetzt noch von
keinem Menschen geahnt. Ich will euch aber dennoch darauf führen.
[NS.01_002,05]
Sehet, ihr wißt, wie zuerst alle Planeten nach der gerichteten Ordnung aus der
Sonne ihren Ursprung nahmen – also wie diese selbst den ihrigen genommen hat
aus den Zentralgrund- und Fundamentalsonnen. Ihr wisset aber auch durch schon
so manche Mitteilungen, was da im Grunde alle Materie eines Planeten ist,
nämlich nichts anderes als der sichtbare Ausdruck gefangener Urkräfte oder
Geister. – Wo sind denn diese hergekommen?
[NS.01_002,06]
Wenn der ganze Planet, wie er leibt und lebt, aus der Sonne hervorgegangen ist,
da wird wohl etwa sein eigener Inhalt auch keinen andern Ursprung haben, da er
und der Planet, auf ein Atom genommen, eines und dasselbe sind. Es handelt sich
nun nur noch darum, daß ihr wisset, wie im Sonnenkörper ein Planet seinen
Ursprung genommen hat, oder dann und wann noch nimmt, so wird euch ganz
einleuchtend sein, was da für ein Los wartet auf so manche Geister der
Sonnenmenschen.
[NS.01_002,07]
Damit ihr aber solches noch vollkommener einzusehen imstande seid, so muß euch
vorerst ein wenig der körperliche Bau der Sonne selbst gezeigt werden.
[NS.01_002,08]
Die Sonne als planetarischer Körper ist so gebaut, daß sie in sich eigentlich
aus sieben Sonnen besteht, von denen immer eine kleinere in der größeren steckt
wie eine hohle Kugel in der andern. Und nur die inwendigste, als gleichsam das
Herz des Sonnenplaneten, ist, wenn schon organisch, aber dennoch von der
Oberfläche bis zum Mittelpunkte konkret.
[NS.01_002,09]
Alle diese sieben Sonnen sind allenthalben bewohnt. Und es ist darum auch
zwischen jeder Sonne ein freier Zwischenraum von ein-, zwei- bis dreitausend
Meilen, aus welchem Grunde auch jede inwendigere Sonne vollkommen bewohnbar
ist.
[NS.01_002,10]
Ähnliche Beschaffenheit haben zwar wohl auch die unvollkommenen Planeten, aber
solches natürlicherweise viel unvollkommener sowohl der Zahl wie auch der
Beschaffenheit nach.
[NS.01_002,11]
Da aber nun der vollkommene Sonnenplanet bei seiner außerordentlichen
Räumlichkeit für eine außerordentlich große Menge von menschlichen Wesen faßbar
ist, so darf euch auch gar nicht wundernehmen, wenn Ich euch sage, daß die
Menschen auf der Sonne zusammengenommen ein tausendfach größeres Volumen
bilden, als alle die der Planeten, Monde und Kometen, welche um die Sonne
kreisen, zu einem Volumen zusammengenommen; und das zwar gerade, als wenn das
räumliche Körpervolumen der einzelnen Sonnenmenschen um nichts größer wäre, als
das Volumen eines Menschen auf eurem Erdkörper.
[NS.01_002,12]
Nun werden wir bald dort sein, wo wir sein wollen; nur müssen wir zuerst noch
wissen, woraus eigentlich die Materie des Sonnenkörpers selbst und sonach auch
das gesamte Wesen ihrer Menschen besteht.
[NS.01_002,13]
Die Materie des Sonnenkörpers ist eigentlich, was das Äußere betrifft, ein
etwas fester gehaltenes seelisches Organ, in welchem zahllose Geister
gewisserart in geringerer Haft gehalten werden. – Auf dem Sonnenkörper ist von
Meiner Liebgnade aus aber auch ein zweiter, noch festerer substantieller Leib
geschaffen worden, welcher zur Aufnahme dieser in der Sonnenmaterie haftenden
Geister gar wohl tauglich ist. Wenn nun dieser Leib oder vielmehr ein
wirklicher Sonnenmensch gezeugt wird durch den Willensakt eines Vormenschen, so
wird alsobald auch ein Geist von diesem also gezeugten Menschen zur ferneren
Freiheitsprobe aufgenommen. Ist die Aufnahme geschehen, welches allzeit
sogleich nach der Zeugung geschieht, so ist der Sonnenmensch auch schon
vollkommen lebendig da. Alsdann werden ihm Meine Willensbedingungen
kundgegeben, und werden ihm seine eigenen Willensvollkommenheiten gezeigt,
vermöge welcher er eine wahrhaft schöpferische Kraft besitzt und nichts
braucht, als nur fest zu wollen, so gibt ihm der Boden der Sonne auch das, was
er will.
[NS.01_002,14]
Bei eben dieser Willensvollkommenheit aber wird dem Sonnenmenschen auch die
Ordnung Meines Willens bekanntgegeben und zugleich das sanktionierte Gebot
hinzu, daß er mit der schöpferischen Vollkommenheit seines Willens der ewigen
Ordnung Meines Willens durchaus nicht entgegenhandeln solle. – Daß dann bei
dieser sehr freien Willensanstalt auch sehr viele unordentliche Begegnungen
gegen Meinen Willen gemacht werden, das kann ein jeder darum um so sicherer
annehmen; denn ein jeder Wille, je freier und ungerichteter er ist, desto
leichter und desto möglicher ist es ihm auch, über die gesetzlichen Schranken
Meines Willens zu treten.
3. Kapitel – Die
Entwicklungswege der Sonnenmenschen – entgegen oder gemäß der Gottesordnung.
[NS.01_003,01]
Was geschieht denn nun aber mit denen, die da nicht beachtet haben das Gesetz
der Ordnung Meines Willens? – Diese verlassen dann ihre Leiber und gehen in
eine andere Sonnensphäre und zwar in die erste innere Sonne, allda sie wieder
von gehörig vorbereiteten Leibern aufgenommen werden, – und zwar mit vollem
Bewußtsein ihres früheren Seins, damit sie dadurch gewahr werden, daß solcher
Zustand eine sicher erfolgte Strafe ist, da sie wider das lebendige Gesetz Meines
Willens gehandelt haben. Übrigens aber haben sie auch hier ihre vollkommene,
mächtige Willensfreiheit und können tun wie zuvor. Treten sie hier wieder aus
Meiner Ordnung, so kommen sie dann wieder in eine noch innerere Sonne, und bei
gleichen fortgesetzten Übertretungsfällen Meiner Ordnung bis zur innersten
Sonne selbst, welche zugleich auch die materiellste und festeste ist.
[NS.01_003,02]
Die sich da fügen in die Ordnung, diese steigen dann wieder auf zur höheren
Vollendung. – Im Gegenteil aber werden sie da in feste Haft genommen und als
ein Volumen vom Sonnenkörper hinausgestoßen in den weiten Planeten- und
Kometenraum.
[NS.01_003,03]
Bei dieser Gelegenheit dürft ihr nur einen Rückblick auf die ‚Fliege‘ machen.
Allda werdet ihr sobald ersehen, was es mit diesen ausgestoßenen geistigen
Potenzen mit der Zeit für eine Folge hat. Es ist manchmal wohl der Fall, daß
diese ersten planetarischen Anlagen als noch ziemlich ungefestete geistige
Potenzen, wenn sie vermöge des ihnen belassenen Bewußtseins sich zur Ordnung
wenden, bei ihrer Umkehr wieder von der Sonne zur ferneren Vollendung
aufgenommen werden. Im Gegenteil aber werden sie zur überlang andauernden,
unordentlichen Komet-Umherirrung verwiesen, wo sie dann immer hartnäckiger
gefangengenommen und endlich in die gerichtete Ordnung eines Planeten oder am
Ende gar eines Mondes zu treten genötigt werden.
[NS.01_003,04]
Jetzt haben wir schon genug, was zur vorbedingten Erklärung taugt, aus der da
hervorgeht, wessen Geistes Kinder ihr selbst seid, und es auch sicher
ersichtlich wird, wie ihr da gewisserart Kinder der Sonnenmenschen seid.
[NS.01_003,05]
Aber wie ihr im umgekehrten Fall auch ihre Eltern sein könnt, wird wohl eben
nicht zu schwer zu erraten sein. Ich sage euch: Ihr könnt das sein in doppelter
Hinsicht. Eine Hinsicht ist diese: Wenn allenfalls eure Kinder frühzeitig
sterben, so tritt hier der Fall ein, daß solche Geister, wenn sie besserer Art
und in sich willensfügig sind, eher zurückkehren, – so wie ihr ehedem gehört
habt, daß manche aus der Sonne ausgestoßene Geisterbündel, wenn sie
willensfügig werden in der Form eines anfänglichen Kometen, wieder von der
Sonne aufgenommen werden, ohne eine vollkommene planetarische, harte
Prüfungsreife durchzumachen.
[NS.01_003,06]
In diesem Falle seid ihr schon zum ersten Eltern solcher frühzeitig zur Sonne
zurückgekehrten Kinder. Zweitens aber könnt ihr in noch viel vollkommenerem Sinne
Eltern der gesamten solarischen Menschheit sein, und das zwar dann, wenn ihr
mit Paulus sagen könnt: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in
mir!“
[NS.01_003,07]
Sehet, nun wird euch dieser scheinbare Widerspruch sicher einleuchtend sein,
und ihr werdet daraus auch um so vollkommener erschauen können, was das heißt:
„Unser Vater, der Du in dem Himmel wohnest, Dein Name werde geheiliget, und
Dein Wille geschehe!“ – Denn wo immer des Vaters Wille erfüllt wird, oder wenn
nur die vorwiegende Willenerfüllungsneigung da ist, so braucht es bei einem
Wesen keine grobmateriell-planetarische Vollreife, um in das Reich des wahren
Lebens zurückzukehren, oder im Geiste sagen zu können: „Dein Reich komme!“
[NS.01_003,08]
Wenn ihr das bisher Gesagte nur ein wenig überdenkt, so werdet ihr selbst keine
Unzweckmäßigkeit mehr darin erschauen, wenn ihr eine Menge Blüten und unreif
gewordener Früchte von den Bäumen fallen sehet. Wollt ihr wissen, warum und
wohin, so machet nur einen Blick in die Sonne; sie wird es euch sogleich sagen,
warum und wohin; nämlich: ein Planet braucht nicht allzeit materiell vollreif
zu werden, um geistig wieder dahin zurückzukehren, von wannen er ausgegangen
ist. – Was da ferner für Verhältnisse in unserm vollkommenen Sonnenplaneten sind,
werden wir nächstens beschauen. –
[NS.01_003,09]
Es ist hier eine Frage zu setzen, und diese lautet also: „Was geschieht denn
aber mit denjenigen Geistern der Sonne, welche sich im Gebrauch ihres sehr
vollkommen freien Willens also betragen haben, daß sie mit ihrem Willen stets
im Einklange standen mit Meinem Willen? – Und gibt es viele solche vollendete
Geister in der Sonne, die da nicht nötig haben, eine weitere Degradation
durchzumachen, um dann wieder zur Vollendung mühsam emporzuklimmen?“
[NS.01_003,10]
Diese schon in der Sonne vollendeten Geister, deren es sehr viele gibt,
verbleiben nach ihrer Vollendung nicht in der Sonne, sondern steigen aufwärts
zu einer höheren Zentralsonne, von der sie einstmals ausgegangen sind samt der
Sonne. Allda werden sie erst in der Demut befestigt und steigen dann wieder
höher bis zu einer noch tieferen Urzentralsonne, welche die frühere an Größe,
Licht und Herrlichkeit ums Unaussprechliche übertrifft.
[NS.01_003,11]
Wenn diese Geister aus der früheren Sonne noch so durchleuchtet und durchglüht
in dieser zweiten Urzentralsonne ankommen, so kommen sie sich da aber dennoch
nicht anders vor, als wären sie nahe ganz dunkel und völlig lichtlos. Daher
werden sie hier wieder von Stufe zu Stufe eingeführt und von den dort waltenden
Geistern wieder also durchleuchtet, daß sie dadurch fähig werden, wieder zu
einer noch tieferen und nahe endlos größeren Zentralsonne aufzusteigen. Diese
Sonne ist auch zugleich die letzte materielle Vorschule für den eigentlichen
Himmel, welcher da ist die Urheimat aller vollkommenen Geister. Aber in dieser
letzten und zugleich auch allergrößten Mittelsonne einer Hülsenglobe gibt es
sehr viele Stufen, welche die Geister mit ätherischen Leibern angetan
durchzumachen haben, bevor sie erst fähig werden, in die geistige Sonnenwelt,
welche da heißt der Himmel, aufgenommen zu werden. Das ist sonach mit wenigen
Worten angedeutet der Weg für die in der Sonne vollendeten Geister.
[NS.01_003,12]
So da jemand aber fragen möchte: Warum denn ein so weitgedehnter Weg? – Da ist
auch die Antwort schon so gut wie fertig; denn solche Geister haben ja eben
auch degradatim diesen Weg von der letztgenannten, innersten, allergrößten
Zentralsonne ausgehend gemacht und haben auf jeder solchen Sonnenstufe noch
mehr Materielles in sich aufgenommen. Aus eben dem Grunde müssen sie jetzt
diesen Weg wieder zurückmachen, um auf ihm von Stufe zu Stufe das letzte
materielle Atom abzulegen, bis sie dann erst fähig werden, vollkommen wieder in
die wahrhafte, allerreinste, himmlische Sonnenwelt für alle Ewigkeiten der
Ewigkeiten überzugehen.
[NS.01_003,13]
Solches wüßten wir jetzt. Aber Ich sehe schon wieder eine verborgene Frage in
euch, und diese lautet also: „Müssen denn auch die Geister der Planetarmenschen
diesen zwar sehr lichten, aber dennoch auch sehr weiten Weg machen, bis sie in
den eigentlichen Himmel gelangen?“
[NS.01_003,14]
Diese Frage kann weder mit Ja noch mit Nein beantwortet werden, wenn man
darüber sogleich eine allgemeine Antwort verlangen würde; sondern es kommt
dabei auf drei Umstände an: Kinder und solche Menschen, welche nach dem Ableben
auf der Erde noch eine weitere Reinigung nötig haben, müssen ohne weiteres
diesen Weg machen; so auch zuallermeist solche große gelehrte Männer der Welt,
in denen sehr viel Eigendünkels und selbstsüchtigen Stolzes stecken, müssen
ebenfalls diesen Weg machen und manches Mal von dieser Erde angefangen noch
viel umständlicher, indem sie noch zuvor in den verschiedenen andern Planeten
eine läuternde Vorschule durchmachen müssen, bis sie erst in die Sonne
gelangen.
[NS.01_003,15]
Zwischen den frühzeitig verstorbenen Kindern, welche alsogleich in die Sonne
aufgenommen werden, und den nachbenannten Menschen, welche erst später in die
Schule der Sonne aufgenommen werden, ist aber der Unterschied, daß die in der
Sonne großgezogenen Geister der Kinder alsogleich in einen oder den andern
Engelsverein des eigentlichen wahren Himmels aufgenommen werden, während die
auf den Planeten reif gewordenen Menschen ohne Ausnahme den ganzen
vorgeschriebenen Weg durchmachen müssen.
[NS.01_003,16]
Jene Menschen aber, welche besonders auf dieser Erde in die reine Liebe zu Mir
übergegangen sind und aus dieser Liebe heraus alles Weltliche und Materielle
abgelegt haben und nichts anderes wollten als nur allein Mich, diese haben sich
dadurch den weiten Weg überaus stark abgekürzt: denn diese sind wahrhaft Meine
Kinder und wahrhaft Meine Brüder und Schwestern und kommen daher nach der ihnen
freudigen Ablegung dieses materiellen Leibes alsogleich vollends zu Mir – und
zwar die in aller Liebe zu Mir sogleich in den obersten, allerhöchsten Himmel,
allda Ich Selbst wohne wesenhaft.
[NS.01_003,17]
Sehet, das ist sonach der Unterschied, der sich da ergibt mit den Geistern
besonders dieses Erdplaneten nach der Ablegung des Leibes. Ähnliches, wenn
schon bei weitem seltener, kann auch mit den Bewohnern des Planeten Jupiter wie
auch noch etwas seltener mit den Einwohnern der Planeten Saturn, Uranus und
noch des dritten, unbekannten Planeten der Fall sein. Jedoch von keinem dieser
nachbenannten Planeten kommen die Geister etwa alsogleich in den obersten
Himmel, sondern nur in den ersten Weisheitshimmel.
[NS.01_003,18]
Jetzt sind euch auch diese Wege kundgegeben, und wir können darum, da uns
solche Außenverhältnisse der Sonne bekannt sind, nun zur inneren Einrichtung
der Sonne und zur Anschauung ihrer Herrlichkeiten schreiten, allda ihr Dinge
schauen werdet, von denen euch noch nie etwas in irgend einen Sinn gekommen
ist. – Jedoch damit die Anschauung nicht zu bald eine Unterbrechung erleide, so
wollen wir dieses alles für die nächstkommenden Mitteilungen aufbewahren. Und
somit gut für heute!
4. Kapitel –
Lehre vom Sonnenlicht. – Der Luftkreis als Lichthülle.
[NS.01_004,01]
Vorerst wollen wir bei der Anschauung der Sonne ihre Lichthülle in Augenschein
nehmen, und das aus dem Grunde, weil der vollkommene Sonnenplanet mit eben
dieser seiner äußeren Umfassung erst zur Sonne wird.
[NS.01_004,02]
Was ist denn diese Lichthülle in naturmäßiger Hinsicht betrachtet? Diese
Lichthülle ist der eigentliche, atmosphärische Luftkreis um den eigentlichen
Sonnenplaneten herum und ist nur an der äußersten Oberfläche so stark glänzend;
gegen den Planeten selbst aber wird er immer dunkler, so zwar, daß von dem
eigentlichen Sonnenplaneten durch diesen Lichtstoffkreis ebenso ungehindert in
den freien Weltenraum hinausgesehen werden kann, als von irgendeinem andern
Planeten. Und eben diese Lichthülle, durch welche von keinem Planeten aus auf
den eigentlichen Sonnenkörper zu schauen möglich ist, ist vom Sonnenplaneten
selbst aus im höchsten Grade durchsichtig.
[NS.01_004,03]
Ihr werdet hier notwendigerweise fragen: Wie ist denn solches möglich, daß man
durch diese allerintensivste Lichtmasse vom eigentlichen Sonnenplaneten aus
könne ungehindert in die endlos weiten Fernen hinausschauen, während es doch
die allerplatteste Unmöglichkeit ist, durch eben diese Lichtmasse von außen her
auf den inneren Sonnenplaneten selbst hineinzuschauen?
[NS.01_004,04]
Die Ursache dieser Erscheinung ist sehr einfach und liegt euch näher, als ihr
es glauben möchtet. Ein ganz einfaches, euch wohlbekanntes Naturbeispiel wird
euch die Sache völlig aufklären. Setzen wir den Fall, ihr stündet vor dem
Fenster irgendeines Hauses, von welchem sich gerade die dahin fallenden
Sonnenstrahlen auf euer Auge zurückwerfen; was seht ihr da? – Nichts als den
grellen Widerschein der Sonne aus dem Fenster, welcher euch ein unbesiegbares
Hindernis ist, zu entdecken, was sich da hinter dem Fenster befindet. Wird
dasselbe Hindernis auch für denjenigen, der hinter dem Fenster steht, ein
Hindernis sein, zum Fenster hinauszuschauen und alles recht genau zu
beobachten, was in der Nähe und in der Ferne sich außerhalb des Fensters
befindet; vorausgesetzt, daß das Glas des Fensters vollkommen gereinigt ist? –
O nein, nicht im geringsten! Während ihr außerhalb des Fensters stehend nichts
als die weißglänzende Glasscheibe erblicken werdet, wird der innerhalb des
Fensters Stehende recht bequem eure Haare zählen können.
[NS.01_004,05]
Sehet, gerade also ist es auch mit der Sonne der Fall, da ihr eigentlicher
Lichtglanz nichts anderes ist als zuerst eine Aufnahme aller der Strahlen von
einer Milliarde Sonnen, die sich auf dieser überweitgedehnten
Sonnenluft-Spiegeloberfläche nahe unendlichfältig jede für sich abspiegeln; gerade
also, wie sich die Sonne selbst auf einem andern Planeten zahllosfältig
abspiegelt, sowohl auf den festen Landes-Gegenständen, besonders aber auf der
Oberfläche der Wasserfluten und zuallermeist auf der kontinuierlichen
Luftoberfläche, welche da einen Planeten umgibt.
[NS.01_004,06]
Ihr werdet hier fragen und sagen: Warum ist denn unser Planet, die Erde, wie
auch manche andere Planeten, die wir sehen, nicht auch von dem starken
Lichtglanze umgeben wie die Sonne, da doch jeder Planet sich, so gut wie die Sonne,
in der Mitte aller dieser Milliarden Sonnen befindet? Wenn es denn also wäre,
da müßte der Mond ja mit einem ebenso starken Licht leuchten wie die Sonne, da
auch er die Strahlen von all denselben Milliarden Sonnen aufnehmen kann?
[NS.01_004,07]
Damit ihr den Ungrund dieser Behauptung recht klar vollends einsehen möget, so
will Ich euch wieder durch ein Beispiel zurechtführen. Nehmt einmal allerlei
Glaskügelchen, von denen das kleinste nicht größer sein solle als ein größtes
Sandkörnchen; dann wieder eins, so groß wie ein Hanfkorn; wieder eins, so groß
wie eine Erbse; und wieder ein anderes, so groß wie eine Haselnuß; und wieder
eins, so groß wie eine rechte Nuß; eins wie ein mäßiger Apfel; eins wieder wie
eine doppelte Faust; eins in der Größe eines Menschenkopfes; und so aufwärts
bis zur Kugelgröße, die da hätte eine Klafter im Durchmesser. – Alle diese
Kugeln stellet auf einen Platz hin, der von der Sonne beschienen wird, und
prüfet dann das zurückstrahlende Bild der Sonne auf jeder dieser verschieden
großen Glaskugeln. – Auf dem kleinsten Kügelchen werdet ihr kaum eines
Schimmerpünktchens gewahr werden; auf dem zweiten werdet ihr schon ein etwas
mehr leuchtendes Pünktlein entdecken; auf dem dritten wird euch das Fünklein
schon heftiger am Auge berühren. Das Bild der Sonne am vierten Kügelchen wird
für euer Auge sogar schon einen merkbaren Durchmesser bekommen, und ihr werdet
es eben nicht zu lange anschauen können. Von ferneren Kügelchen wird das Licht
schon wieder greller werden und der Durchmesser des verkleinerten Sonnenbildes
bei weitem merklicher. Wann ihr mit dieser Betrachtung zu der
menschenkopfgroßen Kugel fortkommen werdet, da wird das Sonnenbild schon den
Durchmesser einer großen Linse haben, und ihr werdet nicht mehr imstande sein,
es mit freiem Auge anzusehen. Auf der letzten und größten Kugel aber wird das
Bild der Sonne schon einen Durchmesser von einem Zoll bekommen, allda ihr es
dann um so weniger werdet mit freiem Auge anzusehen imstande sein.
[NS.01_004,08]
Nun sehet, wie es sich mit diesen Glaskügelchen verhält bezüglich der Aufnahme
des Lichtes aus der Sonne, gerade also verhält es sich mit den verschiedenen
Weltkörpern. Diejenigen Fixsterne oder entfernteren Sonnen, die ihr bloß als
Schimmerpünktchen von eurer Erde aus erschauet, diese selben Pünktchen,
besonders diejenigen darunter, welche ihr von eurer Erde aus als Fixsterne
erster, zweiter und dritter Größe kennt, erscheinen den Jupiterbewohnern schon
so groß, als bei euch da ist ein silbernes Zwanzigkreuzerstück und ein Zehnkreuzerstück
und ein Fünfkreuzerstück. – Warum denn also?
[NS.01_004,09]
Weil der Planet Jupiter schon eine um nahezu viertausendmal größere Glaskugel
ist als eure Erde, und daher auch das Bild der fernen Sonnen notwendigerweise
in einem größeren Maßstab aufnehmen muß als euer viel kleinerer Erdplanet; aus
welchem Grunde der Jupiter trotz seiner bei weitem größeren Entfernung von der
Sonne aber dennoch ein viel stärkeres Licht hat, als der bei weitem näher
stehende Planet Mars, und so auch eure Erde selbst.
[NS.01_004,10]
Nehmet ihr nun an, daß die Sonne über eine Million Mal größer ist als eure
Erde, so leuchtet es ja von selbst ein, daß dadurch alle noch so ferne
stehenden Sonnen dieses Sonnenalls auf der weiten Luftoberfläche dieser Sonne
ein bedeutendes Lichtbild hervorrufen müssen, so zwar, daß da selbst die Sonnen
ferne stehender Sonnengebiete, die auf eurer Erde selbst dem scharf bewaffneten
Auge als ein Nebelfleck erscheinen, einen Durchmesser von ein, zwei bis drei
Zoll erlangen und so stark leuchten, daß ihr ein solches Bild vermöge des
starken Glanzes nicht eine Sekunde lang mit freiem Auge anzuschauen vermöchtet.
[NS.01_004,11]
Nun denket euch erst die Abbilder näherstehender Sonnen, welche nicht selten
einen Durchmesser von hundert bis tausend Quadratmeilen einnehmen; vervielfacht
diese zahllosen Sonnenlichtbilder auf der weiten Sonnenluft-Kugeloberfläche, so
werdet ihr dadurch zu einer solchen Lichtintensität gelangen, vor welcher euer
ganzes Gemüt erschauern wird.
[NS.01_004,12]
Sehet, das ist der eigentliche Grund des tagtäglich euren Planeten
erleuchtenden Sonnenlichtes. Diese Erklärung aber wird euch das Frühere doch
notwendigerweise erhellen, und ihr werdet leicht einsehen, wie die Bewohner des
Sonnenplaneten durch die scheinbare Lichthülle der Sonne recht wohl
(hin-)durchschauen können, während das Hineinschauen für jedes fleischliche
Auge eine allerbarste Unmöglichkeit ist.
[NS.01_004,13]
Solches wüßten wir demnach. Dessenungeachtet aber sehe Ich doch eine ganz
versteckte Frage in euch, und diese lautet also: Diese aufgestellte
Sonnenlichtglanz-Theorie scheint für sich ganz vollkommen richtig zu sein, daß
nämlich dadurch die Sonnen in ihrer Gesamtheit sich also erleuchten. Aber wenn
jede Sonne also leuchtet, so fragt es sich, woher denn eigentlich dann alle
zusammengenommen das Licht hernehmen, – wenn jede ihr Licht nur durch die
Aufnahme der Strahlen von andern Sonnen bekommt, welches mit andern Worten eben
so viel sagen will als, daß keine Sonne für sich selbst ein Licht hat, sondern
jede nur mit dem Widerscheine des Lichtes anderer Sonnen prangt. – Woher haben
dann diese andern Sonnen ihr Licht? – Denn wenn die vorbenannte Lichttheorie
vollkommen richtig ist, so ist jede Sonne an und für sich vollkommen finster.
Woher dann das Gegenstrahlen?
[NS.01_004,14]
Sehet, das ist eine ganz gute Frage. – Da aber die Beantwortung dieser Frage
für euer Verständnis etwas umständlicher sein muß, so soll sie erst in der
nächsten Mitteilung erfolgen. Und somit gut für heute!
5. Kapitel – Die
selbstleuchtende Hauptmittelsonne. – Das Spiegellicht der Untersonnen.
[NS.01_005,01]
Auf welche Art alle Sonnen zusammengenommen und wieder jede einzeln für sich so
leuchtend werden, daß das Licht einer Sonne sich auf der Luftoberfläche einer
andern Sonne abspiegelt, soll euch ebenfalls durch ein leicht faßliches
Beispiel kundgegeben werden. Nehmet an ein Zimmer, dessen Wände da wären aus
lauter hell poliertem Spiegelglas, welches schon mit der Metallmischung belegt
ist und sonach einen vollkommen reinen Spiegel abgibt. Denket euch aber noch
dazu den Raum dieses Zimmers inwendig als vollkommen rund, so zwar, als wäre
das Zimmer eine große, hohle Kugel. Nun behängt dieses Zimmer oder vielmehr
diese hohle Spiegelkugel mit allerlei großen und kleinen spiegelblank polierten
Glas- oder Metallkugeln. In die genaue Mitte dieses hohlen Raumes aber bringet
einen Lüster an, der da hätte ein starkes Licht. Wenn solches alles dargetan
ist, dann sehet all die kleinen polierten Kugeln an, welche in diesem hohlen
Raume hängen, wie sie samt und sämtlich von allen Seiten also beleuchtet sind,
als wären sie selbstleuchtende Körper. – Woher rührt denn das?
[NS.01_005,02]
Solches ist ja gar leicht einzusehen. – Die Wände, welche da spiegelblank sind,
werfen von allen Seiten das Licht, welches vom Lüster ausgeht, nicht etwa
geschwächt, sondern angesammelt und somit potenziert gegen den Lüster wieder
zurück. Auf diese Weise sind alle in dem hohlen Raume aufgehängten Kugeln ja
von allen Seiten vielfach erleuchtet: erstens vom wirklich selbständigen Lichte
des Lüsters; sodann vom zurückgeworfenen Licht von den Spiegelwänden, welche
zusammengenommen einen kontinuierlichen Hohlspiegel bilden, der seine
Brennweite genau im Zentrum seines eigenen Raumes hat. Und drittens werden
diese freihängenden Kugeln durch ihr gegenseitiges Widerstrahlen und durch das
Widerstrahlen ihres aufgenommenen Lichtes, welches ebenfalls von den
Spiegelwänden aufgenommen und wieder zurückgeworfen wird, und endlich noch
durch das allgemeine Gegenstrahlen des Lichtes von den Wänden des Spiegels zu
den entgegengesetzten Spiegelwänden erleuchtet.
[NS.01_005,03]
Nun sehet, dieses Bild ist mehr als genügend zur Beantwortung der vorliegenden
Frage; denn wie sich die Sache des Leuchtens verhält in unserer hohlen Kugel,
also verhält sich die Sache auch in der großen Wirklichkeit. – Denket euch
statt der großen Spiegelkugel die euch bekannte Hülsenglobe, welche da besteht
in ihrer, wenn schon für eure Begriffe unendlichen Umfassung aus einer Art
ätherischen Wassermasse. Und denket euch dann in der Mitte der Hülsenglobe die
für eure Begriffe wirklich endlos große Zentralsonne, welche auf allen ihren
endlos weiten Flächen von den immerwährend allerintensivst leuchtenden
Feuerflammen umgeben ist (welche da herrühren von den Geistern, die entweder
hier ihre Reinigung ausgehend beginnen, oder welche dieselbe rückkehrend
vollenden), so habt ihr dann auch schon alles, was da zur vollkommenen
Beantwortung der gegebenen Frage nötig ist. Das Licht dieser großen
Zentralsonne dringt bis zu den vorbenannten Wänden dieser Hülsenglobe, von da
wird es wieder zurückgeworfen durch freilich für eure Begriffe nahe endlos
weite Räume und Sonnengebiete. Aber was euch noch so weit und groß dünkt, ist
vor Meinen Augen kaum mehr, als wenn ihr ein Sandkörnchen in eure Hand nehmen
würdet, um damit zu spielen.
[NS.01_005,04]
Da die Fähigkeit aller Sonnen dargetan wurde, wie sie zufolge ihrer weiten
Luftoberfläche gar wohl imstande sind, das diese Oberfläche berührende
Lichtbild einer andern Sonne aufzunehmen und es dann wieder von sich zu geben
also, wie da ein Spiegel das Licht aufnimmt und es wieder zurückgibt, – so
werdet ihr nun das starke Leuchten der Sonne um so mehr begreifen, so ihr
wisset, daß sich in einer solchen Hülsenglobe ein allgemeiner, für eure
Begriffe endlos großer, selbstleuchtender Sonnenlüster befindet, dessen Licht
hinaus bis zu den Wänden der Hülsenglobe dringt und somit auf diesem Wege schon
eine jede Sonne zur Hälfte erleuchtet; wann es aber von den äußeren Wänden
zurückgeworfen wird, auch sodann die entgegengesetzte Seite vollkommen gleich
erhellt; und wenn dann auf diese Weise alle Sonnen einer Hülsenglobe gehörig
erleuchtet sind, sie sich dann auch noch dazu zahllosfältig gegenseitig
beleuchten.
[NS.01_005,05]
Wenn ihr ein wenig nur geordnet zu denken vermöget, so kann euch nun unmöglich
mehr undeutlich sein, woher dann eine Sonne ihr starkes Licht nimmt.
[NS.01_005,06]
Da wir aber solches wissen, so wird euch das Leuchten einer jeden Sonne dadurch
noch gründlicher ersichtlich, so Ich euch sage, daß dessenungeachtet dennoch
auch jede Sonne für sich aus dem Bereiche der ihr innewohnenden Geister ihr
Eigenlicht hat. Jedoch ist dieses Licht bei weitem nicht von der intensiven
Art, wie ihr die Sonne erblickt; sondern dieses Eigenlicht ist vielmehr nur
eine stets rege Befähigung der Luftoberfläche des Sonnenkörpers, damit diese
das aus der Zentralsonne und aus den Wänden der Hülsenglobe ausgehende Licht
und die Ausstrahlungen von andern Sonnen desto lebendiger und vollkommener in
sich aufnehmen und sodann wieder von sich geben kann. Aus diesem Grunde
bestehen denn auch auf jedem Sonnenkörper eine Menge sogenannter Vulkane,
besonders in der Gegend ihres Äquators. Was es jedoch mit diesen Vulkanen, die
sich nicht selten dem bewaffneten Auge als schwarze Flecken kundgeben, für eine
Bewandtnis hat, und wie durch sie die Sonnenluftatmosphäre zur Aufnahme des
Lichtes stets fähig erhalten wird, soll euch in der nächsten Mitteilung
kundgetan werden.
6. Kapitel – Die
ätherische Umfassungshülse der Weltkörper und Weltkörpersysteme. – Die größte
Weltkörpergesamtheit, eine Hülsenglobe.
[NS.01_006,01]
Nachdem wir nun kennengelernt haben, woher die Sonnen ihr Licht bekommen, und
wie sie dann dasselbe wieder weiterspenden, da dürfte so mancher Grübler darauf
kommen und sagen: Ich habe meines Teils gegen diese Lichthypothese der Sonne
gerade nichts, sie ist annehmbar und läßt sich hören; aber es muß nur gezeigt
werden, woher denn die besagte Hauptzentralsonne ihr eigentümliches
Flammenlicht hat? Was ist überhaupt das Leuchten dieser angeblichen Flammen?
Wodurch werden diese Flammen bewirkt? Was ist denn da der ewige Brennstoff, der
von so intensiv heftig leuchtenden Flammen nimmerdar aufgezehrt werden kann?
[NS.01_006,02]
Sehet, das sind so recht tüchtige Fragen. Aber es steckt eine noch tüchtigere
im Hintergrunde, und diese wäre folgende, da jemand sagen könnte: Obschon die
ganze Sache einen sehr wahrscheinlichen Stich hat, so bleibt es aber
dessenungeachtet äußerst problematisch, ob da wirklich eine solche Hülsenglobe
anzunehmen ist, und ob in ihr wirklich eine solche ungeheure Zentralsonne
brennt. Wenn fürs erste solches erwiesen werden kann, so wollen wir
Naturkundige und Astronomen die Sache wohl annehmen; aber solange ein solcher
Beweis nicht hergestellt werden kann, können wir diese ganze
Erleuchtungshypothese als nichts anderes betrachten, als einen recht
wohlgelungenen und artigen Sukzeß dichterischer Phantasie.
[NS.01_006,03]
Sehet, da habt ihr bei dieser Gelegenheit so nahe ganz buchstäblich die
Einwendungen, welche uns auf dem natürlichen Wege begegnen können. – Damit sich
aber eben solche kritische Grübler nicht erst an den Verfasser allenfalls
wenden möchten, um sich bei ihm ihre verlangten Beweise zu erbitten, sondern
damit sie eben dasselbe, was sie hierin zu beanstanden glauben, auch schon hier
als erwiesen dargetan finden sollen, so wollen wir allem dem alsogleich auf
eine sehr sinnige Weise begegnen.
[NS.01_006,04]
Was die Hülsenglobe betrifft, so hat diese zahllose Entsprechungen in jedem
kleinsten Geschöpfe, wie in einem Planeten, in einer Sonne und kurz in allem,
was ihr nur immer ansehen wollet. Wo ist ein Ding, dessen unendlich viele
Teile, aus denen es besteht, außen herum nicht von irgend einer Schale, Rinde
oder Haut umgeben wären?
[NS.01_006,05]
Betrachtet das Auge eines Menschen oder eines Tieres! – Es entspricht
vollkommen einer Hülsenglobe, da ebenfalls in dessen Mitte die Kristallpupille
sich befindet, die fürs erste besonders bei vielen Tieren ein eigenes Licht hat
und das Licht von andern Gegenständen nahezu ebenso aufnimmt, wie eine Sonne,
welcher Art sie auch immer sein möchte, indem sie sich innerhalb der Hülse
befindet. Betrachtet dann (von innen) die Wände des Auges, wie sie alle
Strahlen, die sie durch die Kristallinse von außen her aufgenommen haben, mit
dem eigenen Lichte eben jener Kristallinse unterstützt, alsogleich wieder in
jede denkbare Ferne hinauswerfen. Denn solches müßt ihr wissen, daß ihr nicht die
Gegenstände selbst sehet, sondern nur deren entsprechende Abbilder, dadurch,
daß diese von der rückwärtigen schwarzen Spiegelhaut durch die Kristallinse
aufgenommen und alsogleich nach der Aufnahme wieder vollkommen erleuchtet außer
euch geworfen werden. Allda erblicket ihr dann erst die Gegenstände an der
Stelle, wo sich die Gegenstände an und für sich außer euch in der Natürlichkeit
befinden. Denn möchtet ihr die Gegenstände selbst schauen, so könntet ihr
dieselben nicht anders, als in ihrer wirklich natürlichen Größe erblicken, wo
ihr dann freilich an der Stelle, da ihr jetzt eine Staubmilbe sehet, einen
Elefanten, das heißt ein elefantengroßes Tier erschauen würdet, und mit dem
geistigen Auge sogar ein planetengroßes Wesen.
[NS.01_006,06]
Daß ihr aber alle Dinge eben durch die hülsenglobenartige Beschaffenheit des
Auges nur im höchst verkleinerten Maßstab erblickt, beweist ja schon das auf
das Allergenügendste, daß sich alle Gegenstände, und mögen sie noch so klein
sein, unter den Gläsern eines Mikroskops ins Außerordentliche vergrößern
lassen, welche Vergrößerung an und für sich nichts anderes ist, als eine
progressive Annäherung des geschauten Gegenstandes oder vielmehr dessen
Lichtbildes zur wirklichen Größe des Gegenstandes selbst.
[NS.01_006,07]
Wenn es nicht also wäre, so würden sich auf einem solchen vergrößerten
Gegenstande auch unmöglich mehrere, ja oft zahllose, vollkommen regelmäßig
ausgebildete Teile desselben überraschend entdecken lassen, welche das Auge,
wie es ist, nimmerdar entdecken kann. Fragt euch aber selbst, ob solche
Entdeckung nicht dartut, daß das freie Auge die Gegenstände unmöglich selbst
anschaut, sondern nur ihre äußerst verkleinerten Abbilder auf die vorbesagte
Art? (Wie könnten sonst z.B. ganze Heere der Infusions- und anderer Tierchen in
einem kaum einen Stecknadelkopf großen Wassertröpfchen entdeckt werden, wenn
sie nicht da wären?)
[NS.01_006,08]
Wer da nur ein wenig wahrhaft geweckteren Geistes ist, der muß ja hier nahe auf
den ersten Blick zwischen dem Auge, einem Planeten, einer Sonne und sonach auch
einer Hülsenglobe die Ähnlichkeit entdecken.
[NS.01_006,09]
Also ist auch der ganze Mensch entsprechend ähnlich allem dem. Was ist sein
Herz in naturmäßiger Hinsicht? Ist es nicht eine Zentralsonne des ganzen
Leibes? Und alle die zahllosen Nerven und Fasern – Nebensonnen usw.? Die äußere
Haut als die Hülse aber umspannt den ganzen lebendigen Organismus. Könnte aber
ein Mensch bestehen ohne diese äußere Umfassung, welche da ist eine gute und
wohltaugliche Schutzwehr für den ganzen lebensfähigen innern Organismus des
Leibes eines Menschen wie auch des jeden Tieres? – Also hätten wir wieder ein
entsprechendes Bild einer Hülsenglobe!
[NS.01_006,10]
Betrachtet ferner das Ei eines Vogels. – Was ist es? – In weitester Bedeutung
ein Abbild einer ganzen Hülsenglobe, einer Zentralsonne für sich, wie einer
Nebensonne, eines Planeten, und so auch eines jeden andern für sich bestehenden
ganzen Gegenstandes. – Desgleichen könnt ihr selbst einen Planeten betrachten,
und wenn ihr nur ein wenig nachdenken wollt, so werdet ihr doch sogleich finden
müssen, daß ohne eine äußere Umfassung am Ende der ganze Planet gar nicht als
bestandsfähig zu denken ist. Denn nehmt nur ein Äußeres um das andere hinweg,
so werdet ihr dadurch doch am Ende genötigt sein, den letzten Punkt eines
Planeten hinwegzuschaffen, indem auch dieser selbst, so lange er da ist, zu
seiner Existenz eine äußere Umfassung haben muß, durch welche noch seine Teile
eingeschlossen und zusammengehalten werden.
[NS.01_006,11]
Kurz und gut, überall, wo sich irgend ein Leben äußert, muß zu eben dieser
Lebensäußerung ein tauglicher Organismus vorhanden sein, dessen Teile also
gestellt sind, daß da in höchster Ordnung eines in das andere greift, und also
auch ein organischer Teil den andern treibt, zieht und erweckt; also wie bei
einer Uhr, da ein Rad in das andere Rad greift, es zieht, treibt und erweckt.
[NS.01_006,12]
Würden die Räder einer Uhr wohl auch an und für sich das bewirken, was sie eben
bewirken, wenn ihre Spindeln fürs erste nicht eine feste Ober- und Unterlage
hätten, gleichsam eine Umfassung, innerhalb welcher sie zur Bewegung geordnet
gestellt oder gesteckt werden? Wenn aber dieses alles schon da ist, was geht
dann noch ab, damit sich die Räder ordentlich bewegen? – Eine Zentralsonne geht
da noch ab, und diese ist in der Uhr die Feder. Also könnte die Uhr nicht
bestehen, wenn fürs erste alle Räder keine Umfassung und dann keine innere
Triebkraft hätten.
[NS.01_006,13]
Also verhält es sich auch mit dem Organismus der unbedeutendsten Pflanze, die
da fürs erste eine äußere Umfassung haben muß, innerhalb welcher erst ein
tauglicher Organismus gestellt werden kann, und zwar wieder wirksam aus dem
Zentrum der Pflanze, wo die belebende Kraft, wie das Licht der Zentralsonne,
durch den ganzen Organismus belebend durchwirkt bis zur äußeren Umfassung,
allda sich diese nach außen wirkende Kraft wieder selbst gefangennimmt und
gegen das Zentrum zurückkehrt. Könnte dieses wohl bewirkt werden ohne die
äußere Umfassung? Sicher nicht. Denn ohne ein Gefäß läßt sich auch nicht ein
Tropfen Wasser ins Haus bringen, geschweige erst ein organisches Leben
erhalten.
[NS.01_006,14]
Also muß auch der Organismus eines Tieres sowie eines Menschen mit einer
äußeren Hülse umfaßt sein, innerhalb welcher dann erst der Organismus geordnet
und vom Zentralpunkte aus auch belebt werden kann.
[NS.01_006,15]
Dasselbe ist der Fall mit einem Planeten, ohne welche Einrichtung fürs erste
kein Planet denkbar wäre, noch weniger aber also beeigenschaftet, daß er fähig
wäre, einem vielfach gestalteten Leben den Unterhalt zu verschaffen. – Noch
mehr wäre dies der Fall bei einer Sonne, welche schon ein Zentralpunkt eines
ganzen Planetarorganismus ist und daher ebenso eine mehrfache Umfassung haben
muß, wie das Herz selbst im Menschenleibe, – weil ihr Organismus für die
größere Wirkung viel mannigfaltiger und vollkommener sein muß, als der eines
andern Planeten. – Und so hat denn auch sogar jedes Planetensystem, mit seiner
Sonne in der Mitte, eine eigene ätherische Umfassung, innerhalb welcher sich
das ganze Planetensystem bewegt, lebt, und sich gegenseitig zieht, treibt und
erweckt.
[NS.01_006,16]
Noch mehr ist dieses der Fall bei einer nächsten Zentralsonne, um welche sich
schon manchmal mehrere Millionen kleinerer Sonnen mit ihren Planeten bewegen,
und welche daher schon einen viel großartigeren und mannigfaltiger wirkenden
Organismus darstellen, als da ist derjenige einer kleineren Sonne mit ihren
Planeten. Sehet, auch alle diese Millionen Sonnen haben für sich eine
ätherische Umfassung, aus welchem Grunde solche ferne abstehende Sonnengebiete
auch als ziemlich scharf abgegrenzte Nebelflecke zu erschauen sind, welches
wohl nicht möglich wäre, wenn ein solches Sonnengebiet gewisserart nicht mit
einer ätherischen Haut umgeben wäre; was eben dem zu vergleichen ist, wie da
auch im menschlichen oder tierischen Leibe ein jeder einzelne Nerv mit einem
eigenen Häutchen umgeben ist, ohne welches er weder bestehen noch lebendig
wirken könnte.
[NS.01_006,17]
Ihr wisset, daß solche einzelne Sonnengebiete wieder einen Zentralkörper haben,
um welchen sie sich bewegen und lebendig wirken durch die Kraft dieses
Zentralkörpers. Also haben auch wieder im weiteren Sinne solche Sonnengebiete
selbst eine weitere äußere Hülse oder abgeschlossene ätherische Haut. Einen
solchen Sonnengebietleib, das heißt, wo mehrere, ja sehr viele solche
Sonnengebiete um einen noch größeren Zentralkörper ein gewisses Sonnen-All
ausmachen, umgibt abermals eine noch größere ätherische Haut. – Und endlich
solche großen Sonnenall-Leiber drehen sich in großer Anzahl um einen
gemeinsamen größten Zentralpunkt, nämlich um die wirklich selbstleuchtende
Zentralsonne, und sind samt und sämtlich unter einer allgemeinen, überaus
weitgedehnten Umfassung oder Haut lebendig wirkend rege. – Und das ist eben
dann eine Hülsenglobe oder ein vollkommener, für sich bestehender Sonnenleib.
[NS.01_006,18]
Was würde mit diesem Leibe wohl geschehen, wenn man ihm diese
allernotwendigste, äußere, ätherische Wasserhaut wegnehmen würde? – Es würde
mit ihm nichts anderes geschehen und somit auch am Ende mit jedem einzelnen
Teil dieses großen Sonnenleibes, als was da geschehen würde fürs erste mit
einem Auge, wenn man ihm die äußere Hornhaut wegnähme, oder einem Ei die
Schale, oder einer Pflanze alle äußere Rinde, oder einem tierischen Leib die
Haut, oder endlich einem Planeten die äußere Kruste. Dasselbe auch, wie gesagt,
würde mit einem ganzen Sonnenleib der Fall sein, daß er dadurch zum Teil
zerrinnen, zum Teil verdorren, zum Teil sich ins Unendliche zerstreuen und am
Ende ganz erlöschen und vergehen würde. – Also hätten wir nun den Beweis
geführt, daß da eine solche Hülsenglobe als ein vollkommener Sonnenleib
notwendig dasein muß und somit auch eine innere Triebfeder, ein Herz oder eine
allgemeine Zentralsonne haben muß. Und unsere krittelnden Naturforscher sollen
nun noch einen Versuch machen, ob sie diese Theorie auch als eine Hypothese
gelungen poetischer Art darzustellen vermögen.
[NS.01_006,19]
Somit bleibt uns nur noch das Leuchten und flammende Brennen der Zentralsonne
zu beweisen übrig. Haben wir das, so können wir uns dann ganz ruhig und
wohlgemut auf den Gefilden und um die Vulkane unserer Sonne herum lagern und
dort ruhig all die Herrlichkeiten und Wunder derselben beschauen.
7. Kapitel – Das
Eigenlicht der Sonnen.
[NS.01_007,01]
Was da der Grund des Leuchtens einer Flamme ist, ist zwar schon in der
Mitteilung über ‚Die Fliege‘ kundgegeben worden. Dessenungeachtet aber mag doch
hier noch zur größeren Deutlichkeit des Verständnisses dieser Erscheinung
folgender Nachtrag dienen.
[NS.01_007,02]
Ihr wisset, daß das Geistige, als absolut betrachtet, nicht bestehen kann ohne
irgendeine äußere Umfassung oder ohne irgendein Organ, durch welches es sich
erst dann zu äußern imstande ist. Was aber diese äußere Umfassung betrifft, so
ist diese wieder an und für sich nichts anderes als Mein Liebewille, welcher das
Geistige umgibt und durch dessen Erbarmung dasselbe auch innerlich richtet und
es dadurch in irgendeine Ordnung setzt, damit es dann da sei zur Verrichtung
irgendeines Teiles Meines großen Willens und somit auch zur Erreichung
irgendeines Zweckes, welcher da entspricht der Absicht Meiner ewigen Ordnung.
Sehet, also verhält sich diese Sache!
[NS.01_007,03]
Was geschieht denn nun, wenn irgendeine Kraft, die da verborgen ist unter der
Hülse Meines Liebewillens (wenn sie auch noch so geringfügig ist), durch was
immer für Umstände oder Wirkungen angeregt, gerüttelt oder gestoßen wird? – Sie
wird dadurch aus ihrer Ordnung, oder was ebensoviel besagen will, aus ihrem
Gleichgewicht gebracht, fühlt sich dadurch beengt und beeinträchtigt, und sucht
sich dann entweder ihre erträgliche frühere Lage wiederherzustellen oder, wenn
sie zu sehr erregt worden ist, auch sobald ihr ganzes Organ zu zerreißen und
dadurch in den absoluten Zustand überzugehen.
[NS.01_007,04]
Nun denket euch, wenn der Durchmesser dieser Hauptzentralsonne schon eine so
lange Linie bildet, daß, um dieselbe zu überwandern, selbst das Licht bei mehr
als einer Trillion Jahre zu tun hätte, so wird das ganze Volumen eines solchen
Körpers doch sicher etwas sehr Bedeutendes in Hinsicht der naturmäßigen Größe
ausmachen müssen. Wenn aber dieser Körper für eure Begriffe schon so endlos
kolossal ist, wird da nicht auch dieses große Volumen der Materie gegen den
Mittelpunkt zu von allen möglichen Außenpunkten einen für euch unbegreiflich
schweren Druck ausüben?
[NS.01_007,05]
Ja, solches ganz sicher; denn denket nur einmal auf eurem nichtigen Weltkörper
die Schwere eines einzelnen Berges; dann denket euch die Schwere des
Weltkörpers selbst; dann denket euch erst eure ganze Sonne, die fürs erste um
eine ganze Million Mal größer ist als eure Erde, und somit auch eine Million
Mal größere Anziehungskraft in sich birgt, als die da ist eurer Erde zu eigen.
Denn wäre solches nicht der Fall, so vermöchte sie wohl nicht noch ganze
Weltkörper, die manchesmal sogar viele tausend Millionen Meilen von ihr
entfernt sind, also anzuziehen, daß sie sich nicht entfernen können aus ihrem
Gebiete. Wie aber da ist auf einem Körper die Anziehung, also ist auch die
Schwere im Verhältnis mit solch einer potenzierten Anziehungskraft solch eines
großen Weltkörpers.
[NS.01_007,06]
Nehmet ihr aber nun an, daß alle Sonnen, Zentralsonnen, Planeten und Kometen
zusammengenommen kaum den millionsten Teil einer solchen Hauptzentralsonne
ausmachen möchten, wie groß und wie mächtig muß da auch ihre Anziehungskraft
sein, und wie mächtig stark der Druck gegen ihr Zentrum?!
[NS.01_007,07]
Woraus besteht denn die Materie? Ihr wißt, daß die Materie nichts ist als eine
Gefangenschaft des Geistigen oder der Geister. Wenn aber schon auf dem
Erdkörper durch das Zusammenschlagen zweier Steine oft mehrere hart gefangene
geistige Potenzen zum Ausbruch kommen und, wo irgend im Innern der Erde der
Druck von außen her zu mächtig wird, dann auch alsobald oder wenigstens nach
nicht gar langer Zeit sich so heftige Explosionen erheben, daß durch deren
feuriges Wirken oft ganze, große Berge und weitausgedehnte Ländereien zerrüttet
und zerstört werden; und wenn ihr auf den Grund zurückgehen wollet, so werdet
ihr kaum mehr als einen einige Kubikklafter großen Raum finden, in welchem die
in der Materie eingeschlossenen geistigen Potenzen zu sehr gedrückt, – ihre
Schranken zerrissen haben und sich einen Ausweg gesucht und dann auf diesem
Wege eine Menge solcher Geister mit zum Ausbruche genötigt haben. – Wenn
alsdann solches mit der Erde und auf und in der Erde der Fall ist (was hier
gleich schon früher zur vergleichenden Erklärung bedingend angezeigt wurde), so
übertraget nun dieses Miniaturverhältnis eures Planeten auf die Zentralsonne.
Allda erst werdet ihr erschauen, welche Bedrückungen deren gefangene Geister
beständig zu ertragen haben, und das zwar aus dem erbarmenden Grunde, daß sie
als mächtige Gefangene auch wieder durch den mächtigen Druck fortwährend wieder
zum Leben erweckt werden.
[NS.01_007,08]
Aus diesem Grunde ist dann auch diese Zentralsonne überfüllt von den größten
sogenannten Vulkanen oder Feuerspeiern, von denen der kleinste einen solchen
Durchmesser hat, daß in seinem Krater mehr denn dreißigtausend Millionen eurer
Sonnen Platz hätten; – der größeren und des größten Kraters dieser Zentralsonne
gar nicht zu gedenken!
[NS.01_007,09]
Nun, ihr wißt, daß das Leuchten durch die Zuckungen oder Vibrationen der
geistigen Kraft innerhalb der Hülse, in welcher sie eingeschlossen ist, bewirkt
wird. Je heftiger irgendein solcher, innerhalb der bekannten Hülse gefangener
Geist angeregt wird durch einen äußeren Druck, Stoß oder Schlag, in desto
heftigere Vibrationen geht er auch über, und desto greller und intensiver wird
auch die Erscheinlichkeit dieser Vibrationen, welche da ist das Leuchten einer
Flamme oder eines Funkens. Wo aber können solche geistige Potenzen heftiger
gedrückt, gestoßen und geschlagen werden, als auf dieser Zentralsonne?
[NS.01_007,10]
Solchem Verhältnis zufolge leuchtet dort ein Funke so intensiv stark, daß
denselben kein menschliches Auge nur einen Augenblick lang ertragen könnte. Ja,
Ich sage euch: Wenn da ein Funke in der Größe eines Heidekorns sich bei euch
auf der Erde tausend Meilen hoch in der Luft mit derselben Lichtheftigkeit
entwickeln würde, wie er sich entwickelt auf eben dieser Hauptzentralsonne, so
würde durch die Heftigkeit seiner Ausstrahlung die ganze Erde in einem
Augenblick wie ein Wassertropfen auf dem glühendsten Eisen verflüchtigt sein.
[NS.01_007,11]
Nun denket euch die ganze ungeheure Hauptzentralsonne mit solchen
allerintensivsten Lichtflammen überzogen und urteilet darnach, wie weit wohl
ihre Strahlen, als der Ausflug freigewordener Geister, reichen möchten! Da
werdet ihr wohl so ziemlich ins klare kommen, wie gestaltet eine solche Sonne
gar wohl ein allgemeiner Lüster in dem großen Sonnenwelten-Gemache einer
Hülsenglobe sein kann. – Wenn ihr nun solches begriffen habt, so werdet ihr
auch gar leicht begreifen, auf welche Weise dann auch jede kleine
Planetarsonne, wie auch jeder Planet, für sich ein eigenes Licht entwickeln
kann, allda sich dann die Intensität dessen eigentümlichen Lichtes allzeit nach
der Größe seines Volumens und somit auch seiner Schwerkraft richtet.
[NS.01_007,12]
Auf einem Erdkörper zum Beispiel könnt ihr gar leicht die Flamme einer Kerze
betrachten. Warum denn? – Weil durch ihr Verbrennen die in ihrem Dochte und
ihrer fetten Materie gebundenen Geister nur auf eine geringere Weise angeregt
werden und durch einen geringen Grad der Vibrationen ihre sie umgebenden Hülsen
gar leicht zerstören und sodann in ein freieres Walten übergehen. – In eine
Schmiede-Esse könnt ihr nicht mehr so leicht schauen, weil die in der Kohle
noch zurückgebliebenen Geister schon einer heftigeren Anregung bedürfen, um
sich durch heftigere Vibrationen aus ihren Kerkern loszumachen. – Noch schwerer
werdet ihr das Licht derjenigen Flammen ertragen, welche da einem
feuerspeienden Berge entlodern und entsprühen, weil sie einer viel mächtigeren
Anregung, welche die Geister in dem Innern der Erde überkommen, ihre Entstehung
verdanken.
[NS.01_007,13]
Übertraget solches auf die Sonne, wo jedes Verhältnis ums Millionenfache
gesteigert wird, so werdet ihr gar bald und gar leicht finden, in welchem Grade
auch jede Sonne ein eigenes Licht durch ihre Vulkane zu entwickeln imstande
ist. Dieses eigene Licht einer Sonne aber wäre dennoch viel zu gering, um
fernstehende Planeten vollkommen zu erleuchten und zu erwärmen.
Dessenungeachtet aber dient dieses eigene Licht der Sonne doch ganz vorzüglich
dazu, daß dadurch die Oberfläche der Sonnenluft im stets allergereinigtesten
und, wie ihr zu sagen pflegt, spiegelblanksten Zustande erhalten wird, um
dadurch stets vollkommen fähig zu sein, das Licht der Hauptzentralsonne und
somit auch das aller, durch eben diese Sonne erleuchteten Sonnen aufzunehmen.
[NS.01_007,14]
Somit hätten wir auch diese Hauptschwierigkeit besiegt und die im vorhinein
aufgestellten Fragen beantwortet. Und somit können wir uns denn auch, wie schon
vorhin bemerkt, ganz ruhig auf unserer Sonne herumzubewegen und ihre
Wunderherrlichkeiten anzustaunen anfangen.
[NS.01_007,15]
Machet euch aber ja gefaßt, – denn wahrlich, ihr werdet da durchaus an keine
sogenannten Kinderspielereien kommen. Denn alles, was sich euch auf diesem
vollkommenen Planeten zur Beschauung darstellt, wird ausgezeichnet sein an
Größe, Erhabenheit und tiefem Ernste! – Jedoch nicht mehr heute, sondern
nächstens weiter davon!
8. Kapitel –
Ursache und Wesen der Sonnenflecken.
[NS.01_008,01]
Ihr werdet schon öfter beobachtet haben, daß die Sonne zumeist auf ihrem
Äquator manchmal einen oder mehrere, teils größere, teils kleinere Flecken
zeigt, um welche sich dem bewaffneten Auge eine wallartige Verbrämung zeigt,
hinter welcher sich dann nach allen Seiten Lichtwellen, von manchen Astronomen
„Fackeln“ genannt, ausbreiten. – Unter vielen Weltgelehrten ist gar oft schon
die Frage aufgeworfen worden, was diese Flecken doch sein möchten? – Diese
Frage hat auch schon ebensoviele hypothetische Antworten bekommen, aber noch
nie eine vollends bestimmte darunter.
[NS.01_008,02]
Ihr aber sollt diesmal eine ganz bestimmte Antwort bekommen. Wie werden wir es
aber anstellen, daß ihr eben über diese Erscheinung eine bestimmte Antwort
bekommt? Ihr saget freilich in euch: Auf die leichteste Weise, denn Ich darf es
euch ja nur sagen, wie es ist, und ihr werdet Mir vollends glauben. Solches ist
wohl wahr; aber was Ich hier sage, möchte einmal doch auch unter die Augen der
Weltgelehrtheit gelangen. Werden es diese auch also unbedingt glauben, was Ich
euch da sagen möchte in dieser Hinsicht? – O nein, diese Art hat keinen
Glauben. Sie glaubt nicht einmal so ganz unbedingt oder vom Herzen weg, daß Ich
es bin, oder daß es überhaupt einen Gott gebe, wie Ihn die Offenbarung zeigt,
sondern höchstens also, wie Ihn ihre hochweise Vernunft erfindet. Daher also
auch, wie gesagt, sie einer bloßen Erzählung nicht glauben würden, sondern
würden alles als das Produkt einer dichterischen Phantasterei erklären.
[NS.01_008,03]
Darum auch müssen wir uns auf ganz andere Füße stellen und solchen Füchsen ein
ganz kurioses Schlageisen aufrichten, welches nicht nur allenfalls einen Fuß
eines solchen Fuchses klemmen möchte, sondern welches solch ein gescheites
Wesen sogleich am ganzen Leibe packt. Wie aber werden wir solches anfangen? –
Nur eine kleine Geduld; es soll sogleich dasein!
[NS.01_008,04]
Wenn ihr eine Kugel gerade durch den Mittelpunkt durchbohren und diese Kugel
sodann auf eine Spindel stecken würdet und möchtet sie dann ins Wasser tauchen
und sie im Wasser in eine Rotation setzen (nämlich um diese Spindel herum) und
möchtet sie alsdann also rotierend aus dem Wasser heben, – was meinet ihr wohl,
auf welchem Teil der Oberfläche diese Kugel die meisten Wassertropfen von sich
schleudern wird? – Ihr werdet Mir antworten und sagen: Auf demjenigen Teil der
Oberfläche, der von der Spindel am weitesten absteht und daher auch durch die
Rotation um die Spindel die meiste Wurfkraft entwickelt.
[NS.01_008,05]
Wieder, nehmet ihr eine Glaskugel, welche auf beiden Seiten eine Öffnung hat,
so daß man durch die ganze Glaskugel ebenfalls eine Spindel stecken kann;
bringt sie in eine horizontale Lage, gebt ein wenig Wasser in die Kugel und
drehet sie sodann, – wo wird sich bei der Umdrehung das Wasser wohl hinbegeben?
– Sicher wieder dahin, wo es von der Spindel am weitesten entfernt ist.
[NS.01_008,06]
Wir haben an diesen zwei Beispielen genug, um unsere Sache so anschaulich als
möglich zu machen. – Die Sonne ist ebenfalls eine Kugel, wie ihr wißt, und zwar
eine Kugel, die da bei zweimal hunderttausend Meilen im Durchmesser hat. Diese
Kugel dreht sich ungefähr binnen neunundzwanzig Tagen um ihre Achse. Bedenket,
wie schnell da am Äquator der Sonne die Bewegung sein muß, wenn da ein Punkt in
dem vorbenannten Zeitraum von 29 Tagen eine Reise von über 600000 deutschen
Meilen machen muß, welches ungefähr die siebenfache Entfernung des Mondes von
der Erde ausmacht, und für welche Strecke ein Schnellreiter, so er Tag und
Nacht fortreiten möchte, über siebzig Jahre vonnöten hätte.
[NS.01_008,07]
Vergleichet jetzt die Schnelligkeit der Bewegung eines Punktes am Äquator der
Sonne, und ihr werdet euch groß verwundern, wenn ihr daraus ersehen werdet, wie
viele deutsche Meilen er in einer Minute zurücklegt. Wenn ihr aber nun die
große Schnelligkeit solcher Bewegung seht, so müßt ihr ja auch notwendigerweise
die große Wurfkraft, welche da eben am Äquator der Sonne stattfinden muß,
überklar erschauen.
[NS.01_008,08]
Wenn ihr aber diese erschaut, so mache Ich euch aufmerksam auf die zweite Glaskugel,
wie sich in derselben das Wasser bei deren Umschwung gegen den Äquator hinzu
drängte. Was wird also auch vom Innern der Sonne aus gegen den Äquator
derselben vor sich gehen müssen? Werden sich da nicht auch alle etwas
flüchtigeren Teile unter den Äquator drängen und allda zufolge der großen
Wurfkraft das Bestreben haben, die oberste Kruste der Sonne durchzubrechen und
sich dann mit der unglaublichsten Wurfheftigkeit und Schnelligkeit ins
Unendliche hinaus von der Sonne zu entfernen?
[NS.01_008,09]
Ihr habt aber erst in der vorigen Mitteilung vernommen, was die Materie ist
(welcher Art und Gattung sie auch immer sein möchte), und was da die Folge ist,
wenn sie irgend zu sehr gedrängt, gestoßen oder geschlagen wird. Wird die
Materie bei solch ungeheurem Andrang gegen den Äquator nicht auch auf einem
oder dem andern Punkte ebenso unmäßig gedrängt und genötigt, wie unmäßig stark
und schnell die Bewegung und somit auch die Wurfkraft der Sonne um den Äquator
ist?
[NS.01_008,10]
Sehet, jetzt ist das Schlageisen schon aufgerichtet; es bedarf nichts weiteres
als eines Fuchses, und ihr könnt versichert sein, er wird dieser Falle nicht
entrinnen.
[NS.01_008,11]
Ihr habt gleich anfangs vernommen, daß das Erdreich des Sonnenplaneten nicht
also hart und spröde ist, wie das zum Beispiel eurer Erde; sondern es ist
allenthalben wie elastisch, und das vorzugsweise gegen den Äquator zu. Setzen
wir aber den Fall, es wäre daselbst das Erdreich also spröde und somit auch
leicht zerbrechbar, – was würde da wohl der Fall sein zufolge der
außerordentlich großen Wurfkraft, besonders am Äquator der Sonne? – Nichts
anderes, als daß dadurch ein Berg und ein Landstück um das andere mit der
größten Heftigkeit von der Oberfläche der Sonne in den unendlichen Raum
hinausgeschleudert werden würden. Da aber das Sonnenerdreich also zähe ist, so
ist solches wohl nicht möglich, und wäre die Bewegung noch einmal so schnell,
als sie ist.
[NS.01_008,12]
Was kann aber dessenungeachtet dennoch der Fall sein, wenn sich zufolge der
großen Wurfkraft durch den Drang von innen aus auf die schon vorbesagte Art
hier und da gewaltige Andrängungen und sonach auch gewisserart Verhärtungen
unter der Oberfläche der Sonne in der Gegend des Äquators gebildet haben,
welche da gewisserart als eine Krankheit der Sonne anzusehen sind? Denn
wohlgemerkt, auch Weltkörper können physisch krank sein. – Dadurch kann nichts
anderes geschehen, als daß solche verhärtete Knollen endlich auf einem oder dem
andern Punkte das wenn schon zähe Erdreich der Sonne durch ihren großen Drang
nach außen und die (durch eben solchen Drang) bewirkte Entzündung zerreißen und
sich hernach mit der größten Heftigkeit von der Oberfläche der Sonne entweder
nahe endlos weit oder wenigstens so weit entfernen, als die euch bekannten
Planeten von der Sonne entfernt sind.
[NS.01_008,13]
Sehet, das ist nun die Ursache der darauf folgenden schwarzen Flecken der
Sonne. Denn bei dem gewaltigen Durchbruch wird nicht nur die Kruste des
Sonnenplaneten, sondern auch die Lichthülle also auseinandergerissen, daß sie
auf einem solchen Punkte dann fürs erste nicht fähig ist, das aufgenommene
Licht von seiten der andern Sonnen wieder zurückzuwerfen und ebensowenig auch
das eigentümliche Licht ausströmen zu lassen, welches sich fortwährend auf dem
elastischen Erdboden der Sonne entwickelt, wenn derselbe nicht auf die euch
jetzt bekannte Weise zerrissen und daher für die Entwicklung des eigenen
Lichtes untauglich gemacht wird.
[NS.01_008,14]
Wir haben auch vorhin erwähnt, daß diese schwarzen Sonnenflecke dem bewaffneten
Auge mit einem etwas weniger dunklen Walle verbrämt erscheinen. – Was ist denn
dieser Wall?
[NS.01_008,15]
Dieser Wall ist nichts anderes, als der jeweilige Aufwurf des elastischen
Sonnenerdreichs, welches durch den Ausbruch einer solchen Verhärtung auseinandergerissen
und dann auf allen Seiten gleich einer trichterförmigen Mauer, welche oben
enger ist als unten, aufgeworfen wurde. Wollt ihr für die Entstehung eines
solchen Walles um den schwarzen Fleck noch ein deutlicheres Beispiel haben, so
machet aus zäher Erde, wenn sie noch die rechte Weichheit hat, eine Halbkugel,
die inwendig hohl ist, stoßet dann von innen nach außen mit einem stumpfen
Stiel ein Loch, so werdet ihr auf der äußeren Seite alsbald den durch diesen
Durchstoß aufgeworfenen Wall erblicken. Nur wird der Wall mehr zerrissen sein,
weil ein solcher Lehm dennoch in seinen Teilen weniger gleichartige Kohäsion
besitzt als das Erdreich der Sonne.
[NS.01_008,16]
Daß dieser Wall aber gegen den eigentlich schwarzen (Mittel-)Punkt dennoch matt
erleuchtet erscheint, hat folgenden Grund, weil die also zerrissenen Teile,
wenn auch über ihnen keine atmosphärische Glanzluft sich befindet, aber dennoch
durch ihre heftigen Schwingungen ein hinreichendes eigenes Licht entwickeln,
welches da gleichkommt dem ursprünglich eigentümlichen Lichte der Sonne. –
Dadurch könnt ihr auch sehen, wie stark die Sonne mit ihrem eigenen Lichte
leuchten würde ohne Beihilfe des allgemeinen Lichtes.
[NS.01_008,17]
Ferner haben wir noch vernommen, daß sich über solche Wälle hinaus gewisse
Sonnenlichtwellen oder Fackeln bilden. Diese entstehen durch das durch einen
solchen Durchbruch bewirkte Wogen der atmosphärischen Glanzluft der Sonne. Denn
eine Woge spiegelt sich dadurch in ihrer nachbarlichen Woge, wodurch dann der
Glanz potenziert wird, während die Wogenfurchen notwendig matter leuchtend
erscheinen müssen.
[NS.01_008,18]
Sehet nun, bisher hätten wir alles nicht nur klar, sondern sogar handgreiflich
dargestellt. Aber ich sehe schon im voraus einige gelehrte Füchse, die da einen
vollen Backen Luft nehmen und dann mit furchtbar weiser Miene fragen und sagen:
„Nun, die Sache läßt sich hören, und die Hypothese hat viel für sich; aber der
Autor scheint bis jetzt noch vergessen zu haben, daß solche Sonnenflecke wieder
vergehen und zu dem Behufe auch ihre Gestalt nach und nach sehr verändern. Wie
wird nun der Autor sich da mit seinem aufgeworfenen Wall aus der Schlinge
ziehen? – Auch hat man mehrererseits auf eben diesem Wall durch starke
Augenwaffen die unglaublich schnellsten Bewegungen beobachtet. Dieser Fall
möchte etwa wohl sehr bedeutend den ‚mauerartigen Wallaufwurf‘ unseres Autors
beeinträchtigen oder ihn am Ende ganz zunichte machen?!“
[NS.01_008,19] O
nein, Meine lieben Füchse. Das ist eben ein Hauptwasser auf unsere Mühle. Denn
belieben dieselben nur ein wenig zu bedenken, daß wir schon gleich anfangs und
bis jetzt her, und zwar aus dem besten und wohlerwiesenen Grunde von einem
elastischen Erdreiche der Sonne gesprochen haben, welches nach dem Durchbruch
sicher nicht fortwährend mauerfest gleich dem Krater eines Feuerspeiers auf der
Erde bestehen bleiben wird, sondern sich nach und nach, zufolge eben der
elastischen Eigenschaft, wieder zusammenzieht, und die durch solchen Durchbruch
bewirkte Wunde wieder also verheilt, wie da die Wunde, welche zum Beispiel auf
eurem Leibe durch ein Aiß entstanden ist, sich nach der Vereiterung desselben
wieder verringert und endlich sich so ganz und gar ausheilt, daß nach einiger
Zeit nicht eine Spur mehr zu entdecken ist, aus welchem Teile des Leibes ein
solches Aiß eiternd durchgebrochen ist.
[NS.01_008,20]
Wenn aber dieser Wall somit kein mauerfester, sondern ein elastischer ist, so
werden sich etwa wohl die schnellen und weitgedehnten Bewegungen und
Veränderungen eines solchen Walles aus ebendemselben Grunde wie dessen
allmähliches Verschwinden gar überaus leicht erklären lassen. –
[NS.01_008,21]
Nun, gibt es keinen Einwurf mehr? – Sehet, es lauert noch ein Fuchs im
Hintergrunde. Dieser hat mit seinen mathematischen Instrumenten mehrere solcher
Flecke gemessen und hat manche so groß gefunden, daß in ihrem schwarzen Raum
gar leicht dreißig Erden nebeneinander Platz hätten.
[NS.01_008,22]
Was will er denn damit sagen? – Er will damit nichts anderes sagen als: Wenn
ein solcher Fleck auf die vorbeschriebene Art entsteht, so müßte man pro primo,
wenn ein solcher Fleck sich an dem von der Erde aus sichtbaren Rande der Sonne
befindet, den also aufgeworfenen Wall mehr erhaben erblicken, als es gewöhnlich
der Fall ist, wo man eben von einer solchen Erhöhung gar nichts merkt.
[NS.01_008,23]
Fürs zweite aber läßt sich noch diese sehr bedeutende Frage aufwerfen: Wenn die
Sonne bei solchen Gelegenheiten eben solche inwendige Massen von sich
schleudert, wohin kommen diese? Und beeinträchtigen solche gewaltige Verluste
das Volumen der Sonne nicht? Denn man kann ja doch bei den größten
Sonnenflecken annehmen, daß im kubischen Verhältnis eine solche
hinausgeschleuderte Masse wenigstens, in runder Zahl genommen, tausend
Erdkörper groß ist. Nehmen wir nun an, die ganze Sonne hat in kubischer
Hinsicht den millionenfachen Inhalt der Erde, so müssen tausend solche große,
aufeinanderfolgende Flecke ja notwendig die Sonne bei Butz und Stengel
aufzehren!
[NS.01_008,24]
Sehet, dieser Fuchs hat scharfe Zähne und noch schärfere mathematische Augen!
Allein auch dieser soll in der Falle steckenbleiben. Denn so gut rechnen, als
da solche Füchse es können, kann Ich wohl auch, – wo nicht ums Kennen besser.
Ich will zwar auf die sehr kritische Frage dieses scharfzähnigen und scharfäugigen
Fuchses nicht sogleich eine erklärende Antwort geben, sondern will ihm bei
dieser Gelegenheit nur einige kleine Fragen zur Beantwortung vorlegen, und
beantwortet er Mir diese, so soll ihm auch die Antwort auf seine Frage werden.
[NS.01_008,25]
Wie oftmal ist zum Beispiel das Volumen alles dessen, was eine Eiche im Verlauf
eines Jahres abwirft, in dem Eichbaum selbst enthalten, – und das noch dazu im
Verlaufe von ungefähr zweihundert Jahren? Wenn er aber den Eichbaum jährlich
mißt, so wird er sicher finden, daß der Baum dadurch nicht kleiner und magerer,
sondern stets dicker, größer und höher geworden ist. – Wie ist solches möglich?
– Die Antwort lautet: Durch den beständigen Ersatz aus all den Nahrungsquellen
für einen Baum. – So sage Ich denn: Stoße mit derselben Nase in die Sonne, und
du wirst auch dort finden, daß sich das Verlorene gar wohl ersetzen läßt. –
Also hätten wir auch diesen Einwurf im Hintergrunde!
[NS.01_008,26]
Was da aber noch die geringen Erhöhungen bei großen Sonnenflecken bezüglich des
aufgeworfenen Wallrandes betrifft, so soll der Einwerfler einmal mit freiem
Auge versuchen, auf zehn Meilen Ferne einen Grashalm zu erblicken, welches doch
bei weitem nicht so viel sagen will, als wenn er mit seinem bewaffneten Auge in
einer Entfernung von nahe 23 Millionen Meilen einen Aufwurf entdecken möchte,
der im allergroßartigst strengsten Sinne über die Lichthülle der Sonne hinaus
kaum den zehntausendsten Teil des Durchmessers der Sonne erreicht.
[NS.01_008,27]
Solches möge der Einwerfler wohl beachten, so wird es auch ihm klarwerden, daß
die Sache sich gar gut also verhalten kann, wie da erklärt worden ist, wenn er
auch mit seinen geschliffenen Gläsern über den Rand der Sonne hinaus eben keine
babylonischen Türme erblickt. – Zudem aber werden auch diejenigen Teile des
Walles, welche bei einem solchen Durchbruch etwa über die Sonnenlichthülle zu
ragen kommen, von der innersten Intensität der Strahlen eben dieser Lichthülle
in mehr als Blitzesschnelle zersetzt und gewisserart zusammengeschmolzen, – aus
welchem Grunde dann schon ganz vorzüglich nie eine solche vom Einwerfler
vermißte Randhervorragung zu erblicken ist.
[NS.01_008,28]
Somit wären wir mit den Flecken auch vollkommen fertig. – Nächstens wollen wir
mit den Bewohnern der Sonne eine Stelle, wo ein solcher Durchbruch geschieht,
selbst mit ansehen. Und so lassen wir es für heute gut sein!
9. Kapitel – Die
Menschenrassen der Sonne und ihre Wohngebiete. – Die Sonnengürtel.
[NS.01_009,01]
Es ist am Schlusse der vorigen Mitteilung gesagt worden, daß wir mit den
Sonnenbewohnern einen solchen Durchbruch von seiner ersten Entstehung an und,
wie es sich von selbst versteht, auch bis zu dessen vollem Verlauf beobachten
wollen. Solches also werden wir auch tun.
[NS.01_009,02]
Bevor wir aber solches recht nutzbringend tun können, müssen wir zuvor doch
eine etwas nähere Bekanntschaft mit den Bewohnern der äußeren Sonne machen.
[NS.01_009,03]
Wie sehen denn diese aus, und in welchen Verhältnissen leben sie untereinander?
– Sind sie überhaupt mehr geistige oder mehr materielle Menschen? – Und gibt es
nur eine Art oder mehrere Arten der Menschen auf diesem großen Planeten?
[NS.01_009,04]
Es ist schon gleich anfangs erwähnt worden, daß auf dem Sonnenkörper alles das
im vollkommensten Sinne des Wortes und der Bedeutung vorkommt, was nur immer
auf all den andern Planeten spermatim viel unvollkommener und verkrüppelter und
auch verhärteter vorkommt.
[NS.01_009,05]
Solches ist auch der Fall mit den Menschen. – Danach könnt ihr auf dem
Sonnenplaneten nicht nur alle Menschenarten dieser Erde, sondern auch die aller
andern Planeten und ihrer Monde im vollkommensten Sinne, besonders was die Form
betrifft, antreffen. Nur ist natürlich, gleich allem anderen, auch der Mensch
bis zur höchsten Vollendung der Form nach ausgebildet, so zwar, daß ihr wohl
auf der ganzen Erdoberfläche nirgends eine so schöne und vollkommene
Menschenform antreffen möchtet als auf dem Sonnenplaneten. Ja ihr könnt es
vollends glauben, ein Mann oder ein Weib in der Sonne ist dem Leibe nach so
außerordentlich schön, daß ihr die Schönheit, ohne dabei das Leben zu
verlieren, nicht drei Sekunden lang anzuschauen vermöchtet. Denn abgesehen von
der überaus großen Fülle der Pracht in der Form, ist schon an und für sich der
leibliche Glanz der Sonnenmenschen so stark, daß, so da irgend ein Mensch aus
der Sonne auf irgendeinem wenigstens zehn Meilen von euch entfernten Berge
stünde, ihr dennoch nicht imstande wäret, ihn vor lauter Lichtglanz
anzuschauen. In einer größeren Nähe würde euch sein Glanz fast augenblicklich
zu Asche verbrennen. – Das Weib ist auch in der Sonne noch viel runder und
weicher als der Mann; aber ihr Leibesglanz ist minder als der des Mannes.
[NS.01_009,06]
Ihr werdet hier leichtlich fragen: „Ja, wenn dem so ist, wie können denn
hernach diese Sonnenmenschen formell bestehen, ohne plötzlich durch ihr eigenes
Licht aufgelöst zu werden, nachdem sie doch auch sicher mehr oder weniger
materiellen Leibes sind?“ – Dafür ist schon von Mir aus gesorgt. Auf der Erde
gibt es freilich wohl keine Materie, welche in dem starken Sonnenlicht bestehen
könnte; aber was da die Materie der Sonne betrifft, so besteht diese schon
wieder auf anderen Gesetzen als die eines unvollkommenen Planeten. Und so
besteht auch die Materie eines Sonnenmenschenleibes aus einem viel andern
Stoffe als die Materie eures Leibes, und ist daher beständig, selbst unter den
allerintensivsten Strahlen, nachdem sie gewisserart mehr geistig und somit auch
ums Unvergleichliche einfacher ist als die eurige. Unter solchen Bedingungen
können sonach die Sonnenmenschen gar wohl existieren und sich ihres Lebens
freuen und dasselbe zu den nützlichsten Zwecken benutzen.
[NS.01_009,07]
Die schönsten von allen Menschen der Sonne sind dennoch die weißen; obschon
auch Menschen aller andern Farben nirgends etwa häßlich anzutreffen sind.
[NS.01_009,08]
Was die Größe der Sonnenmenschen betrifft, so ist diese ebenfalls sehr
verschieden. – Unter dem Äquator oder vielmehr in der Gegend des Äquators
wohnen der Sonne kleinste Menschen, welche nicht viel größer sind als ein sehr
großer Mann bei euch auf der Erde. Diese Menschen sind nahe samt und sämtlich
von weißer Farbe und sind somit die schönsten auf dem ganzen Sonnenplaneten. –
Um die Pole der Sonne aber wohnen ihre größten Menschen, von nahe dunkelroter
Farbe, aber ebenfalls lichtglänzend. Wenn da ein solcher Mensch auf der Erde
stünde, so würde es ihm eben nicht gar zu schwer werden, wenn er ganz in der
Ebene der Meeresoberfläche sich befände, mit leichter Mühe, ohne seine Hand zu
sehr in die Höhe strecken zu müssen, die Himalajaspitze der Erde zwischen dem
Daumen und Zeigefinger zu fassen und sie bis gegen den Südpol der Erde hin zu
schleudern. – Von dieser größten Menschengattung steigt die Größe abwärts bis
zu den am Äquator wohnenden.
[NS.01_009,09]
Hier werdet ihr sagen: Was tun denn hernach solche ungeheure Riesen mit den
kleineren Menschen, wenn sie allenfalls bei der Gelegenheit einer Bereisung mit
ihnen zusammenkommen? – Diese Frage ist so gut wie umsonst. Denn auf dem
Sonnenplaneten ist eine jede Menschengattung durch die natürlich-planetarischen
Verhältnisse der Sonne auf ihren Platz angewiesen und kann denselben so wenig
verlassen wie ihr die Erde, wenn es euch noch so sehr gelüsten möchte, eine
Reise in den Mond zu machen.
[NS.01_009,10]
Ihr werdet hier wohl freilich wieder fragen: Wie ist solches zu verstehen? In
den Mond ist eine Reise freilich wohl unmöglich, weil er als ein zu weit
getrennter Teil von der Erde abständig ist. Aber die Sonne ist ein
kontinuierlicher Körper, der überall eine und dieselbe Oberfläche hat, warum
sollte denn da eine weite Reise für eine oder die andere Menschengattung
unmöglich sein?
[NS.01_009,11]
So geduldet euch nur ein wenig; wir wollen die Unmöglichkeiten sogleich ein
wenig durchmustern. Und so höret denn! – Erstens ist der Erdboden des
Sonnenkörpers sowohl von einem als dem andern Pol gegen den Äquator hin von
sehr ungleicher Dichtigkeit, – so zwar, daß der Erdboden der Sonne um deren
Pole nahe so fest ist wie der Boden eurer Erde; nur ist er nicht so spröde und
zerbrechlich. Dieser Boden taugt ganz wohl für die vorbenannten Riesen. Wenn
dieser Boden anfängt weicher zu werden, dann taugt er nicht mehr, die Last
eines solchen Riesen zu tragen. – Möchte einer da eine Reise weitermachen, so
würde er bald zu wanken anfangen, und bei noch weiter fortgesetzter Reise bei
jedem Tritt in den elastisch weichen Boden bis über die Mitte seines Leibes
hineinsinken. – fast als wenn ihr ein sehr großes Polster machen möchtet,
welches da vom Boden bis zuoberst bei drei Klafter im Durchmesser hätte. Wie
würde es mit eurer Wanderung über ein solches Polster, das da mit Federflaum
ausgefüllt wäre, ergehen? Würdet ihr da nicht beim ersten Tritt auf demselben
hineinsinken, allwann dann alles fernere Mühen, über dasselbe zu kommen,
vergeblich wäre, und wenn es auch nicht länger als höchstens hundert Klafter
wäre? – Möchtet ihr aber auf ein solches Polster eine Maus setzen, so wird
diese schon recht wohl über das Polster laufen können; noch leichter aber eine
Fliege. – Sehet, das ist also für solche Wanderungen schon ein Hindernis,
demzufolge jede Menschenklasse auf ihren Kreis bleibend angewiesen ist.
[NS.01_009,12]
Ein zweites Hindernis ist der Nahrungsstoff für verschiedene Klassen von
Menschen. Denn wie da der Boden ist, also werden auch die Produkte, wenn auch
durch den Willen des Menschen hervorgebracht. – Wie ist solches zu verstehen? –
Nahe so wie bei euch auf der Erde, nur in viel vollkommenerem Sinne; denn auch
der Sonnenboden gehorcht dem Willen der Menschen nicht überall gleich, – so wie
er auf der Erde ebenfalls der Tätigkeit der Menschen nicht gleich gehorcht. So
möchte sich einer auf den Kopf stellen, und er wird auf den Spitzbergen keine
Ananas hervorbringen; während im umgekehrten Falle wieder der
allergeschickteste Gärtner in einer Gegend unter dem Äquator kein Eismoos oder
die sogenannte Rentierflechte zuwegebringen wird.
[NS.01_009,13]
Auf der Erde richtet sich der Gehorsam des Erdbodens nach den klimatischen
Wärmeverhältnissen. Solches ist auf dem Sonnenplaneten freilich wohl nicht der
Fall, obschon es auch dort an den Polen etwas kühler ist als an dem Äquator.
Daher richtet sich dort der Gehorsam des Erdbodens lediglich nach den auf- oder
abnehmenden Graden der Weichheit desselben. Es kann oder es könnte vielmehr
wohl auch ein Mensch eines festeren Bodens auf einem weicheren Boden etwas
hervorrufen. Allein das Hervorgerufene wird wohl ungefähr die Form des Willens
dessen haben, der es hervorgerufen hat; aber es wird viel kleiner, schwächer
und weicher sein, wodurch es dann auch dem Bedürfnis des Magens dessen, der es
hervorgerufen hat, ebensowenig mehr entspricht, als wenn ihr zum Beispiel auf
einer Alpe euren Magen mit dem sparsamen Steinmoos sättigen müßtet, wobei gewiß
niemandem mehr ein Speck wachsen würde. Möchte sich sonach auch ein Mensch von
einer Polargegend der Sonne durch allfällige künstliche Mittel bis zum Äquator
hin versetzen, so müßte er dort ohne Gnade und Pardon verhungern.
[NS.01_009,14]
Ein drittes Hindernis sind die unterschiedlichen, großen Wasserkreise, welche
vom Pol gegen den Äquator hin bei sieben Male das festere Erdreich gewisserart
trennen. Ein solcher Wasserkreis hat allzeit eine Breite von mehreren tausend
Meilen und gegen die Mitte zu nicht selten eine Tiefe von zehn bis zwanzig
Meilen.
[NS.01_009,15]
Das Wasser der Sonne ist viel leichter als das auf den Planeten; daher ist es
auch für keine Schiffahrt tauglich, und so tut es sich auch mit dem Schwimmen
auf demselben schon gar nicht. Das ist demnach ein non plus ultra Hindernis,
welches die Sonnenmenschen nicht besiegen können; daher bleiben sie auch ganz
ruhig auf ihrer Stelle und wissen nicht, ob über einem solchen Wasserkreise
noch irgend ein Land zum Vorschein kommt. Sie sind vielmehr der Meinung, daß
mit dem Anfang eines solchen Wasserkreises ihre Welt ein Ende hat, und sodann
das Wasser in alle Ewigkeiten fortdauert.
[NS.01_009,16]
Ein viertes Hindernis, dessen es kaum mehr nötig ist zu erwähnen, sind die
vielen Vulkane und andern hohen Berge längs eines solchen Wasserkreisufers.
Diese Vulkane toben und wüten zumeist unablässig und zwar hier und da in einer
so großartigen Form, daß ihr euch auf der Erde davon rein keinen Begriff machen
könnt. Denn da sind manche Krater größer als euer ganzes Europa, aus denen zu
allen Zeiten Trillionen der heftigsten Blitze unter dem vehementesten Getöse
und Gekrache entstürzen. Von solchen großartigen Naturschauspielen aber sind
die Sonnenbewohner durchaus keine besonders großen Freunde. Demnach heißt es
auch bei ihnen in der Tat, wie bei euch im Worte: Hübsch weit weg, ist gut vor
dem Schuß zu sein. – Diese Vulkane hindern auch die im Innern des Landes
wohnenden Menschen, allfällige Weltumsegelungs-Versuche zu machen; und so
bleiben sie, wie ihr zu sagen pflegt, beständig hübsch zu Hause.
[NS.01_009,17]
Es gäbe zwar noch einige Hindernisse; allein es genügen diese, damit ihr
einsehet, wie da die verschiedenen Größengattungen der Menschen auf dem
Sonnenplaneten ganz ungeniert auf einem und demselben Weltkörper leben können.
Somit hätten wir zum voraus ganz oberflächlich die Lokalverhältnisse der
Menschen wie auch die Menschen selbst beschaut und können uns demnach wieder zu
unseren schönsten Menschen der Sonne, die dort am Äquator wohnen, begeben und
mit ihnen die gleich anfangs der heutigen Mitteilung besprochene Naturszene der
Sonne beschauen.
10. Kapitel –
Der Mittelgürtel der Sonne. – Landschaft und Bewohner daselbst. – Ausbruch
einer Sonnengeschwulst.
[NS.01_010,01]
Der bewohnbare Streif oder vielmehr Gürtel der Sonne zu beiden Seiten des
Äquators beträgt je im Durchschnitt genommen etwas über 20000 Meilen im
Durchmesser der bewohnbaren Breite. Dieser Gürtel ist zugleich auch der
allerbewohnteste Teil der ganzen Sonne und kann von jedermann überall bewandert
und bereist werden. Das Erdreich dieses Gürtels ist überall gepolstert weich;
daher niemand, wenn er auch auf den Boden fällt, sich auch nur den
allerleisesten Schaden zufügen kann.
[NS.01_010,02]
Südlich und nördlich an diesem Gürtel aber befinden sich die
außerordentlichsten, ununterbrochenen und zuallermeist unübersteiglich hohen
Gebirge, welche sich hier und da wohl auch über die Breite des Äquators in
sanfteren Erhöhungen ziehen, welche leicht zu besteigen und zu übersteigen
sind. Aber nicht also an der südlichen oder nördlichen Grenze des
Äquatorgürtels, allda die Berge nicht selten ein- bis zweihundert deutsche
Meilen hoch und zumeist so steil und dabei wie poliert glatt sind, daß da wohl
niemand imstande ist, allda wo die Steilen anfangen, auch nur einen Fuß
weiterzusetzen.
[NS.01_010,03]
Wenn aber hier und da die Steilen auch noch eine solche Neigung haben, daß sie
mit großer Mühe und Beschwerde erklommen werden könnten, so haben aber dennoch
die hohen Berge der Sonne die Eigenschaft, daß sie, je höher sie ragen, auch
stets desto unerträglich weißglänzender werden. Die Ursache liegt darin, weil
die Wände solcher Berge durch den Umschwung der Sonne, je höher sie sind, auch
einem desto heftigeren Druck der Sonnenluft ausgesetzt sind, wodurch dann ihre,
das Geistige umfassenden Hülschen (aus denen eigentlich alle ihre Materie
gebildet ist), in eine auch desto heftiger reagierende und sich ausdehnen
wollende Vibration geraten, welches dann, wie ihr schon wißt, auch der Grund
des immer heftiger werdenden eigentümlichen Leuchtens ist.
[NS.01_010,04]
Aus diesem Grunde auch werden dann selbst diese allenfalls ersteigbaren
Himalajas und Chimborassos der Sonne in Frieden gelassen, und die
Sonnenbewohner haben nur dann eine Lust an diesen Bergen, wenn sie dieselben in
Entfernungen von hundert bis tausend Meilen nach eurer Rechnung in weiten
Reihen überschauen können. Dessenungeachtet aber sind sie doch überaus große
Freunde von den mäßigen Erhöhungen und niederen Bergen und wohnen zumeist auf
solchen; denn die großen und weitgedehnten Ebenen sind nie sicher vor einem
Durchbruche, den wir bei dieser Gelegenheit, wie schon gesagt, mit den
Bewohnern der Sonne anschauen wollen.
[NS.01_010,05]
Auch sind hier und da auf den weiten Ebenen große Seen ausgebreitet, welche die
Sonnenbewohner zwar recht gerne anschauen, aber in eine zu große Nähe wollen
sie denselben gerade auch nicht kommen, weil diese Seen oft unversehens
austreten, und dann könnten die Bewohner nicht schnell genug den ihnen
nachstürzenden Fluten entfliehen; denn ein solcher See faßt manchmal mehr
Wasser in sich als alle eure Meere der Erde.
[NS.01_010,06]
Allein darum haben die vielen tausend Millionen Menschen, welche nur diesen
Gürtel bewohnen, dennoch den überaus hinreichendsten Platz, denn ein einziger
solcher Hügelrücken der Sonne hat mit seinen Verzweigungen nicht selten einen
bei weitem größeren Flächenraum als bei euch Asien, Afrika und Europa
zusammengenommen. Daher ist auch durchaus nicht zu sorgen für den Platz der
Sonnenbewohner. Zudem sind auch diese Sonnenhügel durchaus nicht mit euren
Erdhügeln zu vergleichen; denn sie sind dessenungeachtet am Ende über die Ebene
hinaus doch noch fünf bis zehn Meilen hoch, welches die zehnfache Höhe eures
allerhöchsten Berges der Erde beträgt. Darum denn auch die Aussicht von einem
solchen Hügel für eure Begriffe eine wahrhaft unbeschreiblich herrliche ist;
denn die überaus mannigfaltigen Gruppierungen der Grenzgebirge, die großartigen
Wohngebäude der Menschen, die da die Hügel bewohnen, und die große abwechselnde
Mannigfaltigkeit in der Vegetation, die weithin glänzenden Seespiegel, die
zahllos verschiedenen Farben der Dinge, und besonders die überaus majestätisch
und großartig angelegten Lehrtempel machen die Aussicht von einem solchen Hügel
so überaus herrlich, daß sie wirklich über alle eure Begriffsformen ins für
euch Unbegreifliche erhaben ist.
[NS.01_010,07]
Wir brauchen dazu kaum noch zu erwähnen der vielen sanften und schönen Land-
und Lufttiere, welche allda in besonderer, mannigfaltiger Schönheit vorhanden
sind, um euch dadurch auch das Belebte dieser Sonnengegend ein wenig mehr vor
die Augen zu rücken.
[NS.01_010,08]
Kurz und gut, wir haben jetzt genug, um uns behaglich auf einem dieser Hügel zu
lagern, und von ihm aus mit den Sonnenbewohnern einer für euch sicher überaus
großartigen Naturerscheinung der Sonne beizuwohnen. Damit ihr aber diese
merkwürdige Szene desto lebhafter beobachten möget, so wollen wir bei dieser
Gelegenheit uns offenen Ohres unter die Sonnenbewohner mengen und zuhören, was
sie bei solcher Gelegenheit für eine Stimme führen.
[NS.01_010,09]
Sehet, dort nicht ferne von einem großen Tempel, dessen spitzig-erhabene
Dachung auf tausend großen weißglänzenden Säulen ruht, steht eben eine Gruppe
von etwa hundert Menschen beiderlei Geschlechts. Sehet, wie sie zur andern
Seite über den Hügel hinabstarren und mit den Fingern zeigen. – Was mögen sie
wohl haben? – Nun, das wird sich bald finden.
[NS.01_010,10]
Sehet, wir sind schon unter ihnen.
[NS.01_010,11]
Dort, in weiter Entfernung, in der Mitte eines großen Sees, fängt ein
kegelförmiger Hügel sich zu erheben an. Sehet, wie er zusehends wächst! – Doch
jetzt wollen wir nicht mehr weitersprechen, sondern bloß hören, was die
Sonnenbewohner sprechen, und schauen, was sie selbst, wenn schon mit derlei
Erscheinungen vertraut, mit hoch erstaunten Augen und bebenden Gemütern
anschauen!
[NS.01_010,12]
Sehet, da sind eben mehrere Lehrer, welche die Erscheinung beobachten. Die zwei
Vorsteher besprechen sich miteinander. – Der A spricht: „Bruder, was hältst du
von dieser Erscheinung? Wie hoch, meinst du wohl, wird sich diese Geschwulst
diesmal erheben bis zum Ausbruche? Siehe, sie wächst mit größter Heftigkeit!“
[NS.01_010,13]
Der B spricht: „Bruder, jetzt läßt es sich noch nicht bestimmen; denn wie du
weißt, wenn sie keine Nebengeschwülste bekommt, so wird sie nur einen
gewöhnlichen, bald erfolgenden Ausbruch darbieten. Aber sieh, ich bemerke
soeben neuerdings eine Menge Tuberkeln sich über die Oberfläche des Wassers
erheben! Und da sieh einmal hin, hinter dem erst beobachteten Kegel sehe ich
soeben einen noch bei weitem umfangreicheren sich mit großer Hast über den
erstbeobachteten erheben. – Höre Bruder, diesmal werden wir uns wohl müssen
mehr auf die Höhe ziehen; denn wenn das so fortgeht, so wird die Geschwulst,
bevor sie zum Ausbruche kommt, uns das Wasser hierher heben.“
[NS.01_010,14]
Der A spricht: „Ja, lieber Bruder, du möchtest diesmal wohl recht haben; denn
die Geschwulst wächst heftig, und noch immer erheben sich mehrere aus dem
Wasser, und noch immer bemerke ich keine rotglühenden Gipfel. Daher höret alle,
ihr lieben Brüder und Schwestern, ziehen wir uns nur eiligst auf den hinter uns
liegenden Hügel, auf dem ein Hauptlehrtempel errichtet ist.“
[NS.01_010,15]
Nun sehet, eiligst verläßt alles diesen Platz und eilt wie vom Winde getragen
rückwärts auf den bedeutend höheren Hügel.
[NS.01_010,16]
Nun haben sie den vorbenannten Tempel schon erreicht, und wir mit ihnen. – Nun
lasset sie uns auch weiter hören!
[NS.01_010,17]
Der A spricht: „Bruder, was meinst du, wird es geheuer sein, den Durchbruch
abzuwarten? Wird er bloß in die Höhe ausbrechen, oder bemerkst du nicht, daß
der erstbemerkte Kegel eine Neigung gegen unseren Standpunkt nimmt?“
[NS.01_010,18]
Der B spricht: „Bruder, du hast recht! Der große Gott möge uns jetzt die rechte
Flucht anzeigen, sonst sind wir verloren mit allem, was da diese Stätte ziert.“
[NS.01_010,19]
Sehet, alles fällt auf diese Bemerkung bebend auf den Boden nieder und bittet
den großen Gott um Erbarmen und um die Erleuchtung ihrer Lehrer und Führer,
damit diese sie auf eine Stelle zu bringen vermöchten, allda es geheuer wäre,
solche Kalamität abzuwarten.
[NS.01_010,20]
Sehet, der A erhebt sich wieder, und der B mit ihm. Und der A spricht: „Bruder!
Dank, ewiger Dank dem großen Gott! Denn da sieh hinauf – rückwärts auf den
dritten Hügel! Bei dem kleinen Tempel, der da nur aus 77 Säulen besteht, steht
schon ein schützender Engelsgeist aus lichter Sphäre. Daher laß uns schnell
dorthin eilen; denn wir werden ihn kaum erreichen, so wird die sämtliche große
Geschwulst dem Ausbruch auch schon völlig nahe sein. Denn siehe, wie heftig
sich alle die Kegel emporziehen, und wie sich ihr Umfang stets mehr und mehr
erweitert! Das sind schon nahe Vorzeichen des furchtbarsten Ausbruches!“
[NS.01_010,21]
Sehet, sie erheben sich alle und eilen dahin, wo der Schutzgeist ihnen eine
sichere Stelle andeutet. Sehet, wie sie sich an den Händen halten, und eins das
andere zieht, damit ja niemand zurückbleibe oder ermatte! – Nun sehet, sie sind
nahe dem Ziel, und wir mit ihnen; noch eine kurze Frist, und die Stelle ist
erreicht.
[NS.01_010,22]
„Wir sind hier“, spricht der A, „ewiges Lob, ewiger Preis und Dank dem großen
allmächtigen Beschützer, der uns diesmal errettet hat! Und du, unser biederer
Schutzgeist, wenn es der Wille des großen Gottes ist, bleibe die Zeit des
Schreckens bei uns und helfe uns trösten die Schwachen.“
[NS.01_010,23]
Der B spricht: „Ja, jetzt und allezeit geschehe der allein allmächtige Wille
des großen Gottes!“
[NS.01_010,24]
Ein Dritter kommt hinzu und spricht: „Brüder, sehet hinab auf unseren ersten
Standpunkt, wie er schon von den gewaltigsten Wasserwogen bespült wird, und
kaum mehr ist das Dach des Tempels noch zu sehen!“
[NS.01_010,25] Ein
Vierter kommt hinzu und zeigt mit aufgehobener Hand aufwärts und spricht:
„Sehet, Brüder, um des allmächtigen Gottes willen: die schon jetzt die höchsten
Berge überragende Geschwulst bekommt schon glühende Äste, und tausende schießen
ihnen noch nach!“
[NS.01_010,26]
Und der A spricht: „Seid ruhig, Brüder! Denn wir sind geborgen. Die Geschwulst
nimmt eine andere Wendung; sie neigt sich uns gegenüber. Und nichts
Verheerendes wird uns erreichen, wenn sie zerrissen wird.“
[NS.01_010,27]
Der B spricht: „Nun macht euch gefaßt! Schon wird der ganze Kegel rotglühend,
und den Feuerzweigen entstürzen schon Millionen und Millionen Blitze. – Wie
hoch möchte wohl die Geschwulst jetzt schon sein? Hat sie schon die
Glühoberfläche der lichten Luft erreicht?“
[NS.01_010,28]
Hier tritt der Schutzgeist zu ihnen und heißt sie sich niederlegen auf den
Boden und die Finger in die Ohren halten. Denn die Geschwulst erhebt sich schon
über die Oberfläche der Glühluft, und alsogleich wird der Durchbruch erfolgen.
[NS.01_010,29]
Nun sehet, es wird alles stumm und liegt mit zugehaltenen Ohren bebend am
Boden. Jetzt horchet aber auch ihr und sehet hin auf den mehrere tausend Meilen
im Durchmesser habenden, rotglühend aufgeschwollenen Kegel. Sehet, jetzt
zerreißt er! Ein erdenzerschmetternder Knall erfolgt. Die Berge erbeben
gewaltigst. Und jeder Höhe entfahren bei dieser Erschütterung Millionen der
gewaltigsten Blitze, jeder begleitet von dem unerhörtesten Donner.
[NS.01_010,30]
Sehet hin, wie nun die Wände nach und nach dunkler werden und gewaltig
krampfhaft zucken! Aber sehet da hinab, noch sind einige Nebenkegel nicht
zersprungen. Dahin sehet – mehr zur rechten Seite gegen Süden hin; da ist noch
ein Kegel, dieser wird in der Niederung zerplatzen. Gebt nur acht, wenn seine
Kuppe ästig wird, weißglühend und ganz lebendig von zuckenden Blitzen, so wird
er zerreißen. Nur noch eine kleine Geduld, und ihr werdet alsogleich das
großartige Schauspiel sehen! – Jetzt sehet hin, – jetzt zerreißt er!
[NS.01_010,31]
Sehet, welche Massen mit mehr als Blitzesschnelle der weit gähnenden Kluft
entstürzen! Was sind denn diese Massen? – Ihr kennt sie schon; es sind neue
Ausgeburten für neue Weltkörper, bestehend aus zurückgegangenen, ihre
Freiheitsprobe nicht bestanden habenden Geistern!
[NS.01_010,32]
Sehet dorthin in weite Fernen, wie da wieder eine Menge von Leuchtkugeln
größerer und kleinerer Art in die weit gedehnten Wasserflächen zurückfallen.
Erhebet aber auch eure Augen von der Sonne aufwärts in den unendlichen Raum
hinein und sehet, wie auch das sichtbare Firmament von zahllosen, von euch so
benannten Sternschnuppen nach allen Richtungen durchkreuzt wird. Und seht noch
ferner, wie sich von dem viele Planeten fassend weiten Krater ungeheuere Rauch-
und Wolkensäulen erheben und mit der größten Schnelligkeit hintanwogen – in die
fernen Planetengebiete!
[NS.01_010,33]
Und sehet, wie sich der große Krater immer mehr und mehr verengt – und wieder
zusammensinkt hinab in die Tiefe. –
[NS.01_010,34]
Seht auch hin, wie sich unsere Gesellschaft wieder vom Boden zu erheben anfängt
und Mir ein lautes Lob darbringt für ihre Erhaltung und für den so glücklichen
Ausbruch dieser selten großen Geschwulst.
[NS.01_010,35]
Nun sehet, also sieht ein solcher Ausbruch aus. Nur dauert dessen Wachsen und
Verschwinden natürlicherweise viel länger, wie auch alle die hier angeführten
Erscheinungen. – Da wir sonach dieses gesehen haben, so wollen wir uns darüber
nächstens mit den Bewohnern der Sonne noch etwas näher besprechen und überhaupt
mit den Menschen dieses Gürtels eine nähere Bekanntschaft machen. Und so lassen
wir die Sache heute wieder gut sein!
11. Kapitel –
Pendel-Zeitmesser der Bewohner des Mittelgürtels. – Das Zeitwächteramt und
sonstige Ämter.
[NS.01_011,01]
Da wir uns noch bei unserer Gesellschaft befinden, so wollen wir uns auch noch
eine Zeitlang bei ihr aufhalten und dabei so manches behorchen und beschauen,
was sie alles noch tun und reden werden.
[NS.01_011,02]
Noch befinden sie sich auf der dritten Höhe nahe dem kleinen Tempel, der da
nicht mehr als 77 Säulen hat. Und sehet, soeben tritt wieder der B zum A hin
und fragt ihn, wie da folgt: „Bruder, was meinst du nach deiner Weisheit, wie
lange wird es dem großen Gott gefallen, die ihrer Not entleerte Geschwulst also
offenstehend zu belassen?“ – Es spricht der A: „Bruder, du weißt ja, daß wir
nichts schwerer bestimmen als das Zeitmaß. Wie magst du mich um solches fragen?
Gib mir aber einen Zeitmesser, so will ich es dir ja sagen.“ – Es spricht der B
weiter: „Lieber Bruder, siehe, da wo wir unsern Zeitmesser aufgestellt hatten,
steht jetzt das Wasser, daher kann ich dir nun keinen Zeitmesser verschaffen.
Aber so viel kannst du mir ja doch sagen: Wie weit könnte ich wohl kommen mit
einer mittleren Bewegung, bis der gewaltige Austrieb wieder zurücksinken wird
in seine vorige Lage?“ – Und es spricht der A weiter: „Du möchtest in der Zeit
wohl siebenundfünfzig Millionen Schritte tun, bis der Austrieb sich wieder
völlig in die Tiefe zusammensenken und vernarben wird, und bis endlich selbst
die Narbe verheilen wird zu einem glatten Grunde des großen Sees.“
[NS.01_011,03]
Ihr werdet hier vielleicht fragen: Warum bestimmen denn die Sonnenbewohner die
Zeit nicht nach Jahren, Tagen und Stunden? – Die Antwort auf diese Frage liegt
klar vor euch; denn in der Sonne ist ja nie Nacht, sondern ein ununterbrochener
Tag. So gibt es auch keinen Mond, nach dessen Umlauf die Sonnenbewohner die
Zeit bestimmen könnten.
[NS.01_011,04]
Zudem sind die Gestirne des Himmels von diesem Gürtel aus auch am schlechtesten
zu sehen, da in dieser Gegend der Sonne ihre Luft am unruhigsten ist, weil sie
eben durch den mächtigen Umschwung der Sonne am meisten umhergetrieben wird.
Durch diesen Umstand entzündet sie sich hier auch am meisten und wird besonders
in den höheren Regionen überaus stark leuchtend, durch welches nahezu
beständige Leuchten es dann vom eigentlichen Sonnenkörper aus nicht so gut in
die freien Schöpfungsräume hinauszuschauen ist, wie von jenen Punkten der
Sonne, allda ihre Luft nur bei weitem geringer getrieben und genötigt wird (was
besonders in den Polargegenden der Fall ist).
[NS.01_011,05]
Sehet, aus diesem Grunde geht es den Sonnenbewohnern dieses Gürtels mit der
Zeitbestimmung auch etwas schwer, da sie keinen Morgen, keinen Mittag, keinen
Abend und somit auch keine Nacht haben. – Was tun sie aber dann, um dennoch
eine Zeitrechnung zu haben?
[NS.01_011,06]
Sie lassen Bäume von bedeutender Höhe aus dem Boden wachsen, wozu sie eben
nicht viel Zeit, Mühe und Arbeit brauchen; sondern ein oder der andere Lehrer
zeichnet sich in seiner Idee einen solchen zu errichtenden Baum vor; hat er ihn
einmal völlig entworfen, so beugt er sich zur Sonnenerde, ritzt mit einem
spitzigen Werkzeuge den Erdboden, steckt dann das spitzige Werkzeug so tief als
möglich ins Erdreich, zieht es dann wieder heraus und überstreicht mit seinen
Fingern die Ritze und in der Mitte derselben das gemachte Loch und spricht dann
nach dieser Arbeit: „Des großen Gottes Wille geschehe!“ – Und alsbald fängt der
bezeichnete Baum dem Sonnenerdboden zu entsprießen an. Ist der Baum in kurzer
Zeit nach dem Willen dessen, der ihn bezeichnet hat, vollkommen da, so wird er
dann zu dem Zweck benutzt, für welchen er aus dem Boden der Sonne gerufen
wurde.
[NS.01_011,07]
Da wir soeben von einem Baum gesprochen haben, der die Zeit anzeigen oder
vielmehr der Zeitmessung dienen soll, so wollen wir denn auch bei dieser
Gelegenheit sehen, wie da ein solcher Baum für den besprochenen Zweck gestaltet
und verwendet wird.
[NS.01_011,08]
Ihr habt sicher schon bei euch auf der Erde ein Gartenspiel gesehen, welches
den Namen „Das Taubenschießen“ hat. Sehet, also sieht auch ein solcher Baum
aus; nur ist er nicht behauen und hat keine eingebohrten Sprisseln, sondern ist
ein runder, bei fünf Klafter im Durchmesser und bei dreihundert Klafter in der
Höhe habender Baum, von dem zu beiden Seiten, gleich riesenhaft großen
Ochsenhörnern, die Sprisseln statt anderer Zweige hinausgewachsen sind.
Zuoberst krümmt sich der Baum ungefähr fünf Klafter über seinen Grund hinaus
und ist allda mit einer beliebigen Krone zur Zierde versehen. Auf diesem
Vorbuge wird eine lange Schnur angebunden, und zuunterst, nicht ferne vom
Boden, wird an diese Schnur ein Pendel von kugelrunder Form und verhältnismäßiger
Schwere angehängt. Alsdann nimmt ein Mensch die Kugel und schwingt sie so weit
es nur seine Kraft mit einem Wurf vermag. Sodann schwingt sich dieser Pendel
eine geraume Zeit hindurch. Und nach den Schwingungen dieses langen Pendels
wird dort zuallermeist die Zeit bestimmt.
[NS.01_011,09]
Ungefähr in einer halben Minute macht ein solcher Pendel eine Schwingung. – Und
eine gewisse Summe solcher Schwingungen gibt dann einen Zeitraum, den sie
ungefähr also, wie ihr eine Stunde, annehmen. – Die ganze Schwungzeit vom Wurfe
angefangen bis zum völligen Stillstand nennen die Sonnenbewohner ungefähr das,
was ihr einen Tag nennt.
[NS.01_011,10]
Was geschieht aber hernach, wenn ein solcher Zeitmesser seine Schwingungen
eingestellt hat? Dann ist der Zeitwärter schon wieder bei der Hand und schwingt
seinen Pendel von neuem. Solche Verrichtung ist bei den Sonnenbewohnern ein
überaus ansehnliches Amt. Denn diese Sonnenmenschen haben von ihm eine ganz
überaus hohe Meinung und halten ihn für die allerwichtigste Person in einer
Gesellschaft. Denn sie sagen: „Wenn dieser nicht beständig Wache halten möchte
über das Pendel, so wüßte ja niemand, wann er geboren wurde und wie alt er
schon ist.“
[NS.01_011,11]
Daher gibt es auch hie und da Bestechungen an diese Zeitwärter; denn den
Sonnenbewohnern dieses Gürtels ist nichts lästiger als das Alter. Allein es ist
dort eine leichte Kunst, wieder jung zu werden; man darf nur mit einem solchen
Zeitwärter übereinkommen, daß er auf eine Zeitlang das Pendel ruhen läßt. Ein
solches Ruhen wirft sogleich alle früheren Zeitrechnungen über den Haufen und
macht sie zugleich auch völlig ungültig, und sie fangen dann wieder von neuem
an zu zählen.
[NS.01_011,12]
Ihr werdet hier wohl sagen: Ja, was ist hernach mit dem vorigen
Schwingungszeitraume, der vor dem Stillstande verflossen ist? – Dieser wird
darum aus der Rechnung getilgt, weil man die Länge des Stillstandes nicht
bestimmen kann. Daher werden wieder bei einem neubegonnenen, durch die
Schwingungen gemessenen Zeitraum alle Menschen wieder gleich alt. Denn das kann
dort auch sehr leicht der Fall sein, da dort das Altern durchaus nicht in der
Natur begründet ist; sondern ein nach eurer Zeitrechnung mehrere hundert Jahre
alter Mensch sieht noch ebenso frisch und heiter aus, als er allenfalls in
seinem zwanzigsten Jahre nach eurer Zeitrechnung ausgesehen hatte. Daher tut es
sich denn auch mit dem Sich-jünger-Machen, was da die Zeitdauer des Lebens
betrifft. Und so unterscheidet sich auch alt und jung allein in der Weisheit.
[NS.01_011,13]
Aus diesem Grunde ist dann auch die Vorliebe zum beständigen Jungsein nur mehr
bei dem weiblichen Geschlecht, und bei dem männlichen Geschlecht nur dann, wenn
sie sich mit einem Weibe ehelich verbinden wollen. Wenn es sich aber darum
handelt, irgend ein wichtiges Amt zu überkommen, da werden sogar die
Pendelstillstände gezählt, so daß bei solchen Gelegenheiten mancher dann ein so
hohes Alter herausbringt, daß er auch von den wahrhaft weisen Lehrern und
Amtsverleihern weidlichst ausgelacht wird. – Das Alter wird aber bei solchen
Gelegenheiten dann auch nicht nach den vorgewiesenen Pendelschwingungen
beurteilt, sondern dem Amtsbewerber werden in einem dazu eigenen Tempel von den
Lehrern sehr schwierige Fragen zur Beantwortung gegeben; beantwortet er diese
zur vollkommenen Zufriedenheit der Lehrer, so wird er von denselben alsbald als
amtsbefähigt anerkannt und ihm wird eine Zahl gegeben, welche da besagt sein
Alter. Ist ein solcher Amtskandidat natürlicherweise auch nicht mehr als
dreißig Jahre alt, so wird er aber dennoch vermöge seiner Weisheit für sechzig
erklärt.
[NS.01_011,14]
Ihr werdet hier fragen: Was gibt es denn da für verschiedene Ämter? – Ich sage
euch, es gibt auf gar keinem Planeten so viele und verschiedene wie hier.
Obschon es hier zwar keine Kreisämter und dergleichen andere Ämter gibt, wie
sie auf der Erde bei euch vorhanden sind, so gibt es aber dennoch eine ganze
Legion anderer, von denen ihr bis jetzt freilich wohl keinen Begriff haben
könnt. Darum auch wollen wir alsogleich mehrere der wichtigeren durchgehen.
[NS.01_011,15]
Die ersten und vorzüglichsten Ämter sind die Lehrämter, dazu es auch, besonders
in diesem Gürtel, eine nahe zahllose Menge von den herrlichsten Lehrtempeln auf
den Höhen gibt, in welchen die Sonnenmenschen über alles mögliche allzeit
belehrt werden.
[NS.01_011,16]
Ein zweites Hauptamt ist das Priesteramt; dieses besteht darin, daß diese
Priester sich alleremsigst mit dem göttlichen Wesen und Seiner Ordnung
bekanntmachen müssen. Dessenungeachtet aber sind dennoch die Lehrer der ersten
Art erhabener; denn sie sind die eigentlichen Oberpriester und dadurch auch
Regenten des ganzen Volkes.
[NS.01_011,17]
Ein anderes Amt besteht darin, daß durch dasselbe der Wille der Menschen
geleitet, geordnet und ausgebildet wird nach dem Willen Gottes; und zwar wird
ihnen, wie ihr zu sagen pflegt, theoretisch und praktisch gezeigt, daß der
Mensch mit seinem Willen nur dann vollkräftig wirken kann, wenn dieser im
vollkommenen Einklange steht mit dem Willen des großen Gottes. – Daher ist es
auch jedes Menschen erste Pflicht, diesen allermächtigsten und allerheiligsten
Willen vor allem zu erforschen und zu erkennen; denn ohne den vermag niemand
eine Pflanze aus dem Boden zu locken.
[NS.01_011,18]
Solches wird ihnen auch praktisch gezeigt, indem ein Lehrer einen oder den
andern Schüler nimmt und heißt ihn, nach seinem eigenen Willen den Boden zu
ritzen und ihn dann mit seinen Fingern zu bestreichen und sodann seine Idee aus
demselben herauszuziehen; aber es erfolgt in diesem Fall keine Frucht und keine
Pflanze. – Wogegen dann ein solcher Lehrer den Schülern wieder den Willen des
großen Gottes zeigt, läßt denselben von ihnen in sich aufnehmen, sodann das
Erdreich ritzen und mit den Fingern bestreichen und dann mit dem anerkannten
Willen des großen Gottes die Idee aus dem Boden ziehen. Und alsobald erblicken
die Schüler die Macht des Willens, – wenn er im Einklange steht mit dem Willen
des Allerhöchsten!
[NS.01_011,19]
Sie zeigen ihnen auch, daß der Mensch wohl alles dem Erdboden entlocken kann,
was er will; aber nur muß er solches nicht wie aus eigener Macht tun wollen,
sondern durch das Gebet und die Macht des Willens des großen Gottes. Und dieses
wird den Schülern ebenfalls wieder praktisch gezeigt.
[NS.01_011,20]
Sehet, das ist ein recht wichtiges Amt; denn in diesem Amt wird im
eigentlichsten Sinne die Sonnenlandwirtschaft gelehrt.
[NS.01_011,21]
Ein anderes Amt besteht darin, daß den Menschen die Ordnung gezeigt wird, in
welcher sie ein oder das andere Geschäft vornehmen sollen. Und dieses Amt ist
ebenfalls wieder von großer Wichtigkeit; denn hier lernen die Sonnenmenschen
keine andere als Meine Ordnung kennen. Auch hier wird ihnen wieder durch
Belehrung und Übung gezeigt, wie da eine dieser Ordnung entgegengesetzte
Unordnung auf alles das, was die göttliche Ordnung hervorgebracht hat,
zerstörend einwirkt; und wird ihnen gezeigt, wie solche Unordnung allem, was da
lebt und webt auf dem überweiten Boden, das Leben gefährdet.
[NS.01_011,22]
Ein noch anderes Amt hat die Austeilung des Sonnenerdbodens über sich. Denn
obschon es in der Sonne kein eigentliches Eigentumsrecht gibt, so geschieht
aber doch eine solche Austeilung der Ordnung wegen. Und es wird den Menschen
angezeigt, wo sie dies und jenes dem Boden entlocken dürfen und in welcher
Ordnung solches zu geschehen hat, damit nicht Bäume, Gras und Pflanzen
durcheinanderwachsen, sondern in allem eine gute und bestimmte Ordnung sei.
Sehet, auch das ist ein recht gutes Amt, demzufolge dieser ganze, überaus große
Sonnengürtel nicht anders erscheint, als ein überaus großer, ununterbrochener
Garten, geschmückt mit den herrlichsten, zahllosartigen Baumgruppen,
Gesträuchen, Pflanzen und Gräsern, welche, wie schon gesagt wurde, bei jedem
einzelnen Sonnenbewohner, besonders dieses Gürtels, gänzlich verschiedenartig
sind, – was eben den Reiz und die Schönheit dieser großen Länder ums
Unbeschreibliche erhöht.
[NS.01_011,23]
Ein anderes Amt, welches schon vielfältiger ist, unterrichtet die Menschen, wie
sie die hervorgebrachten Bodenerzeugnisse gebrauchen sollen, und lehret sie
zugleich die gerechte Mäßigung in allen Dingen.
[NS.01_011,24]
Ein anderes Amt hat das Tierreich über sich und teilt dieses in Klassen, lehrt
ihre nützliche Anwendung und lehrt auch die Menschen erkennen, warum sie nicht
auch die Tiere mit ihrem Willen hervorzubringen imstande sind. – Ein anderes
Amt lehrt, wie man sich bei den verschiedenen Luftzügen und Flammenzügen von
den Gebirgen zu verhalten hat. – Wieder ein anderes Amt lehrt die Menschen
durch eine Art Schriftzeichen, welche ungefähr euren Zahlzeichen ähnlich sind,
die verschiedenen Verhältnisse der Dinge anzumerken und danach zu erkennen und
sie auch den andern mitzuteilen. – Wieder ein anderes Amt hat das Baufach über
sich und lehrt, wie da die Wohnhäuser, die verschiedenen Amtshäuser, die Lehrtempel
und endlich die Gotteshäuser gebaut sein müssen, und bildet dadurch auch eine
eigene Klasse von Menschen aus, die sich dann mit nichts anderem beschäftigen
als lediglich nur mit dem, was das Baufach betrifft. – Und so gibt es noch, wie
schon gesagt, eine Menge Ämter, von denen wir noch bei günstigen Gelegenheiten
werden mehrere kennenlernen.
[NS.01_011,25]
Für jetzt aber wenden wir noch einen Blick auf unsere frühere Gesellschaft
zurück und sehen, wie diese schon anfängt, sich von dem dritten Hügel herabzubegeben
auf den zweiten, allda sich ein großer Tempel befindet. Denn die Geschwulst ist
schon so weit wieder zurückgewichen, daß das Wasser den ersten Hügel, auf dem
sich eben ein solcher Zeitmesser befindet, wieder geräumt hat. Und so eilt auch
einer aus der Gesellschaft hin, um das Pendel wieder in den Schwung zu bringen,
damit sie darnach genauer noch den Verlauf der ganzen Geschwulst bestimmen
können.
[NS.01_011,26]
Jedoch für heute wollen wir unsere stark glänzende Gesellschaft nicht länger
mehr beobachten; dafür aber werden wir den Verlauf der Dinge schon bei der
nächsten Mitteilung einholen. Und so lassen wir's für heute gut sein!
12. Kapitel –
Das Zusammensinken und Verschwinden der Sonnengeschwulst.
[NS.01_012,01]
Sehet, soeben bewegt sich der B wieder zum A hin und fragt ihn: „Siehe, Bruder,
dahin! Das Pendel schwingt sich schon in wohlgemessenen Zwischenräumen. Ich
meine, wir dürfen in zehntausend Schwingungen schon den Rand aus den Höhen
herabsinkend bemerken; denn der Fuß hat schon allenthalben bedeutende Einbüge
und Falten erhalten. Wenn aber solches der Fall ist, da wissen wir ja alle, daß
sich der Rand der Geschwulst bald zeigt.“
[NS.01_012,02]
Nun spricht der A: „Du hast recht; der Fuß der Geschwulst bekommt zwar schon
eine Menge Falten und Einbiegungen von oben nach unten; aber nur entdecke ich
noch keine Breitfalten, die bei solchen Gelegenheiten die Längenfurchen zu
durchschneiden anfangen, wenn die Geschwulst so ganz eigentlich von der Höhe in
die Tiefe herabzusinken anfängt. Daher meine ich, daß wir noch nicht sobald den
lichten Rand erblicken werden.“
[NS.01_012,03]
Spricht wieder weiter der B: „Bruder, ich meine, da nach deiner Behauptung der
Rand noch nicht sobald sichtbar wird, wir sollen uns unterdessen in den Tempel
begeben und da nachsehen, ob die Fluten, welche nahe an sein Dach schlugen,
kein Unheil in demselben angerichtet haben. Und wenn solches der Fall wäre, so
müßten wir doch sogleich Anstalt treffen, eine oder die andere Beschädigung
wiedergutzumachen.“
[NS.01_012,04]
Sehet, der Vorschlag wird angenommen; und es wird der große Tempel, der nach
eurem Maße sicher eine Meile in der Länge und eine Viertelmeile in der Breite
hat, in all seinen Säulengängen wie in all seinen andern Einrichtungen
untersucht, ob da nichts Schadhaftes sich vorfinden möchte. Seht aber nur die
zufriedenen Gesichter an, und sie werden es euch sagen, daß die Fluten dem
ganzen Tempel außer einigen Durchnässungen keinen Schaden zugefügt haben.
[NS.01_012,05]
Wie lange dauert denn diese Untersuchung? – Nach eurer Zeitrechnung dürften es
wohl drei Tage sein; allein in der Sonne geht eine solche Verrichtung mit viel
schnellerem Zeitgefühl vor sich, da es, wie ihr schon wißt, nie eine Nacht,
sondern nur einen beständigen Tag gibt.
[NS.01_012,06]
Sehet, die Gesellschaft geht schon wieder aus dem Tempel. Und einer wird zum
Pendelwächter abgesandt, um zu erfahren, wieviel neue Schwingungen seit der
ersten schon begonnen worden sind. Seht, unser Bote ist soeben an Ort und
Stelle und bekommt die Antwort auf seine Frage, und sie lautet: „Zehn!“ Jede
Schwingung zu zwanzigtausend Pendelbewegungen. – Also kommt der Bote auch mit
der Antwort zurück.
[NS.01_012,07]
Jetzt aber bemerkt auch der B eine Breitfurche an der weitgedehnten Geschwulst
und zeigt solches dem A an. Auch die ganze Gesellschaft macht freudigen Gemüts
diese Bemerkung, und die Weiber schreien: „Sehet, sehet, eine Breitfurche ist
zu sehen!“
[NS.01_012,08]
Die Geschwulst hat zu sinken angefangen. Und der A bemerkt nun der ganzen
Gesellschaft: „Ja, sie ist da, die erste, segnende Furche! Daher fallet nieder
und preiset aus allen Kräften den großen Gott dafür! – Auf dieser Stelle wird
sobald keine Geschwulst wieder stattfinden; denn die erste Breitfurche zieht
die Geschwulst mächtig zusammen und gürtet sie fest.“ – Sehet, nun fallen alle
nieder und tun im Ernste aus allen Kräften, wie es ihnen der erste Lehrer
anbefohlen hatte.
[NS.01_012,09]
Nur der A und der B bleiben aufrecht stehen und beobachten die Geschwulst und
zugleich die Pendelschwingungen des nicht ferne vom Tempel abstehenden
Zeitmessers. Der B entdeckt eben voll Freude oberhalb der ersten Furche eine
zweite und zeigt solches dem A an, sagend: „Bruder, was deucht dir, ist das
nicht eine zweite Furche?“ – Und der A spricht: „Ja, Bruder, du hast ganz gut
beobachtet; es ist eine bedeutende Furche. Aber da siehe hin, unter der ersten
bildet sich ebenfalls wieder eine; und siehe, da noch weiter oberhalb deiner
zweitentdeckten wieder eine! Dem allmächtigen, großen Gott alles Lob und allen
Preis! Die große Geschwulst sinkt rasch zusammen. Zwar sehe ich noch immer
keinen Rand; aber ich meine, er wird bald sichtbar werden.“
[NS.01_012,10]
Und der B spricht: „Bruder, sieh einmal in die Höhe, wenn mich meine Augen
nicht trügen, so sehe ich schon das gewaltige Zucken der Blitze, welche, wie du
weißt, die gewöhnlichen Vorboten des Randes sind!“ – Und der A spricht: „Ja,
wahrhaftig wahr, du hast recht! Ich sehe nicht nur allein das, was du siehst,
sondern vernehme auch schon ein fernes, dumpfes, ununterbrochenes Rollen der
Randdonner.“ – Hier heißt er die Gesellschaft wieder aufstehen und
hinaufschauen in die Höhen, wie sich die Erlösung schon gar gewaltig zu nahen
anfängt.
[NS.01_012,11]
Unter großem Jubel erhebt sich die Gesellschaft und blickt mit gefalteten
Händen empor. Und näher und näher zucken die Blitze herab, und heftiger und
heftiger werden die Donner. Stumm beobachtet jetzt eine Zeitlang die ganze
Gesellschaft die Trillionen Blitze, welche unaufhörlich von der noch immer
mehrere tausend Meilen weit gedehnten Geschwulst nach allen Richtungen zucken.
[NS.01_012,12]
Der Zeitwächter hat soeben einen neuen Schwung getan. Noch immer kein Rand!
Aber jetzt schreit der B und mehrere mit ihm aus der Gesellschaft: „Rand, Rand!
– Sehet, er ist sichtbar geworden! Wir alle sind vollends gerettet! Denn nur
wenige Schwingungen noch, und wir werden über ihn hinwegschauen, über den
herrlichen, lichten Rand!“ – Und der A spricht zu allen: „Ja, dieser Schwung
wird mit seinen Bewegungen nicht fertig sein, und wir werden über die
Oberfläche des Randes hinwegschauen und ihn gar wohl sehen; denn er senkt sich
auf unserer Seite nahezu senkrecht nieder.“
[NS.01_012,13]
Und der B spricht: „Für wie weit hältst du ihn von hier entfernt, wenn er mit
uns in gleicher Höhe stehen wird?“ – Spricht der A weiter: „Ich denke dreißig
Women!“ Das ist nach der Sprache der Sonnenmenschen eine Entfernung von
dreitausend Meilen; welche Entfernung wohl für die Erde sehr beachtenswert ist,
aber für die Sonne ist eine Wome in keinem größeren Betracht, als auf der Erde
ungefähr eine halbe Viertelstunde.
[NS.01_012,14]
Wieder spricht der B: „Wie breit wird diesmal wohl der Rand sein?“ – Und der A
erwidert: „Nach der Größe der Geschwulst zu urteilen möchte er diesmal wohl bei
vierzig Women betragen.“
[NS.01_012,15]
Jetzt aber spricht der A wieder zur Gesellschaft: „Habet acht! Die Breitfurchen
haben zu beben angefangen; der Krater wird nicht ruhig sinken, sondern wird
nach solchen Vorzeichen einen Sturz machen. Daher macht euch gefaßt und
erschrecket euch nicht vor dem plötzlichen Gekrache und setzet euch zur Erde,
damit ihr nicht umfallet, wenn der plötzliche Sturz unseren Boden mehr oder
weniger gewaltig miterschüttern wird! Und bittet den großen Gott, daß Er unsere
Wohnungen und Tempel erhalten möchte!“
[NS.01_012,16]
Und der B nähert sich eilends dem A und macht ihn aufmerksam auf die großen
Schwebungen des schon wohlsichtbaren Randes. Und der A spricht: „Ja, Bruder, du
hast gut beobachtet; denn ich sehe auch Schwebungen in der Größe bis zu hundert
Women längs dem Rande hin, so weit ich ihn nur mit meinen Augen erreichen kann.
Sehet, sehet, die Schwebungen werden immer heftiger! Wie sie flackern gleich
einer großen Fahne auf unseren größten Tempeln von einem heftigen Winde
genötigt! – Darum seid ja aufmerksam und auf eurer Hut; denn in wenig
Pendelbewegungen wird der noch nahezu fünf Women von uns in der Höhe entfernte
Rand unter uns herabstürzen, daß wir dann sogar noch etwas von dem schauerlich
tiefen Krater werden zu sehen bekommen, – vorausgesetzt, daß sich die Randwände
etwa nicht schon vielfach wieder ergriffen haben. – Jetzt gebt acht, es fallen
schon Leuchtkugeln herab! Alsogleich wird der Sturz geschehen!“
[NS.01_012,17]
Höret und sehet, die ganze Gesellschaft springt unter einem lauten Schrei vom
Boden. Tausend und abermal tausend Wasserhosen erheben sich aus den überweit
gedehnten Wasserfluten und beginnen einen wütenden Kampf gegen den stets näher
und näher herabsinkenden Rand. Und große, leuchtende Feuerkugeln in der Größe
des Erdmondes, so groß er ist in der Wirklichkeit, stürzen herab vom glühenden
Rande in die wütend brausenden Fluten, und jede dieser Kugeln ist begleitet von
millionenmal Millionen Blitzen. Sehet, welches Sieden des großen Gewässers,
welches Dampfen und Qualmen, wo eine solche glühende Feuerkugel vom noch hohen
Rande hinabstürzt in die wütende Flut!
[NS.01_012,18]
Jetzt aber gebet acht, denn es ist alles zum großen Sturze vorbereitet! –
Sehet, der Wächter hat seine Schwingungen eingestellt und hat das Pendel an dem
Baum befestigt. Selbst die zwei Lehrer lassen sich neben den Bäumen zur Erde
nieder und klammern sich mit einer Hand um dieselben. Desgleichen tut auch die
ganze Gesellschaft. Und der Zeitwächter eilt zur Gesellschaft hin.
[NS.01_012,19]
Sehet, alles starrt unverwandten Blickes auf den unaussprechlich und für eure
Sinne unbeschreiblich sturmbewegten Rand, allda Schwebungen geschehen, daß in
einer Sekunde hier oder da der Rand eine Aus- oder Einbiegung macht der Länge
nach von nicht selten acht- bis zehntausend Meilen; und das Hin- und
Herschwanken legt ebenfalls in einer Sekunde nicht selten einen Weg von drei-
bis viertausend Meilen zurück. Nun denket euch einmal diese Bewegungen
anzusehen von dem Standpunkt, wo unsere Sonnengesellschaft sie beobachtet! Wenn
sie auch wirklich dreißig Women entfernt sind, so ist aber solches für die
scharfen Augen der Sonnenmenschen dennoch eine Kleinigkeit, und sie können
daher gar wohl die fürchterlichen Bewegungen einer solchen Erscheinung
wahrnehmen.
[NS.01_012,20]
Aber jetzt sehet, der Rand ist herabgesunken, jedoch nicht so heftig, wie man
es erwartete. Daher war auch die Erschütterung der Umgebung nicht so heftig,
wie sie manchmal zu sein pflegt. Aber dennoch hat dieses ziemlich heftige
Zusammensinken die Wasserwogen bis in die Nähe unserer Gesellschaft
hinaufgetrieben, obschon sie sich auf diesem Hügel über fünf eurer Meilen hoch
über dem Wasserspiegel befindet.
[NS.01_012,21]
Fasset ihr wohl diese Bewegung? – Was würdet ihr auf der Erde sagen, und von
welchen Gefühlen würdet ihr beseelt sein, wenn ihr euch zum Beispiel auf einer
hohen Alpe befinden möchtet, die etwa die Höhe des euch wohlbekannten Großglockners
hätte und sich ungefähr fünf oder sechs Meilen vom Meere weg befände, – so das
Meer von irgend eines Sturmes Macht anfinge, solche Wellen zu treiben, daß sie
euch auf eurer Alpe nahe erreichen möchten? Würdet ihr euch da nicht einer nach
dem andern anfangen, vor lauter Verzweiflung die Haare auszuraufen? Und doch
wäre diese Erscheinung auf der Erde, in der Sonne betrachtet, nur ein
allerbarstes Kinderspiel, allda schon dieser niederste Hügel nahe fünfmal so
hoch ist als euer höchster Berg auf der Erde (das heißt über die ruhige,
gewöhnliche Sonnenwasserfläche betrachtet).
[NS.01_012,22]
Wenn ihr diesen Vergleich nur ein wenig beachtet, so dürfte euch wohl das
Großartige der Flutung, welche bei der Gelegenheit des schnellen
Zusammensinkens unserer Geschwulst erfolgt, in die Augen springen. Und dieses
sollt ihr auch so recht fassen, damit ihr daraus stets mehr und mehr erkennen
möget, wie mächtig Der ist, der Sich von euch einen lieben, guten Vater nennen
läßt!
[NS.01_012,23]
Doch sehen wir nun wieder unsere Gesellschaft noch einmal an. Sehet, wie sie
sich alle um den Lehrer her drängen und den großen Gott loben und preisen, und
wie der Zeitwächter wieder hineilt zu seinem Baum, das Pendel frei macht und
demselben wieder einen neuen Schwung gibt.
[NS.01_012,24]
Nun sehet aber auch mit den Sonnenmenschen über den Rand der großen Geschwulst
hin! Sehet, wie breit sie noch ist; merket ihr es nicht, wie auf diesem Rande
noch gar leicht zwei eurer Erden nebeneinander herrollen könnten?! – Ja, also
ist es auch! – Aber der Krater ist nun schon sehr beengt und hat kaum die
zweimalige Breite des Randes und dehnt sich mehr in die Länge als in die Breite
aus und hat sich auf verschiedenen Punkten schon wieder ergriffen.
[NS.01_012,25]
Sehet, wie die lichtgewohnten Bewohner der Sonne sich ihre Augen verhüllen
wegen des zu starken Leuchtens des breiten Randes. Und sehet, wie aus der Tiefe
noch hier und da eine große, feurige Kugel hinausgeworfen wird mit großer
Heftigkeit bis zu einer Höhe hinauf, welche nahe die zweimalige Entfernung
eures Mondes von der Erde beträgt. Und sehet, wie dem weitgedehnten, sich noch
immer stark bewegenden Rande noch immer zahllose Blitze entstürzen! –
[NS.01_012,26]
Und sehet nun, das ist der ganze Verlauf dieser großartigen Erscheinung,welche
jetzt allmählich zusammensinkt, da sich die Ränder stets mehr und mehr
ergreifen. Den Schluß dieser Erscheinung macht gewöhnlich ein nach eurer
Rechnung mehrere Tage anhaltender gewaltiger Regen, durch welchen die glühenden
Ränder wieder abgekühlt, beruhigt und endlich gar ineinander verbunden und
geheilt werden und sonach immer mehr hinabsinken in ihre vorige Lage, da sie
wieder unter den Wasserspiegel zu stehen kommen.
[NS.01_012,27]
Sehet aber jetzt auch noch mit einem Blicke unsere Sonnenbewohner an, wie sie
nun über alle Maßen heiter sind und aus aller Fülle ihres Herzens und ihres
ganzen Lebens frohlocken und lobpreisen den großen Gott, Der alles dieses also
höchst weise wieder in die vorige Ordnung zurückgebracht hat. Und sehet auch,
wie sie sich jetzt umarmen und begrüßen und dann ihren Wohnungen zueilen, und
wie aus denselben ihnen auch wieder eine Menge wohlerhaltener Kinder, Brüder
und Schwestern entgegenkommen!
[NS.01_012,28]
Und somit ist auch dieser Akt beendet. Fürs nächste wollen wir einige häusliche
Einrichtungen dieser Sonnenbewohner beobachten, und somit auch einen flüchtigen
Blick über diesen ganzen Gürtel werfen.
13. Kapitel –
Besitzordnung und Lebensbedürfnisse der Bewohner des Mittelgürtels.
[NS.01_013,01]
In der Sonne und namentlich auf unserm Gürtel gibt es zwar durchaus nicht ein
sogenanntes Eigentumsrecht wie bei euch auf eurem Erdkörper; aber es gibt dafür
ein Ordnungsrecht, und dieses hat den Grundsatz zur Unterlage: daß da niemand
ohne Grundbesitz sein darf. Aber der Grund wird allezeit von den für diesen
Zweck beorderten Amtsleuten ausgemessen und einem oder dem andern zur Benutzung
eingeräumt. Die Grundbesitzer sind demnach nur so lange unbeeinträchtigte
Fruchtnießer ihres ausgemessenen Grundstückes, solange sie leben.
[NS.01_013,02]
Nach ihrem Ableben aber haben nicht sie, sondern die von den Hauptlehrern
aufgestellten Amtsleute über diese Grundstücke ordnungsmäßig zu verfügen. Aus
diesem Grunde hört dann in der Sonne auch alles Mir auf eurer Erde ganz
besonders verhaßte Kindererbrecht auf. Sondern die Kinder werden samt und
sämtlich, wenn sie die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen, von
den Amtsleuten versorgt.
[NS.01_013,03]
Und dieses geschieht auf folgende Weise: Hat ein Elternpaar nur ein, zwei, drei
bis vier Kinder, so wird noch bei Lebzeiten der Eltern, wenn die Kinder
vollmündig geworden sind, der Grund geteilt und zwar so, daß die Kinder zwei
Drittel vom Grunde ausgemessen bekommen, die Eltern aber behalten ein Drittel.
Dieses Drittel fällt nach dem Ableben der Eltern nicht den Kindern zu, sondern
die Amtsleute können es jedermann, der da noch keinen Grund hat, zum Besitz
einräumen. Solche Verteilung geht jedoch nur allzeit zwei Glieder hindurch.
Beim dritten Gliede geschieht wieder eine Vereinigung mehrerer zerstückelter
Gründe, welche dann, insoweit sie für das Bedürfnis grundbesitzloser Menschen
auslangen, von neuem ordnungsmäßig verteilt werden.
[NS.01_013,04]
Was aber dann die übriggebliebenen Menschen betrifft, welche bei dieser neuen
Ausmessung nicht beteiligt werden konnten, diesen wird dann ein sogenannter
Reservegrund eingeräumt. – Was ist denn solch ein Reservegrund für ein Grund? –
Ein Reservegrund ist ein solcher, der entweder ein bedeutender Überschuß von
den ausgemessenen und schon besessenen Gründen ist, oder es sind auch solche
Gründe, welche noch nie von jemand besessen worden sind, oder auch mitunter
solche Gründe, welche hier und da nach den von uns schon beobachteten
Erscheinungen aus den Gewässern gleich den Inseln in euren Meeren zum Vorschein
kommen.
[NS.01_013,05]
Daher leidet auch nie jemand Not in der Sonne, obschon dieser Hauptgürtel
außerordentlich stark bevölkert ist. Denn fürs erste sind die Menschen ja eben
fast um nicht gar sehr Bedeutendes größer als so manche Menschen bei euch auf
der Erde, und haben aber dabei auch ein hundertfältig geringeres Bedürfnis als
so manche kleinere Menschen bei euch; darum sie denn auch mit einem viel
kleineren Grundstück genug haben als die Menschen auf eurer Erde.
[NS.01_013,06]
Ihre Kleidung besteht in nichts als in einer leichten Schürze um die Lenden und
in einem ziemlich weiten Hut. Ihre Kost bringt der Boden der Sonnenerde so oft
hervor, als sie essen wollen nach Maß und Ziel. Daher hat ein Grundbesitzer an
so viel Grund in Übergenüge, was ihr bei euch ungefähr ein halbes Joch nennet.
[NS.01_013,07]
Diese ordnungsrechtliche Verteilung hat dann in der Sonne auch diese gute
Folge, daß die Menschen dieses Gürtels von einer Eigentumrechtsstreitigkeit
nicht das allergeringste wissen.
[NS.01_013,08]
Haben die Grundbesitzer etwa Steuern an die verschiedenen Amtsleute zu
entrichten? – Solches ist jedem Sonnenbewohner ganz fremd. Denn alle Amtsleute
samt den Lehrern haben ihre eigenen Gründe, selbst der Zeitwächter sitzt auf
seinem ihm zugemessenen Grund und Boden.
[NS.01_013,09]
Es fragt sich aber nun: Darf da ein Nachbar nicht auch auf dem Grunde seines
Nachbarn sich sättigen, wenn es ihn hungert? – Allerdings; im Notfall sind alle
ausgeteilten Gründe ein Gemeingut, aber es wird solches mutwilligerweise
dennoch niemandem zu tun gestattet. Es tut aber auch wirklich dergleichen
niemand. Denn nur abstrakte Gebote und Gesetze erzeugen Verbrecher. Wo aber die
Freiheit des Willens soviel als möglich aufrechterhalten wird, dort kann dieser
auch am leichtesten für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung gebildet
werden.
[NS.01_013,10]
Denn ein durch schroffe Gesetze zusammengeschraubter Wille ist ein geplagter
Wille. Der geplagte Wille aber hat kein Vergnügen an der Ordnung, sondern er
trachtet nur, daß er sich hier oder da Luft mache, und achtet wenig darauf, ob
diese Handlung der gesetzlichen Ordnung gemäß ist, sondern die Richtschnur
seiner Handlung ist sein eigenes Wohlbehagen. Wenn aber der Wille freigehalten
wird und in dieser Freiheit die Gesetze der Ordnung erkennt, so wird er dann
auch bald mit der für ihn angenehmen Notwendigkeit derselben vertraut und freut
sich dann der in sich selbst aufgefundenen göttlichen Ordnung.
[NS.01_013,11]
Solches ist auch eine Hauptgrundregel bei der Erziehung der Kinder in der
Sonne, welche auch auf der Erde besser wäre als der Unterricht, durch den das
Gedächtnis geplagt, der Verstand gemißhandelt und der Geist getötet wird! –
Jedoch wir sind nun in der Sonne und nicht auf der Erde; daher wollen wir auch
nur das mit geöffneten Augen des Geistes betrachten, wie sich da allenthalben
die göttliche Ordnung selbst bei den unbedeutendsten häuslichen Einrichtungen
und Verrichtungen auf das anschaulichste kündet.
14. Kapitel –
Die Wohnhäuser auf dem Mittelgürtel.
[NS.01_014,01]
Damit wir zu den verschiedenen Zweigen der häuslichen Ordnung übergehen können,
wird es doch notwendig sein, dasjenige Stück in Augenschein zu nehmen, wovon
eben die häusliche Ordnung ihre beschaffenheitliche Benennung hat. (Denn soviel
wird klar sein, daß „häuslich“ von „Haus“ abgeleitet ist.) Darum auch wird es
vorerst notwendig sein, ein und das andere Haus unserer Sonnenbewohner
anzuschauen, und mit und in dem Hause dann auch die häusliche
Ordnungsverfassung zu beachten.
[NS.01_014,02]
Wie sehen denn demnach die Häuser der Sonnenbewohner aus, namentlich auf dem
euch schon mehr bekannten Gürtel, welcher im ganzen ungefähr so breit ist wie
die Entfernung des Mondes von eurer Erde? Wie sehen also die Häuser dieses
großen Gürtels aus? – Haben sie etwa Ähnlichkeit mit euren Erdwohnhäusern? Sind
sie auch in großen Massen nebeneinandergebaut wie bei euch in den großen
Städten? – O nein, solches ist allda durchaus nirgends der Fall. Denn fürs
erste gibt es in der ganzen Sonne nirgends eine Stadt, und die Häuser haben
auch eine ganz andere Gestalt und Einrichtung.
[NS.01_014,03]
Wie sehen sie demnach aus? – Denket euch eine Rundung ungefähr in einem
Durchmesser von fünfzig bis hundert Klaftern. Diese Rundung ist von zwei
Klaftern euren Maßes bis wieder zu zwei Klaftern mit viereckigen Säulen, wovon
jede wenigstens zwanzig Klafter hoch ist und eine Klafter im Durchmesser mißt,
besetzt. Zuoberst aber ist bei jeder Säule ein Polster oder Kapitell, wie ihr
zu sagen pflegt, von runder Form, mit den schönsten Auswindungen verziert,
angebracht. – Über den Kapitellen sind massive Querbalken gelegt, welche in der
Rundung herum die Säulen miteinander zuoberst verbinden. In der Gegend einer
jeden Säule ist über dem Querbalken ein Dachbaum angebracht, und die sämtlichen
Dachbäume sind von da also geneigt, daß sie sich zuoberst in der Form einer
vieleckigen Pyramide berühren.
[NS.01_014,04]
Jeder dieser Dachbäume hat nach dem Rundungsdurchmesser, ob dieser größer oder
kleiner ist, auch verhältnismäßig höhere oder niederere Dimensionen, das heißt,
ist der Rundungsdurchmesser des ganzen Hauses ein geringerer, so brauchen auch
die Dachbäume nicht so lang zu sein, um sich zuoberst in einer pyramidalen Form
zu berühren; ist aber der Rundungsdurchmesser ein größerer, so müssen auch die
Dachbäume länger sein, um sich zuoberst in der benannten Form berühren zu
können.
[NS.01_014,05]
Da aber zudem noch ein jedes solches Hausdach ungefähr eine also zugespitzte
Form haben muß, wie sie bei euch so manche Türme sogenannter gotischer Kirchen
haben, so versteht es sich schon von selbst, daß die Längenmaße der Bäume sehr
beträchtlich sein müssen, damit bei einem so bedeutenden Rundungsdurchmesser
eine solche Form bewerkstelligt werden kann. Und so gibt es nicht selten
Dachbäume in einer Länge von mehr als dreihundert Klaftern.
[NS.01_014,06]
Ihr werdet hier fragen: Wozu denn solche Dächer in der Sonne, wo es gewiß
selten oder hier und da auch gar nicht regnet? – Diese Dächer aber sind auch
durchaus nicht als Regenschirme auf den Häusern, sondern nur als sehr
zweckdienliche Licht- und Wärmeschirme zu betrachten. Denn obschon die
Sonnenmenschen einen für euch kaum begreiflichen Licht- und Hitzegrad gar
wohlbehaglich zu ertragen imstande sind, so sind sie aber dennoch große Freunde
vom Schatten und einer größeren Kühle.
[NS.01_014,07]
Kein Dach aber ist zur Aufhaltung sowohl des Lichtes als der Wärme tauglicher
als ein Spitzdach, weil es sowohl das Licht wie auch die mit demselben
verbundene Wärme beständig ableitet. Daß solches richtig ist, könnt ihr euch
gar leicht durch ein kleines Beispiel versinnlichen, und zwar dadurch, daß ihr
ein ziemlich langes und wohlzugespitztes Stück Metall nehmet und dessen Spitze
in eine Flamme haltet. Dadurch werdet ihr euch überzeugen, daß auf diese Weise,
wenn die Spitze auch schon weißglühend geworden ist, die rückwärtige, viel
massivere Metallmasse noch nichts von einer Wärme empfinden läßt; wogegen im
umgekehrten Falle oder bei einer gleichdicken Metallstange diese alsogleich bis
auf den hintersten Punkt glühendheiß wird.
[NS.01_014,08]
Nehmet ihr nun ein solches Spitzdach, welches dazu noch aus einer weder Licht
noch Wärme leitenden Masse besteht, so ist es klar, daß ein solches Spitzdach
unfehlbar der zweckmäßigste Licht- und Wärmeschirm ist.
[NS.01_014,09]
Die Dachbalken werden ebenfalls ringsumher mit einer Art Latten beschlagen,
welche aber nahe ganz fest aneinandergereiht sind. Über diese Latten aber wird
dann eine Art weißer Spiegelplatten gelegt, welche aus einer Art Sonnenerde,
gleich euren Dachziegeln, bereitet werden und ungefähr so aussehen, als wenn
ihr aus Papier mit einer Schere Halbpyramiden schneiden und einer jeden solchen
Pyramide zu oberst, an der schmäleren Seite, einen winkelrechten Überbug geben
möchtet. Diese Dachplatten sind nicht dicker als ein sogenanntes
Pappendeckelpapier und sind ungefähr so schmiegsam wie eine Bleiplatte bei
euch. Diese Platten werden dann mit der oberen, winkelrechten Einbiegung in die
schmalen Lattenfurchen gesteckt und dann mit einem eigenen Kitt in den Furchen
befestigt.
[NS.01_014,10]
Auf diese Weise wird ein jegliches Hausdach gedeckt und sieht, vollendet,
außerordentlich prachtvoll aus. Denn diese Platten sind nach außen hin viel
glänzendweißer als ein allerfeinst polierter Alabasterstein bei euch, wodurch
sie dann auch alle Strahlen zurückwerfen und daher an und für sich beständig
unerwärmt bleiben.
[NS.01_014,11]
Inwendig aber bekommt dieses Dach bis zur höchsten Spitze einen ganz dunklen
Anstrich mit einer Farbe, die sich vor allem an den Ufern der großen Gewässer
vorfindet und ganz besonders häufig nach einem euch schon bekannten
Geschwulst-Ausbruch.
[NS.01_014,12]
Woraus aber sind denn die Säulen verfertigt? – Die Säulen sind aus einer Art
Backsteinen zusammengekittet, welche ungefähr die Form eurer Ziegel haben; nur
sind sie äußerst fein und so vollkommen durchsichtig wie bei euch die edelsten
Steine, und sind aus diesem Grunde außerordentlich prachtvoll anzusehen. – Für
die Querbalken sowie für die Dachbalken aber werden eigene Bäume gezogen und zwar
schon in der Form, die zu diesem Zweck notwendig ist.
[NS.01_014,13]
Zwischen einer jeden Säule aber befindet sich ein kleines Rundgärtchen, welches
mit den lieblichsten und anmutigsten Gewächsen reichlichst versehen ist. Die
Gewächse verstehen die Sonnenbewohner also zu ordnen, daß gegen die Mitte des
Gärtchens zu immer höhere zu stehen kommen, und man auf diese Weise, mit
Ausnahme des Eingangstores, allerherrlichste Blumenpyramiden erschaut, welche
eine solche Mannigfaltigkeit in ihren Blumenprodukten haben, daß ihr euch davon
durchaus keinen Begriff machen könnt, und es auch unbeschreiblich ist, da
beinahe eine jede solche Blumenpyramide mit tausendfältig ganz andern Blumen
geschmückt ist als eine frühere, und also auch jedes Haus wieder mit anderen.
[NS.01_014,14]
Also hätten wir, freilich wohl nur euren schwachen Begriffen zufolge, die
notdürftigste Darstellung der Form eines Wohnhauses für die Menschen dort. Wenn
ihr aber eurer geistigen Phantasie bei dieser Darstellung den gerechten Zügel
schießen lassen wollt, so werdet ihr noch so manches erschauen, was euch diese
gedrungene Darstellung notwendigerweise versagen mußte. Kurz und gut, hier
könnt ihr phantasieren, wie ihr wollt; und ihr seid bei allem Reichtum eurer
Phantasie nicht imstande, einen Fehlblick zu tun. Warum denn? Weil ihr euch
namentlich im Bereiche der Gewächse durchaus keine Form entwerfen könnt, welche
ihr da nicht vervollkommnet wiederfinden dürftet. Denn die viel geistigeren
Menschen der Sonne umfassen die Phantasie aller planetenbewohnender Geister
gerade also, wie das Licht der Sonne selbst alle Planeten umfaßt. Aus diesem
Grunde könnt ihr auch phantasieren wie ihr wollt, und ihr seid nicht imstande,
mit all eurer Phantasie irgendeine Form zu entwerfen, welche in der Sonne nicht
in der Wirklichkeit vorhanden wäre.
[NS.01_014,15]
Daher findet ihr auch dort, wie es schon gleich anfangs bemerkt wurde, nicht
nur alle sichtbaren Erzeugnisse aller Planeten in der größten Vollkommenheit,
sondern auch alle Gedankenformen, welche je von den Menschen auf den Erdkörpern
gedacht wurden, wesenhaft.
[NS.01_014,16]
Sonach können wir denn auch die Wohnhäuser der Sonnenmenschen betrachten und
uns daran ergötzen; denn Mannigfaltigeres und Herrlicheres kann sich kein
Mensch träumen lassen, als er in der Sonne in der Wirklichkeit antreffen kann.
So ist auch selbst die Färbung dieser vorbeschriebenen Säulen von einer so
großen, majestätischen Pracht, daß das allerherrlichste Brilliantfeuerspiel bei
euch dagegen kaum als das Lichtspiel einer Mistlache zu betrachten ist; denn,
wie schon anfangs bemerkt wurde, ist auf den Erdkörpern alles wie tot und
unbeweglich, während in der Sonne alles wie von Leben sprüht. –
[NS.01_014,17]
Da wir nun solches ein wenig beschaut haben, wollen wir denn auch in ein
solches Haus einziehen und dessen innere Einrichtung schauen.
[NS.01_014,18]
Der Boden sieht aus, als wäre er von dunkelpoliertem, durchsichtigem Golde,
oder ungefähr also, wie da bei euch ein allerschönster feinst polierter Topas
aussieht; nur ist der Boden nicht so hart, sondern ganz elastisch weich.
[NS.01_014,19]
Zwischen einer jeden Säule gegen das Innere steht eine Pyramide im Viereck wie
vom allerfeinsten Diamanten. Diese Pyramide ruht auf einem Gestell oder, wie
ihr zu sagen pflegt, Piedestal, welches wie eine geräumige Bank über die
Pyramide hinaus hervorschießt und allzeit einen Umfang hat von sechs bis acht
Klaftern. Auf dieser Bank pflegen die Sonnenmenschen, also wie ihr auf euren
Sesseln, sitzend zu ruhen. Die Bank aber ist nicht vom nämlichen Stoff wie die
Pyramide, sondern sieht dunkelgrün aus, aber dessenungeachtet höchst fein
poliert und durchsichtig und ist samt der Pyramide ebenfalls nicht hart,
sondern elastisch.
[NS.01_014,20]
Vor diesen Pyramidalsitzen sind runde, niedere Pfeiler angebracht, welche
oberhalb breiter sind als zuunterst und aussehen als wie bei euch allerfeinst
polierter Rubin. Diese dienen zu Speisetischen.
[NS.01_014,21]
Ganz in der Mitte befindet sich eine Staffeleipyramide, deren Stufen
schneckengangförmig aufwärts steigen. Diese Pyramide hat zuunterst einen
Durchmesser von zehn bis manchmal fünfzehn Klaftern. Die aufgehenden Stufen
sind durchaus mit den allerkunstvollst gearbeiteten Geländern versehen.
Zuoberst aber ist die Pyramide nicht etwa spitzig, sondern abgeplattet und innerhalb
des Geländers mit etwas kleineren Pyramidalsitzen versehen. Die Masse der
Pyramide ist hell violett, manchmal auch rosenrot. Die Geländer sind von
allerlei feinstpolierten, vielfarbigen, durchsichtigen Stoffen bereitet, welche
nur in der Sonne und sonst nirgends vorkommen. Auch diese Pyramide samt allen
ihren Teilen ist elastisch. – Wozu dient sie denn?
[NS.01_014,22]
Sie dient zu höheren Beratungen über göttliche Dinge; denn in der Mitte der
Pyramide zuoberst ist von einem hellgrün leuchtenden durchsichtigen Stoffe eine
Art Lehrkanzel verfertigt, von welcher der Hausvater seine Angehörigen über
Gott zu belehren pflegt.
[NS.01_014,23]
Ihr werdet fragen: Wozu muß denn hier gerade diese Pyramide sein? Die Ursache
ist ganz einfach: auf den Schneckenstufen dieser Pyramide gelangen die Menschen
ziemlich tief unter das Spitzdach; dadurch werden sie von der äußeren,
überprachtvollen Anschauung der Dinge in der Sonne abgezogen und somit desto
leichter in sich geführt. Selbst dieser schneckenartige Gang zeigt ihnen die
notwendige Engführung des Geistes, und wie man auf gleichem, geistigem Wege
allein nur auf den Höhepunkt des wahren inneren Lebens gelangen kann. – Was
aber die Verzierungen des überaus schönen Stufengeländers betrifft, so sind
diese alle von erhabener Art und stellen gewöhnlich geheimnisvoll Meine
wunderbare Menschwerdung auf der Erde dar.
[NS.01_014,24]
Beim Eingangstor, gegenüber der Mittelpyramide, befindet sich eine vollkommen
viereckige Erhöhung über dem Fußboden. Diese Erhöhung beträgt gewöhnlich eine
halbe Klafter. Auf dieser, bei zwei Klafter im Durchmesser haltenden
Quadratebene ist, der Hauptpyramide gegenüber, ebenfalls ein überaus
prachtvoller Pyramidalsitz angebracht. Die viereckige Ebene ist ebenfalls von
drei Seiten her mit einem überaus kunstvoll gearbeiteten Geländer umfaßt. Hier
gebet acht, – da werdet ihr etwas finden, was euch sehr gut gefallen wird. Zu
welchem Zweck ist denn dieses?
[NS.01_014,25]
Sehet, das ist ein Hausorchester, welches in keinem Hause der Sonne fehlen
darf. Auf diesem Orchester befindet sich eine majestätische Harfe, welche jeder
Sonnenmensch schon von Natur aus zu spielen versteht. Sie dient zur Begleitung
erhabenster Lieder, welche allzeit nach einer geistigen Versammlung dem großen
Gott zu Lob und Preis gesungen werden. Was aber den Ton dieses Instruments
betrifft, wie auch die überreine Stimme der Sonnenmenschen, davon werdet ihr
euch erst dann einen Begriff machen können, wann ihr von keinem Fleische mehr
gefangengehalten werdet.
[NS.01_014,26]
Das ist sonach die ganze Einrichtung eines Hauses in der Sonne. Nur müßt ihr
euch dabei nicht denken, als sei das etwa eine festbestimmte Form der
Wohnhäuser in der Sonne. Im allgemeinen der Einrichtung zwar wohl, auch im Bau
der Häuser; aber was die einzelnen angegebenen Teile betrifft, so weichen diese
in den Formen wie auch in den Farben oft außerordentlich bedeutend voneinander
ab.
[NS.01_014,27]
So sehen bei manchen Häusern die Säulen aus, als bestünden sie aus übereinander
ruhenden Wolken, welche sich in den verschiedenartigsten Gruppierungen
verbinden. Manchmal sehen sie aus wie Felsen bei euch, manchmal wie
Turm-Kuppeln, manchmal wie gotische Säulen, manchmal wie große Tiere, als zum
Beispiel weiße Pferde auf den Hinterbeinen stehend, manchmal wie rotglühende
Elefanten, welche mit ihren ausgestreckten Rüsseln das Dach tragen. Und so gibt
es noch zahllose Formen, in welchen oft diese Säulen bestehen.
[NS.01_014,28]
Also sieht auch die innere Einrichtung wohl im wesentlichen dem ersten euch
bekanntgegebenen Muster stets vollkommen ähnlich; was aber deren Form betrifft,
so ist sie oft nicht minder verschieden als die der Säulen; nur die Dächer sind
überall dieselben.
[NS.01_014,29]
Und so verdauet nun dieses ein wenig und machet euch fürs nächste Mal auf noch
viel außerordentlichere Dinge gefaßt!
15. Kapitel –
Die Umgebung eines Hauses auf dem Mittelgürtel. – Baumwuchs daselbst.
[NS.01_015,01]
Wie sieht denn die nächste Umgebung bei einem solchen Hause aus? – Diese
besteht gewöhnlich in einer runden Allee von sehr hohen Bäumen, welche bei
einem Hause stets einer und derselben Art sind, aber nicht genau auch wieder
dieselben bei einem andern Hause. Ja ihr könntet da den ganzen, über 40000
breiten und bei 600000 Meilen langen Gürtel kreuz und quer abgehen, wenn eure
irdischen Lebensjahre dazu hinreichten, so würdet ihr aber doch nimmer bei
einem oder dem andern Hause wieder dieselbe Art von fruchtbaren Alleebäumen
finden, wie ihr sie allenfalls bei einem ersten Hause gefunden habt. So sehen
zum Beispiel die Alleebäume bei unserem ersten Hause aus wie riesenhaft große,
gewundene Säulen, welche zuoberst mit einer trauerweidenartigen Krone geziert
sind. Die Blätter sind über eine Spanne lang und kaum einen halben Zoll breit;
die Rückseite ist karminrot, die vordere, glatte Seite aber ist grüngolden. An
der Spitze eines jeden Blattes hängt eine überaus starkleuchtende Perle von
blauem Licht. Zwischen den Blättern hängen auf langen, weißen Stielen Früchte,
ungefähr von der Gestalt wie bei euch das sogenannte Johannisbrot, aber alles
ohne Kern. Denn, wie ihr schon wißt, sind in der Sonne alle Früchte kernlos und
sind von einem überaus geistigen, süßen Geschmacke – daher sie auch eine
Lieblingsspeise für dieses Haus sind.
[NS.01_015,02]
Wie bekommen aber die Sonnenbewohner die Früchte von diesen hohen Bäumen? –
Dieses geschieht dort auf eine höchst leichte und einfache Art. Die
Sonnenbewohner haben nämlich dazu eigene Stangen, welche zuoberst mit einem
nach Belieben bewegbaren Zwicker versehen sind. (Dieses Instrument ist fast
allenthalben dasselbe!) Mit diesem Zwicker brechen sie die Früchte mit der
größten Bequemlichkeit von den Bäumen, welcher Art sie auch immer sein mögen,
und bemächtigen sich auf diese Weise zu ihrer Sättigung der Baumfrüchte.
[NS.01_015,03]
Ihr werdet euch hier im geheimen denken: Warum lassen aber die Menschen die
Bäume so hoch wachsen, wenn das Wachstum der Bäume sowie des ganzen
Pflanzenreiches in der Gewalt ihres Willens steht? – Wer da so fragen würde,
der wäre in einer kleinen irrigen Meinung. Denn die Sonnenbewohner sind überaus
weise und tun nichts umsonst oder zwecklos, und es muß daher jede Verzierung
sogar eine entschieden wohlberatene und durchgeprüfte Nützlichkeit haben. Und
so hat auch die hochgestellte Fruchtkrone eines solchen Baumes ihren
entschiedenen, mehrseitigen guten Zweck.
[NS.01_015,04]
Ihr fraget hier: Worin denn ein solcher nützlicher Zweck besteht? – Nur Geduld,
es wird sogleich kommen! Fürs erste müßt ihr wissen, daß es auf gar keinem
Planeten so überaus reizende und weitgedehnte Landschaftsaussichten gibt wie
eben auf der Sonne. Denn da ist es gar nichts Seltenes, daß man von einem
mittelmäßigen Hügel einen Flächenraum von wenigstens fünftausend Meilen im
Durchmesser übersieht, also ungefähr beinahe viermal so weit wie auf eurer Erde
in gerader Linie vom Süd- bis zum Nordpol. – Dazu müßt ihr noch nehmen, daß die
Sonnenluft, besonders über diesem Gürtel, von höchster ätherischer Reinheit
ist, wodurch natürlicherweise die Fernaussicht, besonders für die überaus
scharfen Augen der Sonnenmenschen, begünstigt wird.
[NS.01_015,05]
Jetzt sehet, es wird ein Zweck gleich einleuchtend sein! Da die Sonnenbewohner
nämlich, wie schon gesagt, große Freunde schöner Landschaftsaussichten sind, so
stellen sie aus dem Grunde die Fruchtkronen ihrer Bäume so hoch, damit sie
ihnen nicht irgendwo die Aussicht verdecken. Sehet, das ist einmal ein Zweck,
welcher zwar, auf eurer Erde betrachtet, eben nicht von einer großen
Wichtigkeit erscheint, aber desto mehr in der Sonne. Denn es handelt sich da
nicht nur allein um den reizenden Aussichtspunkt, sondern die Aussicht ist dort
etwas sehr Notwendiges, weil über dem Lande sich oft verschiedene Phänomene
zeigen, welche manchmal von guter, manchmal wieder von schlechter Wirkung sind.
Darum auch muß auf alles gehörig achtgegeben werden, sonst liefen die
Sonnenbewohner, besonders dieses Gürtels, gar zu oft Gefahr, von einer oder der
anderen, sich etwa ihrer Wohnung nahenden Naturerscheinung gewaltig beschädigt,
oder wohl auch gänzlich zugrunde gerichtet zu werden.
[NS.01_015,06]
Damit ihr solches ein wenig mehr einseht, will Ich euch nur ein geringes
Beispiel anführen. Es geschieht nicht selten, daß sich plötzlich über einem
oder dem andern Hügel rotleuchtende Sterne zeigen. Bei dieser Gelegenheit muß
sogleich sorgfältig beobachtet werden, wie hoch irgendein Hügel sein mag, über
dem sich diese Sterne zeigen, oder in welcher Richtung sie einem Hügel
entschweben. Setzen wir den Fall, solche Sterne würden bei einem tausend Meilen
abstehenden Hügel entdeckt, und dieser Hügel wäre ungefähr von einer mittleren
Höhe, und die Sterne bewegten sich in der Richtung gegen den Hügel, auf welchem
wir uns befinden, – es braucht nicht mehr als höchstens drei Minuten Zeit, so
schweben diese vormals kleinen Sternchen nun schon als kleine Weltmassen gegen
diesen Hügel her, wo wir uns befinden; ihre Schnelligkeit ist überaus groß, da
sie zumeist elektrischer Art sind. Was sie nun auf ihrem Wege erreichen, das
ist in einem Augenblick zerstört.
[NS.01_015,07]
Was tun dann die Sonnenbewohner bei einer solchen Gelegenheit? Sie begeben sich
augenblicklich unter den Schutz des lebendigen Gottes und stecken auf einer
freien Höhe spitzige Stangen auf, welche mit Fahnen versehen sind. Diese
Stangen ziehen wie ein Magnet diese rotglühenden, elektrischen Massen höher, so
daß diese sich endlich gar ins hohe Gebirge verlieren. Und auf diese Weise werden
allzeit Wohnungen, Bäume, Tiere und Menschen in der Tiefe verschont.
[NS.01_015,08]
Sehet, das ist schon wieder ein guter Grund für eine unbeschränkte, freie
Aussicht. Daher stehen auch solche Alleebäume allzeit mit einer Säule des
Wohnhauses in gleicher Richtung vom Mittelpunkt desselben aus, damit selbst
durch ihre Stämme die freie Aussicht nicht gehindert wird.
[NS.01_015,09]
Eine gar nicht selten vorkommende Erscheinung, besonders in der Gegend der
großen Gewässer oder auch in der Nähe der hohen Gürtelgrenzgebirge, sind die
für eure Begriffe ungeheuren Wasser- und Feuerhosen. – Was die Wasserhosen
betrifft, so ziehen diese freilich wohl nie gar weit vom Wasser übers Land.
Aber desto verheerender sind die Feuerhosen, von denen manche einen Feuerwirbel
mit einem Durchmesser von hundert bis tausend Meilen und dabei eine so schnelle
Umdrehung hat, daß sie sich in einer Sekunde einmal umdreht, welches ebensoviel
gesagt haben will als: der äußere Flammenkreis legt in einer Sekunde einen Weg
von dreihundert bis dreitausend Meilen zurück.
[NS.01_015,10]
Nun denket euch einmal die Wirkung, die ein solches Naturereignis auf einer
Gegend bewerkstelligt, über welcher es sich bewegt! – Was tun denn die
Sonnenbewohner bei einer solchen Gelegenheit? – Sie begeben sich fürs erste
augenblicklich mit dem lebendigsten Vertrauen unter Meinen Schutz und stellen
auf einem höchst möglich zu ersteigenden Hügel ein bedeutendes Gefäß voll
Wasser auf. Rings um das Gefäß mit dem Wasser stecken sie strahlenförmig
ziemlich lange Spieße in das Erdreich. Diese ganz einfache Vorrichtung hat nach
der Erfahrung ihrer weisesten Lehrer die entschiedene Kraft, fürs erste eine
solche Feuerhose an sich zu ziehen und dann alsogleich in ihrer Wirbeldrehung
zu beruhigen.
[NS.01_015,11]
Und so ihr Zeugen sein könntet, so würdet ihr eine solche Naturerscheinung
sicher mit dem überraschendsten Vergnügen ansehen. – Denn wenn eine solche
Feuerhose bei ihrem Entstehen auch den größten Durchmesser hat, so fängt sie
sich aber dennoch, sobald sie einen solchen Hügel erreicht hat, zuunterst also
zu beengen an, daß ihr Durchmesser in wenigen Sekunden von tausend Meilen auf
eine Klafter zusammengeschmolzen ist. Wenn sie aber dann erst vollends die Höhe
erreicht hat, wo das Wassergefäß mit den strahlenförmig in die Erde gesteckten
langen Spießen sich befindet, da fängt sie sich allenthalben zu beengen an und
bekommt endlich die Form einer für eure Blicke unendlich lang scheinenden
Feuerstange, welche dann allmählich über dem Gefäße wie zusammensinkend
verschwindet.
[NS.01_015,12]
Bald darauf begeben sich dann die Sonnenbewohner wieder auf einen solchen Hügel
und holen ihre Sicherheitsgerätschaften, welche gänzlich unversehrt angetroffen
werden, – bis auf das Wasser, welches zwar an seiner Menge nichts verloren hat,
aber gänzlich schwarz geworden ist.
[NS.01_015,13]
Warum aber tun die Sonnenbewohner eigentlich dieses, um dadurch einer
Verheerung zu entrinnen? – Sie sagen: Auf den hohen Bergen wohnen Geister; wann
sie aber vor zu großer Hitze durstig werden, so ergreifen sie sich in großer
Masse und suchen wie Rasende eine Kühlung. Daher ist es notwendig, ihnen mit
einem Trunk entgegenzukommen, damit sie nicht tiefer herab rasen und irgendein
erquickendes Gewässer suchen und so uns auf ihrem Wege unsere Häuser und Früchte
zerstören möchten.
[NS.01_015,14]
Und Ich sage euch nichts anderes, als daß solche Annahme und geistige
Wissenschaft der Sonnenbewohner ihren ganz vollkommen richtigen Grund hat. Denn
es ist in der Sonne ganz dasselbe der Fall bezüglich einer solchen Feuerhose,
wie Ich eben dasselbe Ereignis euch schon einmal bei einer Gelegenheit auf
eurem Erdkörper vorkommend enthüllt habe. Denn ein Geist bleibt überall ein
Geist, in der Sonne wie auf den Planeten; nur ist jedes Geistes freier
Wirkungskreis in einer Sonne weniger beschränkt als auf einem Planeten.
[NS.01_015,15]
Sehet nun wieder, wie notwendig in dieser Hinsicht die freie Aussicht den
Sonnenbewohnern ist. Aus diesem Grunde steht auch jedes Wohnhaus auf einem
ziemlich kegelförmigen Hügel; und aller andere, zu einem Hause gehörige Grund
liegt niederer als das Haus selbst. Daher dürftet ihr auch nirgends ein Haus in
einer Ebene antreffen, sondern sowohl Wohnhäuser wie auch die vielfach
verschiedenen Amtshäuser befinden sich allenthalben auf den Hügeln, und die
Tempel zur Anbetung und Verehrung des großen Gottes auf den höchsten.
[NS.01_015,16]
Und so gibt es noch eine Menge tüchtiger Gründe für die freie Aussicht, aus
welchen sonach fürs erste die Sonnenbewohner die Fruchtkronen der Bäume so hoch
stellen. Allein alle diese Gründe namentlich anzuführen, würde unsere
Mitteilung zu sehr ins Lange dehnen.
[NS.01_015,17]
Ein zweiter Grund, warum die Sonnenbewohner diese Fruchtkronen so hoch stellen,
ist auch der, daß durch diese höherstehenden Kronen das Licht von oben gegen
die Wohnungen gemindert wird. Daß die Kronen solcher Bäume aber das Licht sehr
bedeutend an sich saugen, bekunden die leuchtenden Perlen, welche sich fast
allenthalben an den Spitzen der Blätter bilden und an und für sich nichts
anderes sind, als von dem Baume unverzehrte Lichtbündel, gleich dem sogenannten
Sankt-Elms-Feuer bei euch, welches an allen gespitzten Gegenständen zu
erblicken ist, wenn die Luft überstark mit Elektrizität angefüllt ist. Bei euch
ist dies freilich nur zur Nachtzeit sichtbar, in der Sonne hingegen allzeit nur
am Tage (da es dort keine Nacht gibt), und das zufolge der überaus starken
Lichtstrahlungen von oben herab.
[NS.01_015,18]
Ein dritter Grund, warum die Kronen der Bäume so hoch gestellt werden, ist auch
der, damit die Kinder stets genötigt sind, zu ihren Eltern zu kommen, wenn es
sie hungert. Und dieser Grund ist ein recht guter Grund; denn ihr könnt es
glauben, für den unreifen Geist der Kinder ist überall nichts nachteiliger als
eine, wenn auch von den Eltern zugelassene Eigenmächtigkeit. Denn dadurch
begründen sich die Kinder zuallererst in der Hoffart und im Eigensinn, welche
zwei Untugenden die unzerstörbaren Grundsteine aller nur erdenklichen folgenden
Laster sind.
[NS.01_015,19]
In der Sonne, wo die Menschen ohnehin einen viel freieren und unumschränkteren
Spielraum haben, ist aber eine solche Erziehung der Kinder um so notwendiger,
damit dadurch ihr Wille eine solche Richtung bekommt, welche zur Erhaltung der
allgemeinen Ordnung unumgänglich notwendig ist. Dies wäre auch bei euch
freilich wohl über alles zu wünschen; allein die Menschen der Erde sind schon
zuallermeist überaus beschränkt eigensinnigen Geistes, aus welchem Grunde sie
auch in eben diese schroffe Erde gelegt wurden. Daher ist ihnen auch nichts saurer
als ein pünktlicher Gehorsam, welcher die alleinige Schule zur Gewinnung der
wahren, geistigen, innern Willenskraft ist. – Darum aber gelangen auch äußerst
wenige Menschen dieser Erde in ihrem Leibesleben zu dieser Kraft, welche im
Grunde doch nur die Bedingung ihres Hierseins ist.
[NS.01_015,20]
Jedoch wir sind jetzt (schon wieder) nicht auf der Erde, sondern in der Sonne.
Daher wollen wir auch allda die weiteren häuslichen Einrichtungen verfolgen,
und zwar, wie bis jetzt, den allein naturmäßigen häuslichen Teil, ohne den wir
ganz natürlicherweise nie auf einen geistigen und dann erst himmlisch
reingeistigen übergehen könnten. Und somit wollen wir für das nächste Mal die
anderen, zu einem Hause gehörigen Grundteile und ihre zweckmäßige Benutzung
beachten.
16. Kapitel –
Die Landwirtschaft auf dem Mittelgürtel. – Gemüseland, Schafweide und
Brotacker.
[NS.01_016,01]
Ungefähr drei bis fünf Klafter unter der Baumreihe befindet sich ein
sogenannter Kleinfruchtacker, welcher zu beiden Seiten mit allerlei
fruchttragenden Gesträuchen eingefaßt ist. Die Gesträuche werden höchstens
anderthalb Klafter hoch gezogen. Der Acker aber ist von allerlei Kleinfrucht
tragenden Pflanzen bewachsen, welche ungefähr ähnliche Früchte tragen, wie da
zum Beispiel eure Erdbeeren, Pröpstlinge, Melonen, sogenannte Paradiesäpfel
u.a.m. Jedoch müßt ihr etwa nicht denken, als möchten da genau derartige
Früchte wachsen, – nur ähnlich sind solche Gewächse hinsichtlich der
Kleinpflanzenart. Aber sonst sind sie dort von der außerordentlichsten
Mannigfaltigkeit und kommen auch in gleicher Art, wie alles andere, bei keinem
andern Hause wieder vor.
[NS.01_016,02]
Ihr habt in diesem Punkte schon eine Zeitlang eine geheime Frage in euch, und
diese lautet also: Warum sollte denn nicht auch auf dem Grunde des Nachbarn
etwas vorkommen, was da auf eines andern Nachbarn Grund vorkommt? Denn sicher
werden die Bodenerzeugnisse eines Nachbarn auch den Beifall eines andern haben.
Warum denn sollte er dasjenige, was ihm auf dem Grunde seines Nachbarn gefällt,
nicht auch auf dem seinigen hervorbringen? Denn, wenn er es nicht tut, so muß
ihn entweder ein Gesetz daran hindern, oder er muß alles andere gering schätzen
und nur das für etwas ganz entschieden Ausgezeichnetes halten, was er auf
seinem Grunde hervorbringt.
[NS.01_016,03]
Sehet, diese Frage läßt sich hören und ist einer Beantwortung würdig. Aber bevor
eine Antwort gegeben werden kann, muß Ich euch bemerken, daß diese Frage wohl
auf eurem Erdkörper einen Grund hätte; in der Sonne aber fällt sie offenbar auf
einen trockenen Boden, allda sie zu keiner Antwort erwachsen kann.
[NS.01_016,04]
Hier fragt ihr schon wieder: Warum denn? – Und Ich sage euch: Erst auf dieses
Warum kann Ich euch eine Antwort geben, welche also lautet: Betrachtet euch
selbst gegenseitig und saget Mir dann, warum ihr als Brüder untereinander euch
als Einzelwesen und in den Gesichtszügen voneinander unterscheidet, daß da
nicht einmal ein nächster Blutsbruder dem andern völlig gleichsieht, während
dessenungeachtet doch ein jeder als ein vollkommener Mensch, wenigstens der
Gestalt nach, erkannt werden kann? Könnt ihr Mir diese Frage beantworten? Denn
Ich sage euch, gerade darin liegt ganz vollkommen fertig die Antwort auf euer
Warum.
[NS.01_016,05]
Ich sehe aber, daß ihr mit der Beantwortung dieser Frage nicht fertig würdet.
Daher wird hier wohl nichts anderes übrigbleiben, als euch zu sagen, daß der
Grund lediglich in der entsprechenden, zuständlichen, individuellen
Beschaffenheit des Geistes liegt, da jedem Geiste, neben dem allgemein
Eigentümlichen, auch etwas ganz besonders Eigentümliches gegeben ist, –
gleichsam ein einem oder dem andern Geist ganz besonders zu eigen verliehenes
Pfund. Durch dieses Pfund unterscheidet sich dann jeder einzelne Geist von
jedem andern einzelnen Geist. Und dieser Unterschied prägt sich dann auch auf
eine entsprechende Weise in der äußeren Form aus, welche sich am klarsten in
eines jeden Menschen Gesicht darstellt.
[NS.01_016,06]
Nun sehet, gerade also verhält es sich im ausgedehnteren Maßstabe auch bei den
Bewohnern der Sonne, allda nicht nur die äußere Gesichtsbildung des Menschen
die ausgeprägte Beschaffenheit seines Geistes darstellt, sondern auch alles,
was ein Sonnenmensch durch seinen Willen hervorbringt. Demnach kann zwar ein
Sonnenmensch wohl auch eine Pflanze, die ihm auf seines Nachbarn Grund
wohlgefiel, auf seinem eigenen hervorbringen; aber sie wird nicht mehr so
aussehen, wie die auf seines Nachbarn Grund. Warum denn? – Weil der Nachbar
auch nicht also aussieht, weder leiblich noch geistig, wie sein anderer
Nachbar; und dieses verschiedene, charakteristische Aussehen wird auch in allem
dem bemerkt, was er hervorbringt. Sehet, darin liegt der eigentliche Grund,
warum bei zwei Nachbarn nichts ganz vollkommen Ähnliches angetroffen wird.
[NS.01_016,07]
Diese Verschiedenheit hat aber noch etwas anderes zum Grunde, nämlich, daß
dadurch ein jeder Sonnenmensch, wenn er den Grund und Boden eines anderen
betreten hat, sogleich aus einer oder der andern Pflanze inne wird, wessen
Geistes Kind sein Nachbar (oder ein anderer Grundbesitzer) ist. – Seht, jetzt
haben wir schon die vollkommene Antwort.
[NS.01_016,08]
Im Grunde zeigt sich Ähnliches wohl auch auf den Erdkörpern, wo ein jeder eine
andere Pflanzen- und Baumschule in seinem Garten hat; auch baut er sich ein
anders aussehendes Haus als sein Nachbar. Allein alle diese Verschiedenheiten
erstrecken sich hier nur auf die verschieden angenommene Ordnung, nicht aber
auch auf das Individuelle der Pflanzen, weil diese auf den Erdkörpern aus dem
Samen hervorgehen, in welchem sie schon eine beständige Ordnung haben. In der
Sonne aber gehen sie, wie schon bekannt, aus dem vollkommenen Willen des
Geistes hervor, und richten sich darum auch nach der Ordnung des Geistes, der
sie durch seinen freien Willen hervorruft.
[NS.01_016,09]
Also hätten wir den Grund dieser Verschiedenheit, und wollen nun einen Blick
weiter tun, wie da der Grund eines Sonnenbewohners bestellt ist.
[NS.01_016,10]
Unter jenem Kleinfruchtacker befindet sich ein leerer Kreis, der nicht angebaut
ist und bloß zur Umwandlung (Umgehung) des Kleinfruchtackers dient. Diesen
leeren Kreis begrenzen wieder ziemlich knapp beieinander stehende kleine
Bäumchen, ungefähr in der Art, als da bei euch die Zwergbäume in den Gärten
gezogen werden. Auch diese Bäumchen sind verschiedenartig, so zwar, daß selten
fünf bis sieben einer und derselben Art sind; und tragen daher auch
mannigfaltige Früchte in der Art eurer Birnen, Äpfel, Pomeranzen u. dgl. mehr.
Nur ist daselbst alles vollkommen und jede Frucht von einem überaus großen
Wohlgeschmack.
[NS.01_016,11]
Dieser Bäumchenreihe folgt wieder ein leerer Kreis; dieser ist aber dann
umfangen mit einer Art lebendigem Zaun. Von diesem Zaun erstreckt sich dann in
einer Breite von sieben bis zehn Klaftern eine Wiese mit einem überaus üppig
grünen Graswuchs, wobei das Gras auf einem Grunde stets derselben Art ist.
[NS.01_016,12]
Dieser Kreis ist zur Weide der Schafe bestimmt, welche bei den Sonnenbewohnern
die einzigen Haustiere sind; obschon es in der Sonne allenthalben eine überaus
zahlreiche Menge von Tieren aller Art gibt, – mit alleiniger Ausnahme der
Schlange, welche nur auf einigen Erdkörpern einheimisch ist.
[NS.01_016,13]
Ihr werdet fragen, warum denn da allein nur das Schaf ein häusliches Tier ist?
– Fürs erste, weil es unter allen Tiergattungen das geduldigste und
sanftmütigste Tier ist. Fürs zweite, weil auch die Sonnenbewohner die Milch
dieses Tieres genießen. Und fürs dritte, weil dieses Tier auch in der Sonne mit
seiner reichlichen und überaus feinen Wolle den Menschen den Stoff zu ihren
Kleidungen gibt. – Sehet, darum wird auch nur dieses Tier allein einheimisch
gehalten und für dasselbe eine solche Wiese bereitet.
[NS.01_016,14]
Da wir aber eben zuvor einer zahllosen Menge der Tiere in der Sonne erwähnt
haben, so fragt es sich: Wo halten sich diese auf und wovon leben sie? – Ihr
wißt, daß es in der Sonne, besonders auf diesem Gürtel, auch überaus große,
unübersehbare Ebenen gibt. Sehet, diese Ebenen werden, wie ihr wißt, nie von
Menschen bewohnt, und zwar aus dem sehr tüchtigen Grunde, den ihr zur Genüge
habt kennengelernt bei der Darstellung der Sonnenflecke, oder vielmehr bei der
Darstellung des großen Ausbruches am Äquator der Sonne. Eben diese Ebenen aber
werden von zahllosen, allerverschiedenartigsten Tiergeschlechtern bewohnt.
[NS.01_016,15]
Aber jetzt fragt es sich: Wovon leben sie, da in der Sonne der Pflanzenwuchs
nur durch den Willen der Menschen bedingt ist? – Nichts ist leichter, als auf
diese Frage eine Antwort zu geben, nämlich, daß auch die Ebenen mit allerlei
Gewächsen in der üppigsten Fülle bewachsen sind, und das zwar ebenfalls zufolge
des Willens der Menschen, – aber hier, für die Ebenen, durch die Bitte und
ebenalso durch die innigste Vereinigung mit dem treuerkannten Willen des großen
Gottes. Wie aber werden diese Ebenen demnach bebaut? – Durch den Segen des
obersten Lehrers –, wann auf der höchsten Tempelhöhe sich eine ganze Gemeinde
zur Anbetung des großen Gottes in dem Tempel von 77 Säulen versammelt hat.
[NS.01_016,16]
Sehet, jetzt habt ihr auch diese Frage beantwortet. Aber es steht noch eine
Frage im Hintergrund: Wie verhüten es die Sonnenbewohner, daß das Getier der
Ebenen nicht hinaufsteige zu ihnen und allda leichtlich ihre edlen Gründe
beschädige? – Solches verhüten die Sonnenbewohner dadurch, daß sie eben in
solchem gemeinschaftlichen Wirken alle Hügelländer durch unübersteigliche,
lebendige Zäune von den Ebenen nach allen möglichen Richtungen hin rein
absperren. Dieser lebendige Zaun besteht aus lauter dicht aneinandergestellten,
nicht selten bei tausend Klafter hohen, säulenartigen Baumstämmen, welche nur
zuoberst mit sehr buschigen Kronen versehen sind, die auch in sehr großer Menge
solche Früchte tragen, welche zur Nahrung der Tiere tauglich sind.
[NS.01_016,17]
Diese Einzäunungen laufen nicht selten in einer geraden Linie längs des Fußes
eines oder des andern Hügels mehrere hundert Meilen fort, bis sie sich dann
nach einer andern Richtung hinbeugen. Die Kronen dieser Bäume haben fortwährend
ein hellgrünes Laub; die Stämme aber sind von der Erde an dunkelrot und
verlieren sich bis zur Krone ins gänzlich Blaß-Lichtrote, welches dann auch
einen überaus reizend schönen Anblick gewährt.
[NS.01_016,18]
Nun wüßten wir, wie die Tiere versorgt sind; daher wollen wir wieder zu unserem
Hausgrund zurückkehren und daselbst sehen, was nach der Wiese folgt.
[NS.01_016,19]
Diese Wiese ist auf der unteren Seite über dem lebendigen Zaun mit einem Wall
umgeben, auf welchem in der Richtung der Haussäulen springende Quellen
angebracht sind. Ihr werdet auch hier schon wieder fragen: Wo nehmen denn die
Sonnenbewohner alsogleich das Wasser her, um dasselbe, wo sie es nur haben
wollen, aus diesem Walle emporspringen zu lassen? –
[NS.01_016,20]
Es ist für die Sonnenbewohner eben nichts leichter als das. Sie stecken eine
bei zehn Klafter lange Röhre also in das Erdreich, daß die Röhre noch etwa eine
Klafter über den Erdboden hervorragt. Und alsogleich sammelt sich von dem
überaus saftigen Sonnenerdboden so viel Wasser in der in die Erde gesteckten
Röhre, welche zu dem Behufe, soweit sie in die Erde gesteckt wird, von allen
Seiten mit einer Menge kleiner runder Öffnungen oder Löchelchen versehen ist,
welche dann begierig die häufige Feuchtigkeit des Erdreichs in den Hauptkanal
der Röhre passieren lassen, durch welchen Kanal dann diese in der Röhre
reichlich angesammelten Feuchtigkeiten als eine ziemlich hoch springende Quelle
sich zum Bedarf der Menschen und Tiere ergießen.
[NS.01_016,21]
Unter diesem Walle ist dann der sogenannte, bei zehn Klafter breite
Brotacker-Kreis. Warum wird er denn Brotacker-Kreis genannt? – Weil auf diesem
Acker eine Art Frucht wächst, welche einzig und allein nicht vom menschlichen
Willen erzeugt wird; sondern auf diesem Kreise rührt die Frucht, welche
ungefähr eurem Weizen ähnlich ist, unmittelbar von dem Willen Gottes her. Daher
wird auch dieser Acker als ein Heiligtum betrachtet.
[NS.01_016,22]
Es wird auch hier kein Same gesät; sondern der Acker wird zu dem Behufe
eingerichtet, und wann er die Frucht tragen soll, so wird darum eigens gebetet,
welches bei den Sonnenbewohnern allzeit unter einer besonders großen
Feierlichkeit geschieht. Nach dieser Feierlichkeit durchgeht der Hausvater
segnend diesen Acker, und ihm folgen nach der Ordnung alle seine
Familienglieder nach. Solcher Umgang geschieht sieben Male. Alsdann wird dem
großen Gott ein allgemeines Lob-, Preis- und Dankgebet dargebracht, – und also
ist der Brotacker bestellt.
[NS.01_016,23]
Dieser Brotacker ist aber zuunterst umfangen mit einem überaus prachtvollen und
künstlichen Geländer; und dieses Geländer ist dann auch zugleich die Grenze
eines Grundes.
[NS.01_016,24]
Ihr werdet hier freilich fragen: Aber warum ist denn dieser am meisten
geheiligte Acker am weitesten vom Wohnhause abstehend angebracht? Denn es
sollte ja doch sinnbildlich dasjenige, was mehr rein göttlicher Art ist, dem
Menschen näherliegen als alles, was da nur seiner eigenen Art ist. – Durch
diese Frage philosophiert ihr zwar eben nicht so übel; aber die Sonnenbewohner
philosophieren in dieser Hinsicht noch besser, denn sie zeigen dadurch an, daß
das Göttliche nicht nur den Zentralpunkt der Wohnung erfaßt, sondern auch alles
Äußere umfaßt. Also soll auch der Mensch in seinem Innersten einen Thron zur
Wohnung des göttlichen Geistes errichtet haben und soll dann auch von eben
diesem Geiste alle seine Gedanken, Begierden und Handlungen ergreifen lassen,
damit er dadurch in allem, – wie im Innern, so auch im Äußern, – ein Mensch
vollkommen nach dem Willen des großen Gottes sei.
[NS.01_016,25]
Sehet, dieses alles besagt nichts mehr und nichts weniger, als daß die Menschen
vollkommen nach Meinem Willen leben und handeln sollen, das heißt, sie sollen
sich von Meinem Geiste erfassen und bis ins Innerste durchdringen lassen, –
nicht aber, wie es jetzt so viele gewisserart „Bessere“ tun, sich mit der
alleinigen Erkenntnis Meines Willens begnügen, was aber ihre Handlungen
anbetrifft, da solle Ich es Mir gefallen lassen, daß sie Mich neben ihren
Welthandlungen einherzögen. Sehet, bei solchen Menschen da macht nicht dieser
Brotacker die äußere Umfassung; sondern nur ein reiner Weltacker, der keine
Früchte Meines Willens trägt, sondern Früchte des Eigennutzes, der Welt, des
Verderbens und des Todes!
[NS.01_016,26]
Aus dieser kurzen Darstellung möget ihr es nun wohl erkennen, daß die
Sonnenbewohner durchaus bessere Philosophen sind, als ihr es seid. Denn die
Ordnung, welche sie in ihrer Häuslichkeit beobachten, ist, selbst sinnbildlich
genommen, doch sicher mehr Meiner Ordnung gemäß als die, welche ihr in Hinsicht
auf eure häuslichen Einrichtungen und Anordnungen verwendet. Es kann zwar bei
euch auf eurem Planeten keine solche äußere Ordnung beobachtet werden, und es
liegt im Hauptgrunde auch eben nicht gar zu viel daran. Dessenungeachtet aber
lasse Ich euch nun dennoch solches beschauen, damit ihr dadurch euren geistigen
Grund danach bestellen möchtet! Solches sollet ihr demnach recht wohl beachten.
Und so wollen wir denn fürs nächste noch die verschiedenen Amtshäuser und
Tempel durchblicken und uns sodann zu den allgemeinen und häuslichen
Verfassungen der Bewohner dieses Gürtels wenden.
17. Kapitel –
Schul-Amtshäuser auf dem Mittelgürtel.
[NS.01_017,01]
Was die Amtshäuser betrifft, so stehen diese nicht so auf den Hügeln wie die
Wohnhäuser, sondern mehr in den Gebirgstälern, und das aus dem sehr weisen
Grunde, damit die Zöglinge, welche in solchen Amtshäusern für ein oder das
andere Fach unterrichtet werden, durch die reizenden Aussichten nicht zerstreut
werden.
[NS.01_017,02]
Damit ihr euch aber von der Lage solcher Amtshäuser eine desto bessere
Vorstellung machen könnet, so wird es notwendig sein, die Hügelländer der Sonne
vor euren Augen ein wenig mehr anschaulich darzustellen.
[NS.01_017,03]
Die Hügel in der Sonne sind von dreifacher Art: Erstens die allgemeinen Hügel,
welche sich in unabsehbaren Ketten gleich den Gebirgszügen auf eurer Erde nach
allen Richtungen über diesen Sonnengürtel hin ausbreiten. – Zweitens die
verschiedenen Höhepunkte der Scheitel dieser Hügel, welche ungefähr also
aussehen, als wenn ihr nahezu regelmäßig runde, aber sehr abgestumpfte Kegel
pyramidenartig aneinanderreihen möchtet, so daß endlich aus mehreren solchen
Kegeln eine Pyramide zustande käme. Und endlich drittens die einzelnen
Tuberkeln, welche alldort auch die Brüste der Hügel genannt werden. Diese
dienen dann gewöhnlich zu Wohnstätten, das heißt, über ihnen werden die
Wohnhäuser erbaut; und das übrige eines solchen Kleinhügels wird dann zu dem
euch schon bekannten Grunde verwendet, bei dem, wie schon einigermaßen
bekanntgegeben, nach eurem Maße ungefähr ein halbes Joch auf eine Person
gerechnet wird. Diese Gründe sind in ihrer äußern Umfassung, so wie die Hügel,
gewöhnlich zirkelrund, wodurch es dann auch gewöhnlich geschieht, daß drei,
manchmal auch vier solcher Gründe aneinanderstoßen, und das gewöhnlich in der
Tiefe, das heißt, im kleinen Tal zwischen drei oder vier Hügeln.
[NS.01_017,04]
Da sich aber die Kreise nur auf einem Punkte berühren können, so geschieht es
dann, daß zwischen drei oder vier zusammenstoßenden Gründen ein freier,
unbesessener Raum zustande kommt. Sehet, auf eben diesen freien, unbesessenen
Räumen werden dann die Amtshäuser errichtet.
[NS.01_017,05]
Einige Amtshäuser sind kleiner als die gewöhnlichen Wohnhäuser; einige aber
auch nach Bedarf größer. Denn die Kleinamtshäuser sind nur für den
Elementarunterricht der Kinder bestimmt; daher sind sie auch gewöhnlich kleiner
und ihre Einrichtung ganz einfach. Nur so viel ist zu merken, daß es zweierlei
Arten der kleinen Amtshäuser gibt, nämlich die eine zum Unterricht für Knaben,
und die andere zum Unterricht der Mädchen. Diese zwei Arten unterscheiden sich
nur dadurch, daß um die Amtshäuser zum Unterricht der Mädchen zwischen den
Säulen kleine runde Blumengärtchen angelegt sind, während die Amtshäuser zum
Unterricht der Knaben ganz einfach dastehen.
[NS.01_017,06]
Übrigens ist die Einrichtung dieser Amtshäuser fast ganz dieselbe wie die der Wohnhäuser;
nur ist alles ganz einfach und ohne Verzierung, welches soviel sagen will, als
daß die Schüler auch noch ihren Erkenntnissen nach sehr einfach und ohne innere
geistige Ausschmückung sind. Und die Amtshäuser zum Unterricht der Mädchen
zeigen durch die kleinen Blumenbeetchen den Mädchen an, daß sie sich auch dem
Äußeren nach reinlich und zierlich gestalten sollen, damit dadurch in ihnen ein
wohlgefälliger und anziehender Geist herangebildet werde.
[NS.01_017,07]
Das ist sonach die erste Art der Amtshäuser. Diese aber werden etwa nicht von
den Amtsleuten oder Lehrern bewohnt, sondern die Wohnung eines Amtmannes oder
Lehrers befindet sich ebenfalls auf einem dem Amtshause zunächst gelegenen
Hügel.
[NS.01_017,08]
Wodurch unterscheidet sich denn sonach die Wohnung eines Amtmannes von der
Wohnung eines andern Menschen, der da kein Amtmann ist? – Sie unterscheidet
sich in gar nichts anderem als nur in dem, daß von ihr, wie ihr zu sagen
pflegt, linea recta ein Weg bis zum Amtshause gerichtet ist, während die Wege
von den andern Häusern gerade auf diejenigen Punkte zu gerichtet sind, in denen
sich die Grundkreise berühren. Übrigens ist die Einrichtung eines amtmännischen
Wohnhauses ganz dieselbe, wie die eines jeden andern Menschen.
[NS.01_017,09]
Welche Kinder besuchen denn den Unterricht eines solchen Amtshauses? – Die
Kinder der nächsten Umgebung nur; etwa von drei, vier bis fünf Wohnhäusern.
[NS.01_017,10]
Und wie lange dauert denn ein Unterricht auf einmal? – Nie länger als höchstens
fünfhundert Pendelschwingungen. Sodann werden wieder gegen fünftausend
Pendelschwingungen freigelassen. Und also setzt sich dieser Unterricht fort, –
so lange, bis die Kinder die Elementargegenstände vollkommen innehaben, welche
in nichts anderem bestehen, als daß den Kindern gewisse kleine Gesetze gegeben
werden, welche sie beobachten müssen.
[NS.01_017,11]
So wird zum Beispiel einem oder dem andern Kinde untersagt, diesen oder den
andern Gegenstand anzusehen, sondern seine Augen so lange abzuwenden, bis der
Amtmann sieht, daß es dem Kinde durchaus keine Anstrengung mehr kostet, einen
solchen Gegenstand völlig unbeachtet zu lassen. Die Kinder werden darum auch
durch verschiedene Reizmittel versucht, das Gesetz zu übertreten; so werden zu
dem Behufe bald hier bald dort, wohin einem Kinde zu schauen verboten ist,
Schauspiele gegeben, bei welcher Gelegenheit es dann die Kinder sehr viele
Anstrengung und Selbstverleugnung kostet, ihre schaulustigen Augen davon
abzuwenden; allein mehrfache Übung gibt den Meister. Also ist es auch hier der
Fall; die Kinder vergessen sich wohl zu öfteren Malen, werden dann wieder
ernstlich ermahnt und bei oftmaligen Fällen der Übertretung mit kleinen,
passenden Strafen belegt, – und so wird nach und nach der weise Zweck erreicht.
[NS.01_017,12]
Können die Kinder einmal ein Gebot halten, so wird ihnen ein zweites ähnliches
hinzugegeben; und geht es mit diesem, so wird noch ein drittes, viertes,
fünftes und so fort bis zu zehn, oft bis zu dreißig Gesetzen hinzugesetzt.
[NS.01_017,13]
Haben die Kinder auf diese Weise gelernt, ihre Augen im Zaume zu halten, dann
müssen sie auf dieselbe Weise die Zunge im Zaume halten lernen. Da wird von dem
Lehrer ein jedes Kind genau beobachtet, was etwa das Lieblingsthema seiner
Zunge ist. Solches wird dann dem Kinde auf längere Zeit auszusprechen
untersagt. Kann das Kind endlich sich auch in diesem Punkte verleugnen, sodann
erforscht der Lehrer wieder eine andere Neigung in ihm und untersagt ihm das
auf die passendste Weise.
[NS.01_017,14]
Sehet, in solchen Dingen besteht alldort der Elementarunterricht, der keinen
andern Zweck hat, als den, daß dadurch den Kindern ihr eigener Wille auf die
zweckmäßigste Art genommen wird, und sie dadurch ganz willenslos und eben
dadurch wohlbereitete Gefäße zur Aufnahme des göttlichen Willens werden,
welcher dann schon in einem höheren Amtshause vorgetragen und gelehrt wird.
[NS.01_017,15]
Wie die Kinder in diesem Elementar-Amtshause gewisserart von aller äußeren
Tätigkeit abgehalten und dadurch alle ihre äußeren Sinne, ihre Gedanken und sonach
auch ihre Begierden gefangengenommen werden, also wird ihnen in dem nächst
höheren Amtshause wieder eine Tätigkeit um die andere nach dem Willen des
großen Gottes zu erfüllen vorgelegt. Aus diesem Grunde sind denn auch diese
Amtshäuser der zweiten Art schon nicht mehr so einfach wie die der ersten Art,
obschon sonst ihre Einrichtung ganz ähnlich ist der Einrichtung in den
Wohnhäusern.
[NS.01_017,16]
Die Verzierungen in diesen größeren Amtshäusern, welche gewöhnlich auf jenen
Stellen errichtet sind, wo sich vier Gründe, manchmal auch fünf berühren,
richten sich allzeit nach der vorgeschriebenen Tätigkeit der Schüler. – Worin
besteht denn diese Tätigkeit? – Diese besteht in nichts anderem als in der
Fixierung mannigfaltiger Dinge.
[NS.01_017,17]
So wird zum Beispiel einem oder dem andern Schüler ein Ding gezeigt; dieses muß
er längere Zeit hindurch nach allen dessen Teilen unausgesetzt beobachten und
muß sodann dem Amtmanne alles kundgeben, was er an dem Dinge bemerkt hat. Wenn
er mit der Kundgabe fertig ist, so wird er abermals angehalten, eben dasselbe
Ding noch schärfer zu beobachten und wohl zu prüfen, ob er bei der ersten
Beobachtung nichts übersehen habe. Nach solcher zweiten Beobachtung gibt dann
der Schüler wieder kund, was bei der ersten Beobachtung seiner Aufmerksamkeit
entgangen ist.
[NS.01_017,18]
Ist es jetzt etwa schon gut? – O nein; der Amtmann verweist den Schüler oft
zehn, zwanzig bis dreißig Male auf einen und denselben Gegenstand. Ihr fraget
hier freilich wohl: Aber wozu soll denn das gut sein? Man kann auf einem Dinge
ja doch nicht mehr finden, als dasselbe beim ersten Durchschauen auf seiner
Oberfläche zu beschauen darbietet. Ich sage aber: Diese Beschauung ist nur eine
höchst oberflächliche und nützt keinem Menschen etwas für seinen Geist; denn
also kann auch jedes Tier ein Ding beschauen.
[NS.01_017,19]
Durch das öfter angenötigte Beschauen aber wird der Beschauer selbst genötigt,
in seinem Geiste die verschiedenen Beziehungen, Verbindungen und Ergreifungen
durchzumustern, und gewöhnt sich dadurch die Festigkeit und Bestimmtheit in
seinem Blicke an, welche für den überaus flüchtigen Geist auch ebenso überaus
notwendig ist. – Sehet, in solchen Übungen besteht demnach die Schule dieses
zweiten Amtshauses.
[NS.01_017,20]
Wenn die Schüler in der Beobachtung solcher Gesetze und noch vielmehr in der
Tätigkeit nach denselben vollkommen wacker durchgeübt worden sind, sodann erst
werden sie in ein drittes Amtshaus aufgenommen, welches nicht mehr in der
Tiefe, sondern schon auf irgendeiner (vor den mit den gewöhnlichen Wohnhäusern
bestellten Hügeln) mehr ausgezeichneten Höhe sich befindet.
[NS.01_017,21]
Ein solches Amtshaus ist schon von einer bedeutenden Größe und hat gewöhnlich
vier Dächer, das heißt, solche Pyramidendächer, wie wir sie über den Wohnhäusern
kennengelernt haben. Ein solches Amtshaus führt allda einen Namen, der ungefähr
soviel besagt als das Wort ‚Gymnasium‘ bei euch. – Was wird denn hier gelehrt?
– Hier wird gewisserart die Analytik aller der sichtbaren Dinge vorgenommen und
den Schülern darin überall die göttliche Ordnung gezeigt.
[NS.01_017,22]
Aus diesem Grunde aber ist auch das Innere wie das Äußere eines solchen
Amtshauses so überaus ordnungsmäßig prachtvoll eingerichtet, daß ihr euch davon
wohl nicht leichtlich auch nur einen allerleisesten Begriff machen könntet.
Denn fürs erste sind die hundert Säulen, auf denen die vier Dächer eines
solchen Amtshauses ruhen, durchgehends mit erhabenen plastischen Arbeiten
verziert, welche so kunstvoll ausgeprägt sind, daß sie so erscheinen, als wenn
sie lebendig wären. Diese Arbeiten oder Verzierungen der sonst höchst genau
viereckigen Säulen haben Ähnlichkeit mit den ägyptischen Hieroglyphen. Der
Unterschied besteht darin, daß alle die Bilder ins Unaussprechliche vollendeter
und vielfältiger sind als die Hieroglyphen Ägyptens.
[NS.01_017,23]
In der Mitte eines solchen Amtshauses sind vier große Pfeiler aufgestellt,
welche zum Teil das Dachgebälk tragen helfen; zum Teil aber (nämlich insoweit
sie vom Boden bis zur Dachlinie reichen) sind sie mit höheren Verzierungen
geschmückt, welche schon Beziehungen auf das Wirken des großen Gottes in sich
fassen.
[NS.01_017,24]
Die Säulen, von denen jede bei zwei Klafter im Durchmesser und eine Höhe von
zwanzig Klaftern hat, sind aus einer Masse verfertigt, welche also aussieht,
wie bei euch der sogenannte Karneolstein. Die Verzierungen aber sind wie von
allerlei edelsten Steinen auf denselben angebracht. Die Füße der Säulen sind
rund und aus einer Masse, die da aussieht wie glühendes Gold. Die Kapitelle der
Säulen aber sind von einer Masse, die da also aussieht wie ein Amethyst.
[NS.01_017,25]
Über den Kapitellen sind große, weiße Kugeln angebracht, welche mit den
schönsten Bogen von Säule zu Säule verbunden sind. Über diesen Bogen ruhen erst
die Dachtragbalken, welche ebenfalls aus einer Masse verfertigt sind, die da
aussieht wie ein recht feuriger Rubin. Sodann erst erheben sich die
eigentlichen Dachbäume, welche hier nicht schwarz, wie in den Wohnhäusern,
sondern dunkelviolettblau gefärbt sind.
[NS.01_017,26]
Kurz und gut, es herrscht in einem solchen Amtshause eine für euch kaum
begreifliche Gleichmäßigkeit in allem. Eines harmoniert mit dem andern, und bei
der überaus großen Fülle der herrlichsten Verzierungen ist dennoch nirgends
eine Überladung. Selbst der Boden ist so gemacht, daß er ungefähr dem
sogenannten Mosaik bei euch gleicht. Nur ist allda keine erhabene Figuration,
sondern die Figuration gleicht den feinsten Miniaturgemälden bei euch; und ein
jeder Gegenstand ist so überaus täuschend nachgebildet, daß ihr selbst bei der
äußerst nahen Betrachtung euch nicht der völligen Täuschung erwehren könntet,
zu glauben, dieses alles sei erhaben da und sei eine vollkommen plastische
Arbeit.
[NS.01_017,27]
Übrigens sind ebenfalls auch hier vor den Säulen, so wie in den Wohnhäusern,
die prachtvollsten Ruhesitze angebracht. Und da ein solches Amtshaus
gewisserart aus vier Abteilungen besteht (was von den vier Dächern zu entnehmen
ist), so befindet sich unter einem jeden Dach in der Mitte eine uns schon
bekannte, prachtvoll aufgeführte Schneckenwendel-Pyramide, welche ebenso
eingerichtet ist, wie wir sie in den Wohnhäusern kennengelernt haben.
[NS.01_017,28]
Außerhalb dieses Amtshauses, welches von dem Amtmanne samt seiner Familie für
gewöhnlich bewohnt wird, sind auch diejenigen Grundabteilungen und Bestellungen
in derselben Ordnung, nur in größerer Ausdehnung vorhanden, wie wir sie
ebenfalls bei den gewöhnlichen Wohnhäusern kennengelernt haben.
[NS.01_017,29]
Der ganze Grund um ein solches Amtshaus hat nach eurer Messung nicht selten
einen Flächenraum von tausend Jochen; aber deswegen kommt für eine Person doch
nicht mehr als ein halbes Joch zur Benutzung. Ihr werdet hier fragen: Warum
denn da so viel Grundstück für einen Amtmann, dessen Familie doch sicher nicht zahlreicher
ist als die eines andern Hauses?
[NS.01_017,30]
Die Ursache ist ganz einfach, nämlich, weil sämtliche Schüler einer solchen
Anstalt allda auch so lange wohnen, bis sie ihre Schule vollkommen durchgemacht
haben. Denn hier müssen sie gar viel kennenlernen, – nämlich, wie ihr schon
gehört habt, die Ordnung Gottes in all den verschiedenen Dingen; oder: sie
müssen hier gewisserart lesen lernen in dem großen Buche der göttlichen Natur,
aus welchem Grunde auch alle die vorerwähnten Verzierungen in einem solchen
Amtshause angebracht sind.
[NS.01_017,31]
Damit ihr euch aber wenigstens einen leisen Begriff davon machen könnt, so will
Ich euch bloß nur die Bedeutung einer Säule ganz flüchtig und kurz kundgeben. –
Der runde Fuß bedeutet die Kraft Gottes oder die Stärke Seines Willens, welcher
da ist ein ewiges Fundament aller Dinge. – Die darauf ruhende, viereckige Säule
bedeutet die von diesem Grundfundament ausgehende Kraft, welche die Stütze des
Himmels und aller geschaffenen Dinge ist. – Die geschaffenen Dinge sind
sinnbildlich durch die Verzierungen um die Säule angebracht und haben
Beziehungen untereinander wie auch auf die Kraft, welche sie hervorbringt und
trägt. Denn solches müßt ihr auch wissen, daß derlei Verzierungen nicht etwa
durch Menschenhände auf den Säulen verfertigt und angebracht sind, sondern
lediglich nur durch den höheren Willen des großen Gottes, welcher sich
ausspricht im vollkommen gereinigten Herzen eines Menschen. – Die Kapitelle
einer solchen Säule bedeuten die Weisheit; die Kugeln über denselben die
Unerforschlichkeit derselben in Gott. Die Bogen aber, welche diese Kugeln
verbinden, bezeichnen die unergründlichen Wege, durch welche die Weisheit
Gottes alles in der allerhöchsten Ordnung durchschaut und verbindet; und diese
Ordnung ist dann die erhaltende Trägerin der ganzen Unendlichkeit.
[NS.01_017,32]
Sehet, das ist so nur ein ganz flüchtiger Abriß, aus welchem ihr entnehmen
könnt, in welchem Sinne ein solches Amtshaus in allen seinen Teilen errichtet
ist, – welches alles dann die Schüler in solcher Ordnung durch die gerechte Anleitung
aus sich heraus erkennen lernen müssen. Möchte euch ein solches Gymnasium nicht
besser gefallen als euer lateinisches auf der Erde? – Sehet, das ist eine
gerechte Schulanstalt!
[NS.01_017,33]
Einst bestanden solche Schulen auch auf eurer Erde; aber die menschliche
Habsucht hat sie von diesem Boden völlig verdrängt. Und so gebe Ich euch darum
hier wieder eine Anleitung aus der Sonne, damit ihr daraus ersehen möchtet, wie
eine gerechte Schule zur lebendigen Bildung des menschlichen Geistes solle beschaffen
sein; welches ihr aber im ausgedehnteren Sinne erst bei der nächsten
Darstellung der Tempel kennenlernen werdet. – Und somit lassen wir es für heute
auch wieder gut sein!
18. Kapitel –
Tempel einfacher Art auf dem Mittelgürtel.
[NS.01_018,01]
In welchem Ansehen steht denn ein Tempel in der Sonne – das heißt, zunächst der
erste Tempel auf einer der untersten Höhen (auf denen noch zwei andere Tempel
vorkommen, die wir erst später kennenlernen werden)?
[NS.01_018,02]
Ein solcher Tempel der ersten Art steht dort in dem Ansehen einer allgemeinen
Volksschule, in welche von dem vorbeschriebenen Amtshause aus übergegangen
wird. Ihr müßt aber nicht etwa denken, daß da nur von einem solchen Amtshause
die Schüler in einen solchen Tempel übertreten; sondern ein solcher Tempel ist
eine Aufnahme von nicht selten dreißig bis vierzig solchen Voramtshäusern; aus
welchem Grunde denn auch ein solcher Tempel von einer außerordentlichen Größe
ist, und es auch sein muß, um nicht selten mehrere tausend Schüler in sich aufzunehmen.
[NS.01_018,03]
Ein solcher Tempel hat nicht mehr eine runde Form, sondern seine Form ist
vielmehr die eines Schiffes bei euch. Denn wäre er in die Runde gebaut, so
würde das bei der Bedachung sehr viele Schwierigkeiten absetzen. Da er aber in
einer solchen eirunden Form erbaut ist, so macht die Bedachung desselben
ebensowenig Schwierigkeiten als die eines gewöhnlichen Wohnhauses.
[NS.01_018,04]
Wodurch oder wonach aber wird die Größe eines solchen Tempels bestimmt? – Die
Größe eines solchen Tempels wird nach der Zahl der Säulen bestimmt, aus denen
er besteht. – Ist die Zahl der Säulen gleich bei allen Tempeln dieser ersten
Art? – Nein, sondern sie richtet sich nach der Gegend, je nachdem diese mehr
oder weniger Wohnhäuser, dann kleine Amts- und Voramtshäuser besitzt. Daher
kann ein solcher Tempel im geringsten Fall aus tausend, im höchsten Fall aber
aus zehntausend Säulen bestehen. – Die Säulen eines solchen Tempels sind fürs
erste um vieles höher und auch viel umfangreicher als die eines Wohnhauses, und
sind zumeist von einer lichtgrünen, durchsichtigen Masse und im einfachen Stil
ganz rund.
[NS.01_018,05]
Übrigens aber ist der Baustil auch bei den Tempeln sehr verschieden, wenn sie
auch einer und derselben Art und für einen und denselben Zweck bestimmt sind.
Demnach gibt es auch Tempelsäulen wie Pyramiden aussehend; wieder gibt es
Tempelsäulen, die da bestehen aus einer Menge Stäbe; wieder gibt es Säulen, die
also aussehen, als wären plattgedrückte Kugeln aufeinander aufgestellt; auch
gibt es Säulen, die sich in wolkenähnlicher Form übereinander erheben; also
gibt es auch wieder Säulen, die wie umgekehrte Kegel aussehen, nämlich da die
breite Seite in der Höhe und die spitze Seite sich zuunterst befindet. Und so
gibt es noch zahllose Formen, in denen solche Säulen zur Stütze der Dachung
aufgeführt sind.
[NS.01_018,06]
Diese Tempel sind schon wieder um vieles erhabener und prachtvoller als die
Voramtshäuser, besonders der letzthin bekanntgegebenen Art, in denen die
Schüler Meine Ordnung kennenlernen müssen. Diese Tempel haben sonach auch
mehrere Dächer, worunter aber dasjenige Dach, durch welches des Tempels Mitte
gedeckt wird, das bei weitem höchste ist; und ist an dessen höchster Spitze
eine überaus große Fahne angebracht zum Zeichen des Sieges, welchen die
Menschen in diesem Tempel zu erringen haben. Die andern pyramidenartigen Dächer
aber sind stufenweise niederer. Und zu jeder Seite der mittleren, hohen
Dachpyramide sind je sieben und sieben angebracht, so zwar, daß dann solche
Dächer mit ihren Spitzen gegen die Spitze des mittleren Hauptdaches ebenfalls
eine Pyramide bilden.
[NS.01_018,07]
Die Spitzen der Dächer sind zwar auch mit Fahnen verziert, aber die Fahnen
nehmen, gegen die mittlere Fahne betrachtet, also an der Größe ab, wie die
Dächer an der Höhe abnehmen. Übrigens sind auch diese Tempeldächer eben auf
dieselbe Art angebaut, wie die Dächer der Wohnhäuser. Die Höhe des mittleren
Daches dürfte nach Umstand der Größe des Tempels wohl manchmal bei tausend
Klafter eures Maßes betragen; niederer als fünfhundert Klafter aber ist es nie.
Nach der Höhe der mittleren Dachspitze richten sich dann auch die andern
Dachspitzen.
[NS.01_018,08]
Ihr werdet hier freilich fragen: Aber wie können denn die Sonnenbewohner so
entsetzlich lange Dachbalken über den Säulen pyramidalförmig aufstellen, und
woher beziehen sie solche tausend Klafter lange Bäume? – Hier muß ich euch
sogleich bemerken, wie solches schon bei einer früheren Gelegenheit bemerkt
wurde, daß die Sonnenbewohner dergleichen nicht mit ihren Händen verfertigen,
sondern alles mit der Kraft ihres Willens. Sie müssen zwar solche Dachbäume
früher aus dem Erdboden ziehen, welches, wie ihr wißt, durch ihren Willen
geschieht. Also müssen sie auch die Säulen zustande bringen. Sind aber alle
diese Sachen, die zum Bau eines solchen Tempels erforderlich sind, einmal
erzeugt, alsdann werden sie durch die Vereinigung des Willens mehrerer, oft
sehr vieler Menschen, zu einem solchen Bau geordnet. Und der Bau selbst wird
dann durch die Vereinigung des Willens aufgeführt.
[NS.01_018,09]
Dessenungeachtet aber gibt es bei einem solchen Tempel dann dennoch
Verrichtungen, welche die Sonnenmenschen mit ihren Händen vollziehen. Zu diesen
Verrichtungen gehört das Eindecken des Daches und das inwendige Färben
desselben. Dann gehört noch zu den Verrichtungen der Hände die Ausmessung und
das darauf folgende Ebnen des Bodens. Das sind demnach Verrichtungen der Hände.
[NS.01_018,10]
Wie lange dauert denn ein solches Gebäude? – Wenn es nicht durch irgendein
verabsäumtes und zu spät beobachtetes Naturereignis sich fügt, daß solche
Tempel, wie auch andere Gebäude, beschädigt oder manchmal zum Teil oder ganz
zerstört werden, so stehen sie da wie für eine Ewigkeit; denn dort wird nichts
faul und mürbe, sondern alles bleibt in einer beständigen Frische und
Gediegenheit, so wie es war bei seinem ersten Entstehen.
[NS.01_018,11]
Nun wüßten wir, was es mit dem Bau und somit auch mit der äußeren Form eines
solchen Tempels für eine Bewandtnis hat; daher wollen wir nun dessen Inneres
und sodann dessen äußere Umgebung ein wenig in Augenschein nehmen.
[NS.01_018,12]
Die majestätische Höhe eines solchen Tempels ist zuerst zu beachten; denn die
Säulen, welche hier die Dachungen tragen, sind nach der Größe des Tempels auch
hundert bis fünfhundert Klafter hoch und sind verhältnismäßig dick und
umfangreich. Die Fußgestelle der Säulen sind allzeit vollkommen kreisförmig
rund und haben, wie ihr zu sagen pflegt, vom Boden angefangen bis zu ihrer
Säulentragfläche sieben Wülste, wovon jeder Wulstkreis bei vier Schuh in der
Höhe mißt, und ist ein solches Fußgestell einer Säule ebenfalls verhältnismäßig
zur Säule selbst. Diese Gestelle sind bei den Tempeln zumeist fest, aber sonst
dennoch von einer halbdurchsichtigen Masse von blauer Farbe. Die Säulen sind
durchaus weiß; aber dafür mit den verschiedenfarbigsten erhabenen Verzierungen
belegt.
[NS.01_018,13]
Die Säulen eines solchen Tempels gehen nicht ohne Unterbrechung bis zur Dachung
hinauf, sondern sind zugleich Träger dreier Galerien, welche sich längs der
Säulenreihe innerhalb des ganzen Tempels herumziehen, mit den allerprachtvollst
gearbeiteten Geländern versehen.
[NS.01_018,14]
Wie kommt man aber auf diese Galerien? – Ihr werdet es sogleich sehen. – Statt
den pyramidalen Ruhebänken innerhalb der Säulen befindet sich eine
Schneckenwendel-Pyramide, deren sich immer höher ziehende Stufen ebenfalls mit
den allerzierlichsten Geländern umfangen sind. Wenn man auf dieser
Schneckenwendel-Pyramide die Höhe einer Galerie erreicht hat, so zieht sich von
der Pyramide ein überaus zierlicher Gang, auf welchem man dann auf die Galerie
gelangen kann. So ist eine jede Galerie durch einen Gang mit einer solchen
Schneckenwendel-Pyramide verbunden.
[NS.01_018,15]
Aus welcher Masse ist denn eine solche Pyramide? – Die Pyramide selbst ist aus
einer Masse, die da aussieht wie blaßrot gefärbtes Glas, vollkommen
durchsichtig. Die Geländer sind wie von massivem Golde, in allerlei der
schönsten Zieraten gewunden, welche dann wieder an ihren Ausläufern verziert
sind mit allerlei wunderbar schönen und bedeutungsvollsten Formen, welche da
verschiedenfarbig sind und das Aussehen haben wie die alleredelsten Steine bei
euch, wenn sie selbstleuchtend wären.
[NS.01_018,16]
Aus einem eben solch massiv-goldigartigen Stoff besteht der Gang, der ebenfalls
mit doppelten Geländern versehen ist von der Schneckenwendeltreppe bis zur
Hauptgalerie.
[NS.01_018,17]
Die Hauptgalerien sind natürlicherweise ebenfalls mit Geländern versehen, und
zwar nach innen wie nach außen. Diese Hauptgaleriegeländer aber bestehen aus
lauter Brillantpyramiden, das heißt, die Pyramiden sind aus einer Masse
gezogen, welche also leuchtet, wie ein großer, geschliffener Diamant bei euch,
wenn er sich in den Strahlen der Sonne befindet. Diese Pyramiden sind zwischen
einem jeden Gange also aneinandergereiht, daß sie sich zuunterst berühren, und
sind zuoberst mit einer wie massivgoldenen, in das höchste Laubwerk
verschlungenen Lehne verbunden, welche Lehne ebenfalls von Gang zu Gang (der
von der Schneckenwendel-Pyramide bis zur Hauptgalerie sich erstreckt) gedehnt
ist; denn ununterbrochen kann sie ja nicht fortlaufen. Wäre solches der Fall,
so müßte man ja, um von einem Gange in die Hauptgalerie zu gelangen, über ein
solches Geländer steigen; darum muß alsdann, sooft ein solcher Gang von einer
Schneckenwendeltreppe in eine oder die andere Hauptgalerie leitet, das Geländer
der Hauptgalerie unterbrochen sein. Solches versteht sich freilich nur ins
Innere des Tempels genommen; nach außen aber läuft dasselbe Pyramidengeländer
mit einer noch massiveren Lehne ununterbrochen fort.
[NS.01_018,18]
Die Hauptgalerie ruht auf regenbogenartigen Bogen, welche sich von Säule zu
Säule erstrecken. Diese Bogen spielen äußerst lebhaft vollkommen die Farben
eines Regenbogens.
[NS.01_018,19]
Innerhalb der Wendeltreppen-Pyramiden befinden sich auf dunkelroten, erhabenen,
viereckigen Platten, ebenfalls wieder auf einem Würfelgestelle, ähnliche
Pyramiden, wie wir sie in den Wohngebäuden hinter den Säulen kennengelernt
haben.
[NS.01_018,20]
Die würfelartigen Gestelle, welche mit ihrer Fläche über eine halbe Klafter
über die Pyramide nach allen Seiten hinausreichen, werden zu Ruhebänken
gebraucht. Wenn nämlich die Zeit der Ruhe kommt, begeben sich die Schüler auf
diese Plätze und ruhen allda nach Bedarf aus. Diese Ruhebänke sind überaus
weich elastisch, ungefähr so wie ein Luftpolster. Also weich elastisch ist auch
die pyramidalartige Lehne. Wenn sich aber jemand darauf noch solange befindet,
so verursacht er deswegen dennoch nirgends einen bleibenden Einbug; sondern wenn
er aufsteht, ist alles wieder in der schönsten Ordnung, sowohl die Bank als die
Lehne.
[NS.01_018,21]
Die Lehne ist ebenfalls überaus prachtvoll verziert. Und zuoberst der Lehne an
der Spitze der Pyramide ist allenthalben eine grünleuchtende Kugel angebracht,
was dem Innern des Tempels wieder ein überaus prachtvolles, niedliches Ansehen
gibt, besonders wenn sie nicht hier und da durch die auf den Ruhebänken
ruhenden Menschen ein wenig aus dem Gleichmaß gebracht wird.
[NS.01_018,22]
Das wäre somit die allgemeine Einrichtung eines solchen Tempels. Zu der
besondern und am meisten großartigen inneren Einrichtung, wie auch zur äußeren
Umgebung eines solchen Tempels, wollen wir erst nächstes Mal schreiten. Und
daher gut für heute!
19. Kapitel –
Innere Einrichtung eines Tempels einfacher Art. – Ein Tempelorchester.
[NS.01_019,01]
Ihr wißt, daß ein solcher Tempel zusammengenommen aus fünfzehn Dachungen
besteht, nämlich aus der mittleren hohen, und dann zu ihren beiden Seiten je
von sieben Dachungen. In der Mitte einer jeden solchen Dachung befindet sich im
Innern des Tempels wieder eine eigens prachtvoll errichtete
Schneckenwendeltreppe, welche sich ganz unter die Dachung hineinzieht und unter
jedem Dach, welches sich dem Mitteldache nähert, größer, prachtvoller und somit
auch bedeutungsvoller ist.
[NS.01_019,02]
Unter der mittleren, hohen Dachung aber befindet sich keine solche
Schneckenwendeltreppe, sondern diese Dachung wird fürs erste von leuchtend
blauroten Säulen getragen, und möchten derselben in der Runde wohl bei dreißig
sein. Diese Säulen sind beinahe noch einmal so hoch als die des eigentlichen
Tempels; daher denn dieser mittlere Teil des Tempels auch höher ist, als die
übrigen Teile desselben.
[NS.01_019,03]
Diese Säulen sind mit sieben Reihen Galerien versehen, auf welche man durch
eine Wendeltreppe, welche um die Säulen gewunden ist, gelangen kann. Eine jede
Säule ist demnach mit einer solchen Wendeltreppe bis in die siebente Galerie
umwunden. In der Mitte dieser großen Tempelrundung steht eine große Hauptsäule,
welche sich bis zur höchsten Spitze des hohen Daches hinaufzieht. Da, wo sich
um die Säulen die vierte Galerie zieht, ist von dieser Mittel-Hauptsäule nach
vier Seiten hin ein Gang angebracht, das heißt, es sind im Grunde nur zwei
Gänge, welche sich an dieser Hauptsäule durchkreuzen.
[NS.01_019,04]
Von diesem Kreuzgange geht dann eine sehr breite Wendeltreppe um die Säule
hinauf bis zur höchsten Dachspitze. Die Galerien, welche um die Säulen dieser
Hauptrundung laufen, werden ebenfalls durch regenbogenartig strahlende Bogen
unterstützt. Aber hier faßt ein Bogen nur eine Farbe, und da es sieben Galerien
gibt, so gibt es auch zur Unterstützung derselben sieben Bogen, von denen ein
jeder in einer andern Farbe strahlt. Und wenn man sein Auge über alle die
sieben Galerien ausdehnt, so genießt man den Anblick eines zerstreuten
Regenbogens.
[NS.01_019,05]
Die Geländer der Galerien haben in dieser Hauptmittelrundung des Tempels das
Aussehen wie glühendes Gold, und sind, obschon an und für sich überaus
kunstvoll gearbeitet, dennoch in den Zwischenräumen mit allerlei kleineren
Verzierungen in allen erdenklichen Farben unterspickt, – ungefähr auf die
Weise, wie da bei euch eine aus Gold und Silber kunstvoll gearbeitete
Kaiserkrone noch verziert ist mit allerlei kunstvoll geschliffenen Edelsteinen.
[NS.01_019,06]
Was aber die Lehnen der Galerie betrifft, so sind sie dunkelrot leuchtend. Die
Fußböden der Galerien aber sehen aus, als wie zur Nachtzeit der Himmel, wo er
mit den meisten Sternen übersäet ist.
[NS.01_019,07]
Was aber die Gestalt der Mittelsäule betrifft, so erhebt sich diese vom Boden
bis zur höchsten Spitze geradeso, als zöge sich vom Boden bis in die höchste
Spitze hinauf eine feurige Wolkensäule. Wozu dient denn diese Hauptsäule? –
Fürs erste hilft sie das hohe, schwere Dach tragen, das ist der naturmäßige
Nutzen. – Der zweite Nutzen ist dieser, daß man auf der Wendeltreppe bis unter
die höchste Spitze des Daches gelangen und allda auch am Dach etwas ausbessern
kann, wenn mit der Zeit daran etwas schadhaft werden könnte. – Drittens gehört
sie darum in diese Hauptschulanstalt, damit durch ihr Besteigen die Menschen
sich angewöhnen, von den verschiedenen Höhegraden ohne Schwindel in die Tiefe
hinabzublicken. Denn solches haben die Sonnenbewohner sehr nötig, besonders
diejenigen, welche hernach auch zu den verschiedenen Bauamtszweigen
überzutreten gedenken. – Dann endlich wird auf den verschiedenen Höhenstufen
auch der Wille der Menschen geprüft, in welche Tiefe er noch auf dem Boden zu
wirken vermag. Denn ihr müßt wissen, daß eine solche Säule von keiner
unbedeutenden Höhe ist und von manchen Tempeln mit den höchsten Bergen eurer
Erde wetteifern dürfte, wenn sie auch auf der Oberfläche des Meeres stände.
[NS.01_019,08]
Diese Säule ist auch sehr umfangreich, besonders zuunterst, da sie nicht selten
einen Durchmesser von hundert Klaftern hat. – Freilich geht sie von da an bis
unter die Spitze des hohen Daches immer pyramidenartig abnehmend fort. – Da die
Säule so umfangreich ist, so könnt ihr euch wohl leicht denken, daß auch die
Wendeltreppen um sie herum sehr geräumig sind; ja sie sind, besonders
zuunterst, so breit, daß da sehr leicht hundert Menschen nebeneinander eine
solche Treppe aufwärts besteigen können. – Also sind auch die Galerien, welche
siebenfach um diese Hauptrundung gezogen sind, überaus geräumig. – Und ebenso
geräumig sind dann auch die zwei sich durchkreuzenden Gänge, welche die
mittleren Galerien mit der Hauptsäule verbinden. Ein solcher Gang ist so breit,
daß da ebenfalls über hundert Menschen nebeneinander in einer Reihe ganz bequem
stehen könnten.
[NS.01_019,09]
Wozu dienen denn diese zwei Kreuzgänge, wie auch die ganze mittlere Galerie? –
Sehet, da ist wieder etwas für euch; denn das ist das musikalische Orchester
eines solchen Tempels. Auf einem jeden Gang befinden sich siebenundsiebzig
Harfen; auf der Galerie herum aber sind Plätze für die Hauptsänger angebracht.
Auf dieser Galerie und auf diesen zwei Gängen wird vor und nach jeder
Beschäftigung dem großen Gott ein Lobgesang mit Begleitung der Harfen
dargebracht, von welchem Lobgesange dann der ganze, weite Tempel majestätisch
widerhallt.
[NS.01_019,10]
Ihr müßt euch den Ton einer Harfe nicht etwa also vorstellen, wie eben ein
solch ähnliches Instrument auf eurer Erde klingt; sondern der Ton einer solchen
Harfe ist so überaus rein und aller Steigerung von der größten Schwäche bis zur
größten Stärke in einem solchen Grade fähig, daß ihr euch auf eurem Erdkörper
durchaus keine Vorstellung machen könnt. Was die Stärke desselben betrifft, so
ist die hellste Glocke bei euch nur ein Pianissimo dagegen. Was aber eines
solchen Tones größtmöglichste Schwäche betrifft, so könnt ihr wieder auf keinem
eurer Instrumente solche wahrhaft geisterhaft leise Töne hervorbringen, welche
da aus einer solchen Harfe hervorgebracht werden können. Dazu ist auch der Ton
bei einer Harfe von euch nur ein kurz andauernder, während der einmal
angeschlagene Ton einer solchen Sonnenharfe so lange fortklingt, bis ihm der
Musiker Einhalt tut. Und so ist eine solche Harfe auch aller Tonverschiedenheit
fähig, so zwar, daß eine solche Harfe auf der Erde gar wohl imstande wäre, ein
zehnfaches, wohlbesetztes Orchester zu ersetzen. Wenn ihr nun dieses ein wenig
beachtet, so könnt ihr euch schon von einem solchen Konzert in der Sonne einen
kleinen Begriff machen.
[NS.01_019,11]
Zu diesem Zweck ist eigentlich auch dieser Haupt-Mittelrundbau des Tempels
errichtet. Er ist das eigentliche Bethaus eines solchen Tempels, wo nichts
anderes verrichtet werden darf, als nur was zum einstimmigen Lobe des großen
Gottes bestimmt ist.
[NS.01_019,12]
Nur die alleinigen Willensübungen werden, wie schon früher erwähnt wurde, auf
den verschiedenen Höhenstufen dieser Säule vorgenommen; aber auch nur darum in
diesem Bethause, damit sich der Wille eines jeden Menschen desto mehr einigen
solle mit dem Willen des großen Gottes. Dazu gehören auch diejenigen
vorerwähnten Übungen, durch welche die Sonnenmenschen von jeder Höhe ohne
Schwindel gleichgültig in die Tiefe hinabzublicken imstande sein sollen und
auch wirklich werden.
[NS.01_019,13]
Eine solche Übung wäre auch auf der Erde gar nicht schlecht, wo die Menschen
vorzüglich an Schwindel leiden; denn wenn ein Mensch nur ein bißchen höher
steht als ein anderer, so graut es ihm schon auf ihn hinabzublicken, – und je
höher einer zu stehen kommt, desto unerträglicher wird sein Hoheitsschwindel,
welcher manchmal, und das eben nicht gar zu selten, so arg ausartet, daß
mancher hochstehende Adelige sich eher möchte mit zehn Kanonen auf einmal
totschießen lassen, als nur einmal einen solchen werktätigen Blick hinab in die
Tiefe zu machen und sich dort in der einfachen Jacke eines Landmannes zu
erblicken. Ist hier etwa zuviel gesagt? – O nein! Seht nur hin auf die
Adeligen; ist es ihnen nicht viel lieber, so ihre Söhne auf dem Schlachtfelde
vom Feinde in tausend Stücke zerrissen und zerhauen werden, als wenn da ein
solcher adeliger Sohn zu seinen hochadeligen Eltern sagen möchte: Ich will
lieber ein Bauer werden, als mich auf offenem Schlachtfeld als ein Feldherr vom
Feinde erschießen lassen.
[NS.01_019,14]
Sehet, um in dieser Hinsicht die Menschen schwindelfest zu machen, wäre eine
solche Säulenbesteigungs-Schule im Ernste überaus wohl anzuempfehlen. Allein
die Menschen der Erde gefallen sich noch zu sehr in dieser verderblichsten
Krankheit. Daher kehren wir nur wieder dahin zurück, wo für die Hintanhaltung
einer solchen Krankheit naturmäßig und geistig auf das tätigste gesorgt wird.
[NS.01_019,15]
Daß eine solche Hauptrundung eines solchen Tempels für eure Begriffe nur zu
erhaben schön und prachtvoll aussieht, braucht kaum noch einmal erwähnt zu
werden. Wer nur ein wenig seine Phantasie zu erwecken imstande ist, der wird
sich auch gar bald einen kleinen Begriff davon machen können. Einen vollkommenen
Begriff aber wird sich ein jeder erst dann machen können, wenn er solche Wunder
mit eigenen, verklärten Augen ansehen und auch mit eigenen, feineren Ohren des
Geistes die Musik der Himmel mit anhören wird.
[NS.01_019,16]
Was aber die übrigen Teile des Tempels betrifft, so gehören sie teils zum
verschiedenartigen Unterricht, teils aber auch zur Wohnung sowohl für die
Schüler wie für die Lehrer; und es gehört ein Flügel für das männliche und ein
Flügel für das weibliche Geschlecht, welche zwei Geschlechter im Tempel, außer
in der Rundung, nie zusammenkommen, wohl aber außerhalb des Tempels bei
oftmaligen Lustwandlungen in der freien Sonnenluft und bei nicht seltenen
Besteigungen höherer Gebirgsgegenden.
[NS.01_019,17]
Das wäre sonach das ganze Äußere und Innere des Tempels. Was aber die
Grundumgebung eines solchen Tempels betrifft, so ist sie gleich geordnet wie
die Grundumgebung eines jeden andern Wohnhauses, nur ist der Grund in dem
Verhältnis größer, in welchem die beständige Menschenmenge eines solchen
Tempels größer ist als die eines jeden andern Wohnhauses.
[NS.01_019,18]
Wenn sonach in einem Tempel manchmal bei zehntausend Menschen wohnen, so mißt
auch der Grund um denselben ebensoviele halbe Joche nach eurem Maß. Doch sind
die verschiedenen Äcker durch viel breitere Straßen zur Lustwandlung
voneinander getrennt, – und die Fruchtbäume sind um den Tempelhügel erst in
einer solchen Niederung gezogen, daß durch sie die Aussicht des Tempels nicht
im geringsten behindert wird.
[NS.01_019,19]
Aus diesem Grunde befindet sich dann außerhalb des Tempels eine weite Ebene,
auf welcher nichts als ein üppiger Graswuchs von lebhafter, nahezu dunkelgrüner
Farbe gezogen wird.
[NS.01_019,20]
Die äußere Umfassung dieser Ebene besteht aus lauter Springbrunnensäulen, durch
deren hervorsprudelndes Wasser sowohl die Ebene um den Tempel wie auch der
darauffolgende, nach allen Seiten abhängende Grund erfrischt wird.
[NS.01_019,21]
Sehet, das ist ein Tempel der ersten Art. Nächstens wollen wir noch die zwei
folgenden betrachten. Und daher lassen wir es für heute wieder gut sein!
20. Kapitel –
Ein Tempel höherer Art.
[NS.01_020,01]
Was den zweiten Tempel betrifft, so wird dieser auch von den Sonnenbewohnern
gewöhnlich der große Tempel genannt. Warum dieser Tempel diesen Namen führt,
werdet ihr in der Folge gar wohl erfahren.
[NS.01_020,02]
Dieser Tempel ist zwar, was den Bau und die Vielheit der Säulen betrifft, eben
nicht viel vorzüglicher als der, den wir vorhin kennengelernt haben. Er dürfte
hier und da vielleicht wohl um tausend, auch manchmal bis zweitausend Säulen
stärker sein als der frühere. Allein dieser Zusatz genügt nicht dem Beinamen:
der große Tempel.
[NS.01_020,03]
Hat er auch wirklich mehr Säulen, so sind aber fürs erste diese Säulen enger
aneinandergereiht und auch nicht so hoch, – wodurch dann auch der Raum, den ein
solcher Tempel einnimmt, um nicht viel größer ist als derjenige des vorigen
Tempels. Auch sind die Dächer bei weitem nicht so hoch.
[NS.01_020,04]
Es fragt sich demnach, warum dieser Tempel „der große“ genannt wird? – Weil in
diesem Tempel durchaus kein anderer Dienst mehr gelehrt wird als allein der
Dienst des großen Gottes! Das ist also die Ursache, warum dieser Tempel „der
große“ genannt wird.
[NS.01_020,05]
Was seine innere Einrichtung und auch seine äußere Umgebung betrifft, so ist
diese bis auf die willkürlichen Verzierungen ganz gleich dem, was wir in- und
außerhalb des vorigen Tempels kennengelernt haben. Nur das Orchester ist in
diesem Tempel noch viel großartiger und besteht aus der doppelten Zahl Harfen
des vorigen Tempels. Auch die Zahl der Sänger ist größer als die des vorigen
Tempels; welches aber daraus sehr leicht zu begreifen ist, weil einen solchen
Tempel oft vier-, fünf-, sechs- bis siebenmal soviel Schüler bewohnen als den
vorigen.
[NS.01_020,06]
Denn in einem solchen Tempel kommen die Menschen eben auch oft von vier bis
sieben Tempeln der vorigen Gattung zusammen, um da den allerhöchsten Unterricht
zum Dienst des großen Gottes zu empfangen. Aus diesem Grunde aber sieht es dann
in einem solchen Tempel wie in seinen weiten Umgebungen äußerst lebhaft aus.
[NS.01_020,07]
Wenn manchmal nicht alle Menschen in einem solchen Tempel untergebracht werden
können, so werden etwas tiefer, etwa an der Stelle, da sich durch die Gründe
ein freier Lustwandelweg zieht, kleine Wohnhäuser von etwa zehn bis zwölf
Säulen im Umfang errichtet, welche bis auf die Mittelwendeltreppe, welche
daselbst mangelt, ganz so eingerichtet sind, wie die Wohnhäuser, welche wir
schon kennengelernt haben.
[NS.01_020,08]
Bei manchem Tempel dieser zweiten Art gibt es nicht selten einige Hunderte
solcher kleinerer Wohnungen. Eine jede solche Wohnung hat dann auch einen
eigenen Amtmann, welcher unter den Amtsleuten und somit auch unter dem
Hauptlehrer dieses Tempels steht. Er hat für nichts anderes zu sorgen, als für
die Aufrechterhaltung der Ordnung.
[NS.01_020,09]
Die Gründe um einen solchen Tempel sind auch in eben dem Maße größer und
ausgedehnter als die des früheren.
[NS.01_020,10]
Bei diesem Tempel befindet sich auch ein allgemeiner Zeitenwächter, und darum
müssen sich alle Zeitenwächter eines solchen weitgedehnten Tempelbezirkes nach
ihm richten. – Wo ist denn dieser Zeitenwächter gewisserart in der
Nachbarschaft dieses Tempels logiert? – Sehet ungefähr tausend Klafter außerhalb
des Tempels wird auf einem kegelförmigen Hügel ein überaus starker, manchmal
über fünfhundert Klafter hoher Baum gezogen. Allda wird von seiner Höhe ein
Pendel herabgelassen bis nahezu an den Fuß des Hügels; denn auf der Pendelseite
wird ein solcher Hügel steiler gemacht, als er sonst von Natur aus wäre. Dieses
Pendel wird dann durch drei Männer in Bewegung gesetzt und braucht zu einer
Schwingung nahe dreißig Minuten nach eurer Rechnung.
[NS.01_020,11]
Nach diesem Pendel müssen dann alle andern eingerichtet werden. Wenn sie auch
eben nicht so groß sind und darum dieselben langsamen Schwingungen nicht
nachmachen können, so müssen aber ihre Schwingungen dennoch also eingeteilt
sein, daß entweder zwei oder vier Schwingungen genau den Zeitraum ausfüllen, welchen
da bei diesem Hauptpendel eine Schwingung ausfüllt.
[NS.01_020,12]
Aus dem Grunde gibt es auch selbst in den kleineren Wohnhäusern um diesen
Tempel sogenannte kleine Handpendel, nach deren schnelleren Schwingungen die
Hauptschwingungen des großen Pendels bemessen werden.
[NS.01_020,13]
Wie verkündet aber das Hauptpendel seine Schwingungen wohlvernehmlich einer
ganzen Umgebung? – Dazu sind noch eigene Amtsleute angestellt, welche sich
teilweise in diesem Dienste ablösen, und zwar von hundert zu hundert
Schwingungen. Solche Amtsleute gibt es bei einem solchen Haupt-Chronometer
allzeit hundert an der Zahl, von denen stets vier den Dienst verrichten müssen.
[NS.01_020,14]
Diese Amtsleute oder Chronologen stehen bei den Sonnenbewohnern ungefähr in
demselben Ansehen, wie bei euch die tiefsinnigsten Astronomen. Jedoch das ist
für jetzt nicht der Zweck, darum sie hier angeführt werden, – sondern wie sie
die Zeit der ganzen Umgegend verkünden. Sehet, auf vier Seiten des ziemlich
weitgedehnten Hügels ist eine Art Glocke angebracht, welche zwar nicht also
aussieht wie eine sogenannte Kirchenglocke bei euch, sondern in großer Form so
wie bei euch die kleinen Uhrklangschalen.
[NS.01_020,15]
Ein jeder Zeitverkünder ist mit einem Hammer versehen und schlägt mit jeder Pendelschwingung
einmal auf die Glocke. Dadurch wird der ganzen Gegend weit und breit angezeigt,
wann eine Schwingung um die andere erfolgt. Zuoberst des Hügels aber sind
ebenfalls zwei Wächter logiert; diese zählen die Schwingungen und geben die
Zahl der Schwingungen den Tempelwächtern durch gewisse Fernzeichen kund.
[NS.01_020,16]
Daß auch die Pendelzahlverkünder sowie die Schwingungsandeuter sich ablösen,
versteht sich von selbst. Und somit hätten wir auch diesen zweiten Tempel
kennengelernt. – Der Unterschied besteht also nur in dem Zweck dieses Tempels
und in der bei weitem größeren Anzahl seiner Schüler.
[NS.01_020,17]
Es ist zwar schon bei einer früheren Gelegenheit bemerkt worden, daß Tempel
dieser zweiten Art höher stehen als die der ersten; aus dem Grunde ist es hier
kaum notwendig zu erwähnen, daß ein solcher Tempel auf einem noch viel höheren
und umfangreicheren Berge steht, als der der ersten Art.
[NS.01_020,18]
Wenn ihr einen solchen Tempel in der Sonne leiblich erschauen könntet oder euch
selbst auf seiner weiten Rasenfläche befinden würdet, so könntet ihr die
erhabene Pracht und die überaus wunderherrlichste Aussicht in die weiten Fernen
nicht ertragen. Ich lasse darum auch sogar nicht zu, daß etwas solches jemandem
im Traume vorkäme; denn schon der Traum hätte eine tödliche Wirkung. Denn wenn
des Menschen Geist einer solchen Beschauung nähergerückt würde, so würde er
sobald alle Fesseln seines Leibes zerreißen und dahin eilen, wo es ihm sicher
besser zusagen würde als in seinem schwerfälligen Leibe. Aus eben dem Grunde
zeige Ich euch auch hier solche Pracht nur wie im Vorbeigehen an; denn möchte
Ich euch solches vollkommener auch nur durch bloße Worte auseinandersetzen und
es dadurch eurer Phantasie zur enthüllteren Anschauung darstellen, so könntet
ihr solches durchaus nicht zu Papier bringen; denn euer Geist würde dabei also
gänzlich in sich gehen, daß er völlig vergessen würde, seinen Leib zur
Tätigkeit zu beleben.
[NS.01_020,19]
Aus eben diesem Grunde sage Ich euch auch nichts von dem Unterricht, welcher
allda zu Meinem Dienste gehalten wird. Denn fürs erste würdet ihr die hohe
Weise in dem Zustand, in dem ihr euch befindet, durchaus nicht fassen. Würdet
ihr es aber auch fassen, so könntet ihr fürs zweite im Augenblick des Erfassens
das irdische Leben nicht mehr fortbehalten; denn wenn ihr nur ein Wort aus
Meinem Munde in diesem hohen Sinne völlig erschauen könntet, so würde euch im
Augenblick eure ganze Natur samt aller Welt als ein allerfinsterster
Scheusalsklumpen vorkommen, – besonders was da betrifft ein Wort des Vaters
oder der ewigen Liebe.
[NS.01_020,20]
Damit ihr euch aber dennoch ganz leise nur überzeugen könnet, was es da ist für
ein Ding um ein Wort des Vaters, so sage Ich euch bei dieser Gelegenheit nur so
viel, daß zum Beispiel das Wort Liebe in Beziehung auf Mich bei diesen
Sonnenbewohnern, wann es ausgesprochen wird, eine solch unbeschreibliche Wonne
hervorbringt, daß sie darob längere Zeit keine Nahrung zu sich nehmen. Ja es
wird durch Posaunenschall von der obersten Höhe, woselbst sich der letzte
Tempel befindet, einer weiten Umgegend bekanntgemacht, daß in kurz
darauffolgender Zeit, von etwa einem Jahr nach eurer Rechnung, dieses Wort in
Beziehung auf Gott ausgesprochen wird. Schon beim ersten Posaunenschalle fallen
alle Sonnenbewohner dieses Gürtels auf ihre Angesichter zur Erde nieder und
getrauen sich vor Hochachtung dessen, was da kommen wird, kaum zu atmen und
beben gewisserart vor überfreudiger Furcht.
[NS.01_020,21]
Wenn aber erst die Zeit naht, in welcher der oberste Lehrer und Priester
herabkommt in diesen zweiten Tempel, um allda auszusprechen: – „Gott ist die
Liebe!“ –, so wird jeder Mensch also ergriffen, daß er dahinsinkt, als wenn er
gestorben wäre. Ja durch dieses Wort geraten gewisserart, nach euren Begriffen
genommen, alle diese Menschen in eine Art allerhöchsten somnambulen Zustandes
und genießen in diesem Zustande die Wonne der Engel. Wenn sie sich aber wieder
erholen, da eilen sie sobald aus dem Tempel und fallen vor demselben auf ihre
Angesichter nieder und danken und loben und preisen den großen Gott für solche
für sie allerhöchste Gnade, daß Er sie durch Seinen Oberpriester für würdig
erachtet hat, sie dieses allerhöchste Wort alles Wortes wieder einmal hören zu
lassen. Und eine geraume Zeit nachher getraut sich niemand die Schwelle des
Tempels zu betreten. Wenn aber der Tempel wieder betreten wird, so geschieht es
allzeit mit einem allerdemütigst feierlichen Einzug.
[NS.01_020,22]
Aus dem Gesagten könnet ihr euch schon einen Begriff machen, welcher Art und
von welcher Wirkung dieses Tempels Lehrweise ist. Daraus aber könnt ihr euch
zur Belebung eures großen Stumpfsinnes auch ein kleines Notabene nehmen, und
betrachten, in welcher Achtung Ich dagegen bei euch stehe, allda Ich nicht nur
Mein Wort durch gewisse Lehrer und Priester habe verkünden lassen, sondern
allda Ich, der Vater, als die allerhöchste Liebe, Selbst wesenhaft in aller
Meiner göttlichen Fülle unter euch gewandelt und euch mit eigenem Munde die
Worte des ewigen Lebens gelehrt habe. Und dennoch mögen die Menschen um eine
Handvoll Erde Meiner vergessen, und Mich viel geringer achten als alles andere,
was sie umgibt. Denn wenn es nicht also wäre, wie könnte da so mancher den
ganzen Tag hin mit aller seiner Anstrengung fürs Zeitliche sorgen und Mir dabei
in einem Tage kaum eine erbärmliche Viertelstunde widmen!?
[NS.01_020,23]
Wahrlich Ich sage euch: Hätte Ich solches in der Sonne getan, was Ich auf der
Erde tat, ihr Freudenlicht hätte die ganze Unendlichkeit gefangengenommen! Aber
die Kinder der Erde, die Ich zu Kindern Meines Herzens gemacht habe, diese
können den Vater fliehen und verachten!
[NS.01_020,24] O
so lernet es denn von der Sonne, wenn ihr es auf der Erde nicht lernen könnt,
wer da ist Derjenige, der aus unendlicher Liebe für euch sogar am harten Kreuze
bluten wollte! – Erkennet doch einmal, daß der Vater die Liebe ist!
21. Kapitel –
Die dritte, höchste Tempelart. – Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes und des
Kreuzes. – Weihung zum Oberpriesterstande.
[NS.01_021,01]
Nachdem wir die zweite Art der Tempel auch kennengelernt haben, wollen wir uns
denn auf eine bedeutende Höhe erheben, welche nicht selten eine Gegend von
mehreren tausend Quadratmeilen beherrscht, und wollen daselbst noch die dritte
Art Tempel kennenlernen.
[NS.01_021,02]
Diese dritte Art der Tempel wird gewöhnlich auf dem höchsten Punkt einer Gegend
errichtet und hat gewöhnlich fünf bis sieben Tempel der zweiten Art unter sich.
[NS.01_021,03]
Was die Bauart dieses Tempels betrifft, so ist er kaum viermal so groß wie ein
gewöhnliches Wohnhaus und ist bei weitem nicht so hoch, wie da die Tempel der
ersten, wie auch der zweiten Art sind. Ja hier und da werden manche
angetroffen, die nicht viel höher sind als ein gewöhnliches Wohnhaus.
[NS.01_021,04]
Dieser Tempel hat auch nicht die Form eines Schiffes, sondern ist allzeit
vollkommen rund. Das Dach ist nicht spitz, sondern mehr stumpf pyramidenartig.
Dessenungeachtet aber ist es dennoch von bedeutender Höhe. Um das Dach herum
ist eine Zinne gezogen, welche mit einem guten Geländer versehen ist. Auf
dieser Zinne wird herumgegangen und mittels der Posaunen so manches an die
umliegenden Tempel der zweiten Art verkündet.
[NS.01_021,05]
Was das Innere des Tempels betrifft, so ist alles das so eingerichtet, wie in
einem gewöhnlichen Wohnhause; nur ist statt der in der Mitte eines Wohnhauses
befindlichen Schneckenwendeltreppe hier ebenfalls eine glatte, weiße Säule
gestellt, welche in fast gleicher Dicke und runder Form ganz zum höchsten
Dachpunkte reicht und somit das Dach auch trägt. Diese Säule aber ist dann wohl
umfangen mit einer Wendeltreppe, von welcher inwendig in gleicher Höhe mit der
äußeren Dachzinne zwei sich durchkreuzende Gänge von eben der Säule durch eine
Dachöffnung auf die äußere Zinne des Daches führen. Daselbst aber im Innern des
Tempels, wo sich die vier Gänge, oder eigentlich die sich durchkreuzenden zwei
Gänge, durch einen ziemlich geräumigen Rundgang um die Säule vereinigen, geht
dann die Schneckenwendeltreppe um die Säule ganz bis unter die Dachung hinauf.
Alles dieses hier ist ganz einfach und ohne alle Verzierung und hat beinahe das
Aussehen, als wenn solches alles von glatt gehobelten Brettern zusammengefügt
wäre.
[NS.01_021,06]
Auf dem Quergang befinden sich keine Harfen mehr; sondern das ganze Musikwesen
besteht hier in vier überaus starkschallenden Posaunen, deren Ton so stark ist,
daß er zufolge der reinen Sonnenluft manchmal bei tausend Meilen weit vernommen
werden kann.
[NS.01_021,07]
Der Fußboden in diesem Tempel ist wie von Bretterdielen. Und die Ruhebänke an
den Säulen sehen also aus, wie bei euch die sogenannten hölzernen Sitzbänke,
wie ihr sie da manchmal in euren Gärten habt. Nur die Säulen sehen weiß aus,
aber dennoch ebenfalls so, als wenn sie von einer weißen Holzgattung verfertigt
wären.
[NS.01_021,08]
Kurz gesagt, hier ist von aller äußeren Pracht nichts zu entdecken.
[NS.01_021,09]
Um den Tempel herum stehen manchmal etwa zwanzig bis dreißig kleine, hölzerne
Hütten, die durchaus nicht auf Säulen ruhen, sondern eine fast ganz ähnliche
Gestalt haben wie die Alpenhütten auf eurer Erde, nur sind die Dachungen höher
gezogen. – Eine solche Hütte steht allzeit knapp an dem Tempel, und das ist die
Wohnung des obersten Priesters. Die andern Hütten aber werden teils von seiner
Familie und teils von den Amtsleuten und einigen wenigen Schülern bewohnt. Denn
dieses Tempels Schule brauchen nur diejenigen durchzumachen, welche sich mit
der Zeit selbst für die obersten Lehrer und Amtsleute der unteren Tempel wie
auch zum Dienste dieses obersten Tempels weihen lassen wollen.
[NS.01_021,10]
Was wird denn in diesem Tempel alles gelehrt? – Sehet, das ist ein Tempel der
tiefsten Geheimnisse, in welche nur wenige eingeweiht werden. Worin aber
bestehen diese? – Diese Geheimnisse bestehen darin, daß die Menschen daselbst
zur Kenntnis gelangen, daß Gott ein Mensch ist, und wie in diesem Menschen die
allerhöchste Liebe wohnt, welche alles, was da ist, aus eigener Kraft
erschaffen hat.
[NS.01_021,11]
Was wird hier noch gelehrt? – Hier wird auch alles Allergeheimste und
Allergrößte gelehrt, – wie da Gott, als die reinste Liebe, auf einem Planeten,
Erde genannt (in der Sonne hat aber dieser Planet den Namen Pjur), vollkommen
ein Mensch schweren und sogar todfähigen Leibes geworden ist und daselbst in
der größten Dürftigkeit lebte, obschon alle Himmel Sein Eigentum sind, und Sich
zum Zeichen Seiner unendlichen Liebe und unbegreiflichen Demut sogar an ein
Kreuz heften und töten ließ.
[NS.01_021,12]
Und es wird ferner dazugesetzt, daß solches gerade zu der Zeit geschehen sei,
in welcher es, wie alle Sonnenbewohner gar wohl wissen, auf ihrer Welt
vollkommen finster geworden war, welche Finsternis bei zwölf einfache, große
Schwingungen angedauert hatte. Denn ihr müßt wissen, daß die Menschen in der
Sonne hier und da ein hohes Alter erreichen, und so gibt es noch heutzutage,
besonders im Oberpriesterstande mehrere, welche da Zeugen dieser Erscheinung in
der Sonne waren.
[NS.01_021,13]
Merkwürdig für euch wäre daselbst ein auf einem Hügel gegenüber dem Tempel
befindliches Kreuz. Allda sieht es geradeso aus, wie bei euch auf der Erde auf
irgendeinem gutgestalteten Berge Kalvari. Dieser Berg Kalvari der Sonne aber
ist dennoch also von einem Kranze hochgezogener Baumstämme umfangen, daß vom
selben von außen her nirgends etwas zu erblicken ist, außer so jemand durch ein
enges Pförtlein von dem obersten Priester allda eingeführt wird. Diese
Einführung aber geschieht nur dann, so jemand zu einem Oberlehrer des zweiten
Tempels geweiht wird.
[NS.01_021,14]
Diese Einführung ist aber nicht mit so geringen Schwierigkeiten verbunden, wie
ihr es meint; sondern wer da eingeführt werden will, der muß zuvor große Proben
seiner Treue ablegen. Wenn er aber schon durch das enge Pförtlein gekommen ist,
so ist er noch bei weitem nicht an Ort und Stelle und sieht vom Berge Kalvari
so viel wie nichts.
[NS.01_021,15]
Denn gleich hinter der hohen Baumwand, welche daselbst nicht selten eine Höhe
von zweitausend Klaftern hat, ist ein den ganzen Berg Kalvari umflutender bei
zweihundert Klafter breiter Teich gezogen, welcher von ungleicher Tiefe ist.
Wer über diesen Teich kommen will, der muß die Wege gar wohl kennen, welche das
Wasser allenthalben deckt. Denn unter dem Wasser sind die Wege also gezogen,
daß es nur einen Hauptweg gibt, von welchem aber eine Menge Wege als
irreleitende Stege führen. Wer alsdann den Zug des Hauptweges nicht kennt, der
kommt auf einem solchen Irrweg wieder zurück, allda er seinen Fuß ins Wasser
gesetzt hat. Daher muß ein jeder den Weg mit seinen Füßen wohl prüfen können,
ob er ein sehr schmaler oder ein mehr breiter ist. Nur auf dem schmalsten kann
man auf das jenseitige Ufer gelangen, auf jedem anderen aber gelangt man wieder
ans vorige Ufer zurück, – nahe so, daß da jeder glaubt, er habe den rechten Weg
gefunden; allein auf einmal biegen sie wieder um und führen einen in den
verschiedenartigsten Krümmungen dennoch wieder zurück.
[NS.01_021,16]
Daher ist das Hinüberkommen über diesen Teich nicht so leicht, als jemand
glauben möchte. Hat aber jemand diese Schwierigkeit glücklich besiegt, so
wartet seiner eine noch größere. Nämlich etwa siebzig Klafter oberhalb des bedeutenden
Rundteiches führt ein gewaltig verschlungener Weg durch ein sogenanntes
Feuergebüsch. Dieses Feuergebüsch sieht dort so aus wie bei euch auf der Erde
ungefähr ein brennender Wald; nur steigt das Gebüsch viel höher über den
Erdboden der Sonne als bei euch die allerhöchsten Bäume. Dieses Feuergebüsch
hat ebenfalls wieder eine Breite von etwa zweihundert Klaftern und umzingelt
den ganzen Hügel, welcher allda freilich eine noch bei weitem größere und
weitgedehntere Umfassung hat als auf eurer Erde eine der größten Alpen.
[NS.01_021,17]
Hier ist es sehr schwer, auf den rechten Weg zu treffen. Wer auch da nicht den
schmalsten trifft, – der macht einen vergeblichen Versuch; denn er kommt nicht
durch. Es treffen zwar wohl mehrere gar bald den schmalsten Pfad; aber da
scheuen sie die sich öfter berührenden Flammen innerhalb dieses schmalen
Pfades, und daher probieren sie einen andern, wo weniger von den Flammen zu
sehen ist. Solches aber ist eine vergebliche Mühe; denn wer da nicht einen
kleinen Kampf mit den Flammen bestehen will, der kommt nicht an den Ort des
größten Geheimnisses. Wer aber diesen Kampf nicht scheut, der gelangt auf dem
kürzesten Wege wohlbehalten an Ort und Stelle und erschaut da im größten
Liebelichte das Wunder der Kreuzigung!
[NS.01_021,18]
Sehet, das ist auch zugleich die Einweihung zum Oberpriesterstande. – Einzelne
Andeutungen finden sich zwar überall selbst in den Wohnhäusern vor, die da
Beziehung haben auf die große Menschwerdung. Allein ganz vollkommen kommt
dieses Geheimnis nur hier zur Anschauung.
[NS.01_021,19]
Wie aber solches alles gestaltet ist, in welche Beziehungen es hier in der
Sonne gestellt ist und welche weitere Bewandtnis es mit diesem Sonnenberg
Kalvari noch hat, solches werden wir in einer nächsten Mitteilung vernehmen.
Daher gut für heute!
22. Kapitel –
Der allerheiligste, sogenannte brennende Tempel. – Tiefere Einweihung in die
Geheimnisse der Menschwerdung Gottes und der Gotteskindschaft. – Gott-Vater
Selbst als Führer.
[NS.01_022,01]
Wer da aus dem Feuergebüsch auf die freien Gründe des eigentlichen
Bergkalvarihügels kommt, der wird alsobald von einem geheimen Weisen, welcher
fortwährend solche Stelle bewohnt, empfangen und wird in dessen Wohnhaus,
welches ebenfalls ganz einfach ist, eingeführt. Allda wird er bewirtet und dann
von dem Weisen in einen etwas oberhalb dessen Wohnung befindlichen kleinen
Tempel geführt.
[NS.01_022,02]
Allda erschaut er bald eine plastische Gruppe aufgestellt, durch welche das
letzte Abendmahl dargestellt wird.
[NS.01_022,03]
Von diesem Tempel hinaus wird er dann auf einen freien Platz geleitet; allda
erschaut er eine Gruppe, welche Christum darstellt mit Seinen Aposteln im
Garten Gethsemane auf dem Ölberge.
[NS.01_022,04]
Von da etwas weiter wieder eine Gruppe, welche des Herrn Gefangennehmung
darstellt. – Und so weiter kommt er spiralförmig um den Hügel herum von einer
Gruppe zur andern, durch welche die verschiedenen Leidensmomente des Herrn
dargestellt werden, und das allzeit auf die sinnvollste Weise.
[NS.01_022,05]
Endlich zuoberst des Hügels befindet sich ganz freistehend ein großes Kreuz,
auf welchem die Gestalt des Herrn in irdisch-menschlicher Form angeheftet ist,
– an dessen beiden Seiten aber auf bei weitem kleineren und niedereren Kreuzen
die bekannten zwei Schächer zu erschauen sind.
[NS.01_022,06]
Hat der Gast solches alles hinreichend mit der allertiefsten Andacht seines
Herzens betrachtet, sodann geleitet ihn der Weise von diesem Hügel etwas
abwärts zu einem kleinen Tempel. Allda ist innerhalb dieses Tempels das Grab zu
ersehen.
[NS.01_022,07]
Endlich aber zeigt ihm der Führer ganz nahe an dem brennenden Gestrüpp noch
einen etwas größeren Tempel, welcher immerwährend in den hellsten Flammen
brennt; und die Flammen sind, besonders wenn man sich ihnen mehr und mehr
nähert, von einer so eindringlichen Lichtstrahlung, daß diese selbst dem
überaus lichtgewohnten Auge eines Sonnenbewohners unerträglich wird. Darum
nimmt auch der Führer zu dem Behufe schon allezeit einen zweckmäßigen Schleier
oder vielmehr eine Augendecke mit sich, durch welche der Gast dann das überaus
starke Licht der Flammen dieses Tempels ertragen kann. So hell aber auch diese
Flammen sind, so brennen sie doch niemanden, der in ihre Nähe kommt (es
versteht sich von selbst: würdigerweise!), sondern umfächeln ihn sanft kühlend
nur wie ein lauer West.
[NS.01_022,08]
Der Gast wird dann von dem Führer in diesen brennenden Tempel eingeführt. Allda
in der Mitte des Tempels erblickt er dann einen kleinen Altar, das heißt, eine
säulentischförmige Erhöhung vom Boden, auf welchem Altare die Heilige Schrift
des Alten und Neuen Testaments, und zwar in althebräischer Sprache geschrieben,
sich befindet.
[NS.01_022,09]
Hier fragt jeder Gast den Führer, was dieses bedeute? – Und der Führer sagt ihm
nichts anderes, als daß das ein Buch ist, in welchem durch eigene Zeichen das
Wort Gottes, alle Seine Führungen des gesamten Menschengeschlechtes wie auch
die Führung der ganzen Unendlichkeit, zufolge innerer Bedeutung aufgezeichnet
ist.
[NS.01_022,10]
Darauf fragt der Gast, ob man solche Zeichen hier wohl lesen könne oder dürfe?
– Und der Führer sagt ihm: „Wer hierher kommt, ist verpflichtet, solches alles
zu erkennen; denn dieses ist der eigentliche Grund, warum jemand dahin
gelangt.“
[NS.01_022,11]
Und weiter spricht der Führer: „Siehe, da du deinen Willen schon also mächtig
gemacht hast, daß demselben der Erdboden der Sonne gehorsam ist, so wisse denn,
daß einem gerechten Willen auch diese Zeichen gehorchen und sich zu erkennen
geben nach dem aufrichtigen und gerechten Willen dessen, der sie erkennen
möchte und erkennen will.“
[NS.01_022,12]
Darauf beheißt der Führer den Gast, daß er das Buch anrühren solle. Und sowie
dann der Gast das Buch anrührt, wird er alsbald von einem Feuer durchströmt,
nach welcher Durchströmung der Gast dann auch die Zeichen recht wohl zu lesen
versteht. – Wann der Gast dann das Buch zu lesen anfängt, so wird er von der
allerhöchsten Bewunderung ergriffen und hält in diesem Augenblick niemanden für
glücklicher und seliger als eben sich selbst, indem er jetzt zum ersten Male
Worte vernimmt, welche unmittelbar aus dem Munde Gottes geflossen sind, und
erschaut dadurch auch die wunderbar liebevollsten Führungen des großen Gottes.
[NS.01_022,13]
Am meisten durchdrungen und ergriffen aber wird ein jeder solcher Gast, wenn er
in das Neue Testament kommt. Denn durch dieses wird ihm auch der ganze Berg
Kalvari aufgeschlossen, und er weiß sich dann gewöhnlich vor lauter Lob, Dank
und Preis nicht zu helfen und kann auch nicht begreifen, wie es nur hat möglich
sein können, daß der große Gott solches über Sich hat kommen lassen mögen.
[NS.01_022,14]
Alsdann erst wird ihm von dem Führer die große Liebe in Gott gezeigt und wird
ihm gesagt, daß eben durch diese Handlung die Menschen, besonders jene, welche
auf dieser Erde wohnen, das wirkliche Kinderrecht überkommen haben, – wodurch
dann jeder sogar pflichtmäßig gebunden ist, den großen Gott als den
liebevollsten Vater zu erkennen und Ihn dann auch also anzurufen.
[NS.01_022,15]
Sodann wird der Führer wieder vom Gaste befragt, ob denn die Menschen der Sonne
nie zu solch einem unaussprechlichen Glück gelangen werden? – Und der Führer
gibt ihm dann zur Antwort: „Nicht nur die Menschen der Sonne, sondern alle
Menschen, welche da bewohnen alle Sonnen und alle Planeten der ganzen Unendlichkeit,
haben dadurch ein geheimes Recht auf dieses unermeßliche Glück. Aber auf keinem
andern Wege können sie zu diesem Glück gelangen, als allein auf dem Weg der
tiefsten Demut und, aus dieser heraus, auf dem Weg der vollkommensten Liebe
ihres ganzen Wesens zu Gott!“
[NS.01_022,16]
Nach solcher Durchlesung und Belehrung kehren dann die beiden wieder aus dem
Tempel zurück und begeben sich von da wieder in die Wohnung des weisen Führers,
allwo dieser dem Gaste erst über alles die gehörige Aufklärung gibt, welches
nach eurer Rechnung gewöhnlich einen Zeitraum von drei Erdjahren dauert. Es
versteht sich von selbst, daß da während dieser Zeit noch öftere Ausflüge
gemacht werden auf alle die vorbenannten Punkte.
[NS.01_022,17]
Am Ende solchen Unterrichts erst gibt der Führer dem Gaste kund, daß zuoberst
dieses Weltkörpers, den sie bewohnen, auf der vollkommenen Lichtregion, sich
noch eine viel vollkommenere Welt vorfindet, auf welcher alle Sonnenbewohner
den vollkommenen Unterricht über die Menschwerdung des Herrn im Geiste
empfangen werden; und sie können dann, so sie es wollen, auch zu wirklichen
Kindern Gottes aufgenommen werden, wenn sie sich allda bis auf das letzte Atom
ihres Seins also zu demütigen imstande sind, daß sie als Bewohner einer
vollkommenen Welt aus dem Grunde heraus die letzten und untersten Diener
derjenigen Kinder Gottes sein wollen, welche Er Selbst als Mensch auf dem
Planeten Erde oder Pjur zu Seinen Kindern gemacht und angenommen hat.
[NS.01_022,18]
„Denn“, sagt ferner der Führer, „wir Bewohner der Sonne leben in großer
Vollkommenheit und sind zufolge unseres Willens vollkommene Herren unserer
Welt; daher wird es uns allzeit schwer gehen, so wir uns nun zu denjenigen
setzen müssen, die durch ihren Willen nicht einmal einen Grashalm ihrer Erde zu
entlocken imstande sind. Doch, wie du, mein lieber Gast, aus all dem Geschauten
hast entnehmen können, hat der große Herr des Himmels und aller Welten nicht an
dem Großen und Starken, sondern an dem Kleinen und Schwachen Sein Wohlgefallen,
so zwar, daß Er unmündigen Kindern und ganz einfältigen Menschen größere Dinge
offenbart als den allertiefsinnigsten Engelsgeistern. Da bleibt demnach uns
Sonnenbewohnern nichts anderes übrig, so wir auch zur Kindschaft gelangen
wollen, als alle unsere Sonnengröße, Macht und Kraft freiwillig dem großen Gott
zu Füßen zu legen und uns allerwilligst und liebreichst sogar unter den Stand
derjenigen zu begeben, die Er liebhat. Seine Liebe erstreckt sich zwar über
alle Menschenwesen in der ganzen Unendlichkeit. Aber, verstehe solches wohl:
Nur Seine Kinder werden dereinst ewig mit Ihm unter einem Dache wohnen. – Daher
suche du auch fortan der Kleinste und der Geringste zu sein, und sei ein Diener
aller Menschen, mit denen du je in Berührung kommen wirst, so wirst du die
Aufmerksamkeit des ewigen Vaters zu dir lenken; und diese Aufmerksamkeit ist
der erste Funke, durch den du ein neues Leben überkommen wirst, ein Leben zum
Kinde des großen Vaters!“
[NS.01_022,19]
Nach dem nimmt der Führer wieder den Gast und führt ihn noch einmal außerhalb
des Tempels, zeigt hinauf auf das Kreuz und sagt dann zu ihm: „Siehe, mein
lieber Bruder, das ist der Weg zu Ihm! Willst du als Kind zum Vater gelangen,
so mußt du diesen Weg des Kreuzes erwählen!
[NS.01_022,20]
„Die wahre Demut des Herzens aber ist dieser Weg; denn die Kinder müssen Ihm
ähnlich sein. Wie mag aber jemand die Kindschaft von Ihm überkommen, wenn er
sich aus Liebe zu Ihm nicht also demütigen kann, wie es einem Kinde vor solch
einem Vater gebührt, nachdem Sich doch der Vater Selbst aus Liebe zu Seinen
Kindern schmerzlich an das Kreuz heften ließ, um dem Fleische nach sogar zu
sterben für sie, damit dadurch niemand mehr den Tod in Ewigkeit fühlen und
schmecken solle, der Ihn über alles liebt und durch seine Demut an diesem
heiligen Kreuz teilgenommen hat, an welchem der große heilige Vater voll Liebe
Seine allmächtigen Hände blutend für die ganze Unendlichkeit ausgestreckt
hatte.
[NS.01_022,21]
„Siehe, darum auch ist dieses überheilige Bild hier aufgestellt, damit auch wir
erkennen sollen, daß Er auch für uns Seine Hände ausgestreckt hat. Auch uns
will Er umfassen; aber wir müssen zuvor auf dem dir bezeichneten Wege des
Kreuzes zu Ihm kommen. – Daher sehe noch einmal dieses heilige Zeichen an!“
[NS.01_022,22]
Hier fällt der Gast allzeit von zu hoher Liebe und Ehrfurcht ergriffen zur Erde
nieder und betet das große Geheimnis an!
[NS.01_022,23]
Wenn er sich aber wieder von der Erde erhebt, siehe, da ist alles verschwunden
auf diesem Berge bis auf die Wohnung des Führers und bis auf den Führer selbst.
Dieser nimmt dann den Gast und führt ihn noch einmal auf die Höhe und fragt ihn
allda, ob er dieses alles wohl in seinem Herzen aufgenommen habe, – welches der
Gast mit jedem Atome seines Lebens bestätigt.
[NS.01_022,24]
Sodann legt ihm der Führer seine Hände auf und spricht zu ihm: „Was du hier
gesehen und vernommen hast, behalte einstweilen in deinem Herzen bis zur Zeit,
da es dem Vater wohlgefallen wird, solches allen Menschen dieser Welt kundzutun,
– entweder schon hier denen, die nach Ihm ein großes Verlangen haben, oder aber
desto sicherer und bestimmter jenseits im Geiste allen, die eines gerechten und
vollkommenen Willens sind.
[NS.01_022,25]
„Du aber erkenne jetzt deinen Führer! Denn siehe, – Ich bin der Vater!!! – Doch
solches sage niemandem, – wer da der Führer ist!“ –
[NS.01_022,26]
Darauf verschwindet der Führer. Nur die Wohnung desselben bleibt. Der Gast aber
begibt sich dann in der höchsten Liebe und beständigen Anbetung wieder zur
Wohnung des Führers zurück, wo ihn ein anderer, gewöhnlich hier wohnender
Weiser, der ihn zuerst aufnahm, wieder aufnimmt und ihn sodann über das jetzt
nicht mehr brennende Gebüsch bis zum Teiche geleitet, der bei diesem Rückwege
wasserlos ist.
[NS.01_022,27]
Sodann begibt sich dieser zweite Führer wieder zurück. Der Gast aber kehrt voll
der erhabensten und liebedemütigsten Stimmung zum dritten Tempel zurück.
[NS.01_022,28]
Es getraut sich sodann längere Zeit aus übergroßer Ehrfurcht kein Mensch mit
ihm ein Wort zu wechseln, bis sie erst aus der Handlungsweise eines solchen
Berg-Kalvari-Wallfahrers erkennen, daß er wirklich, wo es nur immer tunlich
ist, allen die bereitwilligsten Dienste erweiset.
[NS.01_022,29]
Sehet, das ist in der Sonne die höchste Ausbildung eines Lehrers. Und das ist
auch für euch faßlich alles, was von dem Sonnenberg Kalvari noch zu sagen übrig
war.
[NS.01_022,30]
Nächstens wollen wir uns dann einige häusliche Verhaltungsregeln der
Sonnenbewohner zur näheren Beschauung bringen. Und somit gut für heute!
23. Kapitel –
Familienleben, Ehe und Zeugung auf dem Mittelgürtel.
[NS.01_023,01]
So manches haben wir schon bei Gelegenheit der Darstellung der Wohnhäuser
vernommen, was da im allgemeinen vorbesagte häusliche Verfassungen betrifft.
Hier ist demnach vielmehr das Familienleben und der eigentliche
Religions-Kultus darzustellen.
[NS.01_023,02]
Wie wir schon gehört haben, so leben in der Sonne, namentlich auf diesem
Gürtel, nie mehr als eigentlich nur eine Familie unter Vater und Mutter in einem
Wohnhause. Denn sobald irgend Kinder herangewachsen und herangebildet sind,
treten sie in den Stand ehelicher Verbindung. Und ist auf diese Weise ein Paar
Eheleute wieder neu erstanden, so wird auch alsogleich Sorge getragen, daß sie
einen eigen zugeteilten Grund und somit auch eine eigene Wohnung beziehen.
[NS.01_023,03]
Gibt es denn in der Sonne keine sogenannten Dienstboten wie Knechte und Mägde?
– Solches ist in der Sonne und namentlich auf diesem Gürtel durchaus nirgends
der Fall, – denn die Obersten alles Ländertums dieses weiten Sonnengürtels wie
auch alle Amtsleute sind gewisserart Diener des freien Landvolkes. Und selbst
der alleroberste Priester steht dort als ein Diener auf der untersten Stufe;
daher auch sein Tempel und seine Wohnungen von der allereinfachsten und wenigst
prachtvollen Art sind. Dessenungeachtet aber genießen sie dennoch die höchste
Achtung beim Volke. Und wenn ein solcher Oberpriester ein oder das andere
Wohnhaus besucht, um demselben einen Dienst zu erweisen, wie auch einen oder
den andern Tempel in gleicher Absicht, so wird er aber dennoch trotz aller
seiner glanzlosen Einfachheit also empfangen, als wenn irgend ein Engel des
Himmels dahin käme. Dieser Diener verlangt zwar nie von jemandem eine
Aufmerksamkeit; im Gegenteil bittet er jedermann, ihn mit was immer für einer
Auszeichnung zu verschonen, da er durchaus kein Herr, sondern im vollkommensten
Sinne des Wortes und der Bedeutung ein Diener aller ist. Aber diese
Entschuldigung tut der Sache durchaus keinen Eintrag, sondern begünstigt sie
vielmehr.
[NS.01_023,04]
Sehet, also ist es auch im Ernste in den Himmeln der Fall, wo auch die höchsten
Engelsgeister die am allerwenigst ansehnlichen und so gestellt sind gegen
andere, wie Dienende gegen ihre Herrschaften. Dessenungeachtet aber stehen sie
dennoch in dem allerhöchsten Ansehen, welches ihnen aus Meiner Liebe und Meiner
Weisheit in ihnen zukommt.
[NS.01_023,05]
Was macht denn so ein Diener, wenn er in irgendeine Volkswohnung kommt? – Er
wartet außerhalb der Wohnung, bis der Hausvater seiner ansichtig wird und dann
voll Ehrerbietigkeit zu ihm hinauseilt und ihn in die Wohnung heimführt.
Alsdann fragt ihn der oberste Priester, ob er nicht in irgendeiner Sache seines
Dienstes bedarf? Und hat ihm da der Vater irgend etwas anvertraut, wo ihn
allenfalls etwas beklemmt, sei es im Naturmäßigen oder im Geistigen, so bietet
ihm der oberste Diener alsogleich seine Hände zum Dienste.
[NS.01_023,06]
Aber kein Hausvater spricht darauf etwas anderes, als daß er sagt: „Erhabener
Lehrer unseres ganzen, großen Landkreises! Nur ein Wort deiner Weisheit und
dann deinen Brudersegen von oben in der Gnade des großen Gottes, und du hast
uns gedient im allerliebevollsten Maße!“
[NS.01_023,07]
Darauf belehrt sie dann auch dieser oberste Diener in allem, was ihnen not tut,
segnet sie dann und entfernt sich wieder und besucht auf diese Weise ein
anderes Haus, um ihm ebenfalls zu dienen. Und hat er in Begleitung einiger
anderer Nebendiener einen ganzen Bezirk von Haus zu Haus und von Tempel zu
Tempel durchleuchtet, so kehrt er wieder in seine höchste Tempelheimat zurück,
wo er dann wieder allen, die da sind, ein bereitwilliger Diener und Knecht ist.
[NS.01_023,08]
Wann jemand nur immer seines Dienstes bedarf, so braucht er nur entweder zu ihm
zu kommen oder zu ihm zu schicken, und er wird an ihm allezeit den
bereitwilligsten Diener finden. – Er hat keine Audienzstunden, und seine Tür
ist auch nie verschlossen, oder seine Wohnung etwa durch Soldaten bewacht;
sondern seine Wohnung ist allezeit für jedermann offen. Und, wie gesagt, wer
immer da kommen mag, wann immer, der findet allezeit den ungehindertsten,
freiesten Eintritt zu ihm.
[NS.01_023,09]
Ihr werdet euch hier vielleicht denken, ein solcher Diener wird aber dabei
sicher in einem sehr hohen Solde stehen? – Da muß Ich euch gleich sagen, daß
solches in der Sonne durchaus nicht der Fall ist. Ein solcher Diener ist in
weltlicher Hinsicht in der Sonne wirklich am schlechtesten daran. Denn fürs
erste hat er auf seiner Gebirgshöhe gewöhnlich das kleinste und magerste Stück
Landes zu eigen, welches für seine Person kaum ein halbes Joch beträgt. Und
fürs zweite ist seine Wohnung auch die allerunansehnlichste, seine Kleidung die
einfachste. Also sind auch die Früchte, die er dem Boden der Erde entlockt, bei
weitem die einfachsten, prunklosesten und kümmerlichsten.
[NS.01_023,10]
Ihr aber werdet etwa meinen, daß er vielleicht vom ganzen Kreise auf gewisse
Sammlungen angewiesen ist? – O nein! Auch solches ist allda nicht der Fall.
Denn so ihm auch jemand etwas geben möchte für einen oder den andern Dienst, so
sagt er alsogleich: Höre, lieber Freund und Bruder, was du hast, das hat dir
der Herr gegeben für dich und dein Haus. Was sollte ich dir denn das nehmen,
was der Herr dir beschert hat? Oder kann ich dir dasjenige verkaufen, was mir
der Herr gegeben hat? So ich es dir gegen ein Entgelt dargeben möchte, würde in
diesem Falle nicht auch der Herr von mir ein Entgelt zu verlangen allerhöchst
berechtigt sein? Welches Entgelt aber hätte ich da Demjenigen zu geben, dessen
alles ist, was wir nur immer haben, sogar jeder Atemzug unserer Lunge!? Ich
aber bin ja nur ein Diener im Hause des Herrn und muß Seine Gaben also ohne
Entgelt hintangeben, wie ich sie ohne Entgelt empfangen habe.
[NS.01_023,11]
Sehet, diese Hauptregel hält dann jeden Diener von irgendeiner Beschenkung und
noch mehr von irgendeiner Sammlung fern; denn ein solcher Diener weiß es am
allerbesten, daß er, in Meinem alleinigen Solde stehend, am allerbesten daran
ist.
[NS.01_023,12]
Die größte Belohnung, die er für alle seine Dienste auf der Sonne hat, besteht
in dem, daß er, solange er als Oberdiener lebt, zu öfteren Malen, etwa nach
eurer Rechnung von Jahr zu Jahr, den euch schon bekannten Kalvarienberg
besuchen kann, und daß er auch bei außerordentlichen Gelegenheiten von einem
oder dem andern Engel des Himmels besucht wird, um von ihm bei groß drohenden
Gefahren schützende Verhaltungsregeln für seinen ganzen Kreis zu empfangen.
[NS.01_023,13]
Wie groß ist denn ein Kreis, den ein solcher Oberdiener zu überwachen hat? –
Ein solcher Kreis mag wohl manchmal größer sein als das größte Kaisertum auf
der Erde; und ein ganzes solches Kreislandtum ist ein ausgedehntes Hügel- und
Gebirgsland, allda es sehr wenig ebene Wege gibt.
[NS.01_023,14]
Wenn demnach ein solcher Diener zu öfteren Malen während seiner lebenslangen
Amtshaltung einen solchen Kreis durchwandert, so fragt es sich, mit welcher
Gelegenheit er da reiset? – Wie ihr zu sagen pflegt, also sage auch Ich: Mit
keiner anderen als mit der Apostelgelegenheit. Nur solches kann hier bemerkt
werden, daß das Fußgehen auf der Sonne fürs erste viel leichter ist als auf
irgendeinem der Planeten, weil der Erdboden allenthalben sanft und elastisch
ist. Fürs zweite aber sind die Sonnenbewohner, obschon sie auf diesem Gürtel
fast die doppelte Größe von euch haben, dennoch viel leichter, weil ihre Leiber
viel ätherischer oder gewisserart feinmaterieller sind als die eurigen. Dazu
kommt aber den Fußgehern auf dem Sonnenkörper noch das günstigst zustatten, daß
sie durch ihren kräftigen Willen sich überaus stärken und sich solcher Stärkung
zufolge auf ihren Füßen bei weitem schneller von einem Ort zum andern bewegen
können, als bei euch auf der Erde die schnellst fliegenden Vögel. Aus dem Grunde
ist es dann für einen Sonnenbewohner ein leichtes, einen mehrere Stunden nach
eurer Maßrechnung hohen Berg in zwei, drei bis vier Minuten zu übersteigen.
[NS.01_023,15]
Wenn ihr nun solches wisset, so wird es euch auch leicht begreiflich sein, wie
ein solcher Oberdiener seinen Kreis leicht zu öfteren Malen durchreisen kann,
um allenthalben, wo man seiner benötigt, hilfreich zu sein.
[NS.01_023,16]
Sehet, also sind die Verhältnisse zwischen dem Hausherrn und dem Diener
bestellt. Denn in der Sonne braucht kein Hausvater irgendeinen andern
Dienstboten, als nur zuallermeist für das geistige Bedürfnis.
[NS.01_023,17]
Seinen Grund bebaut er ja ohnedies gar leicht mit seinem Willen. Sein Weib und
auch allfällige Töchter, wenn diese aus den Schulen zurückgekehrt und noch
ledigen Standes sind, können auch gar leicht die etlichen euch schon bekannten
Schafe melken und zu gewissen Zeiten ihnen die reiche Wolle abscheren und sie
dann spinnen und daraus ihre ganz einfachen Schürzen bereiten.
[NS.01_023,18]
Alles andere aber, wie zum Beispiel die Gebäude und so auch alle einzelne
Einrichtungen in denselben, sowie das Material für alles, was eine Wohnung
bedarf, wird ja ohnehin zuallermeist von den Bauamtsleuten bewerkstelligt. Und
so hat der eigentliche Sonnenlandmann nichts zu tun, als seinen Grund zu
bestellen und dessen beständig reife Früchte zu genießen.
[NS.01_023,19]
Darum aber unterhalten sich dann die Sonnenmenschen auch zuallermeist mit der
Kultur ihres Geistes und besuchen sich gern gegenseitig und bewundern daselbst
die sich überall anders äußernden geistigen Kräfte in den sichtbaren,
allerherrlichsten Erzeugnissen des menschlichen Willens.
[NS.01_023,20]
Aus eben dem Grunde haben die Sonnenbewohner auch keine anderen Gesetze und
Verhaltungsregeln unter sich, als die des gastfreundlichen und geselligen
Lebens, welches darin besteht, daß sie sich immer mehr und mehr gegenseitig
erbauen und dadurch auch immer mehr und mehr Gott erkennen lernen und dadurch
auch den Zweck, warum Er sie erschaffen hat.
[NS.01_023,21]
Zudem sind die Sonnenbewohner sich gegenseitig auch stets mit der größten Liebe
und Zuvorkommenheit zugetan. Von einem Streit ist allda niemals die Rede; wohl
aber von einem Wetteifer, wie da einer dem andern in irgend einem oder dem
andern Dienste zuvorkommen möchte. Das ist gewisserart eine freie gesellige
Verfassung, welche aber nicht eine Folge irgendeines Gesetzes, sondern vielmehr
die des freien Willens ist zufolge der Erkenntnis Gottes und daraus des Zweckes
der Menschheit.
[NS.01_023,22]
Dort ist alles Bruder und Schwester! Selbst der Lehrer und der Schüler werden
sich nie anders begegnen, als wie die innigst wahrhaften Bruderfreunde.
[NS.01_023,23]
Wie ist aber das moralische Leben bestellt? – Solches könnt ihr gleich im
voraus erfahren, daß allda von einer Unzucht nirgends die Rede ist. Denn fürs
erste geschieht auch hier die Zeugung nicht auf diese Weise wie bei euch auf
der Erde; sondern solches geschieht durch ein vereintes Gebet und durch einen
darauf folgenden vereinten Liebewillen, welcher eigentlich nur eine Vereinigung
alles Guten und Wahren oder eine Vereinigung des Lichtes mit der Wärme ist,
allda der Zeuger ist gleich dem Lichte und die Mitzeugerin aber gleich der
Wärme.
[NS.01_023,24]
In solcher Vereinigung empfindet das Ehepaar die größte Wonne, welche Wonne
aber nicht ist gleich eurer sinnlichen Wollust, sondern nur gleich einem
Zustande, wie wenn sich bei euch zwei gleichgesinnte Gemüter in einem und
demselben Guten und Wahren finden; nur müßt ihr euch dabei einen überaus hohen
Grad eines solchen Gemütszustandes denken.
[NS.01_023,25]
Dieses ist sonach der Akt der Zeugung bei den Menschen der Sonne, besonders
dieses Gürtels. Aus dem Grunde aber kommt allda auch nirgends ein törichter
Zustand des bei euch so moralisch verderblichen Verliebtseins vor, sondern die
gegenseitige Neigung hat nichts zum Grunde als allein das Gute und Wahre.
[NS.01_023,26]
Obschon das weibliche Geschlecht auf der Sonne von allgemeinster Schönheit ist,
so zwar, daß es platterdings unmöglich wäre, sich irgendeine Vorstellung von
der überaus großen Vollkommenheit eben der Schönheit eines Weibes zu machen, –
so hat aber eine solche Schönheit dennoch an und für sich keinen solchen Wert
für den Mann, wenn sie nicht mit seinen Erkenntnissen des Guten und Wahren in
der vollsten Übereinstimmung steht. Denn allda betrachtet niemand die Form an
und für sich als etwas Anzügliches, sowenig als ihr einzelne Buchstaben eines
Buches oder etwa auch einzelne Noten eurer Tonschrift als etwas Anzügliches
betrachtet, sondern ihr sehet auf das nur, was durch die Buchstaben oder durch
die Noten dargestellt ist. Ist solches geistvoll und erhaben, so werdet ihr
auch die Zeichen achten, durch welche es vorgestellt ist; ist aber die ganze
Vorstellung durch diese Zeichen ein schales, wertloses, wässeriges Zeug, so
werdet ihr auch die Zeichen in diesem Werk sicher nicht küssen oder mit Liebe
ergreifen.
[NS.01_023,27]
Sehet, gerade also betrachtet der Sonnenmensch die Form; ist sie entsprechend
für seine Erkenntnisse vom Guten und Wahren, dann hat sie bei ihm auch an und
für sich einen entschiedenen Wert. Entspricht aber die Form, wenn sie noch so
schön wäre, seinen Erkenntnissen nicht, so ist sie für ihn nichts mehr als für
euch ein albernes Anzeigenblatt irgendeiner Zeitschrift, durch welches allenfalls
Wohnungen einer Stadt in China angekündigt werden. Wenn ein solches
Anzeigenblatt auch mit den schönsten Lettern gedruckt wäre, so wird euch sicher
ein noch so schlecht geschriebener Psalm Davids, wenn er nur leserlich ist,
lieber sein, denn ein solches Prachtexemplar von einem Anzeigenblatt.
[NS.01_023,28]
Sehet, also ist in der Sonne alles, was die Äußerlichkeit anlangt, nur eine
Schrift, und diese Schrift erhält erst dann den Wert, wenn ihr Sinn ein
vollkommener ist. – Einst war es auch auf der Erde also; aber diese Zeiten sind
lange schon verflossen. Darum aber gebe Ich jetzt solches, daß sich die
Menschen nach und nach, so sie davon Kenntnis erhalten werden, danach richten
möchten, so sie wahrhaft glücklich werden wollen hier und jenseits.
[NS.01_023,29]
Wenn ihr wissen wollt, wie die Ehen im Himmel geschlossen werden, so dienen
euch die Ehen in der Sonne zu einem Beispiel. Denn solche Ehen dauern dann auch
für ewig, während eure zumeist allerschlechtesten Ehen, da sie nichts als
lauter Alleräußerlichstes und daher vor Mir Greuelhaftestes zum Grunde haben,
höchstens bis zum Grabe, manchmal aber nicht bis dahin dauern.
[NS.01_023,30]
Denn glaubet es Mir: Die allerverächtlichste Ehe, welche auf der Erde
geschlossen wird, ist eine Geld- oder Güter-Ehe; diese hat auch ganz sicher
allda ein ewiges Ende, wo ihr Grund doch sicher ein Ende hat. – Also sind auch
nicht minder verderblich und verächtlich diejenigen Ehen, welche die
Sinnlichkeit und gegenseitige reizende Leibesformen zum Grunde haben; denn auch
diese vergehen allmählich, wie ihr schlechter Grund. – Dergleichen sind auch
politische Ehen; auch sie dauern nicht länger als ihr Grund. – Also sind auch
die vorzeitigen Jugendehen; denn auch diese vergehen, wie ihr Grund. –
Ingleichen die Glanzehen; auch diese vergehen, wie ihr verderblicher Grund.
[NS.01_023,31]
Nur Ehen, die allein Mich zum Grunde haben, werden ewig bestehen, weil ihr
Grund ein ewiger ist!
[NS.01_023,32]
Darum also habe Ich euch auch solches gegeben, damit ihr daraus ersehen sollt,
wie die wahren Ehen geschlossen und beschaffen sein, und welchen Grund sie
haben sollen.
[NS.01_023,33]
Saget ihr aber nicht selbst: auf einem schlechten Grunde können keine edlen
Früchte zum Vorschein kommen, sondern Unkraut nur und Disteln? – Wann ihr demnach
die ganze Welt im argen erblicket und fraget: Woher dieses? Da sage Ich euch:
Sehet auf den Grund, auf welchem die Früchte gewachsen sind, und urteilet
danach, ob in derlei Sümpfen und Morästen wohl edle Reben wachsen können? Ihr
leget die Rebe ja nur auf die Berge also, daß sie dort einatme und einsauge die
reineren Säfte und eine gute Luft, und saget: Das ist der beste Grund für die
Rebe.
[NS.01_023,34]
Sehet, also sollen auch die lebendigen Früchte des Menschengeschlechtes als die
alleredelste Pflanze der Erde auf dem besten Grunde gesät sein! – Demnach
wundert euch nicht der schlechten Früchte, wenn sie in Pfützen, Kloaken,
Sümpfen und Morästen gezogen werden! Solche Gründe aber sind eure weltlichen
Ehen; darum auch ihre Früchte, wie der Grund! – Wahrlich, überaus schmutzige
Äcker für die Ansaat lebendigen Samens für eine ewig bestehen sollende Frucht!
[NS.01_023,35]
Doch genug von dem, was Mir ein mächtiger Dorn im Auge ist! Kehren wir daher
wieder auf unseren besseren Sonnenboden zurück und lernen da von den Bewohnern
der Sonne noch so manches, was auch auf der Erde also bestehen sollte, wie es
in der Sonne besteht. Und dieses wird zumeist im schon gleich anfangs
besprochenen Religionskultus bestehen, wie er äußerlich und innerlich bei den
Sonnenbewohnern, besonders unseres schon bekannten Gürtels, gehandhabt wird.
[NS.01_023,36]
Doch erst für das nächste Mal wollen wir solches besprechen. Und so lassen wir
es für heute wieder gut sein!
24. Kapitel –
Feier- und Festtage. – Das Sterben der Bewohner des Mittelgürtels.
[NS.01_024,01]
Haben die Sonnenbewohner etwa auch irgendeinen Sabbat oder einen sonstigen
Feiertag?
[NS.01_024,02] O
wie wäre solches in der Sonne wohl möglich, da es dort weder abgesonderte Tage
noch abgesonderte Nächte gibt, – wie soll es da Sabbate oder Feiertage geben?
Daher ist in der Sonne allzeit auch eine andere Ordnung als auf den Planeten.
[NS.01_024,03]
Aber dessenungeachtet wird doch auch in der Sonne eine Zeit bestimmt, in
welcher von den gewöhnlichen Tagesgeschäften geruht wird. – Wann aber tritt
eine solche Zeit ein?
[NS.01_024,04]
Ihr wißt, daß sich die ganze Sonne binnen 29 Tagen um ihre Achse dreht. Ihr
wisset auch, daß die Sonnenbewohner über sich hinaus den gestirnten Himmel gar
wohl sehen können. Besonders sehen sie diejenigen Fixsterne sehr gut, die ihr
zu der ersten, zweiten und dritten Größe rechnet, – welche den Sonnenbewohnern
beinahe so groß erscheinen, wie euch eure Sonne erscheint. Es versteht sich
solches bei den Fixsternen erster und zweiter Größe. Die Sterne der dritten
Größe aber erblicken sie wohl um mehr als die Hälfte kleiner. Manches Mal, bei
ungemein ruhiger und heiterer Luft können sie wohl auch Sterne der vierten und
fünften Größe entdecken; aber weiter reicht das Auge der Sonnenbewohner dieses
Gürtels nicht.
[NS.01_024,05]
Wann von den Bewohnern derjenige Fixstern, den ihr allda Sirius benennt, zuerst
als größter und leuchtendster aufgehend erblickt wird, sodann tritt auf eine so
lange Zeit ein Feiertag ein, bis dieser Stern ungefähr bis an den Zenit gestiegen
ist, wozu eine Zeit, nach eueren Erdtagen berechnet, von ungefähr etwas über
sieben Tagen gefordert wird.
[NS.01_024,06]
In dieser Zeit muß jedem andern Pendel Einhalt getan werden. Nur das
Hauptpendel des zweiten oder großen Tempels darf nie stehenbleiben. – Während
dieser Zeit wird dann auch weder gearbeitet noch irgend etwas gelehrt, sondern
ein jeder Hausvater bleibt mit seiner Familie in seinem Hause. Und es darf in
dieser Zeit von niemandem ein Fuß über die Grenze der Säulen eines Hauses
gesetzt werden, außer nur bei einer euch schon bekannten, drohenden, großen
Elementargefahr, welche sich aber in der ersten Hälfte des Erscheinens dieses
Sternes selten ereignet, wohl aber in der zweiten Hälfte, welche ebensolange
dauert wie die erste. (– Aber es versteht sich von selbst, in einer und
derselben Gegend nicht allzeit, sondern nur höherer Ordnung zufolge
bedingungsweise, das heißt nach der Ordnung und nach dem Willen der göttlichen
Weisheit.)
[NS.01_024,07]
Was tun denn die Menschen hernach in dieser Zeit in ihren Wohnungen? – Sie
legen sich selbst gewisse Gelübde vor und halten dann dieselben während dieser
Zeit auf das allerpünktlichste.
[NS.01_024,08]
Ein solches Gelübde besteht gewöhnlich in allerlei Selbstverleugnungsübungen,
welches ungefähr also aussieht wie da bei euch ein wahres Fasten. Aber solches
besteht nicht etwa in einem jeden Hause gleichartig, sondern es besteht solches
je nach irgendeiner aufgefundenen Schwäche der Familie eines Hauses.
[NS.01_024,09]
Ist da eine Familie sehr redselig, so wird während dieser Zeit aller Zunge des
Hauses ein vollkommenes Fasten auferlegt; und sodann darf niemand während
dieser Zeit auch nur eine Silbe über seine Lippen bringen, sondern sich allein
den inneren Betrachtungen hingeben. – Notabene! Ein solches Fasten wäre auch
auf der Erde überaus zweckdienlich anzuempfehlen, besonders in solchen Häusern,
wo viel unnützes Zeug von frühmorgens bis in die späteste Nacht geplaudert
wird, und wo die Ehre des Nächsten so viel nur immer möglich herabgeschnitten
wird und dergleichen mehr des allertollsten Zeugs.
[NS.01_024,10]
Ferner, wo in einem Hause der Sonne die Menschen viel aufs Essen halten, allda
wird während dieser Zeit nur so wenig wie möglich gegessen, damit dadurch
dieser Schwäche wieder Einhalt getan wird.
[NS.01_024,11]
Gibt es in irgendeinem Hause Streitsüchtige, die ungefähr solcher Gemütsart
sind, daß da ein jeder gern recht hat und seine Meinung als die beste anerkannt
wissen will, alsdann muß während dieser Zeit alle Lust zum Rechthaben gänzlich
aufhören, und muß einer dem andern unangefochten das Recht lassen, – besonders
diejenigen in einer Familie, welche am meisten auf die vorbesagte Art
streitsüchtig sind. Da während dieser Zeit auch alle Kinder aus den unteren
Schulanstalten heimkehren, so gibt es in einem jeden Wohnhause auch allzeit
mehrere Menschen; sind Zanklustige dazwischen, so kommt ihnen diese Zeit und
das mit ihr bemessene Fasten sehr wohl zustatten.
[NS.01_024,12]
Und wie gesagt, also wird dieses Fasten in einem jeden Hause verschieden bemessen,
je nachdem irgendeine oder die andere Schwäche des Geistes vorwaltend bemerkt
worden ist.
[NS.01_024,13]
Hat der Stern den Zenit erreicht, alsdann sind wieder alle Hauspforten
geöffnet, und alles eilt hinaus zu den drei Tempeln, um dort die gebührende
Danksagung für die erlangte Stärkung während dieser Zeit darzubringen – wem? –,
solches werdet ihr wohl ohnedies verstehen.
[NS.01_024,14]
Nach beendigter Danksagung und gegenseitiger Segnung, nach der allgemeinen
Segnung des obersten Priesters, begibt sich dann alles wieder eiligst nach
Hause und beginnt da wieder das gewöhnliche Tagewerk.
[NS.01_024,15]
Dies ist der zeremonielle Religionskultus der Sonne. Was aber den geistigen
Religionskultus betrifft, so dauert dieser ununterbrochen fort. Denn das ganze
Leben eines Sonnenbewohners besteht in dem, daß er sich unablässig mit der
Erkenntnis und genauen Befolgung des göttlichen Willens abgibt; und solches ist
ja eben der am meisten geistige Teil jedes Religionsdienstes. Der
allergeistigste Teil besteht aber darin, daß sich die Menschen gegenseitig über
Meine Menschwerdung besprechen und dem großen Liebeswerk derselben immer
näherzukommen suchen. Das wäre also der allergeistigste Teil des
Religionskultus der Sonnenbewohner.
[NS.01_024,16]
Merkwürdigerweise, wenigstens für euch, wird in der Sonne auch das leibliche
Sterben eines Menschen zum geistigen Religionskultus gezogen. – Warum denn? –
Weil das Sterben in der Sonne, besonders auf diesem Gürtel, ein überaus
geistiges Aussehen hat.
[NS.01_024,17]
Ihr werdet hier fragen: Wie ist demnach solches beschaffen? – Nur eine kleine
Geduld, und ihr sollt es sogleich erfahren.
[NS.01_024,18]
Die Menschen werden allda nie krank. Wenn aber ihr Geist die gehörige Reife
erreicht hat, sodann zerstört er im Augenblick seine Hülle durch einen
flammenden Ausbruch seines Wesens und geht dann in eine höhere Welt, von der
wir erst später hören werden.
[NS.01_024,19]
Wir haben in dieser Hinsicht einige Winke gleich anfangs bekommen; allein in
der Folge werden wir solches noch viel ausführlicher besprechen.
[NS.01_024,20]
Sehet, da die Menschen in der Sonne, wenn sie sterben, gewisserart plötzlich
verschwinden, so wird ein solches Verschwinden von den Sonnenbewohnern mit
einer innersten, geistigen Andacht gefeiert, und es wird dem Herrn ein Lob
dargebracht, da Er wieder einen Bruder von irdischen Banden befreit und ihn in
das Urreich allen Lichtes und alles Lebens zurückgeführt hat!
[NS.01_024,21]
Darum also wird auch dieser geistige Teil des Religionskultus der letzte
Lobgesang genannt, weil nach einem also verstorbenen Menschen dann keiner mehr
folgt.
[NS.01_024,22]
Es wird zwar ein verstorbener Mensch nicht aus dem Gedächtnis der noch Lebenden
gestrichen, und das schon darum nicht, weil in der Sonne das Fach der
Weltgeschichte bei weitem besser gehandhabt wird als auf irgendeinem Planeten,
ganz besonders aber auf eurer Erde, wo nur allenfalls diejenigen Personen für
die Geschichte aufbewahrt werden, die sich ihre Häupter haben krönen lassen,
oder die die allermeisten Brüder totgeschlagen haben! – Also ist in der Sonne
das Fach der Weltgeschichte nicht beschaffen, sondern in den Tempeln wird jeder
Bewohner aufgezeichnet, und das zwar nach seinem Charakter und nach seiner
Lebensweise, und wie er Zeuge einer oder der andern großen Naturerscheinung
war. Auch werden die Erzeugnisse seines Willens aufbewahrt, und zwar in den
Wohnhäusern selbst; daher ist allda kein Zierat, welcher ein solches Wohnhaus
ziert, umsonst da; sondern er ist ein bedeutungsvoller Buchstabe im Buche der
Geschichte eines oder des andern Menschen, der da ein solches Haus bewohnt hat.
[NS.01_024,23]
Auf eine solche Weise wird dann auch das Andenken eines verstorbenen Menschen
in der Sonne freilich wohl nicht gefeiert wie bei euch auf der Erde, etwa durch
reiche Leichenbegängnisse und nachfolgende, fast ewig dauernde
Messenstiftungen. Wohl aber wird das Andenken eines verstorbenen Menschen durch
die oftmalige Betrachtung dessen, was er durch Meine, ihm innewohnende Gnade
gewirkt hat, gefeiert. Und dieses ist auch ums Unvergleichliche besser, als
alle Andachtsübungen ums Geld für irgendeinen Verstorbenen. Denn Ich, der
allein nur helfen kann, brauche kein Geld. Derjenige aber, der sich zahlen
läßt, um Mich dadurch auf dem Weg eitler Zeremonie zur Hilfe zu zwingen, der
geht schon allezeit den allerdichtesten Irrweg. Denn wahrlich sage Ich euch:
Eher soll Mich das Gequake eines Frosches zur Verleihung einer Gnade bewegen,
denn ein bezahltes Gebet. – Und glaubet es auch, daß unter allen Freveln, die
ein Mensch verübt, dieser obenan steht, so sich jemand für angezeigte kräftige
Gebete von seinen Brüdern zahlen läßt. – Wenn eine Fliege sumset, oder eine
Mühle klappert, oder ein Frosch quakt in einer Pfütze, wahrlich solches ist Mir
angenehm, aber das Gebet ums Geld ist vor Mir wie ekelhafter Mundspeichel,
Eiter und allerwidrigster Geruch; mehr brauche Ich euch nicht zu sagen!
[NS.01_024,24]
Aus diesem wenigen werdet ihr gar leicht entnehmen können, wozu all die
reichausgestatteten Begräbnisfeierlichkeiten und nachherigen Seelenmessenstiftungen
dienlich sind. Mehr brauche Ich euch wieder nicht zu sagen, sondern verweise
euch bloß auf das Evangelium. Leset es, und ihr werdet finden, welchen Lohn Ich
dafür den jüdischen Priestern verheißen habe, daß sie fürs Geld den armen
Witwen und Waisen lange Gebete vorgelogen haben. Wenn ihr solche Stellen recht
überdenket, so werdet ihr daraus wohl gar leicht entnehmen, wie es um eure,
besonders römisch-katholischen, Begräbnisfeierlichkeiten steht.
[NS.01_024,25]
Doch genug von dem! – Kehren wir nun wieder zu unserer Sonne zurück und
beschauen da noch ein wenig ein oder das andere Haus, in welchem entweder der
Vater oder die Mutter die Löse empfangen hatte. Denn Kinder sterben in der
Sonne durchaus nicht, sondern alldort muß alles in der größten Ordnung die
vollkommene Reife erlangen, besonders in diesem Gürtel.
[NS.01_024,26]
Was geschieht denn mit dem übergebliebenen Teile? – Der übergebliebene Teil
übergibt alsbald das ganze Hauswesen dem ältesten Sohne und lebt sodann die
noch zur Vollreife des Geistes nötige Zeit in dem Hause als ein Lehrer und
Ratgeber in den göttlichen Dingen.
[NS.01_024,27]
Der Witwer oder die Witwe hat aber dann auch eine öftere Zusammenkunft mit den
Abgeschiedenen. Eine solche Geistererscheinung wird jedoch von niemand anderem
gesehen als nur von dem, mit welchem sie im ewigbleibenden, ehelichen Verbande
steht.
[NS.01_024,28]
Aus dem Grunde ehelicht auch in der Sonne niemand zum zweiten Male, sondern nur
einmal, und wünscht durch sein ganzes Leben nichts anderes als die ewige
Unzertrennlichkeit mit dem Gegenstande seines Herzens.
[NS.01_024,29]
Das ist nun das Beachtenswerteste, was dieser Hauptgürtel der Sonne in sich
faßt. Daher wollen wir ihn nun auch beschließen und uns auf dessen
nachbarlichen, freilich wohl etwas kleineren Gürtel begeben.
[NS.01_024,30]
Solches aber muß dabei allzeit wohl beobachtet werden, daß es an jeder Seite
des Hauptgürtels noch sieben Gürtel gibt, welche nach der Ordnung miteinander
harmonieren. Wenn wir daher einen Gürtel beschauen und von einem Gürtel nur die
Rede sein wird, so sind darunter allzeit zwei harmonierende Gürtel zu
verstehen, – weil ein Gürtel auf der südlichen Seite des Hauptgürtels und
wieder ein Gürtel auf der nördlichen Seite des Hauptgürtels in der Sonne mit
wenigem Unterschied immer einer und derselben Art sind.
[NS.01_024,31]
Was jedoch der nächste kleinere und der mit ihm übereinstimmende Gürtel uns
alles zur Beschauung darbieten werden, wollen wir erst in der nächsten
Mitteilung zu vernehmen anfangen. Daher lassen wir es für heute wieder gut
sein!
25. Kapitel –
Das erste Nebengürtelpaar. – Landschaft und Menschen daselbst. – Über äußere
und innere Schönheit.
[NS.01_025,01]
Was diesen nächsten Sonnengürtel und seinen Korrespondenten betrifft, so sind
sie fürs erste viel schmäler, und ihr Erdreich ist auch schon um ein
bedeutendes fester als das des Mittel- oder Hauptgürtels. Der Hauptgürtel ist
die eigentliche Sonnenwelt; die Nebengürtel aber sind nur mit den um die Sonne
kreisenden Planeten korrespondierende Welten.
[NS.01_025,02]
Und so sind diese zwei nächsten Gürtel Korrespondenten des Planeten Merkur und
des Planeten Venus, welche zwei Planeten von diesen Nebengürtelbewohnern auch
noch recht gut gesehen werden, und zwar der Merkur in der Größe eures Mondes
und die Venus ungefähr um die Hälfte kleiner.
[NS.01_025,03]
Und so korrespondiert insbesondere von diesen zwei Gürteln der nördliche mit
dem Merkur und der südliche mit der Venus. Und somit ist auch auf dem
nördlichen Gürtel alles das – freilich wohl im viel vervollkommneteren Maße –
anzutreffen, was in dem Planeten Merkur angetroffen wird. – Desgleichen auch
bietet der südliche Gürtel dasjenige in eben dem vollkommeneren Verhältnis dar,
was da alles enthält der Planet Venus.
[NS.01_025,04]
Solches war notwendig vorauszuschicken, damit ihr eben auch schon im voraus
wissen könnt, was für eine Bewandtnis es mit diesen Nebengürteln hat, und daß
ihr bei der vollendeten Bekanntschaft mit diesen Gürteln euch auch mit den
Planeten selbst in eine bedeutende Vertraulichkeit setzen könnt.
[NS.01_025,05]
Damit aber bei der Darstellung in euren Gemütern keine beirrende Verwechslung
geschehen möge, so wollen wir nur den nördlichen Gürtel hauptsächlich zu
unserer Betrachtung vornehmen, den südlichen Gürtel aber nur bei Gelegenheit
berühren, wann er manchesmal abweicht von dem nördlichen. Denn solches müßt ihr
auch voraus noch zur Wissenschaft nehmen, daß der Planet Merkur und der Planet
Venus fast einer und derselben Beschaffenheit sind. So sind die Bewohner des
Planeten Merkur wie die Bewohner des Planeten Venus nahe durchaus lauter
Weisheitsmenschen. Der Unterschied zwischen ihnen liegt bloß in dem, daß die
Bewohner des Merkur weise werden wollen und auch wirklich werden auf dem Wege
eigener, anschaulicher Erfahrungen, aus welchen sie dann allerlei Mutmaßungen
und weise Schlüsse machen, daher diese Menschen auch noch als Geister überaus
reiselustig sind und die ganze Schöpfung mit eigenen Augen beschauen wollen, um
sich daraus zu informieren und ihrem innersten Wesen nach zu überzeugen, ob
ihre Weisheitsschlüsse bei ihrem Leibesleben keine Trugschlüsse waren. Das ist
also das Wesen oder gewisserart die Haupteigenschaft der Bewohner des Planeten
Merkur.
[NS.01_025,06]
Wollt ihr die Bewohner der Venus beschauen, so sind sie im Grunde dieselben wie
die Bewohner des Planeten Merkur; nur fangen sie ihre Weisheitsschule dort an,
wo die Merkurbewohner aufhören. Und ihre Endprobe ist nahe gerade das, womit
die Merkurbewohner ihre Schule beginnen. Mit andern Worten gesagt, verhält sich
die Sache gerade also: Die Merkurbewohner denken vorher nach, gemäß den
gemachten Erfahrungen, und schauen zuletzt. Die Venusbewohner aber schauen zuerst
und denken zuletzt, nach den gemachten Erfahrungen.
[NS.01_025,07]
Wenn ihr nun diese Angabe recht betrachtet, so werdet ihr offenbar sagen
müssen, daß darin eben gerade kein großer Unterschied ist, – also wie bei einer
musikalischen Tonleiter. Ob sie aufwärts steigt oder abwärts, solches macht
wohl für das Gehör einen Unterschied; deswegen aber bleiben doch die Stufen
dieselben, ob aufsteigend oder absteigend.
[NS.01_025,08]
Aus diesem Grunde werden auch diese zwei Sonnengürtel vorzugsweise korrespondierende
Gürtel genannt, weil sie sich gegenseitig also verhalten, wie solches soeben
klar gezeigt worden ist. Aus diesem Grunde auch werdet ihr leicht einsehen,
warum es hier nicht nötig ist, jeden dieser zwei Gürtel sonderheitlich
vorzunehmen, sondern nur allein den nördlichen. Denn aus dem Verhältnis dieses
Gürtels läßt sich nach dem vorangegangenen Verhältnismaßstab ja also leicht auf
seinen korrespondierenden südlichen Gürtel schließen, wie sich da von einer
aufsteigenden Tonleiter wieder auf eine absteigende schließen läßt, – da doch
überall ein und derselbe Hauptton zugrunde liegt.
[NS.01_025,09]
Bevor wir jedoch zum Menschen selbst übergehen werden, müssen wir die
Landesbeschaffenheit unserer Gürtel in näheren Augenschein nehmen.
[NS.01_025,10]
Ihr wißt, daß den Hauptmittelgürtel der Sonne zwei unübersteiglich hohe,
ununterbrochen fortlaufende Gebirgsreihen begrenzen. Diese zwei Gebirgsreihen
trennen somit auch unsere zwei Nebengürtel von dem Hauptgürtel.
[NS.01_025,11]
In dem Hauptgürtel haben wir gesehen, wie sich von diesen zwei
Hauptgebirgslinien eine Menge kleinere Gebirgszweige über den ganzen, großen
Gürtel kreuz und quer verziehen. Also ist es aber nicht gegen die zwei
Seitengürtel der Fall. Denn daselbst steigen diese hohen Gebirgskettenwände allenthalben
steil ohne weitere Gebirgsausläufer schnurgerade zur vollen Ebene hinab, welche
da ununterbrochen mit Wasser überfüllt ist. Also läuft über der hohen
Gebirgslinie, durch welche die beiden Nebengürtel von dem Hauptgürtel
abgeschnitten werden, ein ziemlich breiter Wassergürtel. Seine Breite, welche
freilich wohl nicht überall gleich ist, dürfte im Durchschnitt wohl bei
zweitausend Meilen eures Maßes betragen.
[NS.01_025,12]
Nach diesem Ringmeere fängt erst das bewohnbare Land an. Das Land selbst, sowohl
des nördlichen wie des südlichen Gürtels, ist äußerst gebirgig und hat wenig
flaches Land, somit auch keine bedeutenden Landgewässer. Die größten Ströme und
Seen dürften kaum so groß sein, wie allenfalls eure Donau und allenfalls der
Bodensee; aber kleinere Flüsse und Seen gibt es in ziemlich bedeutender Menge.
[NS.01_025,13]
Das Land selbst, bis zu einem nächsten unübersteiglichen Hauptgebirgszug, hat
einen Durchmesser der Breite nach, im Durchschnitt genommen, von etwa
fünftausend Meilen eures Maßes, flacht sich gegen den zweiten Hauptgebirgszug
ziemlich ab; aber nicht etwa so genommen, als würde sich das Land hier darum
vertiefen, sondern die Landesgebirge selbst ergreifen sich hier enger
aneinandergerückt und bilden dann gewisserart mit ihren höchsten Scheiteln
einen noch ziemlich breiten, flachen Hochlandsboden, welcher auch sehr häufig,
und zwar hauptsächlich, bewohnt wird.
[NS.01_025,14]
Wie aber in diesem nördlichen Nebengürtel sich die gestaltliche Beschaffenheit
des bewohnbaren Landbodens verhält, also verhält sich ebendiese Beschaffenheit
auch im südlichen, nämlich dem nördlichen in gerader Richtung gegenüber
liegenden, – so zwar, daß auch im südlichen Gürtel nach der hohen Gebirgslinie
zuerst ein Wassergürtel kommt, sodann ein sehr gebirgiges Land, welches sich
ebenfalls gegen den nächsten Hochgebirgszug verflacht.
[NS.01_025,15]
Wenn ihr nun diese zwei Gürtel gegeneinander haltet, so werdet ihr in der
Richtung von Norden gegen Süden ja notwendig die Beobachtung machen müssen, daß
im nördlichen Gürtel das Hochflachland dessen nördlichster Teil ist; in der
Mitte liegt das gewöhnliche, niederere Gebirgsland, und den südlichsten Teil
dieses Gürtels macht der Wassergürtel aus. – Im südlichen Gürtel ist es gerade
umgekehrt der Fall; denn allda macht der Wassergürtel den nördlichsten Teil;
den mittleren Teil macht ebenfalls das niederere Gebirgsland, und den
südlichsten Teil aber nimmt das Hochflachland ein.
[NS.01_025,16]
Sehet, das ist schon einmal eine Korrespondenz dieser zwei Gürtel, da der eine
Gürtel, nach einer Richtung genommen, an der südlichsten Seite damit aufhört,
womit der andere Gürtel an der nördlichsten Seite anfängt, – und also auch
umgekehrt. In diesem Verhältnis werdet ihr auch alles Nachfolgende auf diesen
beiden korrespondierenden Gürteln antreffen.
[NS.01_025,17]
Damit wir aber unserer alten Ordnung getreu bleiben, so wollen wir auch bei der
näheren Darstellung mit dem Menschen den Anfang machen. – Welcher Art und wie
gestaltet sind denn die Menschen des nördlichen Gürtels?
[NS.01_025,18]
Wenn ihr die Menschen des Planeten Merkur kennen würdet, so würde Ich euch
sagen: Sie sehen gerade also aus wie die Menschen dieses Gürtels, und also auch
die Menschen des südlichen Gürtels wie die des entsprechenden Planeten. – Aber
da ihr solches ganz natürlicherweise noch nicht kennt, so muß Ich euch freilich
wohl diese Menschen, was vorerst ihre Gestalt anbetrifft, ein wenig näher
beschaulich darstellen.
[NS.01_025,19]
Die Menschen sind körperlich etwas größer als die des Hauptgürtels und auch größer
als ihre entsprechenden Brüder auf dem Planeten. Aber sie sind fürs erste nicht
so glänzend schön wie die Menschen des Hauptgürtels. Dennoch sind sie wieder
bei weitem schöner als die der entsprechenden Planeten und auch bedeutend
schöner als die Menschen auf eurem Erdkörper.
[NS.01_025,20]
Davon ist der Grund ihre Weisheit; denn die Weisheit hat solches zum Grunde,
daß sie das Äußere überaus schön ausbildet. – Bei der Liebe aber ist es wieder
umgekehrt der Fall; allda ist das Innere voll der unendlichsten Schönheit und
das Äußere dadurch einfach und schlicht. Daher auch soll eine allfällig äußere
größere Schönheitsform niemanden beirren, da sie bei weitem keinen so hohen
Wert hat als die innere; denn sie verhält sich wie die Schönheit eines viel weniger
werten Kristalls gegen die ursprünglich rauhe Gestalt eines Diamanten. Dieser
glänzt in seinem Naturzustande freilich ums Unvergleichliche weniger als ein
von Natur schon geschliffener Kristall; wenn aber der Diamant geschliffen wird
und sodann seine innere Klarheit zeigt, fraget euch da selbst, wie weit dann
die Klarheit und somit auch die Schönheit des Kristalls hinter dem feurigen
Farbenglanze eines Diamanten zurückbleibt?
[NS.01_025,21]
Aus diesem kleinen Beispiel mögen alle wahren Kinder der Liebe eine überaus
wahre Beruhigung finden, und somit auch ihr, wenn ihr auch von noch so großen
menschlichen Außenschönheitsformen hört. Denn Ich sage euch: Ein einziges Mich
wahrhaft liebendes Herz auf eurer Erde wiegt alle erdenkliche Schönheit eines
ganzen Sonnenweltalls auf. Ja, Ich sage euch noch mehr als das: Ein solches
Herz ist in sich ums Unausprechliche schöner als der ganze Weisheitshimmel der
Engel, und auch schöner als der zweite Liebeweisheitshimmel der höheren
Engelsgeister.
[NS.01_025,22]
Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen. – Wenn Ich euch sonach die Schönheit der
Menschen dieser Gürtel näher enthüllen werde, so möget ihr dadurch schon im
voraus wissen, was es für eine Bewandtnis damit hat.
[NS.01_025,23]
Nächstens wollen wir demnach die Form und die Gestalt, welches sich also
verhält wie ungefähr die Weisheit und ihr Grund, näher betrachten. Und somit
gut für heute!
26. Kapitel –
Näheres über Gestalt, Kleidung und Lebensgewohnheiten der Menschen auf dem
ersten Nebengürtelpaar.
[NS.01_026,01]
Was da die Form betrifft, insbesondere in Hinsicht der Menschen des nördlichen
Gürtels, so ist diese ungefähr derjenigen auf eurer Erde ähnlich, in welcher
sich euch noch zu dieser gegenwärtigen Zeit einige asiatische Gebirgsbewohner
zeigen, namentlich die Bewohner des westlich gelegenen Teils des Kaukasus; nur
sind sie ungefähr im Durchschnitt genommen um anderthalbmal größer als die
vorerwähnten Asiaten.
[NS.01_026,02]
Das weibliche Geschlecht ist von ungemeiner Zartheit; nur einzig die Fußsohlen
sind etwas hart und rauh wie eine Feile. Solches ist aber darum so beschaffen,
damit sie den glatten Erdboden der Sonne allenthalben besteigen können, ohne
auf demselben auszugleiten und leichtlich zu fallen. – Denn das Fallen würde
hier für größere und schwerere Körper schon empfindlicher sein als auf dem
Hauptgürtel, indem allda das Erdreich mehr Festigkeit hat als auf diesem.
[NS.01_026,03]
Der übrige Leib des Weibes ist dann schon, wie gesagt, überaus zart, weich und
durchgehends wohl abgerundet. Das Haar des Weibes ist von Natur aus blendend
weiß, während die Hautfarbe gerade also aussieht, als wenn ihr möchtet ein
blasses Rosenblatt nehmen und möchtet durch dasselbe die Sonne scheinen lassen.
Denn auch in diesem Gürtel haben die Menschen ein eigenes Licht; und wenn ein
Weib dieses Gürtels zur Nachtzeit auf einem eurer Berge stünde, so würde sie
einen bedeutenden Umkreis noch recht wohl erleuchten, aber mit keinem weißen,
sondern, was ihren Leib betrifft, mit einem blaßrötlichen Lichte. Nur mit den
Haaren würde sie ein sehr intensiv weißes Licht zeigen, welches Licht ihr
sowohl in der Nacht als auch am Tage mit offenen Augen nicht ertragen würdet.
[NS.01_026,04]
Ihre Augen sind groß und äußerst lebhaft. Der Augapfel ist blendend weiß, die
Öffnung mit der Regenbogenhaut lichtblau; der Stern aber ist nicht etwa
schwarz, sondern sehr dunkelgrün. Solches ist darum der Fall, damit sie das
Licht desto leichter ertragen und nach allen Seiten hin überaus klar sehen
können.
[NS.01_026,05]
Das wäre sonach die Form, welche in diesen wenigen Worten hinreichend dargetan
ist; denn es ist nicht nötig, noch eigens alle anderen Teile des Leibes zu
beschreiben, da es doch vorausgesetzt werden kann, daß euch eine sonstige
vollkommene weibliche Gestalt mit allem, was sich nur immer zur äußerlichen
Anschauung darstellt, wohlbekannt sein wird.
[NS.01_026,06]
Also ist auch die Gestalt gar leicht von der dargestellten Form zu entnehmen. –
Damit ihr aber wisset, was hier unter „Gestalt“ verstanden werden solle, so
wisset, daß darunter so viel als der eigentliche, gesamte Charakter, welcher
der Gesamtform innewohnt, verstanden wird.
[NS.01_026,07]
Solches ist also zu nehmen: Wann ihr zum Beispiel sehet einen schönen,
vollkommenen Fuß, einen ebenmäßigen Mittelleib, dann einen ebenso schönen,
runden Arm, einen durchaus weichrunden Hals, sonach einen verhältnismäßig
kleinen Kopf und allenthalben das Gesicht wohlgebildet, – so gibt alles dieses
eine schöne Form, an der an und für sich durchaus nichts auszustellen ist,
indem da alles vollkommen ist, wie der Fuß so der Leib, so die Brust, die Arme,
der Hals und der Kopf. Wann ihr solches selbst an einem Gemälde findet und
bewundert jedes einzeln, so habt ihr erst der Form euren Beifall gegeben.
[NS.01_026,08]
Aber wenn ihr dann weiter fragt: Was sagt oder spricht denn diese Form?, so
werdet ihr die Antwort dadurch bekommen, wenn ihr alle die Teile mit einem
Blicke überschauet, die Verbindung derselben gegenseitig anseht und wohl achtet
auf den Gesamteindruck; denn der Gesamteindruck und die in dem Ganzen erspähte
Harmonie ist erst eigentlich das, was da unter der Gestalt verstanden werden
solle.
[NS.01_026,09]
Da ihr nun solches wißt, und euch dabei die Form enthüllt ist, so werdet ihr
wohl mit gar leichter Mühe die Gestalt von selbst finden.
[NS.01_026,10]
Wie aber ist denn ein solches Weib bekleidet? – Was die Kleidung betrifft, so
besteht diese in nichts anderem als in einer etwas größeren Schürze um die
Lenden, wie wir sie bei den Bewohnern des Hauptgürtels angetroffen haben. Und
vom linken Arm bis zur rechten Hüfte, über den halben Leib, ist ein am Arme
geteilter weißer Mantel umgehängt, so, daß da der rechte Arm und die rechte
Brust frei sind.
[NS.01_026,11]
Um die Stirn tragen die Weiber ein rotes Band, welches bei ihnen die Liebe zur
Weisheit bedeutet.
[NS.01_026,12]
Das ist somit im allgemeinen die Darstellung des Weibes.
[NS.01_026,13]
Wie sieht denn der Mann aus? – Der ist beinahe durchaus um einen Kopf größer
als das Weib. Seine Gestalt ist durchaus edel und vollkommen.
[NS.01_026,14]
Auch der Mann hat eine härtere und rauhe Fußsohle, welche manchmal so aussieht,
wie bei euch eine sogenannte Raspel. Die Füße sind sehr muskulös, aber darum
nicht hart anzusehen. Also ist auch der Leib und die Hände. Der Hals ist bis
zum Vorderteil rund; der Vorderteil in der Gegend des Schlundes aber wird durch
zwei ziemlich starke Muskeln gewisserart gefurcht, daß da zwischen einem und
dem andern Muskel ein kleiner Graben zum Vorschein kommt.
[NS.01_026,15]
Das Kinn zieren zwei reichliche Bartabteilungen; die Farbe der Barthaare ist
gelb, beinahe ins Grüne übergehend. Das sehr reichliche Haupthaar ist von
lichtgelber Farbe, die Augenbrauen aber sind dunkelgrün; sonst aber sind die
Augen also gestaltet wie beim Weibe.
[NS.01_026,16]
Die Ohren sind im Verhältnis zum Kopfe mehr groß denn klein. Der Kopf oder
vielmehr das Angesicht zeigt allzeit das Weise und Erfahrungsbegierige an. Die
Farbe des Gesichtes ist etwas röter als die Farbe des Weibes.
[NS.01_026,17]
Also ist auch der übrige Leib nach Verhältnis der Teile röter als der des
Weibes.
[NS.01_026,18]
Die Kleidung des Mannes besteht in einer bis an die Knie reichenden, weißen
Toga, welche sowohl zuunterst wie um den Hals und vorne ganz bis zum untersten
Rande verbrämt ist. Kopfbedeckung aber hat weder das Weib noch der Mann.
[NS.01_026,19]
Das ist sonach auch die Gestalt des Mannes samt der Form klärlich dargetan.
[NS.01_026,20]
Ihr werdet nun fragen: Ja, die Gestalt des Menschen des nördlichen Gürtels
hätten wir nun freilich; aber wie sieht es denn im südlichen Gürtel aus?
[NS.01_026,21]
Gerade also wie auf dem nördlichen, nur sind die Menschen etwas größer noch.
Und was das weibliche Geschlecht anbetrifft, so ist dieses noch um ein
bedeutendes schöner als das des nördlichen Gürtels.
[NS.01_026,22]
Nur bei der Kleidung ist ein Unterschied. Hier trägt das Weib eine Toga, welche
rot verbrämt ist und mittels eines goldgrünen Gürtels um die Mitte an den
schlanken Leib angeschlossen wird. – Der Mann aber hat dafür eine bis unter das
Knie reichende Lendenschürze und trägt einen solchen Halbmantel, wie wir ihn
früher, im nördlichen Gürtel, am Leibe des Weibes bemerkt haben; nur ist dieser
Mantel nicht so weit geteilt und ist auch bedeutend länger als wie der des
Weibes im nördlichen Gürtel.
[NS.01_026,23]
Um die Stirn trägt hier das Weib ein blaues Band. Der Mann aber hat ein kleines
rotes Käppchen zur Bedeckung seines Hauptes; dieses Käppchen drückt hier beim
Manne die besondere Liebe zur Weisheit aus. Das blaue Band des Weibes um die
Stirn aber bezeigt die Beständigkeit des Weibes, wie sie nämlich eine getreue
Nachfolgerin der Weisheit des Mannes ist.
[NS.01_026,24]
Wir haben in dem Mittelhauptgürtel gesehen, daß die Menschen dort äußerst
schaulustig sind; doch steht ihre Schaulustigkeit in nahezu gar keinem
Verhältnis mit der Schaulustigkeit der Bewohner dieser beiden Nebengürtel. Denn
ein Mann, besonders des nördlichen Gürtels, ist also schaulustig, daß er gar
wohl imstande ist, ein Naturschauspiel, auch wenn es nach eurer Rechnung
mehrere Jahre lang andauert, auf einem Flecke stehend anzugaffen. Aber dafür
wird schon von Meiner Seite gehörig gesorgt, daß ein Naturschauspiel in diesem
Gürtel, wie auch in dessen gegenüberliegendem, eben nie gar zu lange andauert.
[NS.01_026,25]
Die meisten Naturschauspiele gehen gewöhnlich in diesen Gürteln dort vor sich,
wo die beiden Wassergürtel die zwei Hochgebirgsreihen begrenzen (durch welche
der Hauptgürtel von diesen beiden Nebengürteln getrennt wird). Diese
Naturschauspiele sind besonders bei Gelegenheit der
Hauptgürtel-Geschwulstausbrüche ziemlich andauernd; aber da dieser Wassergürtel
doch noch immer so breit ist wie ungefähr der doppelte Durchmesser eurer Erde
beträgt, so ist für unsere Schaulustigen von solchen Hauptschauspielen eben
nicht gar viel zu erblicken. Bei großen Ausbrüchen werden manchmal wohl eine
Menge großer Leuchtkugeln über das Hochgebirge in diese Gürtel geschleudert;
aber zufolge der sehr bedeutenden Entfernung werden solche Leuchtkugeln, wenn
sie auch manchmal von der Größe eures Erdmondes sind, eben nicht gar viel
größer erblickt, als wie ihr den Mond durch ein mittelmäßig starkes Fernrohr
seht. Zudem noch dauert das Herabfallen einer solchen Leuchtkugel kaum nur
einige Sekunden nach eurer Rechnung; daher denn auch das Schauspiel die
schaulustigen Bewohner in diesem Gürtel allzeit sehr unbefriedigt läßt.
[NS.01_026,26]
Ihre Hauptbeobachtungen aber gelten dem gestirnten Himmel; und die Bewohner,
besonders des nördlichen Gürtels, erschöpfen sich oft in lauter Mutmaßungen,
was doch ein oder das andere Gestirn bedeute, was es ist und zu welchem Zweck
es geschaffen ist.
[NS.01_026,27]
Die Bewohner des südlichen Gürtels haben sogar eine Art Augenwaffen, ungefähr
in der Art eurer camera obscura. Durch dieses Instrument fangen sie das Bild
eines Sternes auf und beobachten es mit allem möglichen Fleiße. Aber
dessenungeachtet geht es ihnen nicht viel besser als euch auf der Erde mit
euren Fernrohren, da sie am Ende dadurch nichts anderes gewinnen als höchstens
die Bewegungen der Gestirne und allenfalls ihre Größe, und sind bloß in dem
euren Gelehrten voran, daß sie gewisserart als Bewohner eines Fixsterns die
Entfernungen, Bewegungen und Größen anderer Fixsterne besser bestimmen können,
– das heißt insoweit ihre Augen und ihre Instrumente reichen; wenn ihnen aber
diese den Dienst versagen, so hat dann auch bei ihnen, wie bei euch, die
Rechnung ein Ende.
[NS.01_026,28]
Diese zwei Gürtel sind auch darin voneinander unterschieden, daß die Bewohner
des nördlichen Gürtels sich weniger auf das Schauen, aber desto mehr auf das
Mutmaßen und Schließen verlegen, während die Bewohner des südlichen Gürtels
alles vorher gehörig beschauen und dann erst in allerlei Mutmaßungen und
Schlüsse übergehen.
[NS.01_026,29]
Also hätten wir auch die Hauptneigung dieser Menschen in möglichster Kürze
kennengelernt. Und wir wollen nun noch einen kurzen Blick darauf werfen, wie
diese Menschen, sowohl des einen als des andern Gürtels, untereinander leben,
ob vereinzelt oder in Gesellschaft?
[NS.01_026,30]
Was die Bewohnung dieses Gürtels betrifft, so leben die Menschen zwar also wie
im Hauptgürtel in abgesonderten Wohnhäusern, deren Gestalt wir erst nächstens
beschauen wollen. Denn das ist schon also die Art der Weisen, damit sie nicht
gestört werden in ihren Betrachtungen.
[NS.01_026,31]
Dessenungeachtet aber gibt es dennoch, besonders an den Ufern kleiner Landseen
wie auch ganz besonders auf dem Hochflachlande, gewisse Gesellschaftskollegien,
welche aus mehreren großartigen, aneinandergereihten Gebäuden bestehen und ein
städtisches Aussehen haben. Diese Kollegien sind ein Gemeingut und zumeist von
den Allerweisesten des Landes bewohnt.
[NS.01_026,32]
Wie gestaltet aber die einzelnen Wohnungen und diese Kollegien sind, werden wir
bei einer nächsten Gelegenheit weiter besprechen, wie auch, was da betrifft
ihre Zweckmäßigkeit. – Und so lassen wir es heute wieder gut sein!
27. Kapitel –
Wohnhäuser und Gemeinschaftssiedlungen auf dem ersten Nebengürtelpaar.
[NS.01_027,01]
Was die einzelnen Wohnungen betrifft, so sehen diese im großen Maßstabe
genommen fast gerade so aus, wie in euren Gärten auf der Erde die runden
Gartensalons; nur haben sie im Verhältnis viel höhere und spitzere Dächer.
Diese Wohnhäuser aber sind nicht so offen wie die Wohnhäuser des mittleren
Gürtels, sondern sind ringsumher mit festen Wänden geschlossen, durch welche,
da sie von einer grün gefärbten, durchsichtigen Masse angefertigt sind, ein
hinreichendes Licht in das Innere des Wohnhauses fällt.
[NS.01_027,02]
Wie sieht denn das Innere des Hauses aus, und wie groß ist der inwendige Raum?
– Was den innern Raum betrifft, so wäre dieser groß genug, um ein ziemlich
großes Gebäude eurer Erde ganz bequem hineinstellen zu können. Aber höher ist ein
solches Wohnhaus selten, als ungefähr ein mittelmäßig hoher Turm bei euch, –
das heißt bloß die Wände betrachtet; das Dach hat wohl manchmal die dreifache
Höhe der Wände.
[NS.01_027,03]
Gegen die östliche Seite ist eine Tür angebracht (welche auf- und zuzumachen
ist), ungefähr von der Größe wie bei euch ein großes Stadttor. Die Tür aber
geht nicht sogleich von ebener Erde in das Haus, sondern vor der Tür sind
allzeit bei zehn hohe Staffeln angebracht, welche man übersteigen muß, bevor
man zur Tür gelangt.
[NS.01_027,04]
Vor der Tür selbst befindet sich allzeit noch eine Art Altan, auf welchem man
dann noch einige Schritte ebenaus zu machen hat, bis man zur Tür gelangt. Die
Stiege und der Altan aber sind ebenfalls bedacht, welche Dachung von ziemlich
massiven, viereckigen Säulen getragen wird.
[NS.01_027,05]
Wenn man durch die Tür gelangt, so muß man dann ebenfalls eine kleine Treppe
abwärts steigen, um auf den eigentlichen Boden des Wohnhauses zu gelangen; aber
auch innerhalb der Tür fängt nicht sogleich die Treppe an, sondern es führt von
der Tür weg auch eine Art inwendiger Altan bis zur Treppe hin, welche zu beiden
Seiten mit einem Geländer aus niedlich gearbeiteten, mehreckigen Säulen
versehen ist.
[NS.01_027,06]
Von diesem inwendigen Altane aber führt dann in gerader Richtung ein ziemlich
geräumiger Gang um die ganze Wand des Wohnhauses, welcher Gang vom Boden des
Hauses mit ziemlich starken, sechseckigen, weißen Säulen unterstützt wird. Der
Gang selbst ist ebenfalls mit einem einfachen Geländer versehen; einfach heißt
dort soviel, als wenn bei euch eine Sache zwar geschmackvoll aber dennoch ohne
mit irgend erhabenen oder eingedrückten Zieraten versehen zu sein gearbeitet
ist.
[NS.01_027,07]
Nach diesem Gange folgen dann mehrere Rundreihen von Säulen, welche vom Boden
angefangen bis unter die Tragbalken der Dachung reichen und diese tragen. Die
Säulen sind verhältnismäßig massiv und stark, so daß eine Säule, im
Durchschnitt genommen, einen Umfang von nicht selten drei bis vier Klafter hat.
[NS.01_027,08] Um
jede Säule sind am Boden des Hauses recht bequeme und weich gepolsterte
Rundbänke angebracht.
[NS.01_027,09]
Um die große Mittelsäule aber führt ebenfalls eine Wendeltreppe bis auf den
Dachboden hinauf und über demselben durch ein Dachtor auf die sogenannte
Dachgalerie, welche dort das „Observatorium“ heißt (dem Zweck, nicht aber dem
Wort nach genommen). Diese Galerie ist ebenfalls mit einem einfachen aber
geschmackvollen Kleinsäulengeländer umfangen. Manchmal ist diese Galerie selbst
noch mit einer Dachung versehen; auf den Hochflachländern aber ist dieses
Observatorium gewöhnlich ohne Dachung. Der Grund liegt darin, weil es auf
diesen Hochländern auch in der Sonne bei weitem kühler ist, als in den tiefer
gelegenen.
[NS.01_027,10]
Im Inwendigen des Hauses sind um die Rundsäulenbänke auch stets mehrere Tische
angebracht. Die Tische aber sehen aus wie eine flache Schüssel und sind
gewöhnlich je vier und vier um eine Säule und ruhen auf drei säulenartigen
Füßen.
[NS.01_027,11]
Unter dem Gang aber sind um die ganze Wandrundung herum recht geräumige Bänke
in der Art eurer Sofas angebracht, auf welchen die Bewohner nach einer Arbeit
auszuruhen pflegen. Auf den Tischen aber verzehren sie ihre Mahlzeit.
[NS.01_027,12]
Aus den vielen Tischen könnt ihr auch sogleich darauf schließen, daß die
Familie eines solchen Hauses ziemlich zahlreich ist. Hundert Menschen bewohnen
im Durchschnitt fast allzeit ein solches Haus.
[NS.01_027,13]
Im Hintergrunde eines solchen Hauses befindet sich ein prachtvoller Kasten,
welcher mit ebensoviel Schubladen versehen ist, als in einem Hause Menschen
wohnen. Eine jede Lade hat dasselbe Zeichen, welches das Namenszeichen eines
jeden Menschen ist. Und somit hat dann ein jeder Mensch in seiner eigenen Lade
dasjenige aufbewahrt, was er für seine Person in leiblicher und geistiger
Hinsicht nötig hat.
[NS.01_027,14]
Die leiblichen Notwendigkeiten sind das bißchen Gewand und sonstige notwendige
Handwerkszeuge.
[NS.01_027,15]
Fürs geistige Bedürfnis gibt es dort eine Art Bilderbücher, durch welche Bilder
die Menschen alle gemachten Erfahrungen und Anschauungen aufzeichnen. – Wenn
ein Mensch eine gewisse Anzahl solcher Bücher von Erfahrungen und Anschauungen
gesammelt hat, so übergibt er sie einem Kollegium, unter welchem er allenfalls
steht. Dort werden alle diese Erfahrungen und Anschauungen fein durchgeprüft;
das Brauchbare wird dann in ein allgemeines Protokollbuch eingetragen, das
Unbrauchbare und Kleinliche aber gewöhnlich durchgestrichen.
[NS.01_027,16]
Sodann bekommt der Überbringer seine Bücher wieder gewisserart korrigiert
zurück und schreibt oder zeichnet sich das Gebilligte in ein neues Buch,
welches dann ein Hauptbuch eines Hauses ist. Die Tagebücher aber werden dann
gewöhnlich vernichtet.
[NS.01_027,17]
Hier muß das weibliche Volk ebendasselbe tun, was das männliche tut, und muß
ebenfalls seine Erfahrungen und Anschauungen sorgfältig aufzeichnen und sodann
auch gleich den Männern ein Hauptbuch führen.
[NS.01_027,18]
Der Stammvater eines Hauses aber hat dann noch für sich ein Generalbuch, in
welchem wieder alle Familienhauptbücher, sowohl des männlichen als auch des
weiblichen Geschlechtes, jedoch bei weitem stärker abgekürzt, zusammengetragen
sind. Für dieses Generalbuch hat er im Hintergrunde des Rundganges einen
ziemlich großen Kasten angebracht, in welchen aber niemand schauen darf, außer
allein der Stammvater, welcher zu gewissen Zeiten aus diesem Generalbuch
Musterungen über alle anderen Hauptbücher hält.
[NS.01_027,19]
Das ist sonach die Gestalt und die ganze Einrichtung eines Wohnhauses im
nördlichen Gürtel.
[NS.01_027,20]
Im südlichen Gürtel sehen die Häuser nahe geradeso aus; nur sind die Dächer
nicht gespitzt, sondern abgerundet. So sind auch die Säulen nicht eckig,
sondern rund. Das wäre sonach der ganze Unterschied.
[NS.01_027,21]
Daß die Häuser des südlichen Gürtels etwas größer sind als die des nördlichen,
könnt ihr daraus entnehmen, weil auch die Menschen des südlichen Gürtels, wie
es schon erwähnt wurde, etwas größer sind als die des nördlichen.
[NS.01_027,22]
Solches könnt ihr euch für beide Gürtel noch hinzumerken, daß die Bewohner
dieser Gürtel ihre Häuser auch soviel wie möglich auf den erhabensten Punkten
aufbauen. Wißt ihr solches, so sind wir mit den Häusern auch fertig und wollen
uns daher sogleich zu den Kollegien wenden.
[NS.01_027,23]
Was die Kollegien betrifft, so bestehen diese nicht etwa aus einem Gebäude,
sondern je nachdem es der Flächenraum gestattet, manchmal aus hundert, manchmal
auch aus tausend Gebäuden. Aber nicht alle Gebäude sind von gleicher Größe,
sondern ihre Größe wie ihre Form bestimmen ihre Zweckmäßigkeit.
[NS.01_027,24]
In der Mitte eines solchen Kollegiums aber ist allzeit das Hauptgebäude
aufgeführt. Dieses Gebäude ist zugleich auch das größte und höchste unter allen
anderen Gebäuden eines solchen Kollegiums.
[NS.01_027,25]
Ein solches Hauptgebäude bildet immer ein langes Viereck; an jeder Ecke ist ein
sehr hoher Turm erbaut, welcher zuoberst gewöhnlich ohne Dachung ist, damit vom
selben aus nach allen Seiten hin Beobachtungen gemacht werden können. Das
Gebäude selbst hat der Länge nach einen Durchmesser von nicht selten tausend
Klafter eures Maßes; der Breite nach aber hat es höchstens nur fünfzig. Die
Höhe eines solchen Hauptgebäudes beträgt manchmal bei hundertundfünfzig
Klafter. – Das Dach des Gebäudes aber ist wenigstens noch um die Hälfte höher,
und die Farbe desselben dunkelrosenrot, während die Wände des Gebäudes
lichtviolett aussehen; die Wände der Türme aber sind lichtgrün.
[NS.01_027,26]
Die Wände dieses Gebäudes sind nicht also geschlossen wie die der Häuser,
sondern sind auf jeder Seite mit mehr denn fünfzig Klafter langen und bei zwei
Klafter breiten Fenstern versehen, welche in verhältnismäßigen Entfernungen
voneinander abstehen. Daher sind auch die Wände eines solchen Hauptgebäudes nicht
durchsichtig, weil das Licht durch die Fenster in das Gebäude fällt. Die
Fenster selbst aber sind nicht etwa offen, sondern sind ungefähr also wie bei
euch die gotischen Fenster, mit einer Art elastischem, aber überaus
wohldurchsichtigem und aus allerlei Farben zusammengesetztem Glase von der
äußeren Luft abgesperrt.
[NS.01_027,27]
Das Äußere eines solchen Hauptgebäudes bietet zwar einen imposanten Anblick
durch seine kolossale Größe, ist aber dennoch im übrigen ganz prunklos.
[NS.01_027,28]
Aber desto herrlicher sieht es innen aus; nur müßt ihr euch nicht die
unbeschreiblich große Herrlichkeit eines Tempels etwa der ersten oder zweiten
Art im Hauptgürtel vorstellen, sondern ihr müßt die Herrlichkeit an und für
sich betrachten. Denn wenn ein Licht auch nicht die Stärke des Sonnenlichtes
hat, so kann es aber an und für sich doch schön sein, wenn es nur ein
gleichmäßiges und ruhiges Licht ist. – Also verhält es sich auch mit der innern
Pracht eines solchen Kollegialhauptgebäudes.
[NS.01_027,29]
Der Eingang in dieses Gebäude ist ebenfalls nicht sogleich zu ebener Erde
angebracht, sondern in der Mitte einer engen Seite dieses Gebäudes ist
ebenfalls ein großartiger Altan angebracht, auf welchen man über mehrere Stufen
gelangt. Der Altan selbst ist ein ziemlich geräumiger, viereckiger Platz, mit
einer Dachung versehen, welche auf mehreren viereckigen, weißen Säulen ruht.
Über diesen Altan gelangt man erst zu einem zwanzig Klafter hohen Eingangstor
(welches ebenfalls auf- und zugemacht werden kann). Innerhalb des Gebäudes
führt dieser Altan (welcher innerhalb des Gebäudes breiter ist als außerhalb)
bei zwanzig Klafter vorwärts ebenaus; sodann erst führen zwei Reihen Stufen
hinab in das eigentliche Gebäude selbst.
[NS.01_027,30]
In der Mitte der beiden Stufen(-reihen) aber verlängert sich der Altan in
seiner Drittelbreite bis zum andern Ende des Gebäudes und bildet so einen
Mittelgang. Links und rechts aber gehen dann ebenfalls in gleicher Höhe zwei
breite Gänge und verbinden sich sowohl in der Mitte des Gebäudes wie am Ende
desselben mit dem Mittelgange. Diese Gänge sind ungefähr zehn Klafter hoch über
dem gewöhnlichen Boden und ruhen auf lauter viereckigen Säulen, welche in
Entfernungen von fünf Klaftern voneinander abstehen. – Daß sowohl der
Mittelgang als die beiden Seitengänge mit sehr geschmackvollen Geländern
versehen sind, braucht kaum mehr erwähnt zu werden. Die Geländer werden von
kleinen, lichtgrünen, halbdurchsichtigen, achteckigen Säulchen getragen.
[NS.01_027,31]
Der Boden des Altans wie der Gänge selbst ist also verfertigt wie ein Mosaik
und bietet die mannigfaltigsten Gestaltungen dar und ist dabei so fein poliert
wie ein Spiegel bei euch. – Also poliert ist auch alles andere eines solchen
Gebäudes.
[NS.01_027,32]
Zwischen dem Mittelgange und den beiden Wandgängen laufen zwei Reihen großer
Säulen, welche sowohl die Decke wie auch die Dachung des Gebäudes tragen.
[NS.01_027,33]
Zuunterst im Gebäude selbst aber sind rings um eine jede solche Säule ebenfalls
Ruhebänke angebracht, welche von einem elastisch glänzendroten Stoffe
angefertigt sind. Um diese Ruhebänke sind ebenfalls ähnliche Tische angebracht,
wie wir sie schon in den Wohnhäusern kennengelernt haben.
[NS.01_027,34]
In der Mitte eines solchen Gebäudes zwischen dem Mittelgang und der
Hauptsäulenreihe aber sind zwei parallel miteinander bei hundert Klafter lang
fortlaufende Tische gestellt, um welche eine große Menge beweglicher Lehnstühle
gestellt sind.
[NS.01_027,35]
Anstelle der Tische, und zwar zwischen den Säulen, welche den Mittelgang
tragen, befindet sich, sooft eine Säule kommt, ein großer Kasten, in welchem
die Hauptbücher aufbewahrt sind. – Vor dem Kasten befindet sich auch eine
bewegliche, zierlich gearbeitete Staffelei, um mittels derselben zu jedem Fach
des Kastens bequem gelangen zu können.
[NS.01_027,36]
Ihr müßt euch aber nicht denken, daß diese Kästen etwa aus Holz verfertigt
sind, sondern aus einer Art rotem Golde, welches an Glanz alles übertrifft, was
ihr nur je Glänzendes geschaut habt. Diese Kästen sind auch überaus zierlich
gearbeitet und zwischen den weißen Gangsäulen so wohlgeordnet angebracht, daß
sie der Architektur durchaus keinen Eintrag machen.
[NS.01_027,37]
Unter den Seitengängen längs der Wand, und zwar zwischen einer jeden Gangsäule,
befindet sich ebenfalls wieder ein solcher Kasten aus hochgelbem Golde
angefertigt; nur ist ein jeder solcher Kasten gut noch einmal so breit als
einer zwischen den Säulen des Mittelganges. Diese Kästen, welche sich um die
Wand des ganzen Gebäudes ziehen, sind das Archiv; und in manchem Hauptgebäude
gibt es deren über zweitausend, und ein jeder solcher Kasten hat nicht selten
bei tausend Fächer, von denen ein jedes manchmal bei zweitausend Bücher faßt.
Wenn ihr solches miteinander multipliziert, so dürftet ihr eine ziemlich starke
Bibliothek herausbringen; nur sollt ihr euch darunter keine eurer Folianten
denken; sondern ein solches Buch besteht im höchsten Fall nur aus zehn
Blättern, wobei auf jedem Blatte mehrere allgemeine Bilder vorkommen, ein jedes
Bild aber so viel in sich faßt, daß, wenn ihr dasselbe mit eurer Sprache
beschreiben wolltet, ihr damit sicher tausend Folianten anfüllen würdet; einen
jeden Folianten zu fünftausend Seiten genommen.
[NS.01_027,38]
Aus diesem könnet ihr schon einen kleinen Schluß machen, wieviel Weisheit oft
in einem solchen Hauptkollegialgebäude steckt. Wenn ihr aber noch dazu annehmen
wollt, daß auf einem solchen Sonnengürtel bei fünf Millionen solcher
Hauptkollegialgebäude stehen, so möget ihr dann zusammenmultiplizieren, wie
viele Folianten Weisheit, nach eurer Schrift gerechnet, in den beiden Gürteln
stecken.
[NS.01_027,39]
Und dennoch ist alle diese Weisheit nicht ein Tropfen gegen die Weisheit eines
einzigen Mannes, der da den Hauptgürtel der Sonne bewohnt. Und diese wieder
kaum ein Tropfen zur Weisheit eines obersten Priesters dieses Gürtels, der
seine Weisheit schon aus der Liebe schöpft. Und dessen Weisheit selbst wieder
ist kaum ein winziger Tropfen nur zur Weisheit des allergeringsten Kindleins
Meiner Liebe! – Wo ist dann erst die Weisheit der schon vollendeten Einwohner
der Himmel, und wo endlich erst die Meinige?!
[NS.01_027,40]
Kurz, lassen wir die Weisheit ruhen in diesen Archiven und beschauen noch ein
wenig die übrige Einrichtung dieses Hauptgebäudes.
[NS.01_027,41]
Die Decke dieses Gebäudes ist ein dreifaches Gewölbe von großer Festigkeit und
hat ebenfalls die glänzende Farbe von lichtrotem Gold. Die Wände selbst sind
blau und überaus fein poliert. Von der Decke herab bis zur Hälfte der Höhe des
Gebäudes hängen an dicken, weißen Stricken weiße Leuchtkugeln, welche zwar kein
eigenes Licht haben, aber durch ihren vielkantigen Schliff und ihre überaus
feine Politur brechen sie das von den Fenstern aufgefangene Licht in den
mannigfaltigsten Farben und gewähren dadurch dem Innern des Gebäudes einen
überaus prachtvollen Anblick.
[NS.01_027,42]
Die Gänge sind an den Wänden ebenfalls ununterbrochen fort mit wohlgepolsterten
Bänken versehen, damit sich auf denselben die Lustwandelnden wieder erquicken
können, wenn sie vom Herumgehen etwas müde geworden sind.
[NS.01_027,43]
Das ist sonach die ganze Einrichtung eines solchen Hauptkollegialgebäudes. Nur
an der Ecke eines solchen Gebäudes ist noch allenthalben eine kleine Tür
angebracht, durch welche man in die Türme gelangen kann.
[NS.01_027,44]
Die Türme selbst haben in ihrem Inwendigen gar nichts aufzuweisen als eine
bequeme Treppe von einem Turmboden auf den andern. Diese Böden sind darum
angebracht, damit bei der Besteigung eines Turmes niemand höhescheu wird. Damit
ihr euch aber solches desto leichter versinnlichen könnt, so denkt euch einen
nahe bei tausend Klafter hohen Turm, welcher inwendig je von zehn bis zu zehn
Klaftern durch einen Querboden etagenförmig abgeteilt ist, wo dann jeder Stock
mit dem andern durch eine mit einem Geländer versehene Treppe verbunden ist.
[NS.01_027,45]
Denkt euch noch dazu, daß ein solcher viereckiger Turm einen Umfang von
vierhundert Klaftern hat, so könnt ihr euch schon von einem solchen Gebäude
einen kleinen Begriff machen. – Daß auch jeder Turm für jeden Stock mit
wenigstens drei Fenstern versehen ist, versteht sich schon von selbst, indem
auch die Wände des Turmes undurchsichtig sind.
[NS.01_027,46]
Das ist alles. Nächstens wollen wir noch die übrigen Gebäude ein wenig
durchblicken und zugleich auch einen Blick auf den südlichen Gürtel werfen. Und
so lassen wir es für heute wieder gut sein!
28. Kapitel –
Kunst- und wissenschaftliche Gebäude in den Gemeinschaftssiedlungen.
[NS.01_028,01]
Was da die anderen Gebäude eines Kollegiums betrifft, so sind sie von den
anderen (Einzel-)Wohnhäusern nur dadurch unterschieden, daß ihre Wände mit
Fenstern durchbrochen sind; die Wände aber sind darum, wie bei dem
Hauptgebäude, undurchsichtig. Die Gestalt der Fenster an den anderen
Kollegialgebäuden ist gewöhnlich die eines Halbkreises; nur an sehr wenigen
Gebäuden sind auch wohl entweder ganz runde oder sechseckige Fenster
angebracht.
[NS.01_028,02]
Die Dächer der Nebengebäude sind auch nicht so hoch wie die Dächer der
gewöhnlichen Wohnhäuser, sondern mehr stumpf und nieder. Auf einigen
Kollegialgebäuden haben die Dächer eine Kuppelform, – und so gibt ein solches
Kollegium dann so ziemlich den Anblick einer ziemlich bedeutenden Stadt.
[NS.01_028,03]
Das Äußere eines solchen Kollegiums ist gewöhnlich mit einem ziemlich hohen
Ringwall umfangen, auf welchem mehrere Türme angebracht sind, welche zu
allerlei Beobachtungen dienen. In einem solchen Kollegium befindet sich
gewöhnlich auch ein Theater; aber nicht etwa in der Art, wie bei euch, sondern
dieses Theater ist vielmehr ein bildliches Darstellungshaus von den
verschiedensten Erfahrungen, welche ein oder der andere Mensch gemacht hat. Die
Darstellung geschieht auf eine bildliche Weise, und es wird dann eine Gegend,
in welcher der Darsteller die Erfahrung gemacht hat, treulich dargestellt. Denn
solches muß hier noch hinzu erwähnt werden, daß die Bewohner dieses Gürtels
vorzugsweise große Freunde der bildenden Kunst sind. Daher ist auch, mit höchst
seltenen Ausnahmen, fast ein jeder Bewohner dieses Gürtels ein recht tüchtiger
Maler. Denn die Malerei ist daselbst auch die einzige Art zu schreiben; nur ist
es jedem zur Pflicht gemacht, daß er die Natur treulich nachzuahmen versteht.
[NS.01_028,04]
Wenn ihr nun dieses wisset, so wird euch um so leichter begreiflich sein, auf
welche Weise allda das Theater gehandhabt wird; denn es besteht in nichts
anderem als in lauter wohlgelungenen, bildlichen Darstellungen, welche
gewöhnlich um die ganze Rundung angebracht werden, wonach dann das ganze
Theater so aussieht, wie bei euch ein großes Rundgemälde, durch welches eine
ganze Stadt oder eine andere merkwürdige Gegend zur Beschauung dargestellt
wird. Nur müßt ihr euch natürlicherweise ein solches Rundgemälde auf unserem
Gürtel um ein sehr bedeutendes größer vorstellen als ein ähnliches Rundgemälde
bei euch auf der Erde. Denn ein solches Theater in einem solchen Kollegium hat
wenigstens einen Umfang von drei- bis vierhundert Klaftern und ist nicht selten
bei fünfzig Klafter hoch.
[NS.01_028,05]
Ihr möchtet aber dieses Gebäude vielleicht ein wenig näher kennenlernen.
Solches soll denn auch geschehen. – In dieses Theatergebäude kann man nicht
also wie in die anderen Wohnhäuser gelangen, sondern der Eingang ist ein
unterirdischer. Daher ist auf einer Seite dieses Theatergebäudes eine Art Vorsprung
angebracht, ungefähr so, wie eine sogenannte Seitenkapelle bei einem eurer
Bethäuser. In dieser Kapelle ist eine Nische von bedeutender Vertiefung von
etwa drei Klaftern eingehöhlt. Am Ende der Nische ist dann erst das Tor
angebracht, dessen Flügel nach auswärts zu öffnen sind. Von diesem Tor führt
dann eine ziemlich breite Treppe abwärts, wie in einen Keller bei euch, und das
ungefähr in eine Vertiefung von sieben Klaftern. Wenn die Treppe dann die
meiste Vertiefung erreicht hat, erhebt sich bald eine andere Treppe, auf
welcher man gerade in der Mitte des Theatergebäudes wieder emporkommt.
[NS.01_028,06]
Das Theatergebäude ist aber inwendig, ungefähr drei Klafter von der Wand
abstehend, mit einer Säulenreihe versehen, welche fürs erste die Decke des
Theaters, wie die Dachung desselben, tragen hilft; sodann aber trägt diese
Säulenreihe etwa drei Klafter hoch über dem Boden auch einen geräumigen und
zierlichen mit Geländern wohlversehenen Gang, von welchem aus man eigentlich am
allerbesten die Darstellung übersehen kann.
[NS.01_028,07]
In der Mitte des Theatergebäudes, ungefähr eine gute Klafter von der
Aufgangspforte entfernt, ist noch eine überaus starke Säule angebracht, welche
ebenfalls die Decke und die Dachung tragen hilft, aber sonst vom Boden angefangen
bis zur Decke hinauf mit einer Wendeltreppe versehen ist.
[NS.01_028,08]
Hinter dieser Säule ist noch eine kleinere Säule gestellt, welche ebenfalls bis
an die Decke reicht. Von der Hauptmittelsäule, etwa fünf Klafter von der Decke
entfernt, ist dann wieder ein Gang über die zweite Säule, von dieser zu einer
Reihensäule und von der Reihensäule bis an die Wand des Theatergebäudes
errichtet, – auf welchen Gang man eben über die schon erwähnte Wendeltreppe der
mittleren Hauptsäule gelangen kann.
[NS.01_028,09]
In der gleichen Höhe dieses Ganges ist dann um die ganze Wand des
Theatergebäudes ein etwa anderthalb Klafter breiter Gang gezogen, welcher
natürlicherweise ebenfalls wieder mit einem Geländer versehen ist. Dieser Gang
wird nicht durch Säulen unterstützt, sondern statt der Säulen sind schräge
Wandstützen wie eine Art Büge angebracht, welche diesen Gang tragen.
[NS.01_028,10]
Ihr fraget: Wozu dient denn dieser Gang? – Er dient zu nichts anderem, als daß
auf seinem Geländer, welches nach außen mit zweckmäßigen Haken versehen ist,
das Rundgemälde aufgehängt wird, welches dann von diesem Geländer gewöhnlich
bis zum Boden hinabreicht und somit nicht selten eine Höhe von achtzig bis über
hundert Klafter hat.
[NS.01_028,11]
Ihr werdet wieder fragen: Wie bringt man denn ein solch großes Gemälde durch
die eben nicht zu große Eingangspforte dahin? – Solches geschieht partien- oder
streifweise, wobei ein jeder Streifen etwa eine Breite von drei Klaftern hat.
Diese Streifen werden ordnungsmäßig nebeneinander auf dem Geländer jenes
Wandganges aufgehängt und bieten dann ein vollkommenes Ganzes.
[NS.01_028,12]
Werden sie wieder abgenommen, so werden sie wieder zusammengerollt und aus dem
Theatergebäude in das sogenannte Theaterbibliothekgebäude gebracht; oder dem
Darsteller steht es auch frei, ein solches Theaterstück mitzunehmen, besonders
dann, wenn seine dargestellte Erfahrung keinen großen Beifall hatte.
[NS.01_028,13]
Poetische Werke haben bei ihnen auch einen größeren Wert als gewisserart
prosaische. – Was verstehen aber diese Menschen unter prosaischen und
poetischen Stücken? – Ein prosaisches Stück ist ein solches, durch welches ein
Darsteller seine eigenen Erfahrungen aus dem gewöhnlichen Leben darstellt.
Haben diese Erfahrungen durchaus nichts Ausgezeichnetes und besonders
Belehrendes in sich, so werden sie dem Darsteller ohne weiteres wieder
zurückgegeben, und es wird ihm dabei bemerkt, daß dergleichen Vorstellungen
nicht in dieses Haus gehören, in welchem nur solche Dinge vorkommen sollen,
durch welche die Weisheit des menschlichen Geistes bereichert werden solle.
Haben aber solche prosaische Werke außergewöhnliche Szenen aufzuweisen, so
werden dann diese Szenen aufgenommen; aber das Gewöhnliche wird dem Darsteller
wieder zurückgegeben. – Poetische Werke aber sind diejenigen, welche nicht aus
dem Bereich der Erfahrungen gemacht werden, sondern nur Erzeugnisse geistiger Phantasie
sind. Ein solches Stück bleibt dann auch gewöhnlich eine bedeutend lange Zeit
zur Anschauung ausgestellt.
[NS.01_028,14]
Warum aber werden solche poetischen Werke also geliebt? – Weil sie seltener
sind, besonders bei den Bewohnern dieses Gürtels; denn die Weisheit ist an und
für sich durchaus arm an freier Phantasie, indem das Reich der Phantasie nur
ein Eigentum der schöpferischen Liebe ist. Daher trifft hier bei der
Darstellung eines solchen poetischen Werkes allzeit der euch bekannte
Wahlspruch ein: „Wann die Großen bauen, so haben die Kleinen vollauf zu tun!“ –
So wird auch hier bei einem solchen poetischen Werk über alle Maßen geweissagt,
– und ein jeder findet etwas anderes darinnen, welches dann allezeit eine gute
Konversation absetzt, welche dann eine Lieblingsunterhaltung der Menschen
dieses Gürtels ist.
[NS.01_028,15]
Das ist also das Wesentliche eines solchen Theatergebäudes; nur würde hier
vielleicht irgendein feiner Kritiker fragen und sagen: „Zuoberst an den Wänden
ist ein Gang, von dem Gange herab hängt bis auf den Boden das Rundgemälde, die
Wände sind undurchsichtig, und an der Decke ist auch nirgends eine Öffnung
angebracht. Da somit allfällige Fenster offenbar durch das Gemälde allenthalben
verdeckt sein müssen, so bitten wir den Verfasser, daß er uns in dieses
Theatergebäude auch ein Licht bringe; sonst werden wir von den Gemälden eben
nicht gar viel zu sehen bekommen.“
[NS.01_028,16]
Nur eine kleine Geduld, es wird gleich des Lichtes genug kommen. – Es ist schon
bei euch auf der Erde eine eigene Art, gewisse theatralische Dekorationen zu
malen. Sehet, etwas Ähnliches ist auch hier der Fall; aber das Malen besteht
darum nicht in einer Art theatralischer Patzerei; sondern diese theatralische
Malerkunst besteht hier darin, daß das Gemälde mit einer Art selbstleuchtender
Farben dargestellt wird. Diese Farben sind zugleich die lebhaftesten und
dauerhaftesten; denn jede Farbe in der Sonne, wenn sie nicht ein eigenes Licht
hat, stirbt bald ab; wenn sie aber ein eigenes Licht hat, dann trägt sie
gewisserart in sich selbst die Waffe, um mit derselben gegen das zerstörende
Einfallen des äußeren Lichtes zu kämpfen.
[NS.01_028,17]
Sehet, das ist die Beleuchtung eines solchen Theaterstückes. Und so hat das
Theater zwar wohl Fenster, diese dienen aber nur dazu, um beim Aufrichten eines
Stückes zu sehen. Wann aber das Stück aufgerichtet ist, werden sorgfältig alle
Fenster verschlossen, damit der Reiz eines solchen Gemäldes ja durch keinen
andern Lichtstrahl beeinträchtigt wird.
[NS.01_028,18]
Obschon aber diese Farben in der Sonne eben nicht so schwer zu bearbeiten sind,
so ist dennoch viel Übung erforderlich, um mit denselben so malen zu können,
daß da überall, wie ihr zu sagen pflegt, Schatten und Licht gehörig verteilt
werden. Mit nicht selbstleuchtenden Farben ist die Schattierung freilich wohl
um vieles leichter zu bewirken; aber mit selbstleuchtenden Farben ist das
Schattieren einer nicht unbedeutenden Schwierigkeit unterworfen. Doch solches
haben besonders die Kollegialmaler unseres Gürtels so sehr in der Übung, daß es
ihnen ein leichtes ist, ein ganzes solches Rundgemälde im Verlaufe von einem
Jahre, nach eurer Zeitrechnung, auszufertigen.
[NS.01_028,19]
Damit ihr euch aber auch einen kleinen Begriff machen könnt, wie ein solches
Malen vor sich geht, so mache Ich euch auf eine Art Malerei auf eurer Erde
aufmerksam, welche mit dieser Art Lichtmalerei auf unserem Sonnengürtel große
Ähnlichkeit hat. Und diese Malerei auf eurer Erde ist die sogenannte
Porzellanmalerei, wobei auch mit Farben gemalt wird, die in ihrem rohen
Zustande äußerst dumpf und einförmig erscheinen. Wenn aber dann ein solch
bemaltes Geschirr wieder in die Glühhitze kommt, so treten in derselben die
schönen Farben erst hervor.
[NS.01_028,20]
Sehet, also werden auch diese Theaterstücke gemalt. Sind die Streifen gemalt,
so werden sie mit einer Art Lack überzogen. Ist solches geschehen, so fangen
erst die Farben an wie lebendig hervorzutreten, und das durch die Nötigung des
überall freien Sonnenlichtes, welches von diesen ursprünglich stummen Farben
aufgesogen und dann für immer sehr lebhaft behalten wird.
[NS.01_028,21]
Das ist somit alles, was von einem solchen Kollegialtheater besonders
bemerkenswert ist.
[NS.01_028,22]
Was die anderen Gebäude eines solchen Kollegiums betrifft, so dienen sie
einesteils zu Wohnungen für die Weisheitslehrer, teils aber auch für Sammlungen
von allerlei Denkwürdigkeiten und kleineren Gemälden.
[NS.01_028,23]
Daß diese Kollegialgebäude gewöhnlich allezeit in einem länglichen Kreise um
das Hauptgebäude herumgestellt sind, ist noch das einzige, was uns darüber zu
bemerken übrigbleibt. Und daß solche Kollegien gewöhnlich an den Ufern kleiner
Seen und auf dem Hochflachlande auch an den Ufern bedeutender Flüsse angebaut
werden, kann auch noch hinzubemerkt werden.
[NS.01_028,24]
Für den südlichen Gürtel braucht ihr nichts anderes, als euch alles das mehr
gerundet und auch etwas mehr vergrößert vorzustellen, so habt ihr alles, was in
dieser Hinsicht auch der südliche Gürtel faßt.
[NS.01_028,25]
Nächstens wollen wir zu der Landeskultur dieser beiden Gürtel übergehen; und so
können wir es für heute wieder gut sein lassen!
29. Kapitel –
Bodenkultur und Tierwelt im ersten Nebengürtelpaar.
[NS.01_029,01]
Was die Landeskultur betrifft, so wird diese allda in drei verschiedene Klassen
eingeteilt, nämlich in die Kultur der Uferländer, in die Kultur der Hügel und
in die Kultur des Hochflachlandes.
[NS.01_029,02]
Worin besteht denn die Kultur der Uferländer? – Die Kultur der Uferländer
besteht in dem, daß allda vorzugsweise die Kollegialbewohner diejenigen
Anpflanzungen von allerlei wohlgenießbaren Früchten zu bewerkstelligen suchen,
die in entsprechender Hinsicht in diesem mehr Feuchtigkeit haltenden Boden am
besten gedeihen.
[NS.01_029,03]
Zu derartigen Pflanzungen gehört vorzugsweise die Baumzucht. – Wie wird aber
ein oder der andere Baum hier gepflanzt und gezogen? – In dem Hauptgürtel haben
wir in dem lediglichen Willen des Menschen das Samenkorn für zahllos
verschiedenartige Gewächse gesehen. Ist dieses auch in diesem Nebengürtel der
Fall? – Ich sage hier nicht ganz ja und nicht ganz nein. Die Folge aber wird
zeigen, wie solches vor sich geht.
[NS.01_029,04]
Auch in diesem Gürtel hat die ganze Pflanzenwelt zwar keinen Samen; aber auch
die Bewohner haben in ihrem schwächeren Willen den Samen nicht.
Dessenungeachtet aber hängt es doch sehr vom Willen der Menschen ab, wo sie
irgendeine Pflanze oder einen Baum haben wollen. – In diesem Gürtel ist zwar
schon von Mir aus für das Wachstum der Pflanzen gesorgt, und es kann niemand eine
andere Pflanze zum Vorschein bringen als diejenigen nur, welche für diesen
Gürtel bestimmt sind. Aber die für diesen Gürtel bestimmten Pflanzen können die
Menschen dann wohl durch einen gewissen Grad von Handtätigkeit und vorzugsweise
aber durch ihren Willen dem Boden entlocken.
[NS.01_029,05]
Solche Art der Pflanzenhervorbringung wird dort die Primitivkultur genannt,
welche aber gewöhnlich nicht jedermann zu bewirken vermag; sondern solches
vermögen nur einige, sich eigens diesem Zweige widmende, willensstarke Weise.
[NS.01_029,06]
Die andern Einwohner dieser Gürtel aber betreiben gewöhnlich die Zweit- oder
Sekundärkultur, welche darin besteht, daß sie Reiser und Zweige von den
vorhandenen Bäumen nehmen und sie in das Erdreich stecken, ungefähr so, wie bei
euch die Weidenbäume und die Reben angepflanzt werden.
[NS.01_029,07]
Wie wird aber bei der Primitivkultur verfahren? – Der Anpflanzer hat einen
spitzigen Stab. Diesen Stab stößt er ungefähr eine halbe Klafter tief in den
Boden, nimmt dann ein Gefäß mit Wasser, welches er zuvor einige Male anhaucht,
schüttet dann das Wasser tropfenweise in das gemachte Loch, und wenn er das
Wasser verbraucht hat, betet er zu Gott, dem Allerhöchstweisen, daß Er an
dieser Stelle eine oder die andere Pflanze möchte wohl fruchtbringend dem Boden
entkeimen lassen. Sodann stellt er sich eine Zeitlang über die Öffnung also,
daß dieselbe gerade unter seinem etwas vorgeneigten Haupt zu stehen kommt;
fixiert dieselbe, nach eurer Rechnung bei einer Stunde lang. Darauf entfernt er
sich und macht wieder mit seinem Stabe in guter Ordnung ein zweites solches
Loch in das Erdreich und tut dasselbe wie beim ersten, – und fährt dann so
fort, bis er die ihm vorbestimmte Zahl von einer und derselben Baumgattung
angepflanzt hat.
[NS.01_029,08]
Ist er mit der ganzen Arbeit fertig, so dankt er Gott, dem
Allerhöchstweisesten, für die ihm verliehene Kraft, Geduld und Ausharrung,
segnet dann die Anpflanzung und überläßt dann alles dem Willen Gottes und
begibt sich nach Hause.
[NS.01_029,09]
Im Verlaufe eines Jahres, nach eurer Rechnung, stehen da auch schon mit
Früchten beladene Bäume, wo er sie angepflanzt und welche Art er bei der
Anpflanzung in seinem Willen hatte. Solche durch die primitive Pflanzungsart
hervorgebrachten Bäume sind die allerdauerhaftesten, so daß mancher nicht
selten ein Alter von mehr als tausend Jahren, nach eurer Rechnung, erreicht.
[NS.01_029,10]
Auf dieselbe Weise aber, wie da die Bäume angepflanzt werden, so werden auch
andere kleinere Pflanzen, wie auch das Kleingras, angepflanzt. Nur hat man da
zur Belöchelung des Erdreiches dann ein anderes Werkzeug. Dieses besteht in
einer Art Walze, welche mit vielen Spitzen versehen ist. Diese Walze wird nun
über den Boden dahingerollt. Hinter der Walze aber geht dann ein gewöhnlicher Primitivpflanzer
mit einem tüchtigen Gefäß voll angehauchten Wassers einher, welches Gefäß
ungefähr also gestaltet ist, wie eure Spritz- oder Gießkannen. Mit diesem Gefäß
begießt er sorgfältig das belöcherte Erdreich. Und ist dann eine vorbestimmte
Strecke also bebaut worden, so betet er dann über die ganze Strecke und tut
gewisserart im allgemeinen dasjenige, was er bei der Anpflanzung eines jeden
Baumes besonders tut. Und nach drei Tagen eurer Rechnung ist die ganze also
bebaute Strecke voll bewachsen mit derjenigen Art von Pflanzen, welche der
Anpflanzer hier haben wollte.
[NS.01_029,11]
Auf dieselbe Weise werden auch weitgedehnte Strecken mit edlem Grase
angepflanzt. – Eine Art Gras aber, welches dort das wilde oder unedle genannt
wird, sowie auch einige Arten unedler Kleinpflanzen entwachsen hier und da
gewisserart von selbst dem Boden und dienen dem hier sparsamen Tierreich zur
Nahrung.
[NS.01_029,12]
Also ist die Primitivanpflanzung beschaffen und ist vorzugsweise eine Eigenart
der Ufergegenden, welche zumeist ein Eigentum der Kollegialbewohner sind.
[NS.01_029,13]
Worin besteht hernach die Hügelkultur? – Die Hügelkultur besteht lediglich in
der Baumkultur – und zwar im Wege der sekundären Anpflanzung; Kleinpflanzen
aber kommen da gewöhnlich nicht vor.
[NS.01_029,14]
Was aber die Baumfrüchte betrifft, so werden diese durch die sekundäre
Anpflanzung gewisserart veredelt und werden dann auch viel größer und
wohlschmeckender als die der Primitivanpflanzung.
[NS.01_029,15]
Unter den verschiedenen Bäumen will Ich euch bloß einen als den
beachtenswertesten etwas näher bezeichnen. Dieser Baum wächst nicht so sehr
hoch; aber desto mehr breitet er sich am Boden aus. Sein Hauptmittelstamm
erreicht nicht selten eine Höhe von höchstens vier Klaftern eures Maßes, treibt
aber von diesem seinem massiven Stamme nach allen Seiten strahlenförmig hundert
bis zweihundert Klafter lange Äste von sich, welche immerwährend strotzen von
überaus wohlschmeckenden, reifen Früchten, welche ungefähr so aussehen, wie bei
euch die größte Gattung der Trauben. Diese Frucht ist überaus wohlschmeckend
süß, aber nicht also saftig wie eure Trauben; sondern ungefähr so wie die Melonen
bei euch. Die Frucht ist zugleich die Hauptnahrung der Bewohner dieses Gürtels
und ist darum auch die allgemeinste, weil der Baum allenthalben überaus gut
fortkommt.
[NS.01_029,16]
Was die anderen Bäume betrifft, so sind ihre Früchte mehr üppige Leckereien,
denn eigentliche Nahrung. – Ihr werdet wohl fragen: Haben denn diese Menschen
kein Brot, wie es bei euch auf der Erde vorkommt? – Nein, dergleichen Brot ist
daselbst nirgends anzutreffen; aber an dessen Stelle trocknen sie den Überfluß
der vorbeschriebenen Baumfrucht, und diese trockene Frucht vertritt dann die
Stelle des Brotes.
[NS.01_029,17]
Also ist die Landeskultur der Hügel beschaffen, wozu höchstens noch erwähnt
werden kann, daß solche Hügelbewohner, um ihre Gründe zierlicher zu machen, das
frei wachsende Gras gewisserart kultivieren, welches sie durch dessen fleißiges
Abschneiden bewirken. Dadurch sehen oft solche Hügel dann gerade also aus, als
wenn sie mit grünem Seidensamt überzogen wären.
[NS.01_029,18]
Das ist demnach aber auch gänzlich alles, was da betrifft die Kultur der Hügel.
Und so hätten wir nur noch die Kultur des Hochflachlandes vor uns. Mit dieser
werden wir jedoch gar bald fertig werden; denn die ganze Kultur der
Hochflachländer unterscheidet sich von den zwei bisher bekannten in gar nichts
anderem, als daß auf diesen Hochflachländern die Früchte der Primitivkultur
nicht genossen werden, sondern nur allein die von der Sekundärkultur.
[NS.01_029,19]
Aus dem Grunde werden allda zum Zwecke der Primitivkultur gewisserart nur Baum-
und Pflanzschulen angelegt, von denen dann die Reiser auf die schon bekannte
Art weiterverpflanzt werden. Nur das Gras wird auf den Hochflachländern
allenthalben durch die Primitivkultur gezogen.
[NS.01_029,20]
Und somit hätten wir auch schon die Kultur des Hochflachlandes dargetan, wozu
noch höchstens das bemerkt werden kann, daß die Früchte auf dem Hochflachland
bei weitem die edelsten, wie auch die Bewohner dieses größten Landes dieser
beiden Gürtel die weisesten und edelsten sind.
[NS.01_029,21]
Ihr werdet hier wohl fragen: Auf die Art, wie das Hochflachland bebaut und
bewohnt ist, werden sich allda wohl wenig Tiere vorfinden? – Ja, ihr habt auch
recht; denn außer einigen wenigen kleinen Singvögeln gibt es durchaus keine
Tiere. Aber auf den unteren Ländern gibt es wohl auch eine Art roter Ziegen und
weißer Schafe. Die Schafe werden von den Einwohnern gezogen, hier und da wohl
auch die Ziegen; aber im allgemeinen nicht.
[NS.01_029,22]
Ganz zuunterst an den Ufern des großen Ringmeeres gibt es auch eine Art Kühe,
welche aber vielmehr aussehen wie etwa ein Riesenschaf. Die Kollegialbewohner
machen auch öfter Jagd auf sie und suchen sich derselben lebendig zu
bemächtigen, welche Jagd sie aber allezeit ein tüchtiges Stück Arbeit kostet.
Denn diese Kühe, wenn sie auch nicht bösartig sind, sind dennoch
außerordentlich schnell zu Fuße, und es braucht viel Klugheit, um ein solches
Tier ins Garn zu bekommen.
[NS.01_029,23]
So mager aber das Land an Tieren ist, so wimmelt es doch in dem großen Ringmeer
von allerlei Wassertieren. Und die hier und da in diesem Meer vorkommenden
bedeutenden Inseln sind von ganzen Heeren der mannigfaltigsten Vögelgattungen
bewohnt. Aus dem Grunde verfügen sich auch bei ruhigen Zeiten besonders die
Kollegialeinwohner gern hinab zu den Ufern des großen Ringmeeres und beobachten
da, soweit sie nur mit ihren Augen reichen können, die mannigfaltigen Lebewesen
der großen Gewässer.
[NS.01_029,24]
Das ist sonach alles, was zur Kultur dieser beiden Gürtel gehört, welche in
beiden Gürteln ganz eine und dieselbe ist; nur ist der südliche Gürtel in allem
an Größe etwas ausgezeichneter als der nördliche.
[NS.01_029,25]
Und somit wären wir mit diesem Artikel auch wieder zu Ende. – Nächstens wollen
wir zur häuslichen und sodann auch zur geistigen und religiösen Verfassung
übergehen. – Und damit gut für heute!
30. Kapitel –
Häusliche Verfassung auf dem ersten Nebengürtelpaar. – Peinliche Ordnung und
Weisheitskrämerei der Bewohner.
[NS.01_030,01]
Was die häusliche Verfassung betrifft, so ist diese einerseits sehr einfach,
anderseits aber dennoch wieder sehr kompliziert. – Wie ist solches wohl
möglich, daß ein und derselbe Zweig auf der einen Seite einfach, auf der andern
Seite aber kompliziert erscheinen kann? Es ist nichts leichter als das; denn es
gehört dazu nur die rechte Erkenntnis, und dieser zufolge kann kein Ding anders
betrachtet und erkannt werden, als so, daß es einerseits ganz einfach,
anderseits aber dennoch wieder überaus kompliziert erscheinen muß.
[NS.01_030,02]
Nehmet zum Beispiel nur einen Apfel, besehet ihn von außen, – und er wird euch
unmöglich anders als höchst einfach und monoton vorkommen. Öffnet ihn aber und
untersucht alle seine Teile mikroskopisch, so werdet ihr diesen ganz einfachen
Apfel so vielfach kompliziert erblicken, daß euch von der Fülle seiner Teile zu
grauen und zu schwindeln anfangen wird.
[NS.01_030,03]
Sehet, ebenso verhält es sich mit der häuslichen Verfassung unserer
Gürtelbewohner. Wenn ihr zu einem Hause kommen und dasselbe samt seinen
Bewohnern einen Zeitraum von zehn Jahren beobachten möchtet, so würdet ihr fast
nichts anderes als ein sich immer wiederholendes Einerlei erblicken und dieses
noch dazu so einfach und einfältig, wie nur immer möglich, – so zwar, daß euch
ein Taubenschlag auf der Erde mehr Abwechslung bieten dürfte als ein solches
Wohnhaus mit seinen Bewohnern.
[NS.01_030,04]
Aber nicht also sieht es im Innern aus; denn dort ist wieder alles so
kompliziert und bedeutungsvoll, daß es euch schon bei der kleinsten Sache zu
schwindeln anfangen würde, wenn euch ein solcher Hausvater dieselbe
auseinandersetzen und euch alle die geheimen und wichtigen Bedingungen
erschließen möchte, welche alle allerpünktlichst von dieser Kleinigkeit
abhängen.
[NS.01_030,05]
Damit ihr euch davon einen genügenden Begriff machen könnt, wie eine solche
Haushaltung auf ihrer komplizierten Seite eingerichtet ist, will Ich euch zum
hinreichenden Überfluß nur ein paar recht augenscheinliche Beispiele kundgeben.
[NS.01_030,06]
Ihr wißt auch etwas von der Symmetrie und vom Gleichgewicht. Allein was ist da
eure Symmetrie und euer Gleichgewicht gegenüber dem, was ein solcher
Gürtelbewohner Symmetrie und Gleichgewicht nennt!
[NS.01_030,07]
Nehmen wir zuerst ein Beispiel von der Symmetrie. – Wenn ein Sonnenbewohner zu
euch in eure Zimmer käme und würde da die Gegenstände, zum Beispiel Kästen,
Tische, Bänke, Wandverzierungen und dergleichen mehr noch ziemlich wohlgeordnet
erblicken, so würde er augenblicklich die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen
und euch, wenn er sich von seinem ersten Entsetzen ein wenig erholt hätte, auf
ein Haar beweisen, daß von solcher Unordnung das Gleichgewicht eines ganzen
Weltkörpers abhängt, und ist dieser aus seinem Gleichgewicht, so muß alles mit
der Zeit aus dem Gleichgewicht kommen. Er würde euch beweisen, daß wenn dieser
oder jener Kasten, oder ein sonstiges Einrichtungsstück, nicht mit der größten
Ruhe und Behutsamkeit um ein Haar weitergerückt wird, in tausend Millionen
Jahren die ganze sichtbare Schöpfung in die größte Unordnung geraten muß. Und
solches würde er euch nicht nur naturmäßig, sondern auch mit außerordentlicher
philosophischer Gediegenheit metaphysisch dartun, und würde zum Beispiel sagen:
„Aber merket ihr unsinnigen Menschen denn nicht, daß sich ja notwendig eure
Gedanken vorerst also ordnen und binden müssen, wie da geordnet ist das
Hausgerät in eurer Wohnung. In welcher Ordnung aber werden sich diese wohl
binden, wenn sie neben einem Kasten einen Stuhl, auf dem Kasten irgendein mit
dem Kasten in gar keiner Beziehung stehendes Gefäß, in einem andern Winkel des
Zimmers ein Ruhebett und neben demselben wieder einen Tisch und neben dem
Tische wieder etwas mit demselben in gar keiner Beziehung Stehendes, entweder
für beständig oder, was noch schlechter ist, veränderlich erschauen?“
[NS.01_030,08]
Er würde euch weiter fragen: „Wisset ihr, was die Weisheit ist? Die Weisheit
ist das unendlich vollkommenste Ebenmaß in allen Dingen; sie ist die
allerscharfsinnigst berechnete Ordnung, durch welche und in welcher die
allerhöchste Weisheit Gottes alle Dinge erschaffen hat und erhält. Wie wollt
ihr aber je zur Weisheit gelangen, wenn ihr nicht einmal in diesen kleinen
Dingen Sorge tragt, daß sie so geordnet und gestaltet würden, daß sich euer
Auge an solche Ordnung gewöhne, und durch solche oft wiederholte Beschauung
auch eure Gedanken einen Anfang machen möchten, wenigstens in diesen kleinen
Dingen sich an eine Ordnung zu gewöhnen und von dieser Ordnung dann auch zu
einer andern überzugehen? – Denn wenn ihr nicht da, wo ihr es könnt, die
Ordnung beachtet und euch an dieselbe gewöhnt, wie wollt ihr dann mit eurem
solche Unordnung gewohnten Geiste eine höhere Ordnung entdecken und beschauen?
– Ist dieses nicht ebenso unmöglich, als wenn ihr mit einer
allerungeschicktesten Bruchzahl wolltet die Wurzel einer Größe finden, welche
aus lauter geraden Zahlen besteht? – Ihr müsset daher eure kleinsten Gedanken
zu einer geraden Zahl erheben; sodann erst könnt ihr euch an andere Größen
wagen, um in ihnen die wohlgeordnete Wurzelzahl zu entdecken, welche die
Bedingung der ganzen Größe enthält.“
[NS.01_030,09]
Und weiter würde ein solch weiser Bewohner solch eines Gürtels zu euch
sprechen: „Kennt ihr das Gewicht eures Weltkörpers? Wisset ihr, was denselben
um seine Achse dreht? Wißt ihr, was ihn im freien Raum erhält? – Es ist das
Gleichgewicht. – Sind fürs erste eure Häuser vollkommen symmetrisch gebaut,
keines größer und keines kleiner, und so auch alle Zimmer in den Häusern
vollkommen gleich eingeteilt, die Einrichtung überall dieselbe und gleich
geordnet, so übt solches keine Störung auf die Bewegung eines Weltkörpers. Im
Gegenteil aber muß es euch ja doch einleuchtend sein, daß solche unsymmetrische
und unverhältnismäßig bald mehr massive, bald wieder weniger massenreiche
Aufhäufung von Materialien auf einem und demselben Punkte dem Gleichgewicht
eines ganz freischwebenden Weltkörpers ja notwendigerweise einen mathematischen
Unterschied beibringen muß. Ist aber das Gleichgewicht nur im geringsten
gestört, so geht solche Störung ja auch auf die Bewegung über und bewirkt mit
der Zeit immer mehr sich häufende Unordnungen; – fürs erste in der Temperatur
und fürs zweite in dem Umschwunge selbst, der entweder beschleunigt oder
verzögert wird. Wenn aber solche Unordnungen um euch her durch eure eigene
Ungeschicklichkeit entstehen müssen, wann wollt ihr dann eurem Geiste den
Aufschwung zu einer höheren Ordnung geben, – und durch diese erst in die
Weisheit übergehen?“
[NS.01_030,10]
Sehet, das wäre ein Beispiel über die Symmetrie. Bevor wir aber solches näher
beleuchten wollen, wollen wir noch ein kleines vom eigentlichen Gleichgewicht
hinzufügen. – Ihr werdet hier zwar sagen und fragen: Was soll denn dieser Weise
noch für ein anderes Gleichgewicht haben, als dasjenige, demzufolge er ja
ohnehin schon hinreichend die mangelnde Symmetrie unserer Zimmereinrichtung
getadelt hat?
[NS.01_030,11]
Ich sage euch aber: Das war nur eine allerleiseste Anspielung von dem, was ein
so recht erzweiser Gürtelbewohner unter dem Gleichgewicht versteht. Das
Gleichgewicht geht dort so weit, daß ihr euch davon auf der Erde im
eigentlichsten Sinne gar keinen Begriff machen könnt.
[NS.01_030,12]
So wird zufolge des Gleichgewichts das Kleidungsstück, das sie tragen, auf
einer allergenauesten Haarwaage gewogen und muß demzufolge, wenn zum Beispiel
in einem Hause auch bei hundert Menschen leben, jedermann ein ganz vollkommen
haargleich schweres Kleid tragen, und muß sich demzufolge auch jeder gefallen
lassen, daß die Kleidungsstücke von Zeit zu Zeit wieder gewogen werden; und
wenn es sich da zeigt, daß eines um ein oder zwei Sonnenstäubchen geringer ist
als das andere, so muß solches außerordentliche Untergewicht sogleich
waagerecht ersetzt werden.
[NS.01_030,13]
Hernach wird auch jedermann abgewogen, und der natürlich Schwerste dient da zum
Maßstab. Der Leichtere muß sich dann gefallen lassen, stets so viel Gewicht mit
sich zu tragen, damit er mit dem Schwersten gleichgewichtig ist. – Also ist es
auch mit den Weibern der Fall; auch da wird die Schwerste abgewogen, und die
Leichteren müssen ebenfalls sich zur Tragung eines Gewichts bequemen, um
vollgewichtig zu werden. – Die Kinder werden nach gewissen Altersklassen
eingeteilt und müssen von einer Altersklasse zur andern immer ein bestimmtes
Kindergewicht haben, welches aber dadurch erhalten wird, daß den Kindern gleich
anfangs ein kleines Bleigewicht gegeben wird, von welchem von Zeit zu Zeit
stets nach der Waage etwas genommen wird, damit das erste angenommene
Kindergewicht bis zur nächsten Altersklasse stetig bleibe.
[NS.01_030,14]
Also werden auch die Nahrungsmittel allzeit auf das genaueste abgewogen und
müssen vom Baume überaus behutsam abgenommen und dann allzeit von zwei Menschen
genau in ihrer Mitte ins Haus geschafft werden, wo sie dann auf die genaue
Mitte eines dazu bestimmten Speisetisches gelegt werden.
[NS.01_030,15]
Sind die Früchte einmal in hinreichender Menge auf dem Tisch in der höchst
möglich symmetrischen Ordnung aufgehäuft, sodann kommen zwei Auswäger, welche
nach Linien, mit welchen der Speisetisch überzogen ist, sich ganz gleichen
Schrittes mathematisch genau gegenüberstellen, und ein jeder nimmt dann ganz
gleichzeitig ein Fruchtstück von möglichst gleicher Größe und wägt es genau ab.
Sind die ersten zwei Stücke gewogen, so werden sie wieder ganz gleichzeitig aus
der Waage genommen und in eine schon zu dem Behufe auf einer Linie befestigte
Speiseschale gelegt. Ist die erste Abwägung geschehen, so bewegen sich die
Auswäger ganz gleichen Schrittes zu einer andern Linie und wägen allda wieder
eine zweite Portion ab und tun solches so lange, bis alle Speiseschalen gefüllt
sind. Sodann bewegen sich die zwei Auswäger wieder geradlinig links und rechts
vom Tische weg und heben ihre Waagen auf dem bestimmten Orte auf.
[NS.01_030,16]
Sodann wird ein Zeichen gegeben, und alles bewegt sich nach den
vorgeschriebenen Linien und Kreisen, mit welchen der Fußboden mathematisch
genau ausgezirkelt versehen ist, ganz gleichen Schrittes in der möglichsten
Ruhe zum Speisetisch hin, allda muß dann wieder ein jedes ganz vollkommen
gleichzeitig in die Schale greifen und also auch die Früchte ordnungsmäßig
verzehren. – Und sind die Früchte verzehrt, so wird dem großen, weisen Geber
gedankt, in derselben Ordnung vom Speisetische hinweggegangen und allda geruht.
[NS.01_030,17]
Auf ein gegebenes Zeichen erhebt sich dann wieder alles von den Ruhebänken und
bewegt sich gleichen Schrittes paar- und paarweise entweder auf die Galerie des
Hauses im Inwendigen oder aber auch manchmal auf die Dachgalerie. Doch jede
solche Bewegung muß sehr gleichmäßig geschehen, so daß niemand einen
geschwinderen und weiteren Schritt machen darf, als wie solche Schritte schon
mit Linien auf dem Boden bezeichnet sind.
[NS.01_030,18]
Solche Ordnung in der Bewegung aber wird vorzugsweise nur im Hause beobachtet
und außer dem Hause nur bis zu einem gewissen Kreise. Über diesen Kreis kann
dann auch jeder Mensch sich freier und willkürlicher bewegen, – und zwar aus
dem Grunde, weil dort der Boden ihrer Welt kein gleichgewichtstörendes,
schweres Haus mehr zu tragen hat.
[NS.01_030,19]
Ebenso pedantisch ist auch solche Symmetrie- und Gleichgewichtsbeobachtung in
den Kollegien zu Hause.
[NS.01_030,20]
Sehet, aus diesen zwei Beispielen könnt ihr euch nun schon leicht einen Begriff
machen, von welcher Art die ganze Hausverfassung bei den Bewohnern dieser
beiden Gürtel ist. Denn so hat auch jede andere Beschäftigung und Einrichtung
den abgemessensten und abgewogensten Takt, – welche häusliche Verfassung dann,
wie gesagt, einerseits betrachtet höchst monoton und einfach aussieht,
anderseits aber wieder so kompliziert ist, daß darüber eure größten
Weisheitspedanten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden.
[NS.01_030,21]
Ihr wundert euch wohl darüber und sagt: „Welch ein bedeutender Grad von
Narrheit gehört doch dazu, um solche Regeln sogar in das Fach der häuslichen
Verfassung zu ziehen!“ – Aber Ich sage euch, daß ihr da einen ungerechten Tadel
führt; denn solches ist die Natur aller Weisheit an und für sich, wenn sie
nicht auf der Grundfeste der Liebe beruht.
[NS.01_030,22]
Geht nur einmal in die Wohnung eines echten Erzgelehrten und beobachtet da sein
Tun und Treiben; laßt euch auch die Ursache angeben, warum ein Stück da und das
andere dort angebracht ist. Und wenn ihr es nur versteht, den gelehrten Mann
bei seiner schwachen Seite zu packen, so werdet ihr Wunder erleben, wie euch
dieser eine Ursache um die andere mit geschichtlicher und mathematischer Würde
und Genauigkeit wird darzustellen wissen.
[NS.01_030,23]
Wann ihr etwa irgendeinen alten, zerschlagenen Topf in einem Winkel seines
Zimmers zufällig erblicken und den gelehrten Mann darüber fragen werdet, ob
auch solches von irgendeiner Bedeutung sei, so wird er euch zuerst mit der
Geschichte dieses Geschirrs bekannt machen, wie es allenfalls Alexander der
Große gebraucht habe, als er den von seinem Leibarzt verordneten Heiltrank zu
sich nahm, als er gegen Persien zog. Dann wird er euch die ganze
Transzendenzenfolge dieses merkwürdigen Gefäßes kundgeben und endlich sagen,
wie es in seine Hände gekommen ist.
[NS.01_030,24]
Wenn ihr ihn aber dann fragen werdet und sagen: „Wie aber können Sie ein so
überaus merkwürdiges und schätzbares Altertumsstück in einen so unansehnlichen
freien Winkel des Zimmers hinstellen, während man es doch in goldenem Futteral
in einem allergeheimsten Schatzkasten aufbewahren sollte?“, so wird euch der
Gelehrte alsogleich mit der größten geschichtlichen und mathematischen
Gewißheit darzutun wissen, daß Alexander der Große dieses Gefäß, nachdem er aus
selbem den Trank geleert hatte, in eben den entsprechenden Winkel seines
Gezeltzimmers hingestellt hat, wie es sich jetzt hier befindet, und daß der
ausgebrochene Scherben noch daher rühre, daß Alexander der Große dieses Gefäß
bei einer unvorsichtigen Wendung mit seinem Fuß lädiert habe.
[NS.01_030,25]
Sehet, solche Sprache würde ein solcher Gelehrter schon bei einem zerbrochenen
Topfe führen, welcher sicher alles eher aufzuweisen hat, als daß er einst dem
Könige der Mazedonier sollte gedient haben. – Würdet ihr ihn um ein Stück
fragen, welches noch so unordentlich und bestaubt in einem andern Winkel des
Zimmers liegen würde, so wird er euch jede Falte und selbst den Staub, der auf
demselben rastet, so genau zu erklären wissen, daß ihr euch darüber erstaunen
würdet.
[NS.01_030,26]
Aus dem aber könnt ihr ja ganz leicht schließen, wie da die Weisheit für sich
geartet ist und somit alle ihre Produkte beschaffen sind, – wenn sie, wie schon
bemerkt, nicht den gerechten Grad der Liebe zum Grunde hat.
[NS.01_030,27]
Solches habe Ich euch nun kundgegeben, damit ihr daraus die häusliche
Verfassung unserer beiden Gürtel-Bewohner abnehmen, zugleich aber auch daraus
ersehen könnt, wie an und für sich die Weisheit geartet ist. Denn eben weil
Meine Ordnung und Meine Weisheit unendlich und unergründlich ist, so bleibt den
alleinigen Weisheitskrämern nichts anderes übrig, als eine für euch
unberechenbare Versteigung in allen ihren Elementen.
[NS.01_030,28]
Daß demnach solche Erscheinlichkeiten einem Liebeweisen absurd und lächerlich
vorkommen müssen, solches ist ja ebenso begreiflich, wie es jedermann
lächerlich vorkommen müßte, wenn er einen wirklichen Esel in einer römischen
Toga erblicken würde. Denn wahrlich, ein solcher pur weise sein wollender Tropf
ist in geistiger Hinsicht um kein Haar besser anzuschauen, als ein solcher
betogter Esel auf einer Rednerbühne.
[NS.01_030,29]
Nächstens wollen wir dann den geistigen und religiösen Teil noch in Augenschein
nehmen und uns sodann behende auf einen anderen Gürtel schwingen. Und daher gut
für heute!
31. Kapitel –
Weisheits- und Willensschulen auf dem ersten Nebengürtelpaar.
[NS.01_031,01]
Was da die geistige Verfassung betrifft, so wird bei den Bewohnern dieser
Gürtel alles darunter verstanden, was der Mensch erlernen muß, bis er es zu
einem vollkommenen Weisen bringt.
[NS.01_031,02]
Um sonach diese geistige Verfassung näher kennenzulernen, braucht man nichts
anderes zu beachten als allein nur die zu erlernenden Materialien; sind diese
bekannt, so ist auch die ganze geistige Verfassung so gut wie völlig
bekanntgegeben, – besonders wenn bei ein oder dem andern Material die Art zu
lehren und zu erlernen noch kurz hinzugefügt wird.
[NS.01_031,03]
Was ist hernach unter den vielen Lehrmaterialien das Grundmaterial, wonach alle
anderen gewisserart taxiert werden? – Dieses Grundmaterial wird besonders in
dieser eurer Zeit auch bei euch von seiten der gelehrten Welt als der Grund
aller Wissenschaft betrachtet. Bei euch aber heißt dieses Material Mathematik
oder die Rechenkunst. In unserem Gürtel aber wird eben diese Wissenschaft die
Innehaltung genannt.
[NS.01_031,04]
Diese Wissenschaft wird dort zuallererst und fortwährend bis zur letzten
Ausbildung des Geistes gelehrt. – Danach muß dann ein jeder Mensch ein jedes
Ding genau maßgeblich bestimmen können und muß sich zur größten Leichtigkeit
machen, in einem jeden noch so ungestalteten Objekt eine runde Zahl zu finden,
welche als ein Grund der ganzen Form eines Objekts ihrer Bestimmung nach ist.
Denn sie sagen: Es nützt keine Berechnung einer Größe etwas, wenn man die
Wurzelzahl derselben nicht kennt.
[NS.01_031,05]
Daher beruht eine Hauptübung darin, daß die Schüler nach dem vorhergegangenen
Elementarunterricht mit dem freien Auge anfangen müssen, den kubischen Inhalt
und so auch die Quadratoberfläche eines jeden wie immer gestalteten Objekts
durch das bloße Anschauen zu bestimmen und sodann aus der bestimmten Zahl
sogleich die Wurzelzahl und aus dieser die Einheit zu finden. Ihr könnt
versichert sein, diese Menschen erlangen in diesem Fach mit der Zeit eine
solche Fertigkeit, daß sie durch einen nur flüchtigen Blick jeden kubischen
Inhalt bis zum Minimum bestimmen können, und so auch mit großer Genauigkeit die
Höhe eines jeden vor ihnen liegenden Berges. Ja sie sind in der Bestimmung
sogar ferner Weltkörper so scharfsinnig, daß sie mit einem Blick eine größere
und richtigere Berechnung machen, als eure scharfsinnigsten Astronomen solches
kaum im Verlaufe von mehreren Jahrzehnten imstande sind.
[NS.01_031,06]
So können sie auch jede Zahl in ebenso kurzer Zeit zu jeder noch so großen Potenz
erheben und wissen selbst die gebrochenen oder unerfüllten Zahlen also zu
teilen, daß sie endlich dieselben dennoch zu einem geraden Bruche bringen. Die
Ursache liegt darin, weil sie in alle Zahlenverhältnisse schon von Kindheit auf
wie lebendig eingeboren sind.
[NS.01_031,07]
Eine gleiche Fertigkeit haben sie dann auch in der Bestimmung des Gewichtes und
in der Bestimmung des Ebenmaßes. – Ich brauche euch hierin nicht weiter zu
belehren; denn aus dem Gegebenen kann es euch hinreichend klar sein, worin die
Grundwissenschaft dieser Bewohner besteht, wie sie gelehrt und endlich
gehandhabt wird.
[NS.01_031,08]
Und so wollen wir uns denn auch sogleich zu einer andern Materie hinüberwenden,
und diese besteht in einer Art Architektur, welche dann der Grund zur eigentlichen
Baukunst ist.
[NS.01_031,09]
Diese Art Architektur besteht aber darin, daß die Schüler aus allerlei massiven
Figuren, welche an und für sich ganz unsymmetrisch geformt sind, allerlei
vollkommen symmetrische Figuren zusammenstellen und endlich sogar aufbauen
müssen, welche Bauten wieder zu größeren Bauten zusammengestellt werden, und
das so fort, bis irgendeine vollkommene Gestalt, entweder eines Wohnhauses,
eines Hauptkollegialhauses, eines Archivs, eines Theaters oder noch eines
andern hier üblichen Gebäudes, in kleinem Maßstab zuwege kommt.
[NS.01_031,10]
Haben die Schüler diese lockere Bauart in kleinem sich zu eigen gemacht, so
werden sie dann mit der festen Bauart bekannt gemacht. Haben sie sich endlich
solches ebenfalls vollkommen zugeeignet, sodann werden sie zu den Verzierungen
und von diesen zur nötigen und zweckmäßigen Möblierung eines oder des andern
Gebäudes geleitet.
[NS.01_031,11]
Können sie nun das alles in gerechter Fertigkeit, dann fangen sie erst an,
gewisserart Lesen und Schreiben zu lernen; welches letztere an und für sich
nichts anderes ist, als bei euch (freilich wohl in sehr ungeschicktem Sinne
dagegen genommen) das Zeichnen und Malen. Das Lesen aber besteht in dem, daß
sie sich mit den Entsprechungen aller sichtbaren Dinge bekannt machen und
sonach aus der Figuration eines jeden Dinges den innern Sinn erkennen müssen.
Und dann müssen sie aber auch durch eigene Zusammensetzung der verschiedenen
Dinge einen neuen, willkürlichen Sinn in dieselben legen können. Erstes lernen
sie durch das Lesen und Zweites durch das Schreiben.
[NS.01_031,12]
Sind sie in diesen beiden Fächern fest, dann werden sie zur Darstellung oder
gewisserart treuen Kopierung von Wohnhäusern und ganzen Gegenden geleitet.
[NS.01_031,13]
Haben sie auch dieses vollkommen inne, sodann erst werden sie, wenn besondere
Talente vorhanden sind, auch zur Poesie hingeleitet, durch welche sie dann
gewisserart die Dinge einer innern Welt auf die weißen Rollbänder darzustellen
anfangen. Vollkommene Produkte dieser Art und ihren Zweck haben wir schon bei
der Gelegenheit der Darstellung eines Kollegialtheaters kennengelernt.
[NS.01_031,14]
Sind die Schüler auch mit diesem Zweige ihrer geistigen Bildung zu Ende oder
sind sie vollkommene Meister dieser Kunst, dann erst wird die Kraft ihres
Willens geprüft. Wer da unter mehreren den stärksten Willen hat, der kommt in
die geheime Schule, wo das Wesen der Primitivpflanzung gelehrt wird. In dieser
Schule muß er fürs erste die vollkommene Botanik dieses Gürtels innehaben und
muß eine jede Pflanze von der untersten Wurzel bis in ihre äußerste Blattspitze
atomisch zergliedern können und muß genau wissen, wie die Teile alle
zusammenhängen, wodurch sie zusammenhängen und wie das eigentlich Geistig-Substantielle
in dem Materiell-Beschaulichen wirkt.
[NS.01_031,15]
Um aber zu diesem höheren Grade der Kenntnis zu gelangen, wird ein jeder
Schüler vorerst zur anhaltenden Beschauung seiner selbst gewiesen und geleitet.
Denn niemand kann aus seiner Materie das Geistige in einer andern Materie
schauen, bevor er nicht sein eigenes Geistiges absolut gemacht hat. Hat dann
jemand sich selbst erkannt und sich gewisserart in sich selbst gefunden, so
wird er dann erst weitergeleitet, und es wird ihm gezeigt, daß nun nicht mehr
seine Materie wirken darf; sondern ein solcher Schüler muß sich angewöhnen,
geistig zu wirken.
[NS.01_031,16]
Anfangs werden ihm nur kleine Proben gezeigt, wo der Geist absolut ohne
Beihilfe der Materie wirkt. Von da wird dann der Geist immer weiter- und
weitergeleitet und gelangt endlich zu der wunderbaren Vollkommenheit, daß er in
seiner Absolutheit in einem Augenblick mehr wirkt als durch die Materie in
einem langgedehnten Zeitraum.
[NS.01_031,17]
Dabei wird auch einem jeden solchen Schüler klärlichst dargetan, daß auch jede
äußere Handarbeit im Grunde doch nur eine Arbeit des Geistes ist; nur kann der
Geist mit einer solchen Arbeit nicht so schnell fertig werden, weil er an der
eigenen Materie ein großes Hindernis hat. Wenn er aber auf die bestimmt weise
Art dieses Hindernis besiegt hat, so kann er dann in seiner Absolutheit auch um
so kräftiger und schneller wirken.
[NS.01_031,18]
Warum kann denn der Geist in seiner Absolutheit schneller und kräftiger und
bestimmter wirken als mit Hilfe seiner Materie? – Weil seine Materie die
hartnäckigste ist, und zwar darum, weil sie einen vollkommenen Geist fesselt.
Ist er aber ein Meister dieser seiner eigenen Materie geworden, so wird er
hernach wohl auch ein Meister jeder andern Materie sein, die da ums Unaussprechliche
schwächere und unvollkommenere Geister fesselt, als er selbst ist.
[NS.01_031,19]
Hat ein Schüler sich solches alles werktätig, oder wie ihr zu sagen pflegt,
praktisch zu eigen gemacht, sodann erst wird er in die tiefere Kenntnis des
göttlichen Geistes und Dessen ewigen Willens eingeleitet, und ihm wird die
mögliche Art und Weise gezeigt, wie sich ein jeder in sich selbst freigewordene
menschliche Geist mit dem ewigen, unendlichen Geiste Gottes in die wirkende
Verbindung setzen kann nach seiner freien Willkür, insoweit es der göttlichen
Ordnung angenehm ist.
[NS.01_031,20]
Nach solcher praktischen Erkenntnis werden die Schüler auch mit der Liebe
dieses ewigen Geistes bekannt gemacht, und es wird ihnen gezeigt, daß diese
allein das Bindungsmittel des menschlichen Geistes mit dem Göttlichen ist.
[NS.01_031,21]
Wenn der Schüler nun solches alles tatsächlich in sich aufgenommen hat, dann
erst wird ihm von dem weisen Lehrer der Pflanzstab und Wasserkrug gereicht, und
er versucht dann ebenfalls die Pflanzung der ersten Art, welche jedem so
geleiteten Schüler zumeist auf den ersten Versuch wohl gelingt.
[NS.01_031,22]
Mit diesem geistigen Zweige aber hat dann auch alle Schule auf diesem Gürtel
ein Ende; denn ein also gebildeter Geist blickt dann in alle Fächer mit solcher
Klarheit, daß darüber ein jedes Wort von ihm so gut wie eine vollbrachte Tat
ist, und hat demnach keiner in irgend etwas mehr eines Unterrichtes vonnöten.
Denn in diesem Zustand wird dann ein jeder Geist in allem ferneren vom Geiste Gottes
Selbst gelehrt.
[NS.01_031,23]
NB. Eine solche Pflanzschule würde auch auf eurem Erdkörper von besserer
Wirkung sein als alle Gymnasien, Lyzeen, Universitäten und geistlichen
Seminare, nach deren abgelaufener Zeit die Zöglinge wohl mit einem zeremoniellen
heiligen Geist, aber nicht mit dem wahren Heiligen Geiste des vollkommenen
inneren Lebens beteilt werden, – darum dann aber auch hernach ihre Werke sind
wie der Geist, den sie empfangen haben. Und doch sage Ich euch: Es würde diese
Schule zum Empfang des wahren lebendigen Geistes bei weitem weniger kosten, als
die Schule zum endlichen Empfang eines toten Geistes, der nichts ist, nie etwas
war, und auch ewig nie etwas werden wird. – Es bestehen zwar wohl schon hier
und da auf dieser Erde kleine Anfänge und werden mit der Zeit größer und größer
werden, aber unverhältnismäßig groß ist daneben noch die harte Schule der
Steine; ihr versteht, was Ich damit sagen will.
[NS.01_031,24]
Doch wir sind jetzt in unserer Sonne, und so wollen wir auch allda mit der Bemerkung
unsere geistige Bildung beschließen, daß eben eine solche geistige Bildung auch
im südlichen Gürtel ganz vorzüglich gehandhabt wird. Der Unterschied besteht
bloß darin, daß sie im südlichen Gürtel allgemeiner ist als im nördlichen.
[NS.01_031,25] Nun
wißt ihr das ganze Wesen des geistigen Verhältnisses; und so wollen wir nur
noch fürs nächste Mal die mit diesem geistigen Verhältnis eng verbundene
Religion vornehmen, welche euch sicher nicht unbefriedigt lassen wird. Und
somit gut für heute!
32. Kapitel –
Gottesdienst und Eheschließung auf dem ersten Nebengürtelpaar.
[NS.01_032,01]
Was die Religion betrifft, so gibt es in diesen beiden Gürteln durchgehends
keinen zeremoniellen oder gewisserart äußerlich sichtbaren Religionskultus;
denn davon sind die Bewohner dieser Gürtel die abgesagtesten Feinde, weil sich
nach ihren höchst ordnungsmäßig abgewogenen Grundsätzen etwas äußerlich
Materielles ebensowenig mit einem allerpurst Geistigen verbinden ließe, als die
Zahl zwei mit der Zahl sieben.
[NS.01_032,02]
Aus diesem Grunde wird in diesen Gürteln niemand etwas erblicken, was ihm
äußerlich genommen irgendeinen Anstoß auf etwas Höheres geben könnte. Auch gibt
es bei ihnen aus diesem Grunde keine sogenannte Feier- oder Sabbatzeit.
[NS.01_032,03]
Und aus eben demselben Grunde haben diese Bewohner auch durchaus weder eine
noch die andere Art von Zeitmessungen und bestimmen daher nie einen Zeitraum.
Denn sie sagen: Die Zeitbestimmung liegt in den Händen des höchsten Geistes,
der Mensch aber soll nicht messen, wozu ihm Gott, der Allerhöchste, keinen
Maßstab gegeben hat. Und sie sagen ferner: Unsere Welt hat der große
Weltenbaumeister ausgedehnt vor uns und hat durch die Flächen jedermann einen
Wink gegeben, daß er diese messen solle. Aber für die (Zeit-)Dauer hat Er
nirgends einen Maßstab gesetzt; daher soll der Mensch dieselbe auch nicht
eigenmächtig zerschneiden. Er hat uns zwar einen Maßstab gegeben, dieser
Maßstab ist jedem das eigene Leben. Weiter hat Er noch einen großen Maßstab
gezogen über das weite Himmelsgezelt; nach diesem Maßstab bewegen sich ferne
Welten, und unsere eigene Welt richtet sich in ihrem Laufe selbst nach diesem
großen Maßstabe. Aber uns hat Er weder für den einen noch für den andern
Maßstab einen Zirkel in die Hand gegeben, daß wir denselben einteilen und
bemessen könnten.
[NS.01_032,04]
Aus diesem Grunde kümmern sich dann die Bewohner dieses Gürtels gar nicht um
die Zeit. Bei manchen geht solches so weit, daß sie nicht einmal wissen,
welches ihrer erwachsenen Kinder das älteste ist. Das Alter bestimmen sie dort
bloß nach der Reife des Geistes, hier und da wohl auch nach dem Gewicht des
Leibes.
[NS.01_032,05]
Daß dann aus diesem Grunde von einem Sabbat keine Rede ist, werdet ihr aus dem
bereits Angeführten leicht entnehmen können.
[NS.01_032,06]
Worin besteht denn hernach die Religion, wenn wir dem Äußeren nach nirgends
etwas erblicken, das uns an dieselbe mahnen sollte? – Bei diesen Bewohnern ist
alles, was sie tun, von ihren Grundsätzen aus betrachtet, ein Gottesdienst. Zu
diesem Gottesdienst haben und lehren ihre Weisen alle Menschen dieser Gürtel
folgenden Grundsatz: Wir sind nicht durch uns selbst geworden, sondern die
Kraft der allerhöchsten Weisheit Gottes hat uns also gestaltet und auf diesen
Boden gestellt. Eben diese Kraft erhält und leitet uns beständig, und wir sind
fortwährend in ihrer allerhöchst weisesten Hand. Wenn uns aber diese Kraft also
gestaltet hat, uns beständig erhält und führt und allzeit unser wohl bedacht
ist, – wie und wann sollten wir denn ein Werk verrichten, ohne daß wir bei
jeder unserer Wendungen daran erinnert werden, daß wir sie nur zum Dienste
Desjenigen verrichten müssen und auch allzeit verrichten wollen, der uns mit
jeder möglichen Tatkraft fortwährend versieht.
[NS.01_032,07]
Daher soll nie jemand daran gedenken, als täte er etwas für sich, sondern was
er tut, das tue er für Den, der ihn mit Tatkräften versehen hat und fortwährend
versieht. Die Weisheit und getreue Handlung danach ist der wahre Gottesdienst.
Daher soll jeder dasjenige unverzüglich tun, was er in der Ordnung seiner
Weisheit als vollkommen der Ordnung gemäß erkannt hat. Und so wollen wir
allzeit Dem dienen, in dessen allerhöchster Weisheit die Absicht zugrunde
gelegen ist, daß Er für uns solche Zwecke gestellt hat, durch welche wir nach
der erkannten Ordnung eben dieser Seiner höchst vollkommenen Absicht
entsprechen sollen.
[NS.01_032,08]
Daher sollen wir Gott mit jedem Hauche aus unserer Lunge dienen. Und jeder
unserer Schritte soll wohl abgemessen und wohl abgewogen sein. Denn aus allem
erkennen wir, daß Gott in Sich Selbst die allervollkommenste Ordnung ist.
[NS.01_032,09]
Wer demnach in all seinem Wirken dieser Ordnung entspricht, der dienet Gott,
wer aber diese Ordnung leichtfertig übertritt und das Maß seiner Schritte und
das Maß seiner Hände nicht vor Augen hat, der ist gleich einer unsinnigen
Frucht, welche ihre Wurzelfasern in die Luft stoßen, die Äste aber ins Erdreich
schlagen möchte. Es werden wohl mit der Zeit auch die Äste im Erdreiche Wurzel
treiben; aber die in die Luft gekehrten Wurzeln werden sich dennoch nicht in
Äste verwandeln und irgendeine dienliche Frucht bringen.
[NS.01_032,10]
Wie aber jemand, da er noch ein Kind ist, nur kleine Schritte macht und mit
seinen Füßen noch kein Maß treffen kann, da diese noch kein Maßverhältnis an
und für sich haben und für eine gerechte Bewegung zu schwach sind; – wann aber
das Kind die Vollreife erlangt hat und in allem männlich geworden ist, sodann
haben auch seine Füße das rechte Maß überkommen, mit welchem er die großen
Flächen übermessen kann, – also muß auch ein jeder Mensch mit seiner eigenen
Schwäche anfangen und muß sich selbst mehr und mehr zu bemessen imstande sein.
Hat er sein eigenes Maß vollends gefunden, so wird er mit diesem richtig
gefundenen Maße das göttliche Maß bemessen können.
[NS.01_032,11]
Das Maß aber ist die Ordnung; bevor jemand nicht seine eigene Ordnung erkannt
hat, kann er auch nicht die allerhöchste Ordnung Gottes erkennen. Erkennt er
aber diese nicht, so ist all sein Tun eitel; denn wie könnte eine Handlung
einen Wert haben, wenn sie von jemand verrichtet würde, der da nicht wüßte, was
er tut?
[NS.01_032,12]
Daher sollte niemand etwas tun, wofür er kein Maß hat. Hat er aber das richtige
Maß, so tue er danach; denn das richtige Maß ist die Ordnung Gottes, nach der ein
jeder zu handeln berufen ist.
[NS.01_032,13]
Sehet, das ist der eigentliche Hauptgrundsatz bezüglich der Religion dieser
Gürtelbewohner. Sie sind demnach beständige Diener Gottes, und die ganze
Lebensdauer ist für sie sonach ein ununterbrochener Sabbat.
[NS.01_032,14]
Aus diesem Grunde ist auch ihre ganze Haushaltung und ihre Bewegung also
abgemessen. Weil sie Gott als die höchste Ordnung erkennen, so wollen sie
derselben auch mit gar nichts zuwiderkommen.
[NS.01_032,15]
Nur einen einzigen Akt könnten wir gewisserart als eine religiöse Zeremonie
betrachten, und das ist der Akt der ehelichen Verbindung zwischen zwei Gatten.
Wenn sich nämlich zwei Gatten verbinden wollen, so geschieht dieses auf
folgende Art: Zuerst sucht der Mann sich ein äußerlich wohlgestaltetes Wesen;
und hat er irgendein solches gefunden, so begibt er sich sogleich zu den Eltern
eines solchen weiblichen Wesens und sagt zum Vater, der zu dem Behufe aus dem
Hause und dem Bewerber unter das Angesicht zu treten aufgefordert wird: „Ich
habe das Angesicht deiner Tochter angesehen; es hat mir wohlgefallen. So du es
willst, laß mich die Ordnung ihres Herzens prüfen.“
[NS.01_032,16]
Und der Vater nähert sich dann dem Bewerber mit gemessenen Schritten: „Zeige
mir das Maß deines Fußes und das Maß deiner Hand, und ich will dich dann in
mein Haus führen und will dich sehen lassen das ganze Maß meiner Tochter.“ Hier
streckt dann allzeit der Bewerber seine Hände aus und ebenso auch, wie weit es
nur immer tunlich ist, seine Füße. Der Vater mißt dann die Hände und die Füße;
und hat er das Maß für gut befunden, so führt er mit wohlgemessenen Schritten
den Bewerber in seine Wohnung und läßt ihn erkennen das Maß seiner Tochter.
[NS.01_032,17]
Entspricht nun dieses Maß dem Maße des Bewerbers, so gibt der Vater seine
Tochter ohne den allergeringsten weiteren Anstand dem Bewerber. Hat aber das
Maß nicht übereingestimmt, sodann tritt der Bewerber selbst sogleich zurück;
denn das Maß der Tochter war gegen das seinige von einem ungeraden Verhältnis.
[NS.01_032,18]
Wenn aber der Bewerber bei guten Maßverhältnissen die Braut genommen hat, so
führt er sie sogleich außer den euch schon bekannten Kreis der strengen Ordnung
und erwartet allda das ganze, bald nachfolgende Völklein eines solchen Hauses.
[NS.01_032,19]
Wenn auch dieses außerhalb des strengen Kreises gekommen ist, sodann lassen
sich bald alle zur Erde nieder und loben den großen Gott, daß Er den Bräutigam
eine wohlgeordnete Braut hat finden lassen. Nach solchem Lobe erheben sich
wieder alle, und der Vater legt dem neuen Brautpaare seine Hände auf und
spricht zu ihm: „Die Ordnung Gottes hat euch zusammengeführt; in dieser Ordnung
verbleibet auch fürder allezeit und ewig! Und so euch Gottes Weisheit
Nachkommen verschaffen wird, da leitet sie in dieselbe Ordnung, durch welche
ihr selbst zu einer Ordnung geworden seid.“
[NS.01_032,20]
Darauf begibt sich der Vater mit seinem Völklein wieder in seine Wohnung; und
der Bräutigam führt seine Braut in die Wohnung seiner Eltern. Wenn er bis zum
Ordnungskreis gekommen ist, begeben sich sobald dessen Eltern und Geschwister
mit offenen Armen zu ihm hin und führen das Brautpaar in die Wohnung.
[NS.01_032,21]
Auch hier legt der Vater dem Brautpaar seine Hände auf und spricht dieselben
Worte über dasselbe, welche zuvor der Vater der Braut gesprochen hat. Sodann
wird Gott wieder ein Lob dargebracht, und danach ein wohlgeordnetes Mahl
eingenommen.
[NS.01_032,22]
Nach dem Mahle aber begibt sich der Bräutigam mit seiner Braut in Begleitung
seiner Eltern, wenn sie noch leben, sonst aber auch mit einem Bruder und einer
Schwester, in ein Kollegium, und zwar dasjenige, zu dessen Gebiete ein solcher
Landbewohner gehört. Dort bekommt dieses neue Brautpaar vom obersten Weisen
einen neuen Namen und ihm wird auch angezeigt, wo es sich ein neues Besitztum
errichten mag.
[NS.01_032,23]
Das Brautpaar aber verbleibt dann so lange, sich geistig und äußerlich
vergnügend, in einem solchen Kollegium, bis durch die weisen Bauleute eines
solchen Kollegiums ein Wohnhaus samt Besitztum vollendet ist. Sodann wird das
Brautpaar mit allerlei Fruchtreisern versehen und begibt sich unter der
Begleitung verschiedener Weiser in die neue Wohnung, und wird sodann vom
Kollegium so lange mit Nahrung versehen, bis die eigene Anpflanzung
hinreichende Früchte abwirft, wozu gewöhnlich nach eurer Zeitrechnung etwa ein
Zeitraum von höchstens einem Jahr erfordert wird.
[NS.01_032,24]
Die beiden Eltern oder auch Geschwister aber kehren wieder in ihre Heimat
zurück, sobald der oberste Weise das Brautpaar übernommen hat. – In den
Wohnungen besuchen sich dann weder Kinder noch Eltern noch andere
Nachbarsleute; wohl aber zu öfteren Malen entweder in den Kollegien oder auf
den freien Räumen vor den Wohnhäusern und sind da allzeit fröhlicher Dinge,
wenn sie sich wiedersehen.
[NS.01_032,25]
Sehet, diese Zeremonie kann in gewisser Hinsicht einzig und allein ein äußerer,
sichtbarer Religionskultus genannt werden, und das darum, weil da eine Handlung
geschieht, die vorerst ein äußeres Maß zum Grunde hat; denn bei einer jeden
andern Handlung müssen zuerst die inneren Gedanken und Gefühle geprüft werden,
bevor erst zu einer äußeren Handlung geschritten wird, welche aber dennoch
zumeist so beschaffen ist, daß sie viel mehr von einer inneren, geistigen
Tätigkeit abhängt, als von der Tätigkeit der Hände.
[NS.01_032,26]
Ihr möchtet wohl auch hier von der Zeugung der Kinder und vom endlichen Sterben
der Menschen noch etwas vernehmen; doch für diesen Doppelakt verweise Ich euch
auf den Mittelgürtel der Sonne. In diesem gleichen die beiden Nebengürtel
völlig diesem Mittelgürtel und die beiden Nebengürtel sich untereinander auch
vollkommen. Und so wüßten wir demnach auch alles Denkwürdige, was diese beiden
Gürtel betrifft, und wollen uns daher fürs nächste Mal sogleich zu den beiden
Nachbargürteln wenden. Und somit gut für heute!
33. Kapitel –
Das zweite Gürtelpaar – entsprechend unserer Erde.
[NS.01_033,01]
Was da diese beiden Nachbargürtel betrifft, so sind sie ebenfalls von den zwei
vorhergehenden Gürteln durch einen unübersteigbar hohen Gebirgsring getrennt.
Von diesem Gebirgsringe laufen dann in den zu beschreibenden Gürtel nach allen
Richtungen Gebirgszüge und verbinden sich sogar hier und da mit dem nächsten
Gebirgsring, der den dritten Gürtel von diesem zweiten scheidet.
[NS.01_033,02]
Dieser zweite Ring oder Landesgürtel ist bedeutend schmäler als die zwei
vorhergehenden; dafür entspricht aber auch der nördliche wie der südliche nur
einem einzigen Planeten.
[NS.01_033,03]
Ein ununterbrochen fortlaufendes Gewässer befindet sich in diesen beiden
Gürteln nirgends. Aber große und weitgedehnte Seen gibt es bedeutend viele, wie
auch große Ströme und Flüsse. Besonders ist der südliche Gürtel bedeutend
wasserreicher als der nördliche. – Also hätten wir demnach schon eine
allgemeine Vorstellung dieser beiden Länder.
[NS.01_033,04]
Wir haben aber bei den vorhergehenden beiden Gürteln gesehen und vernommen, daß
sie dem Planeten Merkur und dem Planeten Venus entsprechen. – Welchem Planeten
aber entsprechen demnach diese beiden Gürtel?
[NS.01_033,05]
Um diesen Planeten als eure Erde zu entdecken, werdet ihr eben nicht nötig
haben, zu starken Schauwerkzeugen eure Zuflucht zu nehmen; denn auf diesen
Planeten könnt ihr fürwahr mit eurer Nase stoßen, da es der nämliche ist, der
euch trägt. – Also eure Erde ist der entsprechende Planet für diese beiden
Gürtel, und zwar der nördliche für die nördliche Erdhälfte, und der südliche
für die südliche Erdhälfte.
[NS.01_033,06]
Wollt ihr nun die Einrichtung dieser beiden Gürtel mit einem Blick erschauen,
so tragt nur sämtliche Verhältnisse eurer Erde in staatlicher und persönlicher
Hinsicht auf diese beiden Gürtel über, und ihr seid wie auf eurem eigenen Grund
und Boden zu Hause. Nur müßt ihr den gerecht kultivierten Teil eurer Erde
nehmen, und denselben sowohl von der nördlichen als südlichen Erdhälfte auf
unsere beiden Sonnengürtel übertragen, so seid ihr dann vollkommen zu Hause.
Denn heidnische Völker mit ihren Hauseinrichtungen werden allda vermißt, also
auch die Mohren und mehrere andere dunkelgefärbte Menschengattungen und somit
auch alle ihre häuslichen, politischen und religiösen Einrichtungen.
[NS.01_033,07]
Aber also, wie es einst in den guten christlichen Zeiten unter den wahren
Christen ausgesehen hat, und wie es ausgesehen hat mit dem israelitischen
Volke, da es noch unter Josua stand, – so sieht es da überall aus; und zwar im
nördlichen Gürtel gleich wie im guten Christentum auf Erden, und im südlichen
Gürtel wie zu Zeiten Josuas unter den Israeliten.
[NS.01_033,08] Nun,
so ihr solches wißt, werden wir auch mit unseren beiden Gürteln des zweiten
Ringes gar leicht fertig werden, denn wenn da alles in der Ordnung sich
vorfindet, wie auf eurer Erde, so brauchen wir demnach ja nichts mehr als nur
überall des besonders Sonneneigentümlichen zu erwähnen, und wir haben dann
alles, was uns zur genauen Erkenntnis dieser beiden Gürtel notwendig ist.
[NS.01_033,09]
Worin besteht denn dieses Sonneneigentümliche zum Unterschied des planetisch
Entsprechenden?
[NS.01_033,10]
Dieses Sonneneigentümliche besteht fürs erste in der mehr vollendeten
Vollkommenheit alles dessen, was ihr auf der Erde unter den zwei gegebenen
Bedingungen erschauen möget.
[NS.01_033,11]
Fürs zweite aber besteht das Unterschiedliche darin, daß es in diesen beiden
Gürteln durchaus keine sogenannten Amphibien weder in den Gewässern noch auf
dem Lande gibt und so auch keine reißenden Tiere. Es gibt wohl Tiere, die den
reißenden gestaltlich ähnlich sind; sie sind aber deswegen dennoch von edler
und sanfter Art. Auch haben sämtliche Tiere gegeneinander keine Waffen wie auf
der Erde, sondern sie gleichen in dieser Hinsicht fast alle der Natur der
Lämmer und nähren sich vom Grase und von Wurzeln.
[NS.01_033,12]
Fürs dritte besteht das Unterschiedliche in der Vegetation. Ihr dürftet zwar
alle über zweihunderttausend Gras-, Pflanzen- und Gesträuchgattungen antreffen,
die da auf eurer Erde vorkommen. Aber dort sind sie fürs erste ebenfalls
samenlos und wachsen allenthalben auf den ihnen eigentümlichen Plätzen frei aus
dem Boden, ungefähr so wie auf eurer Erde das Moos, verschiedene Schwämme und
auch einige wenige Pflanzen, besonders an den Äquatorgegenden eurer Erde. Aber
dennoch können in diesen beiden Gürteln sämtliche Pflanzen und Bäume nicht nur
durch das Überstecken der Reiser weiterverpflanzt werden, sondern auch durch
die Früchte selbst, welche zwar an und für sich sämtlich kernlos sind; also wie
es da im Morgenland eine Traubengattung gibt, die ebenfalls kernlos ist. Wenn
aber eine oder die andere reife Frucht in den Boden gelegt wird, so wächst aus
ihr bald wieder entweder eine gleiche Pflanze oder ein gleicher Baum.
[NS.01_033,13]
Sehet, das ist hauptsächlich das eigentlich Unterschiedliche und
Sonneneigentümliche.
[NS.01_033,14]
Was aber da die Menschen und ihre Verfassungen sowohl in staatlicher,
häuslicher und religiöser Hinsicht betrifft, so entsprechen sie vollkommen dem,
wie es schon vorhin hier gezeigt wurde.
[NS.01_033,15]
Ihr fragt: Glauben sie denn an Christum den Gekreuzigten? – Und Ich sage euch:
Im ganzen nördlichen Gürtel kennt niemand einen andern Gott als allein Christum
den Gekreuzigten! Denn Solchen haben ebenfalls dieselben Apostel dort
verkündet, die Ihn hier verkündet haben. Nur müßt ihr das dortige Christentum
nicht etwa mit hierarchischen Augen betrachten und müßt euch etwa nicht denken,
daß es dort also Bethäuser und allerlei müßige und faule Klöster gibt, sondern
der ganze Gürtel ist nur eine christliche Gemeinde, welche nur ein Evangelium
hat und einen und denselben Christum treulich und wahrlich im Geiste und in
aller Wahrheit anerkennt.
[NS.01_033,16]
Der südliche Gürtel unterscheidet sich in der Religion von diesem nördlichen
nur dadurch, daß in solchem die Bewohner auch den alttestamentlichen Vorbau gar
wohl kennen zum Hauptbau des Neuen und ewig bleibenden Testaments; während die
Bewohner des nördlichen Kreises zwar wohl auch Kenntnisse davon haben, aber
sagen: Wir ehren und schätzen zwar alles das, was nur immer auf unsern Herrn
eine auch noch so geringe Beziehung hat; aber so wir Ihn Selbst haben, da
lassen wir das andere und bleiben bei Ihm! – Daher sind aber auch diese
Bewohner des nördlichen Gürtels um vieles weiser als jene des südlichen; denn
diese sind im Grunde selbst, die anderen aber am Grunde, – oder diese sind im
Tempel und jene noch mehr im Vorhofe, – oder diese sind in der Liebe und daraus
in aller Weisheit, und jene in der Weisheit und daraus erst in der Liebe.
[NS.01_033,17] Ihr
möchtet wohl wissen, ob die Menschen auch hier zu sündigen fähig sind, und ob
es demnach auch eine Taufe gibt zur Wiedergeburt und somit auch eine Erlösung
vom Tode zur Gewinnung des ewigen Lebens? – Solches sind alle Menschen in allen
Gestirnen imstande, also auch hier. Denn wo es Wesen in absoluter Freiheit
gibt, da gibt es auch notwendig entweder gelegenheitliche oder für immer
bestehende Grundgesetze, durch welche die freien Wesen ja eben erst ihre
Freiheit zu erkennen imstande sind. Denn die Freiheit besteht ja einzig und
allein nur darin, daß ein frei lebendes Wesen durch ein gegebenes Gesetz
erkennt, daß es dasselbe zufolge seines freien Willens beachten oder nicht
beachten kann. – Wenn es aber irgend freie Wesen gibt, deren Wille an irgendein
oder das andere freie oder moralische Gesetz gebunden ist, entweder dasselbe zu
beachten oder nicht zu beachten, so versteht sich ja dann von selbst, daß bei
solcher Gelegenheit die Sünde oder die Übertretung des Gesetzes überall möglich
ist, wo Wesen existieren, die eben eine solche Freiheitsprobe durchzumachen
haben.
[NS.01_033,18]
Also kann sich solches wohl auch von unserm Gürtel verstehen. Nur ist zufolge
des Ernstes dieser Sonnenbewohner eine Sünde wider das Gesetz der Liebe beinahe
noch seltener als bei euch die vollkommene Beachtung dieses Gesetzes.
[NS.01_033,19]
Wenn es aber dessenungeachtet doch auch dort hie und da Sünder gibt, so muß es
ja auch eine Vergebung der Sünden geben und somit eine Taufe und eine Erlösung.
Die Erlösung, die Taufe und die Buße aber sind dort eins; denn ein jeder
Sünder, wenn er zum Gesetze der Liebe zurückkehrt und sein Fehlen bereut und
Christum in seinem Herzen ergreift und belebt, so hat er sogleich teil an der
Erlösung, wird getauft durch den Geist und erlangt die Wiedergeburt zum ewigen
Leben.
[NS.01_033,20]
Solches ist auch im südlichen Gürtel der Fall; nur ist dort zufolge der etwas
größeren Üppigkeit des Landes die Sünde etwas mehr gang und gäbe als im
nördlichen Gürtel, und die Menschen sind mehr sinnlich als die des nördlichen
Gürtels. – Sehet, das wäre demnach wieder etwas, besonders in jetziger Zeit,
stark Unterschiedliches gegenüber der Erde.
[NS.01_033,21]
Sonst aber findet sich alles also vor wie auf eurem Planeten. Es gibt sogar
Städte und Dörfer und so auch einzeln wohnende Parteien. Ihr würdet euch sogar
hoch verwundern, wenn ihr dort die schönsten Weingärten antreffen würdet, und
die höheren Gebirge mit allerlei Waldungen überwachsen, bis zu denjenigen
Höhen, da zufolge der reinen Luft nichts mehr gedeihen kann. Ja sogar den Pflug
und die Sichel würdet ihr nicht vermissen. Nur müßt ihr euch alles in einem
viel vollkommeneren Zustand vorstellen als auf eurem Planeten.
[NS.01_033,22]
Die Menschen selbst sind nicht viel größer als auf dem Planeten Erde; aber sie sind
viel schöner und vollkommener. Ihre Tracht ist ganz einfach, ungefähr so wie da
dereinst das israelitische Volk bekleidet war.
[NS.01_033,23]
Ihre Verfassung ist rein patriarchalisch und in ausgedehnter, staatlicher
Hinsicht theokratisch. Daher aber stehen sie auch in ununterbrochener
Verbindung mit den Himmeln und haben fortwährend einen sichtbaren geistigen
Verkehr. Ja Ich Selbst weile zu öfteren Malen unter den Reinsten und
Vollkommensten in der Liebe und Demut!
[NS.01_033,24]
Was ihre Ehen betrifft, so werden diese wahrhaft im Himmel geschlossen, – das
heißt aus der reinen Liebe zu Mir, und werden gesegnet von den Eltern und
Engeln in Meinem Namen.
[NS.01_033,25]
Die Zeugung des menschlichen Geschlechtes geschieht zwar durch den Beischlaf;
aber dieser ist dort eine Handlung, welche zu den am meisten religiösen,
andächtigen und geistigen gehört.
[NS.01_033,26]
Das Absterben ist aber zumeist ein freier Austritt aus dem Leibe, welcher nach
dem Austritt in einem eigens dazu bestimmten Acker beerdigt wird. – Die
Verwesung geschieht äußerst schnell und ist allzeit mit einem großen Wohlgeruch
begleitet, welcher alle Gemüter erheitert und belebt, da er ihnen gewisserart
einen Vorgeschmack der rein himmlischen Lüfte bietet.
[NS.01_033,27]
Auch diese Menschen haben keine Feiertage und keine Zeitrechnungen und kümmern
sich auch gar wenig um was immer für Geheimnisse in der Natur der Dinge. Denn
ihre höchste Weisheit besteht lediglich in dem, daß sie allzeit sagen: So wir
Christum haben, da haben wir alles, ohne Den aber sind alle Dinge im
unendlichen und ewigen Raum nichts als ein leerer Kreis!
[NS.01_033,28]
Wenn aber jemand von euch dennoch über eines oder das andere von ihnen einen
Aufschluß haben möchte, so werden sie solchen auch aus dem tiefsten Grunde zu
geben imstande sein, obschon sie durchaus keine Schulen haben. Denn Christus
ist ihre ausschließlich alleinige Schule; und ihr könnt versichert sein, daß
aus dieser Schule die größten Gelehrten hervorgehen.
[NS.01_033,29]
Ihr werdet etwa meinen, allda müssen ja eine Menge trauriger und
betschwesterlicher und betbrüderlicher Menschen herumgehen, die sich kaum von
der Erde wegzuschauen getrauen. – O mitnichten! Ich sage euch: So fröhliche,
heitere und gesellige Menschen findet ihr auf der ganzen Erde nirgends als eben
hier. Sie haben sogar Musik und Theater, wie auch große Konzerte; aber freilich
wohl alles dieses in einem andern Sinn wie ihr es zumeist habt. Denn bei all
diesen Unterhaltungen ist der Herr der allerleuchtendste Zentralpunkt, um Den
sich da alles dreht, – während Er bei euch auf der Erde sogar unter den besten
Umständen daheim gelassen wird; von andern Verhältnissen gar nicht zu reden!
[NS.01_033,30]
Und so hätten wir in möglichster Kürze auch diese beiden Gürtel vollständig
beschaut. – Daß aber auch die sonnenklimatischen Verhältnisse in diesem Gürtel
nahe ganz dieselben sind wie in den anderen Gürteln, könnt ihr daraus ja sehr
leicht entnehmen, weil sie so gut wie die andern zur Sonnenwelt gehören.
[NS.01_033,31]
Daß demnach auch diese Gürtel reich sind an den verschiedenartigsten und oft
wunderbar großen Naturerscheinungen, welche aber nie von verheerender Art sind,
braucht kaum erwähnt zu werden. Und so hätten wir auch nichts mehr besonders
Denkwürdiges von Seite dieser beiden Gürtel zu erwähnen.
[NS.01_033,32]
Es dürfte vielleicht einmal in euch die Frage entstehen, ob der Mond eurer Erde
nicht auch in diesen beiden Gürteln irgendeine Entsprechung findet? – Allein
solches könnt ihr euch merken, daß da alle Monde der Planeten in der Sonne
durchaus keine Entsprechungen haben. Denn die Monde haben ihre Entsprechungen
nur auf den Planeten, zu denen sie gehören.
[NS.01_033,33]
Jetzt sind wir aber auch mit unseren beiden Gürteln vollends zu Ende und wollen
uns daher fürs nächste Mal sogleich zum nächsten, also dritten Gürtel wenden. –
Und somit gut für heute!
34. Kapitel –
Das dritte Gürtelpaar. – Dessen nördlicher Gürtel entsprechend dem Planeten
Mars.
[NS.01_034,01]
Wie wir schon vorhin bestimmt haben, also begeben wir uns denn auch nun auf den
dritten Gürtel. Dieser Gürtel ist sowohl nördlicher- als südlicherseits der
kleinste von allen und hat von einem Gebirgsgürtel bis zum andern im
Durchschnitt einen Durchmesser von kaum etwas über tausend deutsche Meilen.
Aber dessenungeachtet beträgt sein Kreis noch immer stark über dreimal
hunderttausend deutsche Meilen.
[NS.01_034,02]
Auch dieser Gürtel hat nicht ein ununterbrochenes Gewässer; aber dabei dennoch
viel größere und weitgedehntere Seen als der vorhergehende.
[NS.01_034,03]
Das Land an und für sich ist weniger gebirgig als alle die anderen, die wir bis
jetzt kennengelernt haben, – außer gegen die Grenzgebirge, welche
natürlicherweise noch bedeutende Ausläufer ins flache Land hinein haben. Diese
Ausläufer, nebst einigen mehr unbedeutenden Zweigen von ihnen selbst, sind auch
zugleich die einzigen Gebirge, welche dieses Land bedecken, welches, wie schon
bemerkt, zumeist eben ist.
[NS.01_034,04]
Da wir bis jetzt aber gesehen haben, daß da mit Ausnahme des Hauptgürtels alle
anderen bisher bekanntgegebenen Gürtel den Planeten entsprechen, so läßt sich
dann auch von eurer Seite fragen, ob denn dieser dritte Gürtel nicht auch einem
Planeten entspricht? – Und ich sage euch, daß solches alles doch ganz in der
Ordnung ist; – und so entspricht dieser Gürtel dem Planeten Mars.
[NS.01_034,05]
Wie aber dieser Planet ein mehr armseliger Planet ist, ja in einer Hinsicht der
allerdürftigste von all den Planeten, so ist auch sein entsprechender Gürtel
der dürftigste von all den anderen Gürteln.
[NS.01_034,06]
Worin aber besteht eigentlich diese Dürftigkeit? Diese besteht etwa nicht so
sehr in der geistigen Hinsicht, sondern viel mehr in der naturmäßigen.
[NS.01_034,07]
Denn fürs erste sind die Menschen von unansehnlicher und wenig schöner Form,
sind klein und etwas dick, haben sonst auch durchaus nichts Anziehendes in
ihrem Äußeren. – Ihre Farbe ist lichtbraun, manchmal aber auch ins ziemlich
Dunkle übergehend. – Ihre Gesichtsbildung hat eine ziemliche Ähnlichkeit mit
euren Grönlandbewohnern, einigen Lappländern und Eskimos. – Jedoch ihre
Kleidung hat nicht Ähnlichkeit mit der Kleidung der soeben genannten Völker
eurer Erde, sondern besteht in einer Art Schürze, welche um den Hals gebunden
wird und von da über den ganzen Leib in mehreren Falten bis unter die Knie
reicht. Sie hat sowohl für den Mann als für das Weib eine und dieselbe Form.
Für die beiden Hände sind auf den beiden Seiten bloß zwei Öffnungen gelassen,
damit die Menschen durch diese ihre Hände zu irgendeiner Arbeit herausstrecken
können; wenn sie aber keine Arbeit haben, da ziehen sie ihre eben nicht gar zu
reizend aussehenden Arme wieder unter den Mantel. Das ist sonach die erste
Dürftigkeit.
[NS.01_034,08]
Fürs zweite aber besteht die Dürftigkeit in der Vegetation und im Tierreich.
Denn die Vegetation ist bloß auf einige wenige Gattungen unansehnlicher
Fruchtbäume beschränkt, deren Pflege den Bewohnern dieses Gürtels eine
notdürftige Nahrung abwirft. Das Gras dieses Gürtels, welches aber selbst noch
sparsam vorkommt, gleicht ungefähr jenem Moose auf eurer Erde, welches ihr
nicht selten auf manchen alten Bäumen oder dann und wann auch auf den alten
Strohdächern ärmlicher Landmannshütten erblickt.
[NS.01_034,09]
Der Boden ist hier schon ziemlich fest und mitunter auch sehr steinig und
sandig, besonders an den Ufern der bedeutend großen Seen und Flüsse.
[NS.01_034,10]
Das Tierreich aber besteht in einer einzigen Gattung Schafe, welche ungefähr
dem euch nicht unbekannten Elentiere Sibiriens gleichen. Dieses Tier versieht
sie mit einer ziemlich wohlschmeckenden Milch, und aus seiner sehr feinen Wolle
bereiten sie sich ihre nötigen Kleider. – Dann existiert noch eine Wurmgattung,
die sich vom Grase nährt. Diese Wurmgattung hat ungefähr die Eigenschaft eurer
Seidenraupe und spinnt lange Fäden über dem Boden hin, ungefähr also wie die
Spinne bei euch. Diese Fäden sammeln die Bewohner dieses Gürtels ebenfalls und
verfertigen daraus einen Stoff, den vorzugsweise das weibliche Geschlecht zu
Mänteln verwendet.
[NS.01_034,11]
Die Luft ist nur von einer einzigen Vogelgattung belebt; aber diese ist
ziemlich häufig. Die Einwohner halten diese Vogelgattung auch gezähmt und
benutzen die Federn zur Bereitung ihrer Ruhebänke, welche in nichts anderem
bestehen als in einem kleinen, von Erde aufgeworfenen Walle, über welchen diese
Federn gelegt und hernach zugedeckt werden mit dem Zeug, aus welchem sie auch
ihre Mäntel bereiten.
[NS.01_034,12]
Aber so ziemlich belebt sind dabei die Gewässer, welche von den Gürtelbewohnern
mittels kleiner Fahrzeuge an den Ufern herum befahren werden. Das wäre sonach
wieder eine naturmäßige Dürftigkeit.
[NS.01_034,13]
Fürs dritte aber besteht die Dürftigkeit auch noch in den Wohngebäuden; denn
diese bestehen gewöhnlich aus einer Art nischenartiger Vertiefung in einem
aufgeworfenen Erdwall. Der Erdwall erhebt sich etwa drei Klafter über die Erde.
In diesen Erdwall werden Nischen hineingegraben, welche ungefähr eine
Vertiefung von ebenfalls drei Klaftern haben. Um die Rundung der Nische ist
eine schon vorbeschriebene Ruhebank angebracht; und im Hintergrunde, eben auch
aus Erde bestehend, eine Art Tisch, auf welchen die Bewohner ihre Nährfrüchte
legen, wann sie allenfalls ihre Mahlzeit halten wollen.
[NS.01_034,14]
Hier und da, besonders gegen die Berge hin, gibt es auch größere Wohnungen, die
aber in die Berge hineingegraben sind.
[NS.01_034,15]
In diesen Wohnungen werden auch die notdürftigen Werkzeuge verfertigt, welche
sie zu ihren (notdürftigen) Arbeiten vonnöten haben. Darin besteht auch schon
die ganze Industrie und der ganze naturmäßige Reichtum der Bewohner dieses
Gürtels.
[NS.01_034,16]
Sehet, also ist dieser Gürtel, wie auch sein entsprechender Planet, in
naturmäßiger Hinsicht äußerst dürftig ausgestattet. Aber nicht ebenso dürftig
ist dieser Gürtel in der geistigen Hinsicht. Denn dafür, daß diese Bewohner
wenig Reizes an der Gestaltung ihrer Welt finden, haben sie eine beständige
innere Anschauung, durch welche dann ihre höchst dürftige Welt in ihnen selbst
also verherrlicht und verklärt wird, daß sie ihnen eine bei weitem größere
Freude gewährt, als die Welt des Mittelgürtels seinen Bewohnern.
[NS.01_034,17]
Sie sind zwar keine Willenshelden, aber dafür desto größer in aller möglichen
Selbstverleugnung. Sie sind in dieser Hinsicht wahre Diogenesse. Aus eben
diesem Grunde aber gewinnt dann auch ihr inneres, geistiges Leben einen desto
größeren Spielraum, und sie erblicken daher mit den Augen ihres Geistes in den
unbedeutendsten Dingen Herrlichkeiten, von denen sich noch kein Weiser eurer
Erde hat träumen lassen.
[NS.01_034,18]
Daß demnach auch ihre staatliche, häusliche und religiöse Verfassung höchst
einfach ist, läßt sich schon aus allem dem gar leicht schließen, was bis jetzt
von ihnen ausgesagt wurde.
[NS.01_034,19]
Ihre staatliche Verfassung ist eigentlich nichts anderes als ein
Familienverhältnis, demzufolge näher verwandte Familien ihre Wohnungen in sehr
geringen Distanzen nebeneinander errichten und darin untereinander in einem
beständigen Frieden und in unzertrennbarer Einigkeit leben.
[NS.01_034,20]
Ihre Bildung geht rein auf das Geistige. Denn sie tragen für nichts anderes
Sorge, als daß der Geist der Kinder sobald als möglich zur inneren
Selbständigkeit gelangt. Haben die Kinder davon durch ihr Tun und Lassen die
erforderlichen Proben abgelegt, so werden sie zum „Gottmenschen“ hingeleitet
und müssen Diesen erkennen als den Grund aller Dinge und als den alleinigen
Führer des menschlichen Geschlechtes.
[NS.01_034,21]
Denn sie sagen: Wenn du in einem fremden Hause bist, da gibt es für dich nicht
viel zu schaffen und zu sorgen; bist du aber im Hause deiner Eltern, so bist du
im selben schon versorgt. – Wir aber sind auf der Welt, wie in einem fremden
Hause; was sollten wir da sorgen? – So wir aber in der Selbständigkeit unseres
Geistes sind, so sind wir wie im elterlichen Hause und somit wohlversorgt; denn
Gott, der allerbeste Mensch, sorget in diesem Hause für alle Seine Geschöpfe
wie ein allerbester Vater für seine Kinder im eigenen Wohnhause. Somit haben
wir nur eine Sorge, und diese ist, daß wir vor allem in dieses Wohnhaus kommen!
Sind wir darinnen, so sind wir auch schon mit allem versorgt; denn obschon der
allerbeste Gottmensch unsere äußere Welt nur dürftig ausgestattet hat, da sie
uns eine fremde Wohnung ist, – so hat Er aber dennoch desto reichlicher
diejenige heimatliche Wohnung ausgestattet, in welcher Er allein für uns alle
sorgt wie ein allerbester Vater für seine Kinder.
[NS.01_034,22]
Sehet, zufolge dieses ganz einfachen Grundsatzes besteht dann auch ihre
religiöse Verfassung in nichts anderem als lediglich in dem nur, daß da ein
jeder trachtet, fürs erste die Selbständigkeit seines Geistes zu erlangen, und
zwar auf dem Wege der Demut und Selbstverleugnung, – und sodann aber den
Gottmenschen stets mehr und mehr zu erkennen und von Ihm geleitet zu werden.
[NS.01_034,23]
Das ist demnach aber auch schon alles, was die Bewohner dieses Gürtels in
Hinsicht aller Bildung aufzuweisen haben. – Ihr findet allda keine Tempel,
keine Bethäuser und durchaus keine Schulen. Sondern die väterliche Nische,
welche sich in einem jeden Familienhause vorfindet, ist alles in allem; denn in
dieser Nische versammelt der Vater von Zeit zu Zeit seine ganze Familie, welche
manchmal aus dreißig Gliedern besteht, und lehrt sie die innere Heimat und in
dieser den alleinigen, wahren Hausvater zu finden. Und hat er solchen
Unterricht durch allerlei taugliche Gespräche und Erzählungen beendet, so
segnet er seine Familie, und diese kann wieder zu einer oder der andern kleinen
Arbeit gehen, oder sich aber auch in die eigenen, etwas kleineren Nischen
begeben und allda in der Einsamkeit über das Vernommene nachdenken und zugleich
Versuche machen, inwieweit die innere Wohnung und Heimat sich ihnen schon
aufgedeckt hat.
[NS.01_034,24]
Das Gebet und somit auch der ganze Gottesdienst besteht in nichts anderem als
in der beständigen, lebendigen Sehnsucht, so bald als nur immer möglich mit dem
allerbesten Gottmenschen, und somit auch mit dem alleinig wahren Hausvater, die
über alles erwünschte innere Bekanntschaft zu machen.
[NS.01_034,25]
Das Kennzeichen, wann einer oder der andere nahe vor der Tür zur Wohnung des
großen Hausvaters ist, welche ihm ehestens soll aufgetan werden, besteht in dem
Vernehmen von überaus volltönendem Sphärengesang. Dieser Erscheinlichkeit
zufolge haben dann diese Bewohner auch einen Spruch, welcher also lautet: Wenn
du vernehmen wirst, wie die großen Welten dem großen Hausvater ein erhabenes
Loblied singen, sodann denke, daß du an der Schwelle derjenigen Türe stehest,
welche da führet in die heilige Wohnung des alleinig wahren und überguten
Hausvaters!
[NS.01_034,26]
Wenn sodann einer oder der andere erzählen kann, daß er solches vernommen hat,
so haben alle anderen eine große Freude daran und wünschen ihm Glück und
Beharrlichkeit in der Verfolgung seiner Bahn.
[NS.01_034,27]
Wenn aber jemand vollkommen in diese innere Heimat eingetreten ist, so wird in
einem solchen Familienhause ein stilles Freudenfest gehalten, wozu auch die
Nachbarn geladen werden. Dieses Fest aber ist dann auch das einzige, was ihr
hier zu Gesichte bekommen möget, und besteht in einem fröhlichen und allzeit
mäßigen Mahle und endlich in einem allgemeinen Lobe des allein wahren
Hausvaters.
[NS.01_034,28]
Diejenigen, welche schon völlig in der innern Wohnung zu Hause sind, werden
auch mit der Menschwerdung des Herrn bekanntgemacht und haben darüber die
allergrößte Freude. Jedoch wird ihnen nicht bekanntgegeben, wie undankbar die
Menschen jenes Planeten gegen diesen überguten Hausvater sind, der ihrer Erde
die unaussprechliche Gnade erwies, daß Er auf derselben sogar eine
menschlich-fleischliche Natur annehmen wollte.
[NS.01_034,29]
Nun sehet, da haben wir den ganzen nördlichen Gürtel. – Was aber dessen
südlichen Korrespondenten betrifft, so schließt er in sich die vier kleinen
Planeten, deren entsprechendes Verhältnis mit diesem Gürtel wir nächstens
berühren wollen, um dann sogleich auf den vierten Gürtel überzugehen. – Und
somit wieder gut für heute!
35. Kapitel –
Der südliche Gürtel des dritten Gürtelpaares – entsprechend den Asteroiden.
[NS.01_035,01]
Die schon erwähnten vier kleinen und gewisserart zerstreuten Planeten können
auch tote Planeten genannt werden, da sich auf ihnen nur wenig lebende Wesen
mehr vorfinden; und die sich noch vorfinden, sind ganz besonders naturmäßig und
dem Geistigen nahe ganz fremd.
[NS.01_035,02]
Diese Planeten sind auch in naturmäßiger Hinsicht so klein, daß selbst der
größte von ihnen nicht einmal den Durchmesser eures Mondes hat. Und ihre
Vegetation ist ebenfalls außerordentlich dürftig, so daß da außer einigen
wenigen Kräutern und dürftig ausgestatteten Gesträuchen nichts vorkommt.
[NS.01_035,03]
Nur auf dem größten kommt auch eine geringe Art von Fruchtbäumen zum Vorschein,
welche aber kaum größer sind als die sogenannten Zwergbäume bei euch; und
selbst diese Baumgattung trägt eine magere Frucht, die ungefähr euren Buchen-
und Zirbelnüssen gleichkommt.
[NS.01_035,04]
Die wenigen Menschen, welche von sehr kleiner Statur sind, nähren sich jedoch
noch ganz behaglich von dem, was ihnen ihre kleine Erde abwirft und bekleiden
sich mit den Federn einiger zahmer Vögel, deren Fleisch sie genießen, wie auch
mit den Häuten einiger wenigen Haustiere, welche da ungefähr euren Kaninchen,
Ratten und Mäusen gleichen. Das sind aber auch zugleich die größten Tiere
dieser Erdkörper.
[NS.01_035,05]
Es gibt wohl noch einiges Gewürm, einige wenige fliegende Insekten wie auch
einige Frosch- und Fischgattungen in den Gewässern; aber diese Tiere werden von
den wenigen Bewohnern nicht benutzt.
[NS.01_035,06]
Die Wohnungen dieser Menschen sind zumeist aus Löchern im Erdreich bestehend,
welche die Einwohner einem Vogelnest gleich mit allerlei weicheren Abfällen
ausfüllen, und in denen sie dann beisammenliegen wie etwa junge Vögel in einem
Nest.
[NS.01_035,07]
Diese kaum zwei bis drei Spannen großen Menschen haben fast alle mit manchen
Tieren eurer Erde den Winterschlaf gemein, da der Winter auf diesen vier
kleinen Erden manchmal mehr als zwei Erdjahre fortdauert, manchmal aber auch
kürzer ist, je nachdem ein solcher Planet sich bald mehr oder weniger, zufolge
seines unregelmäßigen Laufes, der Sonne nähert.
[NS.01_035,08]
Wie verschieden und unregelmäßig der Lauf ist, kann euch der Umstand belegen,
daß diese sämtlichen vier Planeten zwischen der Mars- und Jupiter-Bahn um die
Sonne also herumschwärmen, daß sich ein oder der andere dieser Planeten bald
der Mars- bald wieder der Jupiter-Bahn nähert, während doch diese beiden Bahnen
ziemlich viele Millionen Meilen voneinander abstehen.
[NS.01_035,09]
Der Grund, warum diese vier Planeten gewisserart wie verlassen im Himmelsraum
umherschwärmen, ist die einstmalige Trennung eines einzigen Planeten in vier
Teile, – bei welcher Trennung viele und sehr bedeutende Teile in den großen
Weltenraum hinaus zerstreut wurden und fast alle Planeten dieser Sonne, wie
auch die Sonne selbst, mehrere und darunter ziemlich bedeutende Partikel
erhielten. Dennoch aber blieben vier Teile auf diese Weise als abgerundete
kleine Planeten mit ihren Gewässern an der Stelle ihrer Trennung zurück und
bekamen eine neue Richtung in ihrem Lauf um die Sonne.
[NS.01_035,10]
Die wenigen übriggebliebenen Menschen samt den wenigen Tieren und Pflanzen
schrumpften dann auf diesen vier gewisserart neugestalteten Planeten ebenso
zusammen wie die Planeten selbst.
[NS.01_035,11]
Nun sehet, solches war hier notwendig vorauszuschicken, damit uns der dritte
südliche Sonnengürtel desto ersichtlicher werden kann. – Wie sieht es demnach
hier aus?
[NS.01_035,12]
Dieser Gürtel ist von seinem nördlichen Korrespondenten gewaltig verschieden.
Denn fürs erste ist er sogleich vom zweiten südlichen Gürtel nebst dem hohen
Gebirgsringe auch noch durch einen breiten Wassergürtel getrennt. Sodann fängt
erst ein überaus gebirgiges Land an, welches äußerst wenig Ebenen hat, und die
wenigen Ebenen selbst sind noch mit Wasser bedeckt. An vier Punkten wird dieses
Land sogar durch ein breites Gewässer von einem Gebirgsring bis zum andern also
getrennt, daß es den Bewohnern des einen Landes nicht möglich ist, zu den
Bewohnern des andern Landes zu gelangen. Denn die Einbuchtung des eigentlichen
Ringwassers an einer solchen Stelle ist so groß, daß eure größten Weltumsegler
sich nicht getrauen würden, darüber zu segeln, – fürs erste wegen der großen
Wasserfläche, und fürs zweite, weil das Ringmeerwasser besonders in diesen
Einbuchtungen fortwährend überaus stürmisch und von Wellen überdeckt ist, die
manchmal größer sind als die höchsten Berge auf eurer Erde, über welche also
zerrissene Wasseroberfläche sich wohl auch sicher selbst der allerbeherzteste
Schiffer eurer Erde nicht wagen würde.
[NS.01_035,13]
Diese vier, dergestalt voneinander getrennten Länder sind auch zugleich die
allerkärglichsten auf der ganzen Sonne. Sie werden von den allerkleinsten
Menschen bewohnt, welche nur irgendwo auf dem ganzen Sonnenkörper vorkommen. –
Pracht ist hier nirgends zu erblicken, außer allein die des über den ganzen
Sonnenkörper gleich verbreiteten eigenen Lichtes.
[NS.01_035,14]
Auch hier haben die Menschen keine Wohnhäuser, sondern graben sich ebenfalls in
die Berge ungefähr also gestaltete Löcher, deren vordere Mündung aussieht wie
der Durchschnitt eines stumpfen Kegels. Solche Löcher gehen etwa bis zehn
Klafter tief in den Berg hinein und sind in ihrem innersten Raum ebenfalls mit
einer Art Nest versehen, welches den Bewohnern dieses Gürtels zur Lagerung und
Ruhe dient. Wenn ein solches Nest schon ziemlich stark abgelegen ist, dann wird
es ausgewechselt und mit einem neuen vertauscht.
[NS.01_035,15]
Ebenso mager sieht es auch mit der Vegetation aus. Diese besteht ebenfalls nur
in einigen wenigen Kräutern und in zwei gesträuchartigen Baumgattungen, auf
welchen Früchte in ziemlich reichlicher Menge vorkommen, welche euren
Haselnüssen und Mandeln gleichen. Eine saftige Frucht gibt es nirgends; nur die
Wurzel eines Krautes, welches ungefähr euren weißen Rüben gleicht, aber um ein
bedeutendes kleiner ist als diese, ist das einzige saftige Aliment, welches auf
diesem Sonnengürtel vorkommt.
[NS.01_035,16]
Ebenso dürftig ist dieser Gürtel mit den Tieren ausgestattet. Die Bewohner
haben nur zwei Gattungen vierfüßiger Haustiere. Das eine hat ungefähr die
Gestalt des Zobels eurer Erde, nur die Wolle ist reichlicher und zarter. Aus
dieser Wolle verfertigen sich die Einwohner auch eine dürftige Kleidung, welche
ungefähr so fabriziert wird, wie ihr verfertiget eure sogenannte Baumwollwatte.
Sie legen nämlich diese Wolle auf eine ebene Fläche hin, etwa auf einen von
Natur aus platten Stein (denn hier ist der Erdboden der Sonne sehr steinig). –
Auf dieser Platte drücken sie dann die Wolle glatt nieder und bestreichen die
Oberfläche mit einem klebrigen Saft, welchen ihnen eine Wurzel abwirft. Durch
diesen Anstrich werden dann die Wollhaare miteinander verbunden, und das
ziemlich dauerhaft so, als wären sie bei euch etwa mit einem aufgelösten Gummi
elasticum überstrichen. Auf diese Art werden ziemlich lange und breite Blätter
zustande gebracht. Aus diesen Blättern schneiden sie dann ihr überaus einfaches
Kleid, welches in nichts anderem besteht als in einer einzigen, etwas steifen
Schürze um die Lenden zur Bedeckung ihrer Scham; alles andere aber ist bloß.
[NS.01_035,17]
Die Gestalt dieser Menschen ist an und für sich nicht abstoßend; besonders
sieht das weibliche Geschlecht immerhin recht artig aus. Nur sind die Menschen
im Durchschnitt kaum so groß als etwa fünf- bis sechsjährige Kinder bei euch.
[NS.01_035,18]
Diese Menschen bewohnen am liebsten ziemlich hohe Gegenden; denn vor den
Gewässern haben sie eine große Furcht. Sie meinen auch, wenn sie irgendein
großes Gewässer erblicken, daß allda die Welt ein Ende habe und daß das
Gewässer immer steige; zu welcher Idee sie das starke Wogen der großen Gewässer
verleitet, aus welchem Grunde sie denn auch, wie schon bemerkt, sich
vorzugsweise auf den höheren Gegenden ihrer Ländereien aufhalten.
[NS.01_035,19]
Das wäre sonach das Landeigentümliche dieses Gürtels und die Bewohnbarkeit
desselben von Seite der Menschen. – Es braucht dazu noch kaum erwähnt zu
werden, daß allda nirgends auf dem Lande irgendein Luftbewohner zu erspähen
ist; wohl aber gibt es dergleichen über den Gewässern, welche auch an und für
sich von allerlei Getier belebt sind.
[NS.01_035,20]
Da wir nun solches alles wissen, so bleibt uns nichts übrig, als auch noch die
staatliche, häusliche und religiöse Verfassung zu erfahren; und haben wir diese
erfahren, so haben wir auch schon alles Bemerkenswerte dieses ganzen Gürtels
beschaut.
[NS.01_035,21]
Was da die staatliche Verfassung betrifft, so besteht diese in nichts anderem,
als daß sich die wenigen Menschen soviel als möglich familienweise voneinander
entfernt absondern, damit zwischen einer und der andern Familie nie Eigentums-
oder Grenzstreitigkeiten vorfallen mögen.
[NS.01_035,22]
Bei einer Familie aber ist der älteste gleichsam ein herrschendes Oberhaupt, leitet
alle anderen Glieder seiner Familie und bestimmt eines zu dem und ein anderes
wieder zu etwas anderem.
[NS.01_035,23]
Ihre Handwerkszeuge bestehen in nichts anderem als in einer kleinen
Handschaufel, welche sie aus einer Art Ton bereiten. Dieses also bereitete
Werkzeug wird an einen Ort gelegt, wo die Strahlen des Sonnenlichtes schon
heftiger wirken; durch diese Strahlen wird dieses Werkzeug steinfest und ist
dann schon völlig tauglich zum Gebrauche.
[NS.01_035,24]
Der Gebrauch dieses Werkzeuges aber besteht zuallermeist in dem, daß sie
mittels desselben ihre Wohnlöcher in den Boden der Berge eingraben. Ein zweiter
Gebrauch dieses ziemlich scharfen Werkzeuges besteht dann auch darin, daß sie
damit notdürftig ihre Kleidungsstücke zuschneiden oder vielmehr zuhacken. Und
fürs dritte graben sie auch mittels dieses Werkzeuges ihre Kräuter und Wurzeln
aus der Erde.
[NS.01_035,25]
Noch ein Werkzeug, welches sie ebenfalls auf dieselbe Weise bereiten, besteht
in einer Art Kamm. Mit diesem Kamm reißen sie dem bekannten Tier seine Wolle
vom Leibe, welche aber gewöhnlich, wenn sie gewisserart reif geworden ist, sehr
leicht von ihm zu bringen ist. Dann gebrauchen sie dieses Werkzeug auch noch
für ein zweites, aber nur seltener vorkommendes Haustier, welches ungefähr so
aussieht wie eine Miniaturkuh bei euch, und bei welchem kein Unterschied ist
zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht. Dieses Tier hat acht
Milchzitzen am Bauche. Wenn sie dieses Tier melken wollen, so schieben sie die
eben nicht gar zu großen Zitzen zwischen die Zähne des Kammes und kämmen
gewisserart die Milch aus den Zitzen, welches gewöhnlich über einem etwas
ausgehöhlten glatten Steine geschieht.
[NS.01_035,26]
Haben sie die Milch auf diese Weise ihrer Miniaturkuh ausgekämmt, dann lassen
sie das gutmütige Tier wieder sein Futter suchen. Sie aber rühren dann in diese
Milch zerstoßene Früchte ihrer Zwergbäume und bereiten sich auf diese Weise ein
ihnen überaus wohlschmeckendes Mus, welches sie dann mit den Händen
herausfassen und ganz behaglich verzehren.
[NS.01_035,27]
Das ist aber nun auch alles, worüber sich ihre häusliche Verfassung erstreckt.
– Und so hätten wir beinahe mit einem Hiebe die staatliche und häusliche
Verfassung dargetan.
[NS.01_035,28]
Ihre Religion ist aber auch ebenso einfach wie ihre Verfassung, sowohl
politischer- als häuslicherseits.
[NS.01_035,29]
Sie glauben an einen Gott, der da nach ihrer Vorstellung ein überaus großer,
vollkommener und über alles mächtiger Mensch ist, und wissen auch, daß dieser
überaus vollkommene Mensch Himmel und Erde gemacht hat.
[NS.01_035,30]
Sie sind überaus demütig und furchtsam und haben daher auch eine überaus große
Furcht vor diesem allervollkommensten Menschen. Sie haben auch Kenntnis vom
Himmel und von der Hölle und kennen ihre Unsterblichkeit.
[NS.01_035,31]
Die Hölle fürchten sie überaus stark; aber für den Himmel halten sie sich
fortwährend für zu schlecht. Aus diesem Grunde haben sie dann auch eine
bedeutende Furcht vor dem Tode des Leibes und suchen daher auch das Leben
desselben solange als nur immer möglich zu erhalten.
[NS.01_035,32]
Einige Älteste haben wohl auch manchmal sichtbare Zusammenkünfte mit den
Geistern verstorbener Menschen ihresgleichen. Aber sie haben nie eine große
Freude daran, wenn ihnen diese erscheinen; denn solches gilt ihnen allzeit als
ein Zeichen, daß sie bald ihre Welt werden verlassen müssen.
[NS.01_035,33]
Wenn ihnen solche Geister kundgeben, daß jener vollkommene Mensch sie überaus
liebevoll aufgenommen habe, so freuen sie sich wohl sehr darüber; aber sich selbst
halten sie stets für überaus unwürdig einer solchen Gnade. Denn sie sagen: Wir
sind ja zu gering für solch einen Herrn, daß Er uns nur ansehen möchte,
geschweige erst aufnehmen in eine höhere Gnade aus Ihm!
[NS.01_035,34]
Sie beten daher auch sehr emsig und danken für alles, was sie genießen, ja
sogar, wenn sie die kärglichen Früchte von ihren kleinen Bäumchen ablösen, für
jede einzelne Frucht; und so auch für jedes einzelne Kräutchen, welches sie aus
dem Boden der Erde nehmen, danken sie ganz inbrünstigst, halten sich dabei
stets für unwürdig eines solchen Geschenkes und können nicht begreifen, wie
dieser überaus vollkommene Mensch ihrer so überaus wohl gedenken kann!
[NS.01_035,35]
Sehet, in solchem besteht die ganze, völlig zeremonienlose Religion. – Wenn ihr
aber schon durchaus etwa irgendeine Zeremonie haben wollt, so besteht diese
einzig und allein in dem ehelichen Verbande zweier Gatten.
[NS.01_035,36]
Dieses eheliche Bündnis aber besteht wieder in nichts anderem als in einer
gegenseitigen Umarmung und darauf folgenden Segnung des Ältesten einer Familie;
sodann in einer allgemeinen Danksagung, und endlich in dem bald darauf
erfolgenden Beischlafe, welcher Akt auch bei diesen Menschen zu den größten und
erhabensten Feierlichkeiten gehört.
[NS.01_035,37]
Ihre Toten umwickeln sie ganz mit allerlei Kräutern, graben dann in einer
unteren Gegend ein ähnliches Loch in das Erdreich wie da ist ihre Wohnung, und
legen in dieses offene Grab ihre Verstorbenen. Die Kräuter geben sie ihnen
darum hinzu, damit diese, so sie allenfalls wieder erwachen möchten, sogleich
eine Nahrung bei sich finden sollen.
[NS.01_035,38]
Sie besuchen wohl auch in Gesellschaft ein solches Grab; da aber ihre Leiber
überaus schnell verwesen, und sie darauf von ihren Verstorbenen gewöhnlich
nichts mehr vorfinden, so sind sie der Meinung, daß entweder diese Verstorbenen
wieder wach geworden sind und jetzt irgendwo herumirren, oder daß sie von
Geistern abgeholt worden sind.
[NS.01_035,39]
Aus diesem Grunde beten sie dann auch sehr vielfältig für ihre Verstorbenen und
wünschen ihnen von ganzem Herzen alles Glück.
[NS.01_035,40]
Nun haben wir aber auch schon alles beisammen, was da diesen Gürtel betrifft.
Daher wollen wir uns auch von ihm hinwegwenden und fürs nächste Mal den vierten
Gürtel betreten, auf welchem wir uns schon ein wenig länger werden verweilen
müssen, weil wir da wieder sehr große Dinge zu sehen bekommen werden. – Und somit
gut für heute!
36. Kapitel –
Das vierte Sonnengürtelpaar – entsprechend dem Planeten Jupiter. – Die dortigen
Menschen.
[NS.01_036,01]
Was diesen vierten Gürtel betrifft, so sage Ich es euch gleich im voraus, daß
der vierte Gürtel sowohl nördlicher- als südlicherseits dem großen Planeten
Jupiter entspricht. – Ihr wißt, daß dieser Planet von allen Planeten wohl der
größte und wohl um viertausendmal größer ist als eure Erde. Also sind auch die
entsprechenden Gürtel die größten und herrlichsten nach dem Mittelgürtel,
welcher an und für sich die eigentliche Sonnenwelt ausmacht und Entsprechungen
hat mit all den andern Gürteln der Sonne.
[NS.01_036,02]
Wie groß ist demnach der vierte, dem Planeten Jupiter entsprechende Gürtel, das
heißt, sowohl nördlicher- als südlicherseits zusammengenommen? – Beide Gürtel
zusammengenommen dürften wohl eine Breite von zwanzigtausend Meilen haben. Und
ihre Länge dürfte im Durchschnitt bei zweimal hunderttausend Meilen betragen.
Aus dieser Flächenmaßanzeige geht wohl hervor, daß dieser vierte Gürtel also
auch vieles und Großartiges in sich fassen muß, da er an und für sich von einer
so bedeutenden Flächenausdehnung ist.
[NS.01_036,03]
Auch dieser Gürtel ist vom vorhergehenden durch einen überhohen Gebirgsgürtel
getrennt. Dieses Gebirge ist überaus hoch und besteht zumeist aus dem
allerhärtesten, weißen Marmor, welcher durch den allergrößten Hitzegrad nicht
schmelzbar ist. Die höchsten Spitzen, welche gar wohl in die höchste
Lichtatmosphäre der Sonne ragen, sehen zwar aus, als wären sie beständig
weißglühend; allein solches ist mitnichten der Fall. Sie erscheinen nur darum
so glänzend, weil ihre höchsten Scheitel für euch unbegreiflich weiß sind und
daher von ihrer Oberfläche alle Strahlen, die von irgendwoher auf sie fallen,
ganz vollkommen wieder zurückwerfen.
[NS.01_036,04]
Die ziemlich ebenmäßig fortlaufenden Wände dieses hohen Gebirges werden
zuunterst wieder von einem über zweitausend deutsche Meilen breiten Wasserring
bespült, welches Wasser aber dennoch nicht ganz ununterbrochen fortläuft,
sondern an vielen Stellen große Inseln und noch größere Halbinseln und
bedeutende Landzungen aufzuweisen hat, welche Ländereien samt und sämtlich von
den Menschen dieses Gürtels bewohnt werden.
[NS.01_036,05]
Das Land selbst aber ist mehr flach als gebirgig. Und die Berge, welche auf dem
Lande vorkommen, sind bei weitem nicht so hoch wie die Berge anderer, uns schon
bekannter Gürtel. Dennoch aber sind sie (über dem Meeresspiegel der Sonne) viel
höher als die höchsten Berge auf eurer Erde; aber sie sind nicht so steil und
unersteigbar wie die eurigen. – Das Land selbst hat auch eine große Menge Seen,
Ströme, Flüsse, Bäche und Quellen und ist daher an und für sich überaus
gesegnet und fruchtbar.
[NS.01_036,06]
Das Tierreich ist hier überaus zahlreich. Und das Land ist durchgehends
reichlich bewohnt von Menschen.
[NS.01_036,07]
Nun wüßten wir, wie das Land beschaffen ist, und wollen uns daher sogleich nach
unserer alten Ordnung zum Menschen dieses Landes wenden. – Wie sehen denn hier
die Menschen aus? – Was haben sie für eine Verfassung und was für eine
Religion, und wie stehen alle anderen Dinge zu ihnen im Verhältnis? – Dieses
alles wollen wir einmal mit einer allgemeinen Antwort dartun, sodann erst zum
Sonderheitlichen schreiten.
[NS.01_036,08]
Was die Menschen betrifft, so sind sie fürs erste ihrem Leibe nach
außerordentlich groß, ihrer Gestalt nach äußerst wohlgebildet und ihrem
Charakter nach die allersanftesten und allerbesten Menschen der ganzen Sonne.
[NS.01_036,09]
Was ihre Verfassung betrifft, so ist diese fürs erste durchaus patriarchalisch
und im Grunde ebenfalls theokratisch und sorgt in jeder Hinsicht für das
allgemeine Wohl.
[NS.01_036,10]
Also ist auch ihre Religion höchst einfach, ohne alle Zeremonie. Und die
Bildung ihrer Kinder besteht demnach ebenfalls in nichts anderem als allein nur
in dem, was da betrifft die vollkommene Einswerdung mit den Himmeln und mit dem
Herrn.
[NS.01_036,11]
Also hätten wir im allgemeinen dargetan die wichtigsten Verhältnispunkte der
Menschen dieses Gürtels und wollen sonach zur sonderheitlichen Betrachtung
übergehen.
[NS.01_036,12]
Was also fürs erste die Größe des Mannes betrifft, so ist dieser nicht selten
vom Fuße bis zum Scheitel hundert Klafter eures Maßes groß. – Was hat er für
eine Farbe? – Sanft weiß, das heißt, ein wenig ins Blaurötliche übergehend,
ungefähr so, wie da ist die Farbe eines Amethystes; aber nur natürlich um
vieles blasser. Hier und da kommt eine solche Leibesfarbe sogar auf eurer Erde
vor, und zwar namentlich bei den Gebirgsvolksstämmen des Kaukasus in Asien, wo
auch besonders zart gebildete Weiber eine ähnliche Leibesfarbe aufzuweisen
haben, besonders zur Zeit, wenn sie von der häufigen Gletscherluft angeweht
werden. Also ist auch die Farbe der Bewohner dieses vierten Gürtels beschaffen.
[NS.01_036,13]
Was haben sie wohl für eine Gesichtsbildung? – Ihr Gesicht ist durchaus
männlich, das heißt, es ist keine Fratze, wie es dergleichen auf der Erde unter
den Männern eine Menge gibt; aber im übrigen mehr abgerundet und sanfter als
bei dem männlichen Geschlecht auf eurer Erde. Die Lippen sind ausgezeichnet,
also auch die Mundwinkel. Das Kinn ist ziemlich hervorragend, aber nicht scharf
markiert, sondern mehr sanft abgerundet und durchgehends bartlos. Das Haupthaar
ist reichlich und lang und ist von dunkelbrauner Farbe; also sind auch die
Augenbrauen und Augenlider gefärbt. Die Stirn ist hoch und gegen die Haare
ausgezeichnet weiß. Die Ohren stehen in gutem Verhältnis mit den übrigen
Gesichtsteilen, ebenso auch die Nase.
[NS.01_036,14]
Der Hals ist proportioniert lang und rund, die Schultern sind sehr breit, und
die Arme stehen in gutem, wohlabgerundetem Verhältnis mit den Schultern. Nur
die Handflächen sind im Verhältnis zur übrigen Hand ungefähr um ein Fünftel
größer, als es bei euch der Fall ist. – Die Nägel an den Fingern sind von
derselben Farbe wie da ist der Leib; nur an ihren Enden werden sie ums
Bedeutende blasser und sind überaus stark.
[NS.01_036,15]
Also steht auch der ganze übrige Leib bis an die Hüfte in gutem Verhältnis. Das
Gesäß jedoch ist wieder etwas hervorragender als bei euch auf der Erde. Die
Folge dieses Hervorragens ist ein immerwährend überaus gerades Halten,
besonders wenn ein solcher Mann steht und nicht geht. Der Grund aber liegt in
dem, weil, wenn der Mann geht, er sich schon von Kindheit an stark vorwärts
geneigt hält.
[NS.01_036,16]
Die Füße sind dann wieder vollkommen regelmäßig. Also auch die Schamteile. Nur
die Fußschaufeln sind wieder im Verhältnis etwas größer, als solches bei euch
der Fall ist.
[NS.01_036,17]
Wie ist denn der Mann bekleidet? – Das Kleid des Mannes – wie auch des Weibes –
besteht in nichts anderem als in einer Vorschürze, um dadurch die Schamteile zu
decken; alles andere ist bloß. Dessenungeachtet aber herrscht doch fast
nirgends eine größere Züchtigkeit als bei diesen Gürtelbewohnern. – So ist also
der Mann bestellt.
[NS.01_036,18]
Das Weib ist um den ganzen Kopf des Mannes kleiner und ist in allen seinen
Teilen überaus vollkommen abgerundet gebildet. Seine Haut ist noch ums
Mehrfache feiner als die des Mannes; aber dessenungeachtet ist sie dennoch an
und für sich dicker als die des Mannes. So möchte zum Beispiel die Haut des
Mannes im Durchschnitt eine Dicke von etwa anderthalb Spannen eures Maßes
haben; die des Weibes aber ist gut zwei Spannen dick, aber dabei viel weicher
als die Haut des Mannes (und auch viel weicher und elastischer als die Haut der
Weiber auf eurer Erde), und ist allenthalben überaus fein porös.
[NS.01_036,19]
Die Brust der Weiber ist vollkommen rund und sitzt also am Brustblatte wie etwa
zwei große Halbkugeln, welches dort für das Allerschönste gehalten wird.
[NS.01_036,20]
Also ist auch das Gesicht überaus anziehend freundlich schön. Und das Haar des
Hauptes geht bei den Weibern noch bedeutend unter das Knie und ist überaus
reichlich. Die Farbe des Haares aber ist etwas lichter als die Farbe des
Mannshaares.
[NS.01_036,21]
Das Weib ist im allgemeinen fast auf keinem Planeten so schön gebildet wie
hier. Und die Männer halten auch ziemlich große Stücke auf die leibliche Schönheit
des Weibes. Denn sie sagen: Wenn das Weib eines gerechten Herzens und daraus
eines gerechten Geistes ist, so muß auch ihr Leib ein gerechtes Ebenmaß haben.
Hat aber der Leib ein solches Ebenmaß nicht, so muß das irgendeinen Grund
haben, warum bei einem Weibe der Leib nicht die volle Gerechtigkeit erlangt
habe. Die vollkommenste Gerechtigkeit aber ist von Seite des Herzens die
beständige Fülle der Liebe zum Herrn, welche da ist die Nahrung des Geistes zum
ewigen Leben. Der Geist aber ist der Werkmeister des Leibes; wurde er durch
einen gewissen Grad der Ungerechtigkeit des Herzens verkümmert, so muß ja
notwendig auch sein Werk verkümmert aussehen. Ob solche Ungerechtigkeit von den
Eltern oder Kindern abhängt, solches ist zu ermitteln. Hängt sie von den Eltern
ab, so sind die Kinder schuldlos; und an uns ist es, ihnen eine solche
Verkümmerung nicht anzurechnen. Liegt die Ungerechtigkeit aber in ihrem eigenen
Herzen zugrunde, so ist es unsere Pflicht, in ihnen ein gerechtes Herz schaffen
zu helfen, um dadurch, wenn noch möglich, auch die Gerechtigkeit des Leibes
wieder herzustellen. Wo aber solches nicht mehr tunlich sein sollte, da ist es
unsere Pflicht wenigstens das Herz für sich allein also zurechtzubringen, daß
der Geist von demselben die gebührende Nahrung fürderhin erlangen kann.
[NS.01_036,22]
Sehet, aus diesem Grunde halten denn die Bewohner dieses Gürtels sehr große
Stücke auf eine vollkommene leibliche Schönheit, besonders, wie schon gesagt,
bei den Weibern; und lieben dieselben ungemein, wenn sie ihrer Ordnung gemäß
sind. Ein unordentliches Weib aber wird gering geachtet und, wenn sie nicht in
ihre Ordnung tritt, bald einer unangenehmen Schule unterworfen.
[NS.01_036,23]
Das wäre nun alles, was sich über die Gestalt der Menschen dieses Gürtels als
denkwürdig darstellen läßt. – Nächstens wollen wir ihre Haushaltung in den
Augenschein nehmen. Und daher gut für heute!
37. Kapitel –
Wohn- und Wirtschaftshäuser auf dem vierten Gürtelpaar.
[NS.01_037,01]
Bevor wir zur eigentlichen Haushaltung übergehen können, wird es notwendig
sein, mit den Wohnhäusern dieser Menschen zuvor eine kleine Bekanntschaft zu
machen; denn ohne Haus gäbe es auch keine Haushaltung. Danach können wir die
Frage tun: Wie sehen denn die Häuser aus, in denen diese berghohen Menschen
wohnen, und woraus sind sie verfertigt?
[NS.01_037,02]
Die Wohnhäuser dieser großen Menschen haben ziemliche Ähnlichkeit mit den
Wohnhäusern des mittleren Hauptgürtels der Sonne und sind erbaut aus Steinen
und Holz. Nur sind sie natürlicherweise im Verhältnis größer, wie auch die
Menschen größer sind als auf dem Mittelgürtel. Doch müßt ihr das Verhältnis
nicht allzugenau nehmen; denn im Mittelgürtel haben die Wohnhäuser, wie auch
alle anderen Gebäude, mehr eine Prachthöhe als eine notwendige. Die Wohnhäuser
dieses Gürtels aber sind nicht nach der Pracht, sondern nach dem Bedarf
verfertigt. Und so werdet ihr nirgends ein höheres Gebäude finden als höchstens
von zweimaliger Höhe eines dortigen Menschen; in welchen Gebäuden sich aber
nirgends irgendwo Galerien und dergleichen Erhöhungen vorfinden, wie wir sie in
den Wohnhäusern des Mittelgürtels wie auch in den ersten beiden Nebengürteln
kennengelernt haben, sondern ihre Bewohnbarkeit ist zu ebener Erde.
[NS.01_037,03]
Bevor wir aber noch die innere Einrichtung beschauen wollen, müssen wir doch
die Form des Hauses und auch dessen allfällige Größe in Augenschein nehmen. –
Die Form eines solchen Hauses samt dessen Größe aber wird sich am besten vor
unseren Augen darstellen, wenn wir ein solches Haus vom Grunde werden aufbauen
sehen; und so gebet denn acht.
[NS.01_037,04]
Sehet, hier in einer großen Ebene wird soeben ein neues Wohnhaus errichtet. Ein
Fleck von zweitausend Klaftern Länge und zweihundert Klaftern Breite, im
geraden Viereck, ist dazu bestimmt. Ihr müßt euch aber darunter keine
vollkommen mathematische Quadratfläche denken, sondern vielmehr eine
zweihundert Klafter breite und zweitausend Klafter lange Bahn, welche zwar zu
beiden Seiten der Länge nach geradlinig fortläuft, aber beim ersten Anfang
etwas der Breite nach eingebogen, wie am andern Ende etwas ausgebogen ist.
[NS.01_037,05]
Zu beiden Seiten, der Länge nach, seht ihr die Bewohner fünfhundert Säulen
aufbauen, welche zweihundert Klafter hoch werden müssen. Eine jede Säule hat
einen Durchmesser von fünfundzwanzig Klaftern. – Der Breite nach seht ihr sie
beim Anfang, und somit auch beim Eingang, nur zwanzig Säulen auf dieselbe Weise
aufführen, welche Säulen aber keinen so großen Durchmesser haben wie die der
Länge nach. Das Ende aber seht ihr vollkommen geschlossen.
[NS.01_037,06]
Über diese Säulen seht ihr die Erbauer mächtige Balken legen und innerhalb der
Bahn noch zwei Reihen zwar gleich hoher, aber im Durchmesser um vieles weniger
dicke Säulen errichten; und sehet sie alle diese Säulen wieder mit mächtigen
Balken kreuz und quer verbinden. Und sehet ferner, wie da über diese Balken
allenthalben verhältnismäßig starke Dielen gelegt werden, welche genau aneinanderpassen
müssen, und das also, daß nirgends eine Fuge entdeckt werden kann.
[NS.01_037,07]
Nun sind die Dielen gelegt. Jetzt sehet, wie da über denselben drei
Dachgerüstreihen aufgeführt werden, von denen die mittlere um die Hälfte höher
ist als die beiden äußeren. – Nun sind auch die Gerüste fertig. Sehet weiter!
Diese Gerüste werden mit einer Art Latten verbunden, welche aber so nahe
aneinander über das Gerüst angeheftet werden, daß zwischen der einen und der
andern Latte nicht mehr als eine Linie Raum bleibt.
[NS.01_037,08]
Nun wäre auch diese Arbeit vorüber. – Jetzt sehet, rings um das ganze Gebäude
sind große Haufen Dachplatten aufgeschichtet. Auf mächtig starken Leitern
steigen die riesigen Menschen auf und ab und decken das Dach, welche Deckung
ganz auf dieselbe Art vor sich geht, wie wir sie im Mittelgürtel gesehen haben.
– Die Platten sind nach innen ganz dunkel, nach außen aber sehen sie aus, als
wären sie von feinst poliertem Golde.
[NS.01_037,09]
Die Enden der Dachung, das heißt der Breite nach, werden zierlich mit diesem
Golddachblech eingebogen und gewisserart eingefaßt. Im übrigen aber werden die
Dachgänge offengehalten, damit durch dieselben beständig frische Luft streiche
und das ganze Gebäude von oben herab in kühlem Zustande erhalte.
[NS.01_037,10]
Da wir jetzt alles dieses geistig mit angesehen haben, so haben wir auch schon
die Form und die Größe des Hauses. – Es bleibt uns demnach nur noch übrig, das
Innere desselben ein wenig in Augenschein zu nehmen. Und so wird uns bald das
ganze Wohngebäude bekannt sein und auch dessen eben nicht zu sehr komplizierter
Zweck.
[NS.01_037,11]
Sehet, zwischen den Mittelsäulen befindet sich der Länge nach, von der zweiten
Säule angefangen, eine bei zwanzig Klafter eures Maßes hohe Wand, welche in der
Mitte zwischen zwei Säulen eiförmig ausgebaucht ist, und das zu beiden Seiten.
Seht ferner, wie das Oberste dieser Wand mit weichem Polsterwerk belegt ist.
Ich meine, ihr werdet nicht lange raten dürfen, was da wohl der Zweck dieser
Wand sein möchte. Diese Wand ist der eigentliche Ruheplatz eines solchen
Wohnhauses, auf welchem die Menschen nach irgendeiner Arbeit auszuruhen
pflegen.
[NS.01_037,12]
Zwischen den äußeren Säulen aber erblicket ihr ebenfalls bei fünfzig Klafter
hohe Halbsäulen. – Wozu dienen denn diese? – Sehet nur hinauf, wie ihre Flächen
mit allerlei Früchten belegt sind, und ihr werdet nicht lange zu raten haben,
um den Zweck dieser Säulen zu bestimmen. Sie sind die Speisetische der Bewohner
dieses Gürtels.
[NS.01_037,13]
Nun verfügen wir uns noch bis an das geschlossene Ende unseres großen
Wohnhauses, welches ziemlich stark nach außen hinausgebogen ist. – Sehet, wie
da ungefähr dreißig Klafter über dem Boden ebenfalls eine Erhöhung aufgebaut
ist, die sich gegen das Innere des Wohnhauses, gegen die mittlere Reihe der
inneren Säulen, ausbauchet und zuoberst eine Fläche hat, die sich an die
ausgebogene Rundwand anschließt, so daß sie dadurch ungefähr eine solche Form
darbietet, als wenn ihr ein Ei der Länge nach durchschneiden würdet.
[NS.01_037,14]
Sehet ferner, wie auch diese Fläche, welche mehrere hundert Quadratklafter
mißt, mit weichen Polstern über und über belegt ist. Wozu möchte wohl dieser
erhabenere Ruheplatz dienen? – Dieser ist fürs erste der Hausvatersitz und fürs
zweite auch der Lehrstuhl zum Unterricht für die ganze Familie von seiten des
Vaters.
[NS.01_037,15]
Sehet, jetzt sind wir schon mit dem ganzen Wohnhause fertig, welches für die
drei einfachen Zwecke errichtet ist, nämlich für die Ruhe, für die Mahlzeit und
fürs Lehramt.
[NS.01_037,16]
Gibt es neben diesem Wohnhause keine anderen, gewisserart wirtschaftlichen
Gebäude mehr? – Ein jedes Wohnhaus hat noch auf beiden Seiten seines Anfanges,
in der Entfernung von etwa zweihundert Klaftern, zwei ebenso große Rondelle,
welche aber aus einer geschlossenen und mit einigen runden Fenstern versehenen
Wand bestehen. Jedes dieser Rondelle hat gegen das Wohngebäude zu eine für die
Menschen verhältnismäßig hohe und breite Tür; aber das Rondell hat kein Dach,
sondern ist offen. Die Wände sind nach innen mit allerlei Galerien versehen,
welche aber nicht die Bestimmung haben, daß auf denselben herumgegangen werden
solle, sondern sie haben allein nur die Bestimmung zur Aufbewahrung der
notwendigen Hausgerätschaften, welche samt und sämtlich in dem einen Rondell
aufbewahrt werden.
[NS.01_037,17]
Das andere Rondell ist eine Speisevorratskammer und in mancher Hinsicht auch
eine Küche. Denn in diesem Gürtel werden auch ein und die anderen Früchte
gesotten und dann erst genossen. – Zu diesem Behufe ist auch in der Mitte
dieses zweiten Rondells ein bei fünfzig Klafter über dem Erdboden erhabener
Herd aufgeführt, welcher einen Durchmesser von sechzig bis siebzig Klaftern
hat. In der Mitte dieses Herdes ist eine Vertiefung, in welche eine Art Erdöles
gegossen wird. Dieses Erdöl wird durch einen aus gewissen Steinen geschlagenen
Funken leichtlich entzündet, brennt dann mit einer heftigen und ganz weißen
Flamme, welche einen großen Hitzegrad um sich verbreitet und die kochbaren
Früchte in den wahrhaften Goldtöpfen, welche in einem Kreis um die Flamme
gestellt sind, gar bald zur gehörigen Weiche kocht. – Das ist sonach auch die
ganze Einrichtung dieses zweiten Rondells.
[NS.01_037,18]
Ein jedes Rondell für sich aber hat einen Durchmesser von fünfzehnhundert
Klaftern eures Maßes. – Ihr werdet heimlich fragen: Da wir bei der Darstellung
dieser Rondelle anfänglich vernommen haben, daß deren geschlossene Wände mit
einigen runden Fenstern versehen sind, so ließe sich wohl fragen, welchen Zweck
diese Fenster haben möchten, da die Rondelle selbst von obenher nicht
geschlossen sind?
[NS.01_037,19]
Diese Fenster sind wegen der Durchlüftung angebracht; denn in diesem
wasserreichen Gürtel ist die Luft nicht selten ziemlich feucht, weshalb dann in
geschlossenen Räumen sich leichtlich ein Moder, oder wenigstens ein die
Gerätschaften und die Früchte zerstörender Rost oder Schimmel erzeugen könnte.
Um sonach diesem Übel vorzubeugen, werden überall gehörige Luftöffnungen
angebracht, damit die Luft die inneren Räume beständig trockne und reinige.
[NS.01_037,20]
Da dieser Gürtel zufolge seiner großen Ebenen vorzugsweise sehr reich ist an
verschiedenen Luftströmungen, so ist es auch begreiflich, daß die Bewohner,
welche sehr weise sind, eben diese Luftströmungen gar wohl zu benutzen wissen.
– Nun hätten wir wieder einen Teil, der da zur Bewohnung dieser Menschen
gehört, kennengelernt.
[NS.01_037,21]
Damit wir aber eine solche Haushaltung, was die Gebäude betrifft, vollkommen
vor uns haben, so mache Ich euch zum Schluß noch auf den großen Tiergarten
aufmerksam, der da hinter den beiden Rondellen sich, je nach der Beschaffenheit
einer Grundfläche, ausbreitet. Dieser Tiergarten ist ebenfalls mit einer Art
Mauer umfangen, welche vom Boden auf allenthalben gleichmäßig bei siebzig
Klafter hoch ist, eine Dicke von fünf Klaftern hat und nach außen hinaus von
hundert zu hundert Klaftern mit einer Lehn- oder Stützmauer versehen ist.
Dieser Tiergarten in mittlerer Größe hat der Länge nach einen Durchmesser von
zehntausend Klaftern. Und was dessen Breite betrifft, so hat er nach der
Beschaffenheit der Fläche auch nicht selten sechs- bis achttausend Klafter.
[NS.01_037,22]
Dieser Garten ist bestimmt für ein Tier, welches zwar auf dieser Erde nichts
Ähnliches hat; dessenungeachtet aber steht es bei den Einwohnern in dem Ansehen
der Schafe bei euch. Die Größe dieses Tieres möchte wohl die Größe eines
Elefanten bei euch ums Hundertfache übertreffen. Der Kopf hat Ähnlichkeit mit
dem Kopf eines Kamels bei euch; der Leib gleicht dem einer Kuh, die Füße denen
der euch bekannten Giraffe, da die vorderen um die Hälfte höher sind als die
hinteren. Der Schweif aber bildet eine Wollkugel, deren Wolle von den
Einwohnern zur Bereitung ihrer Schürzen verwendet wird, und welcher Zweck auch
der einzige ist, warum die Einwohner dieses Tier also häuslich halten.
[NS.01_037,23]
Nun wüßten wir vorderhand alles, wie da eine vollkommene Haushaltung bei den
Bewohnern dieses Gürtels gestaltet und bestellt ist. – Und so können wir uns
denn auch füglichermaßen an ihre häusliche Verfassung machen, welche wir als
Fortsetzung dieser gegenwärtigen Mitteilung ein nächstes Mal kundgeben wollen.
– Und so lassen wir es heute wieder gut sein!
38. Kapitel –
Wesens- und Lebensart der Bewohner des vierten Gürtelpaares.
[NS.01_038,01]
Einen Teil der häuslichen Verfassung könnt ihr schon aus dem entnehmen, so ihr
nur einigermaßen aufmerksamen Blickes betrachtet habt, wie da ein solches
Wohnhaus bestellt ist. Dessenungeachtet aber gibt es auch noch andere
Verhaltungsregeln, welche sich aus der Ordnung der Wohngebäude nicht
herausfinden lassen. Um aber diesen Verhaltungsregeln auf eine überzeugende
Spur zu kommen, ist es notwendig, zuvor den Charakter dieser Bewohner ein wenig
näher kennenzulernen.
[NS.01_038,02]
Die Menschen dieses Gürtels gehören zu den allersanftesten, welche je irgendwo
die Sonne oder andere Planeten bewohnen; ja ihr ganzes Benehmen ist von einer
so sanften und demütigen Art, daß ihr euch davon durchaus keinen Begriff machen
könnt.
[NS.01_038,03]
So zum Beispiel traut sich sogar kein Mann, völlig ausgestreckt aufrecht zu
gehen, um dadurch das kleinere Weib nicht zu nötigen, aufwärts zu ihm zu
blicken. Auch macht der Mann beim Gehen mit den Händen ziemlich große
Bewegungen, um dadurch für das ihn stets begleitende Weib die Luft abzukühlen
und gewisserart zu verdünnen, damit das Weib ihm leichter folge. So hält er
ebenfalls auch seine Füße, mit denen er sonst sehr lange Schritte tun könnte,
in den gehörigen Schranken und macht daher aus purer liebzärtlicher Rücksicht,
statt bequeme, siebzig Klafter lange Schritte, nur kaum zwanzig Klafter lange,
damit das Weib ihm ja überall leicht und ungezwungen folgen kann. So führt zum
Beispiel nie ein Mann ein Weib neben sich, daß sie mit ihm gleichen Schrittes
ginge; denn da müßte sie ja selbst mit der Luft kämpfen und hie und da auch
einen rauhen Weg betreten. Sie muß ihm daher folgen, damit sie einen gut
abgetretenen Weg hat und mit der Luft nicht kämpfen darf.
[NS.01_038,04]
Also ist der Mann auch gegen seine Kinder. Sie werden in lauter Liebe
großgezogen, und jeder Unterricht, den ein Vater seinen Kindern erteilt, ist so
weich, einladend und anreizend wie die allerweichste Wolle in entsprechender
Hinsicht genommen.
[NS.01_038,05]
Ein unfreundliches Gesicht wird von den Sonnenbewohnern dieses Gürtels schon
als eine Sünde betrachtet; daher machen diese Menschen immer sanft lächelnde
Mienen und sind so weichherzig, daß sie beim Anblicke eines anscheinend noch so
gering leidenden Bruders alsbald zu Tränen gerührt werden und sich alle
erdenkliche Mühe geben, ihm auf jede mögliche Art zu helfen.
[NS.01_038,06]
Wenn da ein Nachbar zum andern kommt und sich eine Gefälligkeit von ihm
erbittet, so findet er das freudigste Entgegenkommen; denn eine größere
Bereitwilligkeit, seinem Nächsten gefällig und dienlich zu sein, könnt ihr euch
durchaus nicht vorstellen, als solches bei den Bewohnern dieses Gürtels gang
und gäbe ist. Denn wenn zum Beispiel ein Nachbar zum andern kommt und bittet
ihn um die Darleihe irgendeines Werkzeuges oder um etwas anderes, so gibt der
ersuchte Nachbar nicht nur mit der größten zuvorkommendsten Freundlichkeit das
ersuchte Stück, sondern er fragt ihn noch höchst nötig, ob er nicht noch mehr
bedürfe. Und wenn der andere solches dankbarst freundlich verneint, so läßt
sich's der ersuchte Nachbar dennoch nicht nehmen, daß er dem andern das
ersuchte Stück selbst bis zu dessen Wohnung hinträgt und ihm daselbst noch
obendrauf seine Dienste anträgt, falls der andere Nachbar etwa nicht vollkommen
bequem mit dem Werkzeuge umgehen könnte.
[NS.01_038,07]
Ersucht ihn der Nachbar aber etwa um Früchte oder Kleidungsstoffe, so wird dem
ersuchenden Nachbarn nicht nur das Ersuchte zehnfach gegeben, sondern der Geber
trägt es noch, wie zuvor das Werkzeug, eigenhändig in die Wohnung seines
Nachbarn und bittet ihn inständigst, daß er ihm solches ja nie entgelten solle.
[NS.01_038,08]
Noch außerordentlicher ist diese zuvorkommende Freundlichkeit gegen ganz
Fremde, welche manchmal Bereisungen machen, um ihre Welt näher kennenzulernen.
Solche werden schon allezeit mit der allergrößten Auszeichnung aufgenommen, und
es wird einem solchen die größte Ehre bezeigt, die nur immer bei diesen
Einwohnern gang und gäbe ist. Diese Ehre besteht aber darin, daß ein fremder
Gast sogleich in das Wohnhaus geführt und ihm zum Ausruhen mit aller
Zuvorkommenheit der Hausvaterstuhl angetragen wird. Da haben dann alle
Familienmitglieder nichts Notwendigeres zu tun, als einem solchen Gaste alle
erdenkliche Aufmerksamkeit zu bezeigen. Und es gibt dann allzeit eine überaus
rührende Szene, wenn ein solcher Gast wieder, zufolge seiner Weiterreise, seine
freundlichen Gastgeber verläßt.
[NS.01_038,09]
Wahrlich, wenn bei euch auf der Erde die zärtlichste Mutter einen Sohn hätte,
der da in ein weit entlegenes Land verreisen müßte, so ist die Szene einer
solchen schmerzlichen Trennung kaum ein schwacher Schatten dagegen, was die
Bewohner dieses Gürtels da für ein Leidwesen tragen, wenn sie ein solcher Gast
wieder verläßt.
[NS.01_038,10]
Wenn er sie verläßt, so wird er fürs erste von dem Hausvater und allen seinen
Familiengliedern über und über gesegnet, damit er ja glücklich durch alle
Länder kommen möchte, und daß er sie womöglich bei seinem Rückzug ja wieder
besuchen solle. – Sodann wird er mit allem, was er nur immer benötigt,
versehen. – Und endlich, wann er sich von seinem Gastgeber entfernt, wird ihm
beinahe von der ganzen Familie so weit das Geleit gegeben, bis er sich wieder
in der Nähe einer andern Wohnung befindet. Allda wird er wieder gesegnet; und
wenn er sich dann empfiehlt, natürlich überaus dankbar für all die empfangene
Freundschaft, so sehen ihm die Begleitenden noch so lange nach, bis er sich
ihren Blicken völlig entwunden hat; alsdann erst kehren sie wieder um und reden
auf dem ganzen Rückwege von nichts als von dem Fremden, und daß ihn der liebe,
gute Herr Himmels und der Erde ja vor jeglichem Ungemach bewahren möchte.
[NS.01_038,11]
Aus diesen wenigen Beispielen könnt ihr nun schon ganz gut auf den übrigen
Charakter dieser überaus sanften Menschen, und aus diesem Charakter aber auch
auf ihre anderweitige Hausverfassung schließen.
[NS.01_038,12]
Da wird nie jemand beordert, etwa eine oder die andere Arbeit selbst zu
verrichten, sondern wenn irgendeine Arbeit für nötig befunden wird, so
wetteifert alles miteinander, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen,
damit ja niemandem irgend zu hart geschehe. Die ganze häusliche Verfassung
besteht demnach in nichts anderem als in der vollkommenen, allerwahrhaftigsten
Nächstenliebe; aus dieser heraus ergeben sich dann alle anderen Regeln.
[NS.01_038,13]
Es besteht unter ihnen nirgends ein positives Gesetz, sondern die Liebe ist ihr
alleiniges Gesetz; aber nicht etwa positiv, sondern lebendig im Herzen eines
jeglichen.
[NS.01_038,14]
Wenn sich etwa jemand hier und da nur im geringsten verstoßen hat gegen dieses
Gesetz, so wird er alsogleich mit der größten Liebe und Sanftmut ermahnt, indem
ein Hausvater zu ihm spricht: „Siehe, siehe, mein lieber Sohn! Du hast dich in
deinem Herzen ein wenig vergessen und hast nicht bedacht, daß der Bruder, der
dich um eine kleine Gefälligkeit ersucht hatte, einen ewigen unsterblichen
Geist, wie du, in sich trägt. Dieser Geist ist ein lebendiger Geist aus Gott
und ist ein Teil Seiner unendlichen Liebe, welche gleichen Maßes ausgeht
unendlich und ewig. – Was können wir wohl Größeres tun und was dem großen,
lieben und guten Herrn Himmels und der Erde Wohlgefälligeres, als so wir Seine
unendliche Liebe in allen unseren lieben Brüdern erkennen und dieselben darum
achten und lieben aus dem Grunde unserer Herzen, weil sie so gut wie wir Teile
der unendlichen Liebe Gottes sind!? – Wir haben ja kein Gesetz, als das: Liebet
die Liebe! – Unsere Brüder aber sind ja so wie wir – Liebe aus Gott. Wie
sollten wir sie denn nicht lieben und nicht alles mit der größten
Freundlichkeit gerne tun, was wir nur immer erschauen können, das sie von
unserer Seite benötigen dürften!? Es gibt ja ohnehin wenig Gelegenheiten,
unseren lieben Brüdern und Schwestern zu dienen. Wenn wir aber selbst noch
diese wenigen Gelegenheiten außer acht lassen, wie steht es dann mit unserer
Liebe zu Gott, der uns mit Seiner unendlichen Liebe allenthalben zuvorkommt?“
[NS.01_038,15]
Eine solche Lehre genügt aber auch vollkommen, um denjenigen, der sich irgendeinmal
gegen seinen Bruder ein wenig vergessen hat, also zu bewegen, daß er seinem
Bruder darnach das Versäumte oder Übersehene mit der allergrößten Sanftmut und
Freundlichkeit hundertfältig nachträgt.
[NS.01_038,16]
Sehet, darin besteht nun auch schon die ganze häusliche Verfassung. Ich wollte
aber, daß sie auch also unter euch zu Hause wäre! Wäre sie also zu Hause, da
würde ein jeder Mein Wort lebendig in sich tragen. Aber statt einer solchen
Verfassung ist bei euch nur die Verfassung des vollkommenen Eigennutzes zu
Hause. Und Mein Wort in euch und in gar außerordentlich vielen Menschen gleicht
einem verwesenden Leichnam im Grabe, an dem nichts mehr lebendig ist, als die
um denselben kriechenden Würmer des Eigennutzes, welche da mit der Zeit sogar
noch den Leichnam, was da ist der Buchstabensinn, völlig auffressen und endlich
vernichten und so aus dem Tempel des Lebens ein Haus des Todes machen!
[NS.01_038,17]
Beachtet also wohl diese häusliche Verfassung und vergleichet sie mit Meinem
Gesetz der Liebe. Und ihr werdet daraus erst erkennen, daß fürs erste in dieser
Liebe einzig und allein das ewige Leben verborgen ist. Fürs zweite werdet ihr
auch erkennen, daß Ich allenthalben eine und dieselbe reinste Liebe bin. Und
fürs dritte soll euch das auch die Wahrheit alles dessen verbürgen, was Ich
euch kundgebe. Denn die Wahrheit ist ja nur ein Licht, welches der Flamme der
Liebe entstammt. Und wenn ihr allhier die wahre Liebe findet, so habt ihr auch
das wahre Licht, welches euch in sich selbst die vollste Wahrheit dessen
verbürgt, was allhier derselben Liebe entflammt, welche der Grund aller ewigen
Wahrheit ist.
[NS.01_038,18]
Da wir nun solches wissen, werden wir auch auf diesem Grunde für das nächste
Mal die staatliche Verfassung der Bewohner dieses vierten Gürtels gar wohl vor
unsere Augen stellen und gründlich beschauen können. – Und so lassen wir es für
heute wieder gut sein!
39. Kapitel –
Allgemeine Lebensregeln. – Geselliges Verhalten zwischen Mann und Weib.
[NS.01_039,01]
Was die staatliche Verfassung betrifft, so ist diese an und für sich gar nichts
anderes als der eigentliche zeremonielle Teil der Religionsverfassung und
enthält die Regeln, welche in bezug auf den innern Gottesdienst allzeit genau
beachtet werden müssen.
[NS.01_039,02]
Freilich sind diese Regeln auf dem diesem Gürtel entsprechenden Planeten
Jupiter um sehr Bedeutendes vielfältiger als auf diesem Gürtel.
Dessenungeachtet aber stehen doch die Regeln des Gürtels dem guten Teile nach
in genauem Verhältnis zu denen auf dem Planeten Jupiter.
[NS.01_039,03]
Denn hier gibt es fürs erste kein anderes politisches Oberhaupt als den
Hausvater; – während es auf dem Planeten hier und da Menschen gibt, die sich
ebenfalls für Herren halten und wollen, daß man sie auch für solche anerkennen
solle; und die sich dessen weigern, werden sogar mit Gewalt und Züchtigung dazu
getrieben. Und so gibt es auch auf dem Planeten Menschen, die sich für
Halbgötter halten und wollen Mittler sein zwischen Mir und dem Volke. Diese
Menschen wollen dann schon ganz besonders für Herren gelten und auch dafür
gehalten werden. Wer ihnen solches nicht zugestehen will, den verdammen sie
weidlichst; und in besonderen Fällen werden solche Widerspenstige sogar
leiblicherweise zum Feuertode verdammt und verurteilt! Diese Herren sind gewisserart
auch Heiden und beten die Sonne als das Angesicht Gottes an, obschon sie Mich
als den Herrn nicht gerade leugnen. Der Unterschied zwischen diesen freilich
wohl nicht so häufig vorkommenden Heiden dieses Planeten und zwischen den guten
Bewohnern eben dieses Planeten besteht darin, daß diese Herren von Mir
aussagen, Ich sei der allerhöchste und allergrößte Herr, während die Guten
sagen, Ich sei der alleinige Herr!
[NS.01_039,04]
Sehet, bei solchen und noch anderen Verhältnissen, welche auf dem Planeten gang
und gäbe sind, müssen dann freilich wohl auch die staatlichen Regeln ums
Unvergleichliche häufiger sein als auf dem entsprechenden Gürtel der Sonne, wo
es durchaus keine Herren, keine Mittler, am allerwenigsten aber irgend
heidnische Halbgötter gibt. – Daher müßt ihr auch die Regeln, welche hier
kundgegeben werden, auf dem entsprechenden Planeten nicht als allgemein für
gang und gäbe betrachten, sondern nur dem besten Teile nach.
[NS.01_039,05]
Worin bestehen denn aber hernach auf dem vierten Sonnengürtel diese staatlichen
Regeln? – Einige haben wir schon bei der Gelegenheit vernommen, da wir die
häusliche Verfassung dargestellt haben; und so bleiben uns nur noch einige ganz
besonders eigentümliche zu betrachten übrig.
[NS.01_039,06]
Die erste Regel bezieht sich auf die Sprache. Derzufolge ist es einem jeden der
Gürtelbewohner zur innern Pflicht gemacht, daß er besonders von geistigen
Dingen niemals mittels artikulierter Zungenworte reden soll, sondern allein nur
durch die Mimik oder Gebärdensprache, welche durch die Augen, durch die Stirn,
durch die Lippen, Mundwinkel, durch das Kinn und beide Backen, unter Mithilfe
der Hände, bewirkt wird. – Nur von naturmäßigen Dingen und mit den Fremden
dürfen und können sie mit artikulierten Mundworten sprechen.
[NS.01_039,07]
Solches beachtet aber ein jeder Bewohner dieses vierten Sonnengürtels durch die
frühzeitige Übung so ungezwungen, wie ihr auf der Erde in einem schönen Garten
ungezwungen zu lustwandeln pflegt, besonders wenn er euer vollkommenes Eigentum
wäre.
[NS.01_039,08]
Das wäre sonach eine Regel. – Eine andere Regel besteht darin, daß bei diesen
Gürtelmenschen, wenn sie irgendwohin einen gemeinschaftlichen Gang tun, nie
einer hinter dem andern gehen darf, außer allein die Weiber hinter den Männern.
Auf dem Planeten ist aber solches sogar den Weibern nicht gestattet. – Zu
diesem Behufe sehen sich sowohl die Bewohner des Planeten Jupiter, wie auch die
des entsprechenden Sonnengürtels, alle Augenblicke um, ob niemand hinter ihnen
einhergeht und sie beobachtet von rücklings. Wird irgend jemand erblickt, daß
er einer solchen Gesellschaft, oder auch einem einzelnen Menschen, wenn auch
noch in ziemlicher Entfernung, nachfolgt, so wird von der ganzen Gesellschaft,
wie auch von einem einzelnen Menschen haltgemacht, und alles kehrt sich mit dem
Gesichte gegen den Nachfolgenden und wendet sich nicht eher wieder um, als bis
der Nachfolgende sie eingeholt hat.
[NS.01_039,09]
Bei solcher Gelegenheit wird er auch sogleich gefragt, ob er von ihrem Rücken
bei seiner Nachfolge etwas bemerkt habe. Gesteht der Befragte, daß er davon
wohl etwas bemerkt habe, so wird ihm solches mit einer sanften Rüge verwiesen
und wird ihm bemerkt, daß er es ja gegen niemanden fürder kundgeben solle. Hat
er aber nichts bemerkt, so wird ihm bloß die kleine Gefahr vorgestellt, in
welche er leicht hätte geraten können, wenn sie sich nicht diesmal so besonders
emsig umgesehen hätten.
[NS.01_039,10]
Hier werdet ihr sicher fragen: Wie kommen denn diese sonst so überaus sanften
und guten Menschen zu solch einer Läpperei? – Ich sage euch aber: So läppisch
diese Regel auf den ersten Augenblick auch immer klingen mag, so hat sie
dennoch einen sehr weisen Grund, welchen ihr bald einsehen werdet.
[NS.01_039,11]
Es ist schon erwähnt worden, daß diese staatlichen Verfassungen gewisserart den
zeremoniellen Teil des innern Religionskultus ausmachen; aus diesem Grunde muß
sich auch eine solche Verhaltungsregel entschuldigen lassen. – Wie aber? – Das
soll sogleich folgen.
[NS.01_039,12]
Das Gesicht und überhaupt die ganze Vorderseite des Menschen stellt die
Wahrheit vor; die Rückseite eines jeden Menschen aber die Lüge. – Weil diese
Menschen aber die Lüge für das einen Menschen allerentwürdigendste Laster
halten und aus großer Liebe zu ihren Brüdern allzeit die vollste Wahrheit reden
und durchaus kein Falsch an ihnen ist, so wollen sie sogar denjenigen Teil
ihres Leibes nie einem vielgeliebten Bruder zeigen, welcher da, wenn auch
allein nur sinnbildlich, der Lüge entspricht. Denn sie sagen: Ein Bruder soll
vor seinem Bruder nichts so Geheimes haben, daß er es vor ihm verbergen sollte;
niemand aber kann durch den Rücken seinem Bruder zeigen, was er in seinem
Herzen birgt. Wer da aber seinem Bruder den Rücken zeigt, der sucht vor ihm
sein Herz zu verbergen. Wer aber vor seinem Bruder allzeit offenen Herzens sein
will, der wende stets seinen Rücken ab vom Angesichte seines Bruders, damit
dieser ja niemals irgendeine allergeringste Gelegenheit haben solle, von seinem
Bruder zu glauben, als hätte dieser etwas im Hinterhalt, daß er es nicht
eröffnen will seinem Bruder. Wenn es aber schon der allerliebevollste,
alleinige Herr des Himmels und der Erde gegen uns Menschen und gegen alle Seine
Geschöpfe auf das sorgfältigste vermeidet, ihnen den Rücken zuzuwenden statt
des allerheiligsten Angesichtes, aus dem uns das ewige Leben wie alle Weisheit
zukommt; – warum sollen wir Menschen gegenseitig nicht beachten, was der
allerliebevollste, alleinige Herr des Himmels und der Erde gegen uns Menschen
und gegen alle Geschöpfe aus Seiner ewigen und endlos weisen Ordnung heraus
beachtet?!
[NS.01_039,13]
Sehet, von diesem Gesichtspunkte betrachtet, verliert dann der Gürtelbewohner
durch die Beachtung dieser Regel nichts in den Augen der wahren Weisheit. Denn
wo immer eine Handlung in der Liebe zu Mir und zu einem Bruder den
entsprechenden Grund hat, da hört sie auch auf, unweise zu sein. Wo aber eine
Handlung, wenn noch so zierlichen Aussehens, Eigenliebe und Eigennutz zum
Grunde hat, da ist sie auch die purste Torheit und Läpperei in den Augen der
reinen Geister.
[NS.01_039,14]
Also hätten wir auch diese Regel kennengelernt und wollen sonach gleich wieder
eine andere betrachten. Diese dritte Regel wird vorzugsweise nur im Wohnhause beachtet.
– Worin besteht sie? – Diese Regel besteht darin, daß im Hause bei Gelegenheit
der Ruhe niemand das Angesicht nach außen hinauskehren darf, sondern alles muß
seine Augen in das Innere des Hauses richten. – Warum denn? – Weil diese
Menschen sagen: In unserer Ruhe sollen wir unsere Augen zu Gott erheben; Gott
aber ist das Inwendigste aller Dinge in der Entsprechung zu Seiner unendlichen
Liebe. Daher stellt auch das Innere des Wohnhauses im entsprechenden Sinne die
Liebe Gottes vor, von welcher nie ein Mensch seine Augen abwenden solle.
[NS.01_039,15]
Auf dem entsprechenden Planeten haben die Menschen in ihren etwas anders
gestalteten Wohnhäusern auch Betten, die sie gewöhnlich mit Feigenblättern
(welche Frucht auf diesem Planeten häufig vorkommt) angefüllt haben. Diese
Betten sind in den Wohnhäusern stets so gestellt, daß die darin schlafenden
Menschen mit dem Gesicht gegen das Innere des Hauses gewendet sind. – Auf dem
entsprechenden Sonnengürtel aber gibt es in den Wohnhäusern keine Betten,
sondern nur die schon beschriebenen Ruhebänke zwischen den Säulen. Auf diesen
Ruhebänken sitzen dann, wie schon voraus erwähnt, die Menschen also, daß ihre
Gesichter gegen das Innere des Hauses gewendet sind.
[NS.01_039,16]
Nur wenn sie ihre Mahlzeit einnehmen, betreten sie die beiden äußeren Gänge
ihres Wohnhauses und kehren das Gesicht nach außen, weil sie, wie sie selbst
sagen, allda ihrem Leibe oder ihrer äußeren Natur dienen; und dieser Dienst
solle nicht mit dem Dienste Gottes vermengt sein.
[NS.01_039,17]
Sehet, da hätten wir wieder einige solcher staatlichen Regeln, welche bei der
genaueren Durchprüfung sicher einen sehr weisen Grund haben. Und so gehen wir
wieder zu einer andern staatlichen Regel. – Wie lautet denn diese und worin
besteht sie?
[NS.01_039,18]
Diese Regel bezieht sich auf das Sitzen außer dem Hause, auf einem freien
Platz, etwa unter dem Schatten riesenhaft großer Bäume. – Ein jeder Mensch
sowohl männlichen als weiblichen Geschlechtes ist allda verpflichtet, also zu
sitzen wie ungefähr bei euch die Türken, nämlich mit übers Kreuz geschlagenen
Beinen, und das allzeit in einem Kreise mit dem Rücken nach außen und mit dem
Gesicht gegen den Mittelpunkt des Kreises; und es muß womöglich allzeit
zwischen zwei Männern ein Weib sitzen.
[NS.01_039,19] Diese
Sitzordnung der Menschen dieses Gürtels gehört zu dem eigentlichen geselligen
Leben; und während einer solchen Sitzung wird auch allzeit recht viel
gesprochen und sich so die Zeit mit angenehmen Dingen verherrlicht.
[NS.01_039,20]
Von was reden sie denn da gewöhnlich? Bei solcher Gelegenheit wird gewöhnlich
mit der Mundsprache geredet, aber nie laut, und werden allerlei Dinge und
Erscheinungen besprochen. Das allerliebste Thema ihres Gespräches aber bleibt
immer der allerliebevollste, alleinige Herr. Wenn sie auf Den kommen, dann
kommt nicht leichtlich ein anderes Thema in den geselligen Zirkel.
[NS.01_039,21]
Wenn jedoch dieses Thema vorkommt, so hört auch alsobald die Mundsprache auf,
und die Gebärdensprache tritt an ihre Stelle. Nur müßt ihr euch hier die
Gebärdensprache nicht etwa als eine unverständliche, alberne Mimik eurer
irdischen Komödianten vorstellen, sondern diese Sprache ist eine Sprache des
Geistes, und ist eine vollkommene Sprache, durch welche jedes Ding bezeichnet
werden kann, während die Mundsprache dagegen selbst in ihrer größten
Vollkommenheit nur höchst armselig erscheint. Damit ihr euch aber von dieser
Sprache einen gründlicheren Begriff machen könnt, so will Ich euch solches
durch ein für euch wohlfaßliches Beispiel erhellen.
[NS.01_039,22]
Stellet zwei sogenannte hellsehende Somnambulen zusammen; lasset die eine zum
Beispiel einen Brief an jemanden denken und setzet die zweite Somnambule mit
der ersten in den magnetischen Rapport, so wird diese sogleich imstande sein,
denselben Brief niederzuschreiben, welchen die andere gedacht hat. – Sehet,
dieses Beispiel, das ihr gar wohl verstehen könnt, gibt euch einen klaren
Begriff, wie die Gebärdensprache dieser Gürtelbewohner beschaffen ist.
[NS.01_039,23]
Das wäre demnach wieder eine Regel, die ihren guten Grund und Zweck hat. –
Gehen wir aber wieder zu einer andern über, die darin besteht, daß jeder Mann
bei der Mundsprache, wenn er mit einem Weibe spricht, sich ja sehr in acht
nehmen soll, nicht zu laut zu sprechen; denn ein zu lautes Wort an das zarte
Weib gerichtet, könnte das Weib glauben machen, als hätte der Mann etwas
Unangenehmes gegen sie, und das könnte auf den zarten Organismus des Weibes wie
auf ihren Geist ja leichtlich also zerstörend einwirken, daß sie dadurch
fruchtunfähig würde.
[NS.01_039,24]
Aus diesem Grunde ist dann auch die Zärtlichkeit von seiten des Mannes gegen
das Weib so außerordentlich, daß ihr euch davon auf eurer rauhen Erde unmöglich
einen Begriff machen könnt. Aus dieser Zärtlichkeit aber geht dann auch eine Wonne
hervor, welche allda die Ehegatten gegenseitig empfinden, von welcher ihr euch
ebenfalls keinen Begriff machen könnt.
[NS.01_039,25]
Daß aber der Wert eines Weibes durch die ihm bezeugte Sanftmut und Zärtlichkeit
ums Unglaubliche gesteigert werden kann, davon könnt ihr euch sogar auf eurer
Erde einen dumpfen Begriff machen. – Wenn ihr je in irgendeiner Gesellschaft
waret, so hat euch sicher auch dasjenige weibliche Wesen am meisten bestochen,
das in der Gesellschaft eine allgemeine Achtung genoß; und je mehr ein solches
Wesen achtungsvoll ausgezeichnet und berücksichtigt wurde, desto mehr mußtet
auch ihr euch in ihrer Nähe beglückt fühlen. Solches ist freilich nur ein sehr
mattes Beispiel und aus dem Grunde nur angeführt, weil man auf eurer Erde durchaus
kein besseres finden kann. Aber dessenungeachtet kann es euch einen kleinen
Begriff verschaffen, damit ihr daraus den Grund ein wenig näher beschauen
könnt, demzufolge dort auf dem vierten Sonnengürtelpaare fürs erste das
weibliche Geschlecht überaus zart, sanft und voll der innigsten Liebe ist, und
wie dann fürs zweite mit diesem Charakter auch allzeit auf die natürlichste
Weise sich eine äußere, überaus anmutige Schönheit verbindet.
[NS.01_039,26]
Denn solches ist doch mehr als gewiß und sicher, daß die äußere Form des Leibes
ein Abdruck des innern Charakters ist. Wenn es bei euch abstoßende Formen gibt,
so sind diese aus der vieljährigen Verdorbenheit der Charaktere der Stammeltern
bewirkt worden. Werden aber die Charaktere stets veredelt und mehr und mehr in
ihrem innersten Grunde Mir ähnlich, so werden auch die äußeren Abdrücke
derselben stets veredelter und verherrlichter zum Vorschein kommen.
[NS.01_039,27]
Daraus könnt ihr aber auch dann schließen, daß die Weiber dieses Gürtels
überaus schön sind und gewisserart überall Liebe und die größte Anmut und
Holdseligkeit hauchen. Daraus wird dann auch wieder diese Regel begreiflich,
welche der Mann bezüglich der Mundrede gegen das Weib zu beachten hat.
[NS.01_039,28]
Mit dieser Regel aber wollen wir auch die heutige Mitteilung beschließen und
für das nächste Mal die Fortsetzung einiger noch bei weitem wichtigeren
staatlichen Regeln folgen lassen. – Und somit gut für heute!
40. Kapitel –
Pflanzen- und Tierwelt auf dem vierten Gürtelpaar.
[NS.01_040,01]
Bevor wir jedoch zu den noch wichtigeren Staatsregeln übergehen wollen, wird es
notwendig sein, mit der pflanzlichen und tierischen Welt dieses Gürtels uns ein
wenig bekannt zu machen.
[NS.01_040,02]
Ihr werdet euch hier denken: Bis wir die überaus reichhaltige Pflanzen- und
Tierwelt dieses Gürtels, wenn auch im flüchtigsten Maße genommen, durchschauen,
werden wir noch lange nicht zu der Fortsetzung der ferneren, wichtigeren
Staatsregeln kommen. Ich sage euch aber: Sorget euch nicht darum. Denn bei
manchen Gelegenheiten verstehe Ich es, den Baum auf einen Hieb fallen zu
machen. Und solches wird auch hier der Fall sein.
[NS.01_040,03]
Bevor Ich aber diesen Hieb ausführen werde, muß Ich euch schon ein wenig wieder
auf den Planeten Jupiter selbst führen. – Obschon dieser Planet gut
viertausendmal größer ist als die Erde, die ihr bewohnt, so hat aber doch in
Hinsicht sowohl auf die klimatische Beschaffenheit als, dieser zufolge, auch in
Hinsicht auf die Vegetation und Tierwelt kein anderer Planet mit eurer Erde eine
größere Ähnlichkeit als gerade dieser. Er hat zwar noch so manche
Eigentümlichkeiten, von welchen andere Planeten gewisserart strotzen, die aber
eurem Planeten fremd sind, sowohl in pflanzlicher als in tierischer Hinsicht;
aber trotz dieser Eigentümlichkeiten möchtet ihr auf diesem Planeten wohl
alles, nur in ziemlich vergrößertem Maßstabe, antreffen, was nur immer euer
Planet auf und in sich faßt.
[NS.01_040,04]
So wäre eine Eigentümlichkeit hinsichtlich des Pflanzentums, daß auf diesem
Planeten manche weise und liebfromme Menschen eine solche Willensfähigkeit
besitzen, die da gleichkommt jener Fähigkeit der Bewohner des
Mittelsonnengürtels, und derzufolge sie auch ganz neuartige Bäume und Pflanzen
dem Boden ihrer Erde entlocken können. Nur sind dann solche Bäume und Pflanzen
samenlos und somit keiner Fortpflanzung fähig; während die positiven Pflanzen
und Bäume, so wie auf eurer Erde, einen lebendigen Samen mit sich bringen.
[NS.01_040,05]
Diese positiven Pflanzen aber sind keine anderen als, in veredelter Hinsicht,
die eures Erdbodens. – So würdet ihr in der heißen Zone des Jupiter alle die
tropischen Gewächse entdecken, in dessen zwei gemäßigten Zonen alle Früchte und
Gewächse, welche auf eurer Erde in eben diesen Zonen vorkommen; und so auch die
der kalten Zone. Aber nur müßt ihr euch all dieses um vieles veredelter und
auch um vieles größer vorstellen, als es da vorkommt auf eurer Erde.
[NS.01_040,06]
So würdet ihr zum Beispiel dort auf einer grasreichen Wiese ebenso zwischen den
Grasstämmen herumwandeln, wie ihr auf eurer Erde ungefähr in einem jungen Walde
herumwandelt; und die Bäume dürften auch ums Zehnfache größer sein als bei
euch. Dessenungeachtet aber würdet ihr doch nirgends auf diesem Planeten jene
riesigen Bäume wie auch jene riesigen Tiere antreffen, die wir auf dem Planeten
Saturn kennengelernt haben.
[NS.01_040,07]
Und so sind auch die Menschen des Planeten Jupiter bei weitem nicht so groß wie
die auf dem vorbenannten Planeten Saturn und noch viel weniger so groß wie die
Bewohner unseres dem Jupiter entsprechenden Sonnengürtels. Sondern die Menschen
dieses Planeten sind kaum ums Drei- bis Vierfache größer als ihr auf der Erde.
[NS.01_040,08]
Da wir nun dieses wissen, so können wir auch unsern Hieb wagen; und ihr könnt
versichert sein, daß wir dadurch sowohl die Pflanzen- als die Tierwelt unseres
vierten Gürtels kennenlernen werden. Betrachtet sonach die Pflanzen- und
Tierwelt eurer Erde, stellet euch dieselbe in allem und jedem hundertfältig
größer vor, so habt ihr auch schon die ganze Pflanzen- und Tierwelt dieses
Gürtels vor euch.
[NS.01_040,09]
Wenn ihr zum Beispiel eine Fliege von diesem Sonnengürtel vor euch hättet, so
hätten an derselben fünf eurer Menschen dermaßen zu essen, um sich für die Not
hinreichend zu sättigen. – So würdet ihr auch nicht leichtlich imstande sein,
zehn Erdbeeren zu verzehren. Und eine Traube würden zwei ziemlich starke
Menschen bei euch auf der Erde eben nicht gar zu leicht von der Stelle
schaffen. Und wie sich alles dieses verhält, also verhält sich auch alles andere.
– Mit den Tieren ist es derselbe Fall; mit alleiniger Ausnahme der Schlange,
welche weder im Jupiter, noch in diesem entsprechenden Gürtel anzutreffen ist.
Wohl aber gibt es Eidechsen, welche aber sämtlich guter Art sind. Diese halten
sich gewöhnlich an den Ufern der Seen und Flüsse auf; zu den Menschenwohnungen
gelangt nie ein solches Tier.
[NS.01_040,10]
Nun sehet, jetzt erst können wir mit unseren staatlichen Regeln die Fortsetzung
beginnen.
[NS.01_040,11]
Und so gibt es ferner eine Regel, daß außer einigen wenigen Hausvögeln, wie da
sind die Haushühner und Tauben, kein anderes Haustier, außer dem schon bereits
bekanntgegebenen, zu Hause gehalten werden darf. – Hier werdet ihr fragen und
sagen: Wenn diese staatliche Regel vollkommen wirksam sein soll, muß sie da
nicht auch auf die Intelligenz der Tiere sich erstrecken? – Ich sage euch aber:
Solches ist nicht nötig, denn diese Regel sagt den Bewohnern dieses Gürtels nur
so viel, daß sie ihre nicht selten viele Quadratmeilen großen Hausgrundstücke
also einzäunen sollen, daß diese von den Tieren nicht können betreten werden.
[NS.01_040,12]
Hier werdet ihr wieder sagen: Aber diese Einzäunung wird den Bewohnern dieses
Gürtels doch sicher sehr viele und große Arbeit verursachen. – Wenn sie die
Arbeit also angreifen würden wie ihr, da hätten sie sicher mit einer solchen
Einzäunung sehr viel zu tun; denn ein solcher Zaun hat nicht selten mehrere
hundert Meilen im Umfange.
[NS.01_040,13]
Wie stellen sie es darin hernach an? – Sie nehmen eine gehörige Menge guten
Baumsamens, ziehen dann um ihren Grund eine Furche mit einem Werkzeug, welches
einem Pfluge gleicht; nur wird er nicht von Tieren gezogen, sondern mit
spielender Leichtigkeit von den überaus starken Menschen. In diese Furche wird
dann von einem Weibe der Same gelegt und von einem nachfolgenden Weibe
ebenfalls mit einem eigenen Werkzeuge die Furche wieder zugedeckt. Diese Arbeit
geht so schnell vor sich, daß den zaunsetzenden drei Personen kein Vogel im
schnellsten Fluge nachkommen dürfte. Und zufolge der großen Fruchtbarkeit
dieses Bodens stehen in kurzer Zeit die gesäten Bäume bei zwanzig Klafter hoch
über dem Erdboden ausgewachsen. Und im Verlaufe von etwa drei Jahren eurer
Zeitrechnung ist eine solche lebendige Umzäunung so gut wie schon vollendet.
[NS.01_040,14]
Möchtet ihr auch die Gattung dieser Zaunbäume kennen? – Da sage Ich euch, daß
diese Bäume zumeist euren Zedern, Fichten und Tannen gleichkommen. Die Stämme
wachsen so dicht nebeneinander heraus, daß sie eine förmliche Wand bilden,
welche, wenn sie ausgewachsen, nicht selten über tausend Klafter hoch ist.
[NS.01_040,15]
Nun sehet, über diese Wand kommt dann sicher kein Tier auf den mittels dieses
Zaunes abgemarkten Grund. Und also erstreckt sich diese Hausregel auch darauf,
daß ein jeder Grund auf die vorbeschriebene Art gehörig abgezäunt werden soll.
[NS.01_040,16]
Wenn da jemand fragen würde: Warum verabscheuen denn die Bewohner dieses
Gürtels so sehr die Tiere? – Dem diene folgendes zur Antwort: Die Bewohner
dieses Gürtels sagen zufolge ihrer innern Weisheit: Die Tiere haben sämtlich
noch unreine Seelen, welche durch ihr Benehmen die Seele des Menschen
verunreinigen könnten, indem sie all ihre Verrichtungen aus ihrem Gerichte
heraus tun. So der Mensch eine oder die andere Verrichtung eines Tieres
leichtlich nachahmen würde, so würde er sich dadurch selbst aus seiner Freiheit
in ein tierisches Gericht versetzen, welches ihm nach und nach an seiner Seele
Schaden bringen könnte.
[NS.01_040,17] Aus
diesem Grunde ist es denn unsere gegenseitige Liebespflicht, die Tiere von uns
abzuhalten, und lieber eine Furcht vor denselben zu haben als eine
unzweckmäßige Anhänglichkeit. Die Liebe zu den Tieren erzeugt mit der Zeit ein
unlauteres Gemüt und macht die Seele selbst tierisch. – Daher soll niemand den
Tieren fluchen; aber noch weniger soll er an ein oder das andere Tier sein
geheiligtes Herz hängen.
[NS.01_040,18]
Sehet, darin hat dann erst die vorbesagte Staatsregel ihren Hauptgrund, wie
überhaupt der Bewohner dieses Gürtels für jede seiner Regeln einen höheren,
weisen Grund hat.
[NS.01_040,19]
Hier aber werden wieder einige fragen: Können denn die Bewohner dieses Gürtels
den Fliegen und anderen fliegenden Insekten, wie auch den unzahmen Flugvögeln,
einen Zaun setzen? Denn das sind ja doch auch Tiere, mit sicher nicht so reinen
Seelen belebt wie die Menschen selbst.
[NS.01_040,20]
Was die Fliegen betrifft und auch andere fliegende Insekten, so werden diese
durch den Willen der Bewohner mit der größten Leichtigkeit ferngehalten. Und
zudem halten sich diese Tiere auch zumeist nur an den Ufern der Meere, Seen und
Flüsse auf.
[NS.01_040,21]
Was aber die Vögel betrifft, so sind diese in ihrem Fluge niemandem gefährlich.
So sie sich aber irgend niederlassen, so machen sie keine bleibende Stätte; und
den Schaden, den sie zufügen, kann jedermann leicht verschmerzen, indem sie für
den Schaden bezüglich der Reinigung – durch die Verzehrung von allerlei
unreinem Gewürm – einen bei weitem größeren Nutzen stiften.
[NS.01_040,22]
Aus diesem Grunde besteht denn auch eine zweite Staatsregel darin, daß niemand
einen Vogel von der Stelle verscheuchen darf, wo er sich niedergelassen hat. –
Auch hier sagen die Bewohner: Was sich über unsere Einzäunung erheben kann und
diese Grenze nicht achten will, das wird zu unserem Besten von einem höheren
Willen geleitet. Daher sollen wir allzeit dasjenige, was von oben herabkommt,
nicht in die Flucht treiben, sondern uns nach dem Willen Gottes von ihm dienen
lassen nach der Art, wie ein solches Wesen zu unserem Besten zu dienen bestimmt
ist. – Und so lassen denn auch die Bewohner oft ganze Vogelheere auf ihrem
Grunde Nahrung nehmen und sagen dabei: Alles, was arbeitet, ist seiner Nahrung
wert. Daher lasset auch diese Arbeiter speisen, allda sie gearbeitet haben;
denn sie kommen nicht ohne den Willen Gottes und können ohne denselben auch
nicht weiterziehen.
[NS.01_040,23]
Sehet, also hat auch diese Staatsregel ihren guten Grund. Ihr werdet aber mit
der Zeit fragen: Wenn die Bewohner dieses Gürtels gegenseitig ihre Gründe also
abzäunen, wo leben denn dann die vielen und großen Tiere? – Darum sorget euch
nur nicht, denn die Gründe der Bewohner dieses Gürtels grenzen nicht so knapp
aneinander wie bei euch; und so sind zwischen dem einen und dem andern Grunde
nicht selten bei hundert Meilen breite Zwischenräume, welche den Tieren
überlassen sind. Und so haben die Tiere im Durchschnitt mehr Wohnraum als die
Menschen.
[NS.01_040,24]
Aber wieder dürfte der eine oder andere fragen und sagen: Wir haben vernommen,
daß die Menschen dieses Gürtels öfters Bereisungen machen; werden sie da nicht
gefährdet von so manchen reißenden Tieren, wenn sie durch ihre Bezirke wandeln?
– Solches ist eitel zu fragen. Denn fürs erste sind die Tiere dort zumeist
sanfter Art und fürchten den Menschen. Fürs zweite ist hier der Mensch, vermöge
seiner geistigen wie auch leiblichen Kraft, ein wahrer Herrscher seiner Welt.
Und fürs dritte wird ein jeder Reisende bis zum nächsten nachbarlichen Grunde
begleitet. Und so kann unter diesen drei Beihilfen wohl jedermann sicher
reisen, besonders auch darum, weil er in der Sonne keine Nacht zu befürchten
hat.
[NS.01_040,25]
Sehet, das ist demnach wieder eine Staatsregel, welche darin besteht, daß
zwischen den abgezäunten Grundstücken allzeit ein gehöriger Raum den Tieren
überlassen wird, und jeder Grund rund herum sieben Eingänge haben muß, welche
also beschaffen sind wie die sogenannten Überstiegel an euren Zäunen, über
welche aber dort nur die großen Menschen ihre Füße setzen können, aber durchaus
kein Tier.
[NS.01_040,26]
Wie sehen denn aber diese Tierzwischenräume aus, in welche man durch die
Zaunstiegel gelangt? – Diese Zwischenräume sind zumeist dicht bewaldet. Nur wo
die Stiegel sind, sind die Waldungen gelichtet bis zu einem Stiegel eines
nachbarlichen Grundes; und das sind die eigentlichen Wege, auf welchen
jedermann seine Reisen sicher machen kann.
[NS.01_040,27]
Bezüglich der Erhaltung dieser Wege gibt es dann auch eine gemeinschaftliche
Staatsregel zwischen den Nachbarn, derzufolge ein jeder die Hälfte solcher
Überwege beständig wohl gereinigt zu erhalten hat. Denn auch hier sagen die
Bewohner: Die unreinen Tiere nur wandern durch der Wälder Dickicht, der Mensch
aber soll allzeit offenen Weges gehen. Denn in der Tiere Macht liegt es nicht,
sich den Weg zu lichten; wohl aber hat der Mensch die Macht, rein zu erhalten
jeglichen seiner Pfade; auch muß ein jeder Weg gerade sein, damit er sich
unterscheide von den gekrümmten Wegen derjenigen Wesen, die da die Wohltat der
geraden Linie nicht erkennen, sondern nach allen Richtungen im Dickicht der
Wälder irren.
[NS.01_040,28]
Das wären sonach die wichtigsten staatlichen Regeln bezüglich der
Grundwirtschaft. – Nächstens wollen wir noch einige betrachten und sodann uns
zur Religion wenden. – Und somit wieder gut für heute!
41. Kapitel –
Die Pflege des Weizenkorns und die sonstige Pflanzenzucht.
[NS.01_041,01]
Eine fernere staatliche Regel besteht darin, daß die Bewohner dieses Gürtels
das Weizenkorn pflegen und, wenn es reif geworden ist, in Bündel sammeln, die
Ähren ausreiben und dadurch des reinen Samenkorns habhaft werden müssen.
[NS.01_041,02]
Wozu verwenden sie dann diese Frucht? Diese Frucht, deren Körner nahe so groß
sind wie bei euch ein kleines Hühnerei, wird auf die euch schon bekannte Art
gesotten und dann sogleich genossen. – Wenn ihr euer Weizenkorn also sieden und
dann genießen würdet, so würdet ihr dadurch zwar wohl eine recht nahrhafte Kost
bekommen, die aber freilich eben nicht gar zu gut schmecken dürfte, weil das
Weizenkorn eurer Erde nicht so viel Zuckerstoff in sich enthält wie das dieses
Gürtels. Für die Bewohner dieses Gürtels aber ist ihr gekochtes Weizenkorn die
allerangenehmste und beliebteste Speise.
[NS.01_041,03]
Hier wird einer oder der andere fragen: Wie kann denn solches wohl als eine
Staatsregel angesehen werden? – Ich aber sage: Nur eine kleine Geduld! Mit
einem Wort kann man für äußere Sinne nicht sogleich einen ganzen Gegenstand
bezeichnen. Höret aber nur, was die Bewohner von dieser Frucht sagen: Unter allen
Fruchtgewächsen, die uns der große und alleinige Herr Himmels und unserer Erde
bescheret hat, ist keines unseres Gewerbsfleißes würdiger als eben das
Weizenkorn, weil keines so große Ähnlichkeit hat mit dem lebendigen Brote aus
den Himmeln wie dieses. Alle anderen Früchte, wie ihr sie kennt, gedeihen
sogestaltet, daß wir sie sogleich entweder von der Pflanze, Staude oder vom
Baume in den Mund stecken können; aber das Weizenkorn, obschon die beste aller
unserer Früchte, muß zuvor aus der Ähre, welche da ist voll Spitzen und Haken,
gelöst werden, sodann erst gereinigt und, wollen wir es genießen, im (durch das
Feuer lebendig gemachten) Wasser erweicht werden.
[NS.01_041,04]
Nun betrachtet dagegen das Brot aus den Himmeln, welches ist das heilige Wort,
das uns die Geister aus den Himmeln künden, – wie es diesem Weizenkorne
gleicht, das da endlich nach mühsamer Zubereitung unsere Lieblingsnahrung ist!
– Unter allerlei Bemühungen und dornigen Prüfungen kommen wir erst zum Besitze
dieses himmlischen Brotwortes. Haben wir es einmal empfangen, dann müssen wir
es erst in uns selbst durch unser Tun und Lassen reinigen. Denn, wie ihr wißt,
wird es uns allzeit so gegeben, daß das eigentlich Nährende für den
unsterblichen Geist stets mit hart zu lösenden Hülsen tiefer himmlischer
Weisheit umschlossen ist. Haben wir endlich das reine innere Korn von diesen
Hülsen befreit, dann erst müssen wir das noch harte Korn in unserem eigenen
lebendigen Wasser des Geistes am Feuer der Liebe zu Gott weich sieden, damit es
dann für unsern unsterblichen Geist zu einer ewig nährenden Speise werde.
[NS.01_041,05]
Sehet, wenn ihr diese ausgesprochenen Worte nur einigermaßen betrachtet, so
wird euch daraus sicher klar werden, warum die Anbauung dieses Korns auf diesem
Gürtel als eine staatliche Regel betrachtet wird. – Also hätten wir wieder eine
solche recht wichtige Regel kennengelernt.
[NS.01_041,06]
Eine andere Regel bestimmt wieder die Ordnung, wie der sämtliche Grund mit
Bäumen, Stauden und anderen Pflanzengewächsen bestellt sein muß. Auch hier
läuft alles in länglichen Kreisen um das Wohnhaus. Am entferntesten von einem
Wohnhause stehen die größeren Fruchtbäume, bis endlich der euch schon bekannte
Fichtenzaun die letzte Reihe beschließt.
[NS.01_041,07]
Auch diese Ordnung hat wieder ihren guten Grund. Denn sie entspricht nach der
Weisheit dieser Bewohner Meiner Ordnung, derzufolge auch das Grobmaterielle,
als Sinnbild schroffer und erhabener Weisheit, am weitesten von Meinem
Liebeszentralfeuer absteht. Alles Zartere, Kleinere und Schwächere aber
befindet sich stets näher und näher der ewigen Hauptwohnung Meiner Liebe. Darum
schon ein altes Sprichwort ist, sogar auf eurer Erde: „Die Liebe Gottes ist dem
Kleinen zugewandt!“ – Und Ich Selbst sagte einst auf der Erde: „Lasset zu Mir
die Kleinen kommen; wehret es ihnen nicht, denn ihrer ist das Himmelreich!“
[NS.01_041,08]
Aus dem werdet ihr gar leicht wieder ersehen, aus welchem Grunde die Ordnung
zur Fruchtanbauung eines Grundes dort auch eine Staatsregel ist. Und solches
werdet ihr um so leichter begreiflich erschauen, wenn ihr das bereits schon vor
der Kundgabe dieser staatlichen Regeln Erwähnte ins Gedächtnis zurückruft,
allda gesagt ist, daß diese Staatsregeln an und für sich den eigentlich
zeremoniellen Teil der Religion bei den Bewohnern dieses Gürtels ausmachen.
[NS.01_041,09]
Es gäbe zwar noch einige Regeln, allein wenn ihr die bereits bekanntgegebenen
nur recht beachtet, so könnt ihr daraus gar wohl ersehen und gründlich
schließen, daß alle anderen Regeln ganz denselben Grund haben wie die bereits
bekanntgegebenen, welche auch an und für sich schon die wichtigsten sind.
[NS.01_041,10]
Aus diesem Grunde wollen wir denn auch die Staatsregeln beschließen und uns zur
Religion der Bewohner dieses Gürtels wenden.
42. Kapitel –
Die Religion der Bewohner des vierten Gürtelpaares.
[NS.01_042,01]
Was da die Religion betrifft, so ist diese fast nirgends so einfach wie hier.
[NS.01_042,02]
Sie besteht in nichts anderem als in dem lebendigen Glauben, daß Gott ein
allervollkommenster Mensch ist, und daß dieser allervollkommenste Mensch den
Himmel, ihre Erde und alle Dinge und Wesen aus Seinem freien Willen heraus
erschaffen, den Menschen nach Seinem Ebenmaße gemacht und ihn auf die Welt zu
einem Herrn derselben gesetzt hat, damit er beherrsche die äußere wie seine
eigene Welt, welche da ist das Naturmäßige eines jeden Menschen bei seinem
Leibesleben. – Solches wird als Grundsatz ihrer Religion gelehrt und macht
gewisserart den ersten Teil ihrer Religionslehre aus.
[NS.01_042,03]
Im zweiten Teil ihrer Religionslehre aber wird gezeigt, daß der Mensch ein
vollkommenes Gefäß ist zur Aufnahme des göttlichen Willens; und es wird ferner
gezeigt, wie der Mensch nur durch die Aufnahme dieses Willens ein wahrhaft
mächtiger Herr über alle anderen Geschöpfe der Welt, wie über die Welt selbst
werden kann.
[NS.01_042,04]
Auch wird dann in diesem Teil noch gezeigt, wie der Mensch des göttlichen
Willens vollkommen habhaft werden kann, – nämlich durch die Erfüllung
desselben. Denn es heißt da: Wer den
Willen Gottes in sich vollkommen erfüllt, der muß ihn ja vorher vollkommen in
sich aufgenommen haben. Es kann aber niemand den göttlichen Willen in sich
aufnehmen, solange er seinen eigenen Scheinwillen nicht fahren läßt. Wie läßt
aber der Mensch seinen Willen fahren? Der Mensch läßt seinen Willen fahren,
wenn er ihn zu dem Zwecke gebraucht, zu dem er ihm von dem Schöpfer eingegossen
wurde.
[NS.01_042,05] Wie lautet aber dieser Zweck?
– Also lautet er: Der Mensch soll mit dem eigenen Willen den Willen Gottes
erfüllen wollen und zu dem Behufe denselben erkennen wollen. Wem solches völlig
ernst ist, den wird Gott auch alsbald in gerechtem Maße Seinen Willen erkennen
lassen. Inwieweit aber jemand dann den Willen Gottes erkennt und tut zufolge
seines eigenen Willens nach dem Willen Gottes, insoweit er denselben erkannt
hat, – der vereinigt dann den eigenen Willen mit dem göttlichen, wodurch dann
erst eine wahre Wiederverbindung zwischen Gott und dem Menschen bewerkstelligt
wird, welches die eigentliche Religion ist.
[NS.01_042,06] Je mehr demnach im Zustande
der Religion der Mensch sich bestrebt, den göttlichen Willen zu erkennen und
danach zu handeln, desto mehr verbindet er sich auch mit der Kraft des
göttlichen Willens. Und hat jemand sich den göttlichen Willen in solchem Grade
zu eigen gemacht, daß er durchaus keinen eigenen Willen mehr hat (selbst dazu
nicht, um den göttlichen Willen zu erfüllen), – sondern aller Wille in ihm
schon ein rein göttlicher geworden ist, – sodann hat sich der Mensch nicht nur
mit Gott verbunden, sondern er hat sich mit Ihm vereinigt.
[NS.01_042,07] Und das ist der Zweck der
Religion, daß sich der Mensch mit Gott vereinigen soll, das heißt, er soll
keinen andern Willen als Handlungsbeweggrund haben als allein den göttlichen.
[NS.01_042,08] Wer aber den allein göttlichen
Willen zum Beweggrund aller seiner Handlungen hat, der handelt leicht und
überaus wirksam. Denn die Allmacht des göttlichen Willens beurkundet sich
überall und in jedem Menschen, wenn dieser Wille als reiner Beweggrund einer
oder der andern Handlung auftritt. –
[NS.01_042,09] Sehet, in dieser kurzen
Darstellung besteht der zweite Teil der Religion der Bewohner dieses Gürtels.
[NS.01_042,10] Und nun kommt noch der dritte
Teil. – In diesem Teil wird allein das innere Leben dargestellt und das
ebenfalls auf die kürzeste und einfachste Weise; was ihr sogleich aus der Lehre
erkennen werdet, die Ich euch so wie die vorherigen buchstäblich anführen will.
[NS.01_042,11] Also lautet aber die Lehre des
dritten Teils: Gott ist das ureigentlichste Leben Selbst. Darum in Gott Selbst
an und für sich die größte Feindschaft gegen den Tod ewig unerbittlich waltet.
Denn das Leben kann sich nie mit dem Tode befreunden. – Wie sollte Gott als das
urewige, allereigentlichste Grundleben alles Lebens je eine Gemeinschaft und
Freundschaft haben können mit dem Tode, welcher der allerschroffste Gegensatz
alles Lebens ist?!
[NS.01_042,12] Diese in der ewigen Ordnung
Gottes gegründete Feindschaft ist der „Zorn Gottes“. Wenn aber Gott, als der
Grund alles Lebens, die Welt und die Dinge erschaffen hat aus Sich, da hat Er
sie gewiß nicht aus Seinem Zorne, sondern aus Seiner endlosen Freundschaft
geschaffen. Diese Freundschaft ist als Liebe das eigentliche Grundwesen Gottes,
aus welchem wir und alle Dinge hervorgegangen sind.
[NS.01_042,13] So wir aber als selbst
lebendige, denkende und wollende Wesen doch ersichtlich notwendigerweise aus
dem Leben Gottes hervorgegangen sind, in welchem kein Tod denkbar ist, so sind
wir auch sicher nicht für den Tod hervorgegangen, sondern nur für das Leben.
Daß aber solches sich also verhält, mögen wir ja alle daraus klar entnehmen,
daß wir als lebendige Wesen da sind.
[NS.01_042,14] Denn der Tod, dieses Unding
ohne Sein, bloß nur als ein Begriff zum Gegensatze des Lebens, kann ja doch
unmöglich irgend etwas hervorbringen. Denn könnte er solches, da müßte er zuvor
dasein. Wie und wo aber könnte er dasein, indem das lebendige Wesen Gottes
Seine eigene Unendlichkeit erfüllt, außer welcher keine zweite Unendlichkeit
mehr denkbar ist, da die eine Unendlichkeit Gottes ewig unbegrenzt ist.
[NS.01_042,15] Da wir aber nun sind lebendig,
denkend und uns selbst fühlend, so sind wir ja doch notwendig aus dem
urlebendigen Gott da und sind, wo wir sind, in der Mitte Seines urewigen,
allervollkommensten Lebens. Nichts kann uns von selbem trennen als nur auf eine
kurze Zeit der von Gott uns gegebene, eigene Wille.
[NS.01_042,16] Haben wir diesen wieder mit
Seinem Willen vereinigt, so sind wir auch dadurch in das Urgrundleben
zurückgegangen, und es trennt uns nichts mehr von selbem – als zum Scheine nur
die schwache Haut des Leibes. – Wenn diese nach dem Willen Gottes von uns
genommen wird, so sind wir wieder vollkommen ein Leben mit Gott, welches sich
dann im höchsten Grade der Klarheit ewig in aller göttlichen Vollkommenheit
erkennen und beschauen wird.
[NS.01_042,17] Wie empfinden wir aber dieses
urgöttliche Leben in uns? – Dieses urgöttliche Leben fühlen und empfinden wir
durch die Liebe. Wer sonach die Liebe hat, der hat schon das Leben auch in
sich. Wer aber die Liebe nicht hätte, der müßte noch weitere Prüfungen
bestehen, und das so lange, bis sich die Liebe in ihm künden würde.
[NS.01_042,18] Die Liebe zu unseren Brüdern
und Schwestern ist der Anfang des inneren Lebens. Wer aber aus dieser Liebe in
die Liebe zu Gott übergegangen ist, der ist auch vom Anfange seines Lebens
übergegangen in die Fülle des göttlichen Lebens selbst.
[NS.01_042,19] Denn wer seine Brüder und
Schwestern liebt, der lebt schon in ihren Herzen und sie in dem seinigen. Wer
aber dann Gott liebt, der lebt in Gott und Gott in ihm!
[NS.01_042,20] Es kann aber niemand aus der
eigenen Liebe heraus Gott lieben, weil Gott die Fülle des Lebens ist. So aber
jemand durch seine Liebe seine Brüder und Schwestern lebendig in sich
aufgenommen hat, der hat dadurch seine eigene Lebenssphäre erweitert, damit er
dann erst in diese die Fülle des göttlichen Lebens aufnehmen kann.
[NS.01_042,21] Denn das eigene Leben durch
die eigene Liebe ist viel zu ohnmächtig zur Tragung der Fülle des göttlichen
Lebens. Aber ein durch die Liebe in eines Menschen Herz vereinigtes Bruder- und
Schwesterleben kann nach und nach also gestärkt und gekräftigt werden, daß es
dann imstande ist, die Fülle des göttlichen Lebens in sich aufzunehmen.
[NS.01_042,22] Obschon zwar jeder Mensch für
sich ein lebendes Wesen ist, so würde aber doch das Leben eines einzelnen
Menschen in sich selbst als ein barster Tod gegen die Fülle des göttlichen
Lebens erscheinen, und niemand könnte dieselbe ertragen, so sie über ihn kommen
möchte in seiner dürftig lebendigen Abgeschlossenheit. Daher breitet die Arme
eurer Herzen weit aus und umfasset alle Brüder und Schwestern mit der innigsten
Liebe werktätig, so werdet ihr dadurch euer Herz zu einer geräumigen Wohnstätte
umstalten, in welche dann die Fülle des göttlichen Lebens wird einziehen und
allda ewige Wohnung nehmen können. Denn Gott ist groß und unendlich die Fülle
Seines Lebens.
[NS.01_042,23] Wir wissen aber, daß in einem
Punkte keine große Kraft herrschen kann. Wenn sich aber die Punkte vereinigen,
so wird ihnen auch eine Kraft innewohnen, welche entsprechen wird der Größe
ihrer Vereinigung. – Ist nicht unsere große Welt zusammengesetzt aus lauter
Punkten? So wir aber einen Punkt davon nehmen und prüfen seine Kraft, wie
gering erscheint sie gegen die unsrige, indem wir ihn zunichte machen können
zwischen unseren Fingern. – Sind wir solches auch imstande mit unserer großen
Welt? – O das ist ferne von uns! Denn die Kraft der Welt ist eine Fülle, die da
entspricht der endlosen Vielheit der Punkte, aus denen sie besteht. Diese Kraft
aber ist ebenfalls nichts anderes, als das stets mächtigst wirkende Leben
Gottes in unserer Welt.
[NS.01_042,24] Der eigenliebige Mensch
gleicht einem Punkte, welchen schon unsere Kraft zerstört. Was wird ihm erst
geschehen zwischen den Fingern der göttlichen Lebenskraft? – Wenn wir aber
unser Herz erweitern durch die Bruder- und Schwesterliebe, da vergrößern wir
durch die Zusammenziehung der lebendigen, einzelnen Punkte in uns unsere eigene
innere Welt (was alles die Bruder- und Schwesterliebe bewirkt) und bilden
dadurch ein kräftiges Organ zur Aufnahme stets größerer Kräfte. Ist dieses
Organ nach dem Willen Gottes vollkommen ausgebildet, gleich der äußeren Welt,
die uns trägt, sodann erst wird dasselbe auch fähig werden, die Fülle höherer
Kräfte in sich aufzunehmen, welche da ausgehen aus der urewigen, endlosen Fülle
der göttlichen Lebenskraft.
[NS.01_042,25] Liebet daher eure Brüder und
Schwestern, damit ihr Gott lieben könnet; denn ohne die Bruder- und
Schwesterliebe kann niemand Gott lieben.
[NS.01_042,26] Sehet, das ist der ganze
dritte Grundsatz vom Leben durch die wahre Religion.
[NS.01_042,27] Mit diesem Grundsatz ist auch
der Ehestand vereinigt. Daher aber auch die Ehe nirgends so innigst gehalten
wird, wie hier.
[NS.01_042,28] Daß solches alles in den
beiden Gürteln, welche dem Planeten Jupiter entsprechen, ohne die geringste
Ausnahme der Fall ist, könnt ihr schon aus dem entnehmen, daß Ich bei der
Darstellung des nördlichen Gürtels gar nie ganz besonders des südlichen erwähnt
habe. – Und somit wären wir auch mit diesem vierten Gürtel fertig und wollen
uns sogleich auf den fünften begeben.
43. Kapitel – Das fünfte Gürtelpaar-
entsprechend dem Saturn. – Land und Leute daselbst.
[NS.01_043,01] Was da den fünften Gürtel
betrifft, so brauche Ich euch nur bekanntzugeben, daß dieser (fünfte) Gürtel
sowohl nördlicher- als auch südlicherseits dem euch ganz wohlbekannten Planeten
Saturn entspricht, so habt ihr schon einen ziemlichen Teil desselben erkannt,
und wir werden mit der Darstellung dieses Gürtels darum auch um vieles eher
fertig werden als mit der des vorigen.
[NS.01_043,02] Was den Gürtel an und für sich
betrifft, so ist auch dieser von dem vorigen durch einen hohen Gebirgswall
getrennt. Aber von diesem Gebirgswall laufen dann sogleich große Gebirgszüge
über den ganzen, über viertausend Meilen breiten Gürtel. – Auf seiner
nördlichsten Seite hat dieser dann einen Wassergürtel, der aber keine gleiche
Breite, sondern viele Einbuchtungen in das Land hat. Manche Einbuchtung
erstreckt sich zwei- bis dreitausend Meilen tief ins Land hinein. Die nördliche
Uferseite dieses Wassers aber läuft dann ziemlich geradlinig fort und ist von
lauter schroffen Gebirgswänden begrenzt.
[NS.01_043,03] Derselbe Fall ist es auch mit
dem entsprechenden südlichen Gürtel; nur natürlicherweise im umgekehrten
Verhältnis, – demzufolge der nördliche Teil bewohnbares Land ist, von den
vielen Gebirgszügen durchwebt, und am südlichen Teil der Länder dieses Gürtels
erst der Wassergürtel folgt, welcher ebenfalls gegen das bewohnbare Land große
Einbuchtungen hat.
[NS.01_043,04] Wir werden aber dennoch allein
den nördlichen Gürtel darstellen und durch die Verhältnisse des nördlichen
Gürtels gewisserart auch stillschweigend die des südlichen mitnehmen.
[NS.01_043,05] Wie ist sonach auf diesem
nördlichen Gürtel das Land beschaffen? – Schauet nur auf den Saturn hin, und
ihr seht dadurch auch die Beschaffenheit der Ländereien dieses Gürtels.
[NS.01_043,06] Der Wohnbaum ist auch hier zu
Hause, auch der Regenbaum, der Strahlenbaum, der Trichterbaum, der Spiegelbaum,
der Wandbaum und der Allerleibaum, wie auch der Pyramidenbaum, – diese sind
hier allenthalben anzutreffen. Nur sind sie hier noch großartiger, erhabener,
schöner und feuriger in allem als auf dem Planeten Saturn.
[NS.01_043,07] Also sind auch alle Gesträuche
und anderen Pflanzen in verherrlichterem Maßstabe vorhanden, die wir auf dem
Planeten kennengelernt haben. Sogar die Schiffspflanze mangelt nicht und wird
hier zum selben Zweck benutzt wie auf dem Planeten. Denn in diesem Gürtel fängt
schon die Schiffahrt an.
[NS.01_043,08] Was die Tiere betrifft, so
sind die gutartigen samt und sämtlich ebenfalls hier zu finden. Das große Mud
aber und noch einige andere mehr bösartige Tiere des Planeten Saturn, wie auch
noch der große Fisch und der große Vogel sind hier nicht zu finden, also auch
die verschiedenen Muscheltiere nicht. Alles andere Getier aber ist da ebenso zu
Hause wie auf dem Planeten. Und die große Kuh selbst fehlt nicht, sowie das
euch bekannte Schaf der Gebirgsbewohner. – Nur ist, wie schon gesagt, hier
alles veredelter und viel sanfter noch als auf dem Planeten.
[NS.01_043,09] Wollt ihr die sämtlichen
Verhältnisse dieses Gürtels gewisserart auf einen Hieb durchschauen, so begebet
euch nur zu des Planeten Gebirgsbewohnern. Allda könnt ihr alle Verhältnisse
sowohl in bürgerlicher, häuslicher, staatlicher und religiöser Hinsicht
kennenlernen.
[NS.01_043,10] Auch hier werden Tempel zum
Gottesdienst errichtet. – Und die Zeitrechnung ist bei den Bewohnern dieses
Gürtels nahezu auf dieselbe Weise einheimisch wie auf dem Planeten; der
Unterschied besteht nur darin, daß die Bewohner dieses Gürtels nach dem
Umschwunge der Sonne um ihre Achse die Zeit bestimmen, welchen sie in seiner
Vollendung daran erkennen, daß ihnen ein gewisses Sternbild über den Zenit zu
stehen kommt. Eine solche Umdrehung der Sonne, die ungefähr in neunundzwanzig
Erdtagen erfolgt, gibt ihnen dann einen Zeitraum, welchen sie in sieben
Perioden einteilen.
[NS.01_043,11] Die Zeit des Zenit ist
gewöhnlich eine Feierzeit, wie auch bei den Saturnbewohnern der siebente Tag
ein Feiertag ist. Diese Feierzeit wird auf dem Gürtel auf dieselbe Weise
gefeiert wie auf dem Planeten.
[NS.01_043,12] Was ferner die Wohnung und die
Kleidung und die Nahrung der Bewohner dieses Gürtels betrifft, so ist sie ganz
gleich mit der auf dem Planeten (es versteht sich von selbst, daß hier allzeit
die Gebirgsbewohner des Planeten gemeint sind).
[NS.01_043,13] Was den Menschen selbst
betrifft, so gleicht er sowohl männlicher- als weiblicherseits ganz vollkommen
in allem dem Menschen des Planeten, nur bezüglich der Größe nicht. In dieser
Hinsicht sind die Bewohner des Gürtels um ein Drittel kleiner als die des
Planeten.
[NS.01_043,14] Sie sind überaus sanfter
Natur, scheuen nichts mehr als irgendeine Aufregung des Gemüts und haben aus
diesem Grunde sogar vor der zu großen Liebe eine überaus hohe Achtung.
[NS.01_043,15] Aus diesem Grunde geht aber
auch auf diesem Gürtel alles so ruhig zu, daß jemand von euch bei der großen
Lebensfülle dieses Gürtels denken würde: hier hat der Tod unfehlbar seine
Wohnung aufgerichtet. – Dem ist aber nicht also. – Die Bewohner sind unter sich
recht fröhlich und voll heiteren Mutes. Sie sind auch dabei große Freunde der
Töne und ergötzen sich oft, nach eurer Rechnung, viele Stunden lang an dem
lieblichen Gesange ihrer zahlreichen Singvögel. Aber selbst sind sie
ebensowenig Sänger und Musiker als die Bewohner des Planeten Saturn.
[NS.01_043,16] Sie haben mit den Geistern und
auch nicht selten mit Mir Selbst noch häufiger Zusammenkünfte als ihre Brüder
im Planeten.
[NS.01_043,17] Sie sind überaus keuschen
Sinnes und achten ihre ungemein schönen Weiber bloß in ihrem Herzen.
[NS.01_043,18] Die Zeugung ist hier dieselbe
wie im Planeten. Und der Wille ist noch um ein bedeutendes kräftiger als der
Wille der Planetenbewohner. Demzufolge sie auch sogar einige samenlose Pflanzen
ziehen und mit ihrem Willen alles Getier bändigen können.
[NS.01_043,19] Auch diese Gürtelbewohner
können sich manchmal durch ihren Willen frei in die Luft erheben und im Notfall
auch kurze Strecken über dem Wasser einhergehen. Aber weite Strecken getrauen
sie sich nicht, indem sie sagen: Solches ist ein Wunder, dessen sich der Mensch
nur im höchsten Notfall bedienen darf. Aber niemand soll daraus eine Ordnung
machen. Denn der Geist Gottes bedient Sich Selbst der Wunderwerke nur dann,
wenn sie Seine endlose Weisheit für nötig erkennt; sonst aber muß sich alles in
der ewigen Ordnung bewegen. – Aus diesem Grunde wagen sie auch nie einen
ununterbrochenen Gebrauch ihrer Willenskraft; sondern bedienen sich derselben
nur dann, wenn es höchst notwendig ist.
[NS.01_043,20] Das ist auch alles wesentlich
Unterschiedliche zwischen den Bewohnern des Planeten und den Bewohnern dieses
Gürtels; alles andere ist völlig gleich.
[NS.01_043,21] Daß die Bewohner dieses
Gürtels zumeist die Gebirge bewohnen, braucht kaum erwähnt zu werden; denn die
Flachländer werden allda gewöhnlich den vielen Tieren überlassen.
[NS.01_043,22] Was den sogenannten
„Hausknecht“ betrifft, so ist dieser auch hier zu Hause; aber nicht mehr als
Tier, sondern als eine eigene, etwas untergeordnete Menschenrasse, die sich
gegen die eigentlichen Bewohner dieses Gürtels geradeso verhält, wie sich zu
euch ungefähr die wilden Negerstämme verhalten. Aber hier sind sie nicht mehr
zum Dienste der eigentlichen Bewohner bestimmt, sondern zumeist als
Flachlandbewohner dazu angeordnet, daß sie von den eigentlichen Bewohnern die
wahre, menschliche Art zu leben erlernen und durch diese Lehre dann selbst zum
Range des wirklichen Menschen emporsteigen. Aus dem Grunde ist dann auch ihre
Lebensweise ganz dieselbe wie die der eigentlichen Hauptbewohner dieses
Gürtels. Nur in der Zeugung seinesgleichen ist ein Unterschied, insofern diese
untergeordnete Menschenklasse durch eine Art Beischlafes sich zeuget, welcher
Beischlaf aber dennoch bei weitem nicht also fleischsinnlich ist wie bei euch.
[NS.01_043,23] Das ist aber dann auch
vollkommen alles, was diesen Gürtel betrifft. – Und somit wären wir denn auch
mit diesem fünften Gürtel sowohl nördlicher- als südlicherseits vollkommen zu
Ende und wollen uns für das nächste Mal sogleich auf den sechsten Gürtel
begeben.
44. Kapitel – Das sechste Gürtelpaar –
entsprechend dem Uranus. – Betrachtung dieses Planeten.
[NS.01_044,01] Es ist schon bei der
Darstellung des fünften Gürtels erwähnt worden, daß da nach dem Wasserring eine
in ziemlich gerader Linie fortlaufende, hohe Gebirgswand das vorbenannte
Ringgewässer beufert. Eben diese Gebirgswand ist zugleich auch der Anfang des
sechsten Gürtels, sowohl nördlicher- als südlicherseits; nur ist sie
südlicherseits weniger schroff als nördlicherseits.
[NS.01_044,02] Wie hoch ist wohl diese
Gebirgswand? – Was ihre große Steile betrifft, so erhebt sich diese nur etwa
zehn Meilen hoch über den Wasserspiegel. Nach dieser Steile aber bekommt dann
dieses Ringgebirge sanftere Abdachungen, aber nicht etwa abwärts, sondern in
die Höhe, und zieht sich nach dieser Abdachungssteigerung noch zu einer Höhe
von zwanzig deutschen Meilen über die Steile. – Hat diese Abdachung ihren
höchsten Punkt erreicht, dann fällt es anderseits in den sechsten Gürtel
hinein, ganz sanft abwärts steigend, so daß der Fall der verschiedenen, oft
mehrere Meilen breiten Gebirgsrücken bei einer Länge von einer Meile kaum
zweihundert Klafter beträgt.
[NS.01_044,03] Und so zieht sich dieses
Gebirge bis zum nächsten Wassergürtel ganz sanft abwärts fallend. Nur hier und
da steigen wieder bedeutende Hügel empor, welche dann natürlicherweise einen
stärkeren Fall haben.
[NS.01_044,04] Also ist denn der ganze
sechste Gürtel beschaffen und ist somit, wie kein anderer, bis in die höchste
Gebirgslinie bewohnbar.
[NS.01_044,05] Daß auch der entsprechende
südliche sechste Gürtel also beschaffen ist, braucht kaum erwähnt zu werden;
nur müßt ihr ihn euch nicht etwa symmetrisch gleich vorstellen, sondern im
allgemeinen nur. Denn in einem jeden gibt es verschiedenartige Gebirgszüge,
große Gebirgsebenen, Seen, Ströme, Flüsse und Bäche und zugleich auch sehr
viele und sehr große Wasserfälle, welche in den beiden Gürteln
verschiedenartig, bald hier, bald dort vorkommen, ohne deswegen darin etwa
symmetrisch übereinzustimmen.
[NS.01_044,06] Die ganze Breite dieses
Landes, von dessen Höhe bis zu dessen Niederung dürfte etwas über dreitausend
Meilen betragen, und der Wassergürtel etwas über tausend Meilen. Also hätten
wir einmal schon Grund und Boden dargestellt, auf dem wir uns bewegen wollen.
[NS.01_044,07] Damit wir aber nun dessen
Beschaffenheit und Bestimmung desto gründlicher erkennen mögen, wird es auch
hier notwendig sein, zuvor einen Blick auf den diesem Gürtel entsprechenden
Planeten zu werfen.
[NS.01_044,08] Ihr werdet es nach der
früheren Ordnung ohnehin leicht erkennen, daß dieser Gürtel keinem andern als
dem Planeten Uranus entspricht. Und so wollen wir auch diesen Planeten zuvor
ein wenig im allgemeinen beschauen.
[NS.01_044,09] Die Entfernung und Größe
dieses Planeten kann euch ein jeder Kalender kundgeben; daran liegt ja aber
auch am wenigsten für den Zweck, zu welchem wir den Planeten ein wenig
besichtigen wollen. Sondern alles liegt daran, daß wir uns eine Notiz davon
nehmen, (wie, warum und) wie gestaltet er da ist.
[NS.01_044,10] Sein körperlicher Inhalt
dürfte eure Erde wohl ums Tausendfache übertreffen. Aus diesem kann dann schon
entnommen werden, daß sein Flächenraum von ziemlicher Bedeutung ist; und der
Uranus kann daher gar wohl als Planet beinahe ersten Ranges angesehen werden. –
Sein bewohnbares Land befindet sich, wie im Saturn, zumeist unter dem Äquator;
denn die Polargegenden sind wegen der zu großen Kälte, die dort herrscht,
gänzlich unbewohnbar. Aber die Gegenden am Äquator haben immerwährend ein noch
recht angenehmes Klima und sind sehr gebirgig.
[NS.01_044,11] Kein Planet von allen, die ihr
bis jetzt kennengelernt habt, ist so voll von feuerspeienden Bergen wie dieser;
besonders die nördlichen und südlichen Ufer der bewohnbaren Äquatorländer sind
beinahe ununterbrochen mit feuerspeienden Gebirgsketten umzingelt. Die inneren
Ländereien dagegen haben nur selten Feuerspeier und dafür ziemlich viel ebenes
und gut bewohnbares Land.
[NS.01_044,12] Die Vegetation der Ländereien
ist überaus üppig. Die Hauptfarbe der Pflanzen ist rotblau und die der Blüten
gewöhnlich entweder ins Weißlichtgrüne oder ins Weißlichtblaue übergehend. –
Mannigfaltig ist die Vegetation hier eben nicht und noch weniger gattungsreich;
aber desto üppiger und riesiger gedeiht da alles, was nur immer auf dem Boden
vorkommt.
[NS.01_044,13] Wie das Pflanzenreich so ist
auch das Tierreich bezüglich des Reichtums der Gattungen sehr im Hintergrunde
gegenüber dem Reichtum anderer Planeten. Aber die wenigen Tiergattungen, die da
sowohl in den Gewässern als auf dem Lande und in der Luft vorkommen, sind
überaus kräftig und zumeist riesig groß. Kleine Tiere, wie etwa bei euch das
Reich der Insekten und Würmer, kommen dort nirgends vor, außer nur allein die
Fliege, welche mit der eurigen einer Gestalt und Beschaffenheit ist.
[NS.01_044,14] Was die Menschen betrifft, so
sind sie ziemlich groß, so daß der Mann etwa acht Klafter und das Weib gegen
sieben Klafter mißt. – Ihr Charakter aber ist sehr stürmisch und heftig; daher
es mit ihnen von eurer Seite im Ernste nicht gut aufzunehmen wäre. Sie sind
überaus verwegen und voll des unternehmendsten Geistes. Sie scheuen keine
Gefahr, und die Furcht vor dem Tode ist ihnen ganz fremd.
[NS.01_044,15] Aus diesem Grunde müssen sie
auch stets durch verschiedene Mittel in tüchtigem Zaume gehalten werden, daß
aus ihrer oft übertriebenen Tugend nicht leichtlich eine arge Untugend werde.
[NS.01_044,16] Auch die Geister der
Verstorbenen aus diesem Planeten müssen sehr abgesondert gehalten werden; denn
in irgendeinem Konflikte mit andern Geistern gehen sie gewöhnlich als Sieger
davon.
[NS.01_044,17] Wer mit einem oder dem andern
durch die innigste, alles aufopfernde Liebe nichts (aus)richtet, der mag ja
sogleich sehen, wie er weiterkommt; denn auf dem Wege der Weisheit sind sie
rein unzugänglich. Wenn aber jemand sie durch Liebe gewonnen hat, so kann er
auch in jeder Hinsicht vom größten Glücke reden. Denn ihre Treue und
Beharrlichkeit ist auch ebenso hartnäckig groß, daß dieselbe durchaus keine
Prüfung mehr zu erschüttern vermag.
[NS.01_044,18] Aus diesem Grunde ist auch
alle ihre Verfassung höchst einfach und beschränkt sich lediglich auf die
Liebe. Was ihnen die Liebe eingibt, das tun sie auch, und zwar mit einer
solchen Ausharrung, daß sie von einer begonnenen Tat durch gar nichts
abzuhalten sind. Man müßte sie nur gänzlich vernichten, wenn man sie untätig
machen wollte.
[NS.01_044,19] Damit ihr euch aber einen
kleinen Begriff von der Beharrlichkeit dieser Menschen machen könnt, so will
Ich euch dafür ein kleines Beispiel geben.
[NS.01_044,20] Nehmet an es hätte einer eine
vorbestimmte Handlung begonnen; in der halben Handlung aber wird er vom Tode
überrascht und muß natürlicherweise als Geist und Seele seinen Leib verlassen.
Meinet ihr, daß er als Geist von der Stelle wegzubringen ist, da er bei der
halben Handlung seinen Leib verlassen mußte? Mit nichts ist er davon
hinwegzubringen, sondern legt als Geist seine Hand ans Werk und trennt sich
nicht eher von der Stelle, als bis das Werk vollendet ist!
[NS.01_044,21] Aus diesem Grunde muß auch den
Geistern dieses Planeten nach dem Tode ihres Leibes eine naturmäßige
Handlungsfähigkeit so lange zugelassen werden, bis irgendein begonnenes Werk
vollendet ist, sonst wäre ein solcher Geist, zufolge seines freien Willens,
Ewigkeiten nicht von der Stelle zu bringen.
[NS.01_044,22] Also ist auch die
Beharrlichkeit der noch im Leibe lebenden Menschen dieses Planeten. – Wenn es
heißen würde: Von dieser hohen Gebirgsspitze bis zur andern muß eine Brücke
gemacht werden, und die Einwohner dieses Planeten würden dieses Projekt in ihr
Wollen aufgenommen haben, so wird da nicht eher gerastet und geruht, als bis
die zwei Gebirgsspitzen mit der geplanten Brücke verbunden sind.
[NS.01_044,23] Daher sind auch diese kühnen
Bauten auf keinem andern Planeten anzutreffen wie gerade auf diesem. – Was
wären da eure Pyramiden Ägyptens und alle eure sogenannten Weltwunder?! – Denn
was die Architektur anbelangt, so ist sie auf diesem Planeten im
allerriesenhaftesten Maßstab vorhanden. – Damit ihr euch aber einen Begriff
machen könnt, so will Ich euch auch davon ein paar kleine Beispiele geben.
[NS.01_044,24] Ich setze den Fall, die
Bewohner dieses Planeten befänden sich auf eurer Erde und namentlich in eurem
Lande. Ein Paar davon aber hätte eine Reise gemacht, zum Beispiel in die
Schweiz, und hätte da an einem oder dem andern Gletscher ein besonderes
Wohlgefallen gefunden. Das Bild dieses Gletschers prägt sich dann so tief in
das Gemüt, daß ihn die Reisenden wie immerwährend vor sich sehen. – Wenn nun
die zwei Reisenden wieder zurückkommen, so werden sie von den übrigen sogleich
liebreichst befragt werden, was ihnen besonders Sehenswertes auf dieser Reise
aufgefallen ist, und ob sie dasselbe auch ins Werk zu setzen gedenken? Bei
dieser Gelegenheit wird von den zwei Reisenden der Lieblingsgegenstand sogleich
beschrieben und nachher auf Tafeln gezeichnet. Wenn er aber einmal gezeichnet
ist, so ist das schon so viel als die allereidlichste Versicherung, daß ein
solcher Berg auch in einer andern Gegend errichtet werden muß. Zu dem Behufe
würde dann sogleich zum Beispiel euer Schöckel samt seinen Nebenpartien in
Anspruch genommen werden, und am selben Tag noch würdet ihr viele tausend Hände
in Bewegung gesetzt sehen; und ehe zehn Jahre nach eurer Rechnung verlaufen
würden, hättet ihr eine leibhaftige Jungfrau oder ein Wetterhorn oder ein
Schreckhorn an der Stelle eures bescheidenen Schöckels vor Augen.
[NS.01_044,25] Sehet, das wäre ein Beispiel,
inwieweit die Bewohner dieses Planeten die Baukunst treiben! – Wir wollen aber
noch ein weiteres ansehen.
[NS.01_044,26] Ein Bewohner dieses Planeten
hätte zum Beispiel einen Grund, natürlich von großer Ausdehnung. Die Mitte
seines Grundes aber ist ihm unangenehmerweise von einem ziemlich hohen
Gebirgsrücken durchschnitten, ungefähr im Maßstabe eurer Koralpe. – In diesem
Fall wird sogleich beschlossen, den Berg mit allen seinen Verzweigungen entweder
bis zur Hälfte abzutragen und alle seine Gräben damit auszufüllen; oder aber
der Berg wird in einer Breite von einer Stunde bis zur vorliegenden Grundebene
herab durchschnitten, so daß dann der Grundeigentümer ganz ebenen Fußes
hindurchgehen kann. Das Material, welches bei dieser Gelegenheit der Abgrabung
gewonnen wird, wird teilweise zur Begrenzung des Grundes verwendet; teilweise
aber auch in andere Gebirgsgräben zu deren Ausgleichung gebracht.
[NS.01_044,27] Wenn es aber einem solchen
Grundeigentümer angenehmer und zweckdienlicher scheint, so baut er über den
ganzen Berg die schönste Straße und verziert diese links und rechts mit den
großartigsten Pyramiden und anderen, ihm wohlgefälligen Zieraten. Die Straße
aber darf ja nicht, etwa so wie bei euch auf der Erde, eine schlängelnde
Gestalt haben, sondern sie muß allezeit ganz vollkommen gerade sein. Nun
versuchet einmal, über eine Alpe eine gerade Straße anzulegen, so werdet ihr
bald einsehen, mit welchen Unkosten und mit welcher für euch schauerlichen
Arbeit und Mühe eine solche Straßenanlegung verbunden wäre.
[NS.01_044,28] Allein, alles dieses ist für
den Uranusbewohner so gut wie eine willkommene Sache; denn je schwieriger
irgendein Gelände ist, je großartigere Kräfte und Ausharrungen und Arbeit es
verlangt, – mit desto größerer Begierde wird auch sobald die Hand ans Werk
gelegt.
[NS.01_044,29] Also sind auch ihre Wohnungen
gewöhnlich für euch kaum begreifliche Riesenwerke ihrer Baukunst. Meinet ihr,
so ein Uranusbewohner würde sich mit einem von Steinen aufgebauten Hause
begnügen, wie ihr da Häuser habt auf eurer Erde? – Solches dürfet ihr euch gar
nicht denken. Denn dort könnte euer Sprichwort: „Er muß etwas Extras haben!“ –,
in ziemlich gute Anwendung kommen.
[NS.01_044,30] Denn ein Bewohner dieses
Planeten sucht sich für seinen Wohnungsbau irgendeinen Berg aus, der aber ganz
vollkommen gesundsteinig sein muß. Alsbald wird der Berg ringsum zu einem Kegel
skarpiert. Sodann wird der große Meißel und der tüchtige Hammer von mehreren
hundert Händen zugleich ergriffen und ein solcher Berg auf diese Weise zur
Wohnung umgestaltet, und zwar auf eine für den Geschmack dieser Bewohner
großartig zierliche Weise.
[NS.01_044,31] Ein solches Wohnhaus hat dann
auch mehrere Stockwerke, welche durch gute und breite Stufen miteinander
verbunden sind. Und um jedes Stockwerk müssen nach außen starke Galerien
führen. Ein also vollendetes Haus hat dann freilich wohl im vergrößerten
Maßstab ungefähr das Aussehen wie ein babylonischer Turm, – nämlich auf die
Weise, wie ihr ihn zu zeichnen pflegt. Aber ihr müßt euch nicht etwa
vorstellen, als sehe ein jedes Wohnhaus also aus, sondern da hat wirklich ein
jeder etwas „Extras“.
[NS.01_044,32] Das Allergroßartigste aber
sind ihre Gottestempel; denn dazu werden hier und da ganze, besonders
ausgezeichnete Gebirgszüge verwendet. Die Bewohner sind in dieser Hinsicht
nämlich der Meinung, daß Ich an dem einen oder dem andern Gebirge ein
besonderes Wohlgefallen habe, – welches sie daraus erkennen, wenn irgendein oft
bis zehn Meilen laufender Gebirgszug sehr wenig zerklüftet ist.
[NS.01_044,33] Ein solcher Gebirgszug wird
dann unfehlbar zu einem Tempel Gottes umgewandelt; jedoch allezeit nur bis zur
Hälfte des Berges herab; denn der Tempel zur Verherrlichung Gottes muß allzeit
viel höher stehen, als irgendein anderes Haus. Die Dächer mancher Tempel sind
so hoch, daß sie selbst unter dem Äquator, wo es immer so warm ist wie bei euch
im hohen Sommer, mit ewigem Schnee und Eis bedeckt sind.
[NS.01_044,34] Aus diesen wenigen Beispielen
möget ihr wohl entnehmen, welches Geistes Kinder die Bewohner dieses Planeten
sind. – So prachtliebend sie aber auch sind in ihren Gebäuden, so einfach sind
doch wieder ihre anderen Sitten und Gebräuche. Ebenso sind auch ihre Kleidung
und Nahrung von höchster Einfachheit.
[NS.01_044,35] Ihre Hauptverfassung besteht
darin, sich gegenseitig in allem und jedem ohne irgendein Bedenken beizustehen.
[NS.01_044,36] Ihre Religion hat nichts
anderes als die größtmöglichste Ehre Gottes zum Grunde. Und die Lehre in dieser
Hinsicht ist ebenso einfach wie sie selbst und lautet also: Was wir immer tun,
das tun wir zur Ehre Gottes! Im Geiste ehren wir Gott, wenn wir uns für gering
halten, uns allgemein liebend umfassen und einander in allem und jeglichem
beistehen. In der Tat aber ehren wir Gott, wenn wir unsere Kräfte zur Veredlung
dessen anwenden, was Er uns angedeutet hat, daß wir es vollenden sollen zu
Seiner Ehre. – Das ist dann aber auch die ganze Religion der Bewohner dieses
Planeten.
[NS.01_044,37] In den Tempeln wird nicht etwa
gebetet wie bei euch; sondern diese Tempel sind im Grunde nichts anderes als einerseits
Denkmäler göttlicher Größe und Erhabenheit, auf der andern Seite aber auch
großartige, allgemeine Versammlungsplätze zur Beratung irgendeiner großen
Unternehmung zur Ehre Gottes.
[NS.01_044,38] Priester und andere Vorsteher
des Volkes gibt es hier nicht. Sondern der älteste Hausvater einer Familie,
welche manchesmal aus mehreren tausend Köpfen besteht, ist alles in allem.
[NS.01_044,39] Die Ehen werden hier strenge
gehalten. – Die Zeugung des Menschen geschieht hier ebenfalls durch den
Beischlaf.
[NS.01_044,40] Die Leichen der Gestorbenen
werden allenthalben verbrannt und ihre Asche in zierliche Gefäße getan und dann
in die Tempel versetzt.
[NS.01_044,41] Die männlichen Bewohner stehen
in beständigem Verkehr mit den Geistern, aber nie sichtbar, sondern vernehmbar.
– Die Weiber aber haben zu öfteren Malen auch Gesichte.
[NS.01_044,42] Was den Gewerbsfleiß betrifft,
so sorgen die Weiber für die Kleidung und für den Tisch. Die Männer aber
verrichten anderwärtige Arbeiten und sind ebenso geschickte Erz- und
Baumeister.
[NS.01_044,43] In diesem Planeten wird auch
geschrieben und gezeichnet; daher sie auch ein geschriebenes Wort haben,
demzufolge sie Mich auch kennen in menschlicher Gestalt als Schöpfer und Herrn
Himmels und der Erde, das heißt ihrer Erde. Sie wissen auch, daß Ich auf einer
ähnlichen Erde als Mensch gewandelt bin im Fleische; da sie aber von diesem
Planeten darum eine solche Meinung haben, als wäre er der allerhöchste Himmel,
so wird es vermieden, daß sie den Standpunkt dieses Planeten jederzeit
ermitteln können, weil sie sonst demselben göttliche Verehrung erweisen würden.
[NS.01_044,44] Das ist im allgemeinen aber
auch alles, was ihr von dem Planeten vorderhand zu wissen braucht, um davon
nutzbringenderweise auf den entsprechenden Sonnengürtel übergehen zu können.
[NS.01_044,45] Daß übrigens dieser Planet
noch fünf Trabanten und um den Äquator einen starken Dunstkreis hat, welcher
Dunstkreis von einigen scharf bewaffneten, astronomischen Augen als eine Art
Saturnusring angesehen wurde, braucht hier kaum erwähnt zu werden, weil fürs
erste die Monde eines Planeten ohnehin nicht in das Sonnengebiet, insoweit wir
es verfolgen, aufgenommen werden. Was aber den Dunstkreis betrifft, so gehört
dieser in die naturmäßige Sphäre eines Planeten und hat mit der Sonne insoweit
nichts zu tun, inwieweit wir die Sonne betrachten und ihre Beschaffenheit uns
wohlnützlicherweise vor das Gemüt stellen wollen.
[NS.01_044,46] Sonach können wir uns sogleich
auf unsern sechsten Sonnengürtel begeben.
45. Kapitel – Das dem Uranus entsprechende
sechste Gürtelpaar. – Menschen, Pflanzen- und Tierwelt daselbst.
[NS.01_045,01] Wie des Landes Boden auf dem
sechsten Sonnengürtel hinsichtlich der Gestaltung beschaffen ist, haben wir
schon gleich bei der ersten Bekanntschaft mit diesem Gürtel dargetan.
[NS.01_045,02] So bleibt uns nur übrig, hier
den Stand des Menschen zu betrachten, wie er da leibt und lebt in
entsprechender Ordnung mit dem Planetenbewohner. – Wie sehen demnach die
Menschen in diesem Gürtel aus?
[NS.01_045,03] Was die Gestalt betrifft, so
ist diese, wie wir bis jetzt in all den übrigen Gürteln gesehen haben, überall
und so auch hier eine vollkommen menschliche, weil sie ein Ebenmaß Meines
Wesens ist. Nur die Größe ist auf jedem Gürtel verschieden und spricht sich
fast allenthalben in einem andern Maßstab aus. – Die Menschen dieses Gürtels
sind noch einmal so groß wie die des Planeten und mehr als ums Zehnfache
kräftiger als ihre entsprechenden Planetarbrüder.
[NS.01_045,04] Daher sind auch ihre Werke und
ihre Bauten noch um vieles riesenhafter als jene, die wir auf dem Planeten
kennengelernt haben. Auch diese Menschen sind überaus unternehmenden Geistes
und haben eine große Lust an allerlei riesenhaften Unternehmungen.
[NS.01_045,05] So würdet ihr dort Gebäude erblicken,
vor denen euch schauern würde. Selbst ihre Wohnhäuser sind für eure Begriffe
von einer solchen Großartigkeit, daß ihr bis jetzt noch nichts Ähnliches
vernommen habt. – Was aber ihre Gottestempel betrifft, so dürfte es sogar
schwer sein, euch in diesem Punkte überhaupt ein gutes Bild geben zu können.
[NS.01_045,06] Bevor wir jedoch sowohl das
eine wie das andere hinsichtlich der Gebäude näher kennenlernen, wollen wir
noch die Gestalt des Menschen ein wenig näher betrachten. – Was dessen Größe
betrifft, so könnt ihr diese im Vergleich mit den Planetarbewohnern ohne
weitere Bestimmung leicht erkennen; aber nicht also die Form des Menschen.
Diese ist es, welche wir näher betrachten wollen. – Wie sieht sonach ein
solcher Mensch aus?
[NS.01_045,07] Die Füße sind eben nicht
massig, aber dafür überaus muskelreich und stark gebaut. Die Fußsohle ist
nahezu hornartig fest. Der ganze Tritt des Fußes aber ist im Verhältnis zum
ganzen Fuß mehr klein als groß zu nennen. Das Knie ist, wie ihr zu sagen
pfleget, ziemlich spitzig, weil die Kniescheibe wegen der Stärke des Fußes
ausgezeichnet sein muß. Die Schenkel sind nicht sehr gerundet, sondern bei der
geringsten Bewegung des Fußes muskelhügelig. Das Gesäß ist im Verhältnis stark
und überaus elastisch fest.
[NS.01_045,08] Das Rückgrat erhebt sich
mächtig stark und ist von bedeutender Breite; jedoch an den Lenden ums Kennen
schmäler als zuoberst an den Schultern, wo die beiden Arme sitzen. Die Brust
ist breit und mehr flach und ist ebenfalls überaus reich an Muskelbändern, die
sich bei der Bewegung der Arme gewaltig hügelig erheben.
[NS.01_045,09] Die Arme und Hände sind
ebenfalls nicht sehr umfangreich zu nennen und sind, so wie die Füße, überaus
muskulös ausgezeichnet, mit sehr hervorstehenden Ellbogen versehen. Besonders
aber sind die flache Hand und die Finger an derselben zu beachten. Die flache
Hand hat einen außerordentlich stark hervorstechenden Daumenmuskel, welcher
dann in einem breiten, kurzen, aber überaus starken Daumen endigt. Die Finger
haben fast eine gleiche Länge und auch eine gleiche Stärke. Nur der kleine
Finger ist etwas kürzer. Die drei Mittelfinger aber weichen sehr wenig von der
geraden Linie ab. – Also ist die Hand beschaffen.
[NS.01_045,10] Der Hals ist im Verhältnis
mehr kurz als lang und so auch mehr viereckig als rund. – Auf dem Halse sitzt
ein verhältnismäßig starker Kopf; das heißt ein Kopf, dessen einzelne Teile
sehr ausgezeichnet sind. Die Stirn ist hoch, aber gewisserart gegen die Haare
hin vorgebogen und über den Schläfen wie in zwei Tippel auslaufend. Die
Schläfen sind ebenfalls wie zwei etwas längliche Knollen hervorragend. So sind
auch die Augenbrauen stark hervorstehend. Die Wangenknochen unter den Augen
sind ebenfalls ziemlich stark vorgebogen. Die Augen sitzen tief, haben im
Verhältnis zum Kopf eine mittlere Größe und sehen wildfeurig aus. Die Nase ist
stark und hat in der Mitte ihrer Länge einen ziemlich stark hervorragenden
Rüst. Der Mund ist im Verhältnis mehr groß als klein zu nennen und ist an
beiden Winkeln stark muskelfaltig. – Das Kinn ist ebenfalls sehr hervorstehend
und ohne Bart. – Also sind auch die Ohren im Verhältnis mehr groß als klein zu
nennen und stehen mehr hintan vom Kopfe als bei euch.
[NS.01_045,11] Die Haare sind struppig und
wachsen nie zu Locken, sondern haben ungefähr das Aussehen wie die Haare eines
Mohren bei euch. – Die Hautfarbe ist licht-kastanienbraun.
[NS.01_045,12] Also sieht demnach der Mann
aus. – Es braucht hier kaum erwähnt zu werden, daß die Schamteile ebenfalls im
starken Verhältnis mit dem übrigen kräftigen Körperbau stehen.
[NS.01_045,13] Was die Kleidung betrifft, so
trägt der Mann eine Art Hose, die mit den israelitischen Hosen viel Ähnlichkeit
hat. Diese Hose wird mittels eines Bandes über den Lenden befestigt. Zuunterst
unter dem Knie wird sie ebenfalls mit einem Bande ziemlich knapp angebunden.
Das ist aber auch das ganze Gewand des Menschen, das heißt des Mannes, auf
diesem Sonnengürtel. Auf dem Planeten aber ist jeglicher Mann nahe also
bekleidet, wie einst die Israeliten bekleidet waren; nur ist die Farbe mehr
licht als dunkel. – Also hätten wir nun den Mann.
[NS.01_045,14] Wie sieht denn das Weib aus? –
Das Weib ist im ganzen genommen natürlicherweise viel runder als der Mann.
Dessenungeachtet aber würde sie bei euch auf der Erde durchaus nicht in die
Klasse weiblicher Schönheit aufgenommen werden. Denn was die Farbe betrifft, so
ist sie nur ums Kennen heller als der Mann. Was aber sonst die fleischliche
Üppigkeit betrifft, so dürfte der Bau eines solchen Weibes ganz wohl einem
ziemlich magern Frauenzimmer bei euch gleichen.
[NS.01_045,15] Die Haare sind ebenfalls mehr
wollig als lockig und hängen kaum bis auf die Schultern hinab.
[NS.01_045,16] Also ist auch die Brust mehr
herabhängend als eiförmig rund und ist vorne gegen die Zitzen, oder nach eurer
Sprache Saugwarzen, umfangreicher als an der Brust, allda sie hänget.
[NS.01_045,17] Die Kleidung des Weibes
besteht ebenfalls in nichts anderem als in einer Art Schürzhose, welche, wie
bei den Türken, in vielen Falten unter dem Knie geschlossen wird.
[NS.01_045,18] Der Kopf des Weibes trägt auch
einen Hut, welcher ungefähr das Aussehen eines Kegels hat und mit einem Bande
unter dem Kinn befestigt ist.
[NS.01_045,19] Also hätten wir Mann und Weib
so gut als möglich abgebildet vor uns. Wenn ihr nun die leibliche Form dieser
Menschen betrachtet, so braucht ihr eben keine zu großen physiognomischen
Kenntnisse, um zu erraten, wessen Geistes Kinder diese Menschen sind. – Was wir
sie haben tun und treiben gesehen auf dem Planeten, das tun sie auch hier, nur
in bei weitem größerem Maßstabe.
[NS.01_045,20] Was da die Vegetation
betrifft, so gleicht auch diese der auf dem Planeten. – Und so ebenfalls das
Tierreich. Letzteres aber wird auf dem Sonnengürtel weniger benutzt als auf dem
Planeten.
[NS.01_045,21] Dafür aber wird hinsichtlich
der Vegetation mehr Sorge getragen als auf dem Planeten. – Besonders sind drei
Gattungen Bäume zu berücksichtigen, welche eigentlich dem Bewohner dieses Gürtels
die Hauptnahrung abwerfen. Ein Baum gleicht dem sogenannten Kokosnußbaum bei
euch auf der Erde und wächst manchmal, besonders auf der Mittelhöhe des Landes,
zu einer solchen Größe an, daß er mit seinen Ästen beinahe euer ganzes Land
zudecken dürfte. Der Stamm dieses Baumes ist nicht selten so dick und kräftig,
daß ihr, wenn er plattweg abgeschnitten würde, auf dessen Stumpf zehn solche
Städte aufbauen könntet, wie da ist eure Wohnstadt. Die Höhe dieses Baumes
steht übrigens in keinem Verhältnis zu dessen Stärke; denn im höchsten Fall
erreicht er nur dreihundert Klafter. Aber desto kräftiger und weitauslaufender
sind seine immerwährend fruchtreichen Äste. Und ihr könnt sicher annehmen, daß
ein solcher Baum im Zeitraum eines Jahres, nach eurer Rechnung, bei zwanzig
Millionen Früchte abwirft, von denen eine jede so groß ist wie ein zwanzig
Eimer enthaltendes Faß bei euch.
[NS.01_045,22] Die Frucht selbst ist
eingehüllt mit einer reichlichen und starken Wollfädenflechte, welche die
Bewohner dieses Gürtels wegen ihrer Stärke, Biegsamkeit und Zähe zu Stricken
und Seilen verwenden. Nach dieser Wollfädenflechte kommt eine feste Schale, die
sich aber, wie bei einer gewöhnlichen Nuß bei euch, in der Mitte leicht
auseinanderteilen läßt. Die Frucht selbst aber ist mit einem wohlschmeckenden,
reichen Fleische gefüllt, welches ungefähr so schmeckt wie gute Haselnüsse bei
euch.
[NS.01_045,23] Wenn die Bewohner davon essen
wollen, so nehmen sie eine frische Frucht vom Baume, allda es immerwährend
vollreife, halbreife und auch erst entstehende gibt, und verfahren dann mit der
abgenommenen Frucht wie vorhin gezeigt wurde. – Sie nehmen zuerst die
Wollfädenflechte von der harten Schale, spalten dann die harte Schale in zwei
Teile, schneiden dann mittels krummer Messer das Fleisch heraus und verzehren
es nach dem Bedürfnis ihres Magens. Die Schale aber verwenden sie zu allerlei
Gefäßen.
[NS.01_045,24] Dieser Baum hat auch sehr
große und weiche Blätter. Diese werden gesammelt, dann in große Säcke gesteckt
und dienen sogestaltet den Bewohnern dieses Gürtels zur Fütterung ihrer
Ruhebänke.
[NS.01_045,25] Ebenso beachtenswert ist ein
zweiter Baum. Dieser Baum ist zwar bei weitem nicht so groß, kommt aber dafür
häufiger vor und hat eine überaus köstliche Frucht. Die Frucht gleicht beinahe
euren Trauben, nur sind der Beeren an einem Stiele nicht so viele beisammen;
aber die da beisammen sind, sind von einem beträchtlichen Umfang, so zwar, daß
ihr aus jeder Beere einen Eimer voll reifen Saftes auspressen könntet. Die
Bewohner dieses Gürtels genießen nur den Saft von dieser Frucht und löschen
damit ihren Durst.
[NS.01_045,26] Ein dritter Baum ist
ebenfalls, wie schon erwähnt wurde, sehr zu beachten. Dieser Baum gleicht der
Gestalt nach beinahe eurem Feigenbaum, wächst ebenfalls zu einer riesigen Größe
und bringt eine Frucht zum Vorschein, welche der Form nach so ziemlich den
Feigen bei euch gleicht. Wann sie aber vollends reif ist, so hat sie einen
Gehalt, als wenn ihr bei euch Brosamen mit Honig vermengen möchtet. Diese
Frucht wird überaus gern genossen von den Bewohnern dieses Gürtels; daher sie
auch vielen Fleiß für die Kultur dieses Baumes verwenden.
[NS.01_045,27] Es werden aber auch die
Früchte noch anderer Bäume genossen, sowie auch die der Pflanzen. Jedoch die
Früchte der drei erwähnten Bäume machen den Hauptnahrungszweig aus.
[NS.01_045,28] Von den Tieren wird nur die
sogenannte große, haarige Kuh gehalten, welche ungefähr mit einem Kamel bei
euch eine Ähnlichkeit hat; nur hat sie keinen Höcker über dem Rücken. Was ihre
Größe betrifft, so möchte sie wohl nahe ums Hundertfache einen Elefanten bei
euch übertreffen. Was aber die Haare dieses Tieres betrifft, so hat es daran
einen solchen Reichtum, daß ihr, wenn die Haare der Kuh abgeschoren sind,
dieselben auf zehn eurer schwersten Wagen kaum weiterführen dürftet. Es braucht
weiter kaum erwähnt zu werden, wozu die Einwohner dieses Gürtels diese Haare
verwenden.
[NS.01_045,29] Somit wären wir mit der
Darstellung sowohl des Menschen wie auch der Tier- und Pflanzenwelt in der
hauptsächlichsten Hinsicht fertig und wollen uns sonach an die Werke der
Menschen dieses Gürtels wenden.
46. Kapitel – Erzgewinnung und -verwertung,
Baukunst und Wohnhäuser auf dem sechsten Gürtelpaar.
[NS.01_046,01] Unter den Werken dieser
Menschen werden vorzüglich ihre Bauten und ihre Metallarbeiten verstanden.
[NS.01_046,02] In diesem Gürtel haben die
Berge der Sonne eine Art Metall, das da völlig das Aussehen hat, als wäre bei
euch Gold mit Eisen gebunden worden. Dieses Metall kommt allda fürs erste sehr
häufig vor, fürs zweite ist es eben darum nicht schwer zu gewinnen, und fürs
dritte ist es sehr geschmeidig, dabei doch federhart und dadurch zu allerlei
nützlichen Hau- und Schneidewerkzeugen tauglich.
[NS.01_046,03] Um dieses Metall aber sehr
tauglich zu bereiten, sind eben diese Gürtelbewohner überaus geschickt. Sie
haben zu diesem Behufe auch überaus große Hüttenwerke, in denen dieses Metall
zu allerlei Gerätschaften bereitet wird. Für den Zweig dieser Industrie widmen
sich mehrere Menschen ausschließlich. Sie verlangen zwar nichts für ihre
Arbeit; aber wer allda ein oder das andere Werkzeug haben will, der muß sie
ebenso schwer mit Früchten und Eßwaren versehen, wie schwer da ein oder das
andere Werkzeug ist.
[NS.01_046,04] Daß diese Werkzeuge manchmal
nicht von zu leichter Art sind, könnt ihr euch leicht vorstellen, besonders die
großen Hammerbeile; denn diese sind nicht selten fünfzig bis hundert Zentner
schwer. Mit Hilfe solcher Werkzeuge können dann auch diese Bewohner gar leicht
die riesenhaftesten Gebäude aufführen.
[NS.01_046,05] Es gibt zwar nur selten
Wohnhäuser, das heißt, die Wohnhäuser sind nicht etwa so knapp aneinander, wie
ihr euch vorderhand denken möchtet, sondern sie liegen in diesem Lande so weit
voneinander abstehend, wie etwa die Residenzstädte bei euch. Aber wo ein
solches Wohnhaus steht, da will es auch bei weitem mehr sagen als die größte
Stadt auf eurem Erdkörper und hat dann auch im Verhältnisse seiner riesigen
Größe eine sehr zahlreiche Bevölkerung. So gibt es nicht selten Wohnhäuser, in
denen fünf bis zehn Millionen Menschen wohnen.
[NS.01_046,06] Aus dieser Angabe könnt ihr
euch schon einen kleinen Begriff machen, was für eine kolossale Bewandtnis es
mit einem solchen Wohnhause hat. – Um euch ein solches Haus speziell
darzustellen, hättet ihr wenigstens zehn Jahre fleißig daran zu schreiben, ohne
dabei noch ein volles Detail zu haben. – Damit ihr euch aber dennoch einen
kleinen Begriff davon machen könnt, will Ich euch nur einen möglichst kurzen
Abriß davon geben.
[NS.01_046,07] Ein solches Haus hat
gewöhnlich sieben, manchmal aber auch zehn Stockwerke. – Wie aber sind diese
Stockwerke eingeteilt? – Denket euch eine viereckige Fläche, die auf jeder
Seite eine Länge von siebzig Meilen eures Maßes hat. Auf dieser Fläche, das
heißt den äußersten Rand allenthalben berührend, erhebt sich das erste
Stockwerk zu einer Höhe von dreißig Klaftern eures Maßes. Die Zimmerbreite
dieses ersten Stockwerkes beträgt allzeit fünfzig Klafter.
[NS.01_046,08] Das Stockwerk, oder vielmehr
dieses große Randgebäude, hat wie alle übrigen kein (Spitz-)Dach, sondern ist
ganz flach gedeckt und an den Rändern, sowohl nach außen wie nach innen, mit
festen und geschmackvollen Geländern versehen. Die Wände sind komplett, und in
gerechten Entfernungen von fünf zu fünf Klaftern mit großen Fenstern versehen,
allenfalls sogestaltig, wie bei euch in den Bethäusern die sogenannten
gotischen Fenster aussehen. Ein jedes Zimmer zählt sieben bis zehn solcher
Fenster.
[NS.01_046,09] Im Innern des Zimmers wird die
Dachdecke nach der Länge dieses Randgebäudes von starken Säulen getragen. Die
Fenster selbst sind mit einer Art Glas, wie bei euch, verschlossen; nur ist das
Glas nicht also hart und spröde wie bei euch, sondern ist mehr elastisch und
biegsam, da es aus dem Saft einer Wurzel, die allda in großer Menge gepflanzt
wird, bereitet ist, – etwa also wie ihr bei euch aus den tierischen Abfällen
den Leim bereitet. Das Glas ist aber allzeit von einer grünen Farbe, das heißt
von der Natur aus; manchmal aber mischen die Bewohner dem Safte auch andere
Farben bei; und so gibt es dann auch verschieden gefärbte Glasarten, aus denen
die Fensterscheiben geschnitten werden.
[NS.01_046,10] Die Einrichtungen der Zimmer
sind zwar sehr einfach, aber nichts weniger als geschmacklos. So sind auch die
Wände und die Decke allezeit mit mannigfaltigen, wenn schon an und für sich
mehr einfachen Zieraten geschmückt. – Der Fußboden eines solchen Zimmers ist
gewöhnlich mit viereckigen, verschiedenfarbigen, platten Steintafeln belegt,
welche alle fein abgeschliffen und poliert sind. Auf den Glanz der Gegenstände
in einem Zimmer richten die Bewohner ein ganz besonderes Augenmerk.
[NS.01_046,11] Um die Säulen in der Mitte
eines solchen Zimmers sind gewöhnlich große Rundbänke gezogen, ebenso auch um
die Wände geradläufige Bänke, welche mit weichen Laubpolstern reichlich belegt
sind, über welche Laubpolster dann erst zierliche Decken gezogen werden.
[NS.01_046,12] Wollt ihr nun wissen, wieviel
Zimmer in einer Front des Randgebäudes vorhanden sind, so dürft ihr nur das
fragliche Maß eines und des andern Zimmers nach der Anzahl der Fenster und
ihrer Entfernungen bestimmen und dann durch ein solches Zimmermaß die ganze
Länge von siebzig Meilen teilen, so könnt ihr euch die Menge der Zimmer ganz
gut vorstellen. – Ein jedes Zimmer hat dazu noch seinen eigenen Eingang, sowohl
von außen als wie von innen. Und sämtliche Zimmer eines ganzen Stockwerkes sind
innen ebenfalls mittels Türen miteinander verbunden, so zwar, daß man durch die
Zimmer alle vier Fronten eines Stockwerkes umgehen kann. Also führt auch von
einem jeden Zimmer an der Wand, welche quer durch das Zimmer geht, eine
zierliche und bequeme Treppe auf das freie, mit Geländern versehene platte Dach
eines solchen Stockwerks. – Ein jedes Zimmer wird von einer eigenen Familie
bewohnt.
[NS.01_046,13] Nun hätten wir auf diese Weise
das erste Stockwerk. – Denket euch jetzt wieder einen freien Raum oder vielmehr
eine Gasse in der Breite von fünfzig Klaftern. Hier fängt das zweite Stockwerk
an. Dieses hat an und für sich wirklich zwei Stockwerke, das heißt, das erste
gleichlaufend mit dem äußeren, großen Randgebäude, das zweite ruht auf dem
ersten Stockwerk und erhebt sich noch einmal so hoch von der Erde wie das
erste. – Die Einteilung und Einrichtung der Zimmer, sowohl des ersten als des
zweiten Stockwerks, ist ganz dieselbe wie im ersten Randgebäude. Das Dach ist
auch hier flach und zum freien Herumwandeln tauglich und ist ebenfalls mit
festen, zierlichen Geländern versehen.
[NS.01_046,14] Denket euch nun eine Gasse,
welche in geradester Linie nicht viel weniger als siebzig Meilen Länge hat, so
kann auch das Großartige eines solchen Wohnhauses schon ein wenig einzuleuchten
anfangen.
[NS.01_046,15] Gehen wir aber durch dieses
zweite Gebäude (hin)durch! Und sehet, das Gebäude selbst hat eine Breite von
fünfzig Klaftern so wie das erste. Und nun ist wieder eine fünfzig Klafter
breite Gasse.
[NS.01_046,16] Hier sehen wir das dritte
Stockwerk, von der Erde angefangen aus drei Stockwerken bestehend, jedes von
gleicher Höhe mit dem äußeren Randgebäude, welches, wie schon gesagt wurde,
sich dreißig Klafter über den Erdboden erhebt. – Also hätten wir demnach bei
diesem dritten Stockwerk schon eine Höhe von neunzig Klaftern. – Hier finden
wir wieder nichts anderes Neues als bloß den dritten Stock, der
natürlicherweise ganz bequem über den zweiten hinwegsieht.
[NS.01_046,17] Gehen wir also auch durch
dieses Gebäude! – Hier kommen wir wieder auf eine fünfzig Klafter breite Straße;
allda sehen wir das vierte Stockwerk, welches den früheren Gebäuden in allem
anderen völlig gleicht, nur daß es natürlicherweise in den unteren Stockwerken
verhältnismäßig stärkere Mauern hat als die früheren Gebäude. – Auch hier ist
das Dach flach und mit festen und zierlichen Geländern versehen, und man kann
vom Dache auch natürlicherweise über die anderen drei Stockwerke bequem
hinaussehen.
[NS.01_046,18] Gehen wir nun wieder durch
dieses Gebäude, und wir erblicken abermals eine fünfzig Klafter breite Straße
und ein fünf Stockwerke hohes Gebäude, welches natürlich etwas kürzere Fronten
hat als das äußerste; allein die Verkürzung dieser Front gegen die des äußeren
Randgebäudes beträgt noch nicht eine deutsche Meile. – Somit hättet ihr noch
immer mehrere Tagereisen nötig, um nur eine Front dieses fünften
Fünfstockwerkgebäudes abzureisen. – Daß auch dieses fünfte Stockwerkgebäude mit
den anderen bis auf die größere Stärke der Mauern gleich ist, braucht kaum mehr
erwähnt zu werden.
[NS.01_046,19] Gehen wir wieder durch dieses
fünfte Fünfstockwerkgebäude, und eine neue Gasse von fünfzig Klaftern Breite
eröffnet sich; und wir sehen die Front des sechsten Sechsstockwerkgebäudes.
Dieses Gebäude ist ebenfalls von den anderen in nichts unterschieden als in der
größeren Stärke der unteren Mauern und sodann auch – in der Farbe; denn von
diesem sechsten Gebäude fangen die Stockwerke an, verschieden gefärbt zu
werden, und zwar nach der Ordnung der Farben eines Regenbogens, was
natürlicherweise einen überraschend herrlichen Anblick gibt. Die Dachfläche ist
hier mit einem Pyramiden-Geländer umfaßt, auf dessen Pyramiden große Goldkugeln
angebracht sind. – Das ist der Unterschied zwischen diesem sechsten Gebäude und
den ersten, uns schon bekannten. – Was aber das Innere der Zimmer betrifft, so
sind diese ebenso eingeteilt und eingerichtet wie die Zimmer der anderen, uns
schon bekannten Gebäude.
[NS.01_046,20] Und so begeben wir uns wieder
durch dieses sechste Sechsstockwerkgebäude. Hier treffen wir auf einmal eine
tausend Klafter breite Straße. Diese Straße ist durchgehends also glatt
abgeschliffen und poliert wie ein Spiegel bei euch. – Und endlich erhebt sich
mit der großartigsten Säulenpracht das Siebenstockwerkgebäude. – Dieses Gebäude
ist von den früheren nicht nur durch die verschiedene Färbung der Stockwerke
unterschieden, sondern es unterscheidet sich auch durch die nach außen wie nach
innen jedes einzelne Stockwerk tragenden Säulen. Denn die eigentlichen Wände
dieses siebenten Gebäudes steigen erst innerhalb der mächtigen Säulengalerien
auf. – Daß die Säulen der unteren Stockwerke immer stärker sind als die der
oberen, versteht sich von selbst, weil sie die Last der oberen stets mehr und
mehr tragen müssen. Jede Säulenreihe ist von einer andern Farbe, ebenfalls nach
der Ordnung der Farben eines Regenbogens. – Das Dach ist ebenfalls flach und
über einer jeden Säule erhebt sich ein Obelisk, der zuoberst abermals mit einer
großen Goldkugel geziert ist. Ein jeder solcher Dachobelisk ist mit dem andern
durch ein zierliches Geländer verbunden und bietet auf diese Weise einen
überaus prachtvollen Anblick. – Dieses siebente Gebäude ist zufolge der nach
außen wie nach innen gekehrten Säulengalerien, von denen eine jede bei zwanzig
Klafter Breite hat, um soviel breiter als die anderen, so daß die ganze Breite
eines solchen Gebäudes hundert Klafter beträgt.
[NS.01_046,21] Manches Wohnhaus hat hier ein
Ende, – und der innere, noch überaus geräumige Platz ist dann ein allgemeiner
Pracht- und Ziergarten, wohlversehen mit tausenderlei Arten kleinerer
Baukünste, wie auch mit vielen Alleen fruchtbarer Bäume. Auch fehlen allda
nicht allerlei Wasserkünste, darin die Bewohner dieses Gürtels große Meister
sind, weil auch die verschiedenen Wasserleitungen in das Fach der Baukunst
gehören.
[NS.01_046,22] Manche Wohnhäuser aber haben
nach diesem siebenten Stockwerkgebäude noch drei, also noch ein achtes, neuntes
und zehntes Stockwerkgebäude, wovon dann wieder jedes durch eine fünfzig
Klafter breite Straße vom andern entfernt ist. Nur sind diese Gebäude, weil sie
dem Siebenstockwerkgebäude gleichen, jegliches von einer Breite von hundert
Klaftern. Dadurch wird freilich dann der innere, große Platz etwas enger; aber
dennoch immer groß genug, so daß ihr noch stets mehrere Tagereisen vonnöten
hättet, um ihn zu umgehen.
[NS.01_046,23] Nun sehet, das ist ein
Wohnhaus dieser Bewohner des besagten Gürtels. Welche Pracht der Anblick eines
solchen Wohnhauses gewährt, dazu ist eure Phantasie sogar zu klein, um sich das
nur annähernd vorstellen zu können.
[NS.01_046,24] Doch ihr müßt euch diese
Wohnhäuser nicht etwa als das Großartigste der Baukunst dieser Bewohner denken.
Wenn wir erst ihren großartigen Straßen-, Brücken- und Tempelbau werden
kennenlernen, dann erst werdet ihr im vollsten Maße die Baukunst der Bewohner
dieses Gürtels, euch überaus hoch verwundernd, beachten können. Das
Großartigste aber bleiben immerhin ihre Straßen und Brücken; denn von etwas
Ähnlichem hat euch noch nie geträumt. Und ihr möget auch im voraus phantasieren
wie ihr wollt, so könnt ihr versichert sein, daß die Darstellung einer solchen
Straßen- und Brückenanlage alle eure noch so großartigen Phantasien bei weitem
im Hintergrunde lassen wird.
[NS.01_046,25] Da ihre Darstellung – damit
ihr euch einen klareren Begriff davon machen könnt – etwas gedehnter sein muß,
so wollen wir sie für das nächste Mal aufbehalten und uns für heute bloß mit
der Vor-Ankündigung begnügen.
47. Kapitel – Die große Ringstraße auf dem
sechsten Gürtelpaar.
[NS.01_047,01] Ihr habt schon bei der
Darstellung des Planeten Uranus vernommen, daß unter dessen Bewohnern der
Grundsatz gilt, demzufolge alle Straßen gerade sein müssen. Obschon die
Herstellung gerader Straßen auf dem ziemlich großen Planeten selbst schon mit
vielen tausend Schwierigkeiten zu kämpfen hat, so sind aber doch alle diese
Schwierigkeiten nur für gering zu achten gegen diejenigen, die in diesem Gürtel
das Erdreich oder vielmehr der Boden der großen Sonnenwelt darbietet.
[NS.01_047,02] In dem Planeten sind die
höchsten Berge im außerordentlichsten Falle wohl fünf- bis sechsmal so hoch,
oder auch noch etwas darüber, als die höchsten Gebirge eurer Erde. Was ist aber
das gegen die Höhe der Gebirge auf der Sonne, die nicht nach Klaftern, sondern
nach Meilen gemessen wird?! – Nun denket euch eine Hauptstraßenanlage, welche
nur über die mittlere Höhe der großen Länder dieses Gürtels führt, und bedenket
dabei die vielen überaus tiefen Täler, dann die vielen großen Ströme,
Wasserfälle, Seen und hier und da sogar die Einbuchtungen des Meeres mittels
der sogenannten Meereszungen. – Wenn ihr solches ein wenig überdenkt, so dürfte
es euch wohl schon im voraus ziemlich klar werden, welch eine Bewandtnis es da
mit dem Bau einer vollkommen geraden Straße hat.
[NS.01_047,03] Dann aber bedenket, daß diese
Straße sich gleich einem Ring um diesen ganzen sechsten Sonnengürtel zieht, –
und zwar sowohl nördlicher- als südlicherseits (mit dem Unterschiede nur, daß
die Geländerverzierungen der südlichen Hauptgürtelstraße mehr abgerundet
erscheinen als die des nördlichen Gürtels, welche mehr eckig und spitzig sind).
Bedenket aber dazu noch immer, daß die Straße eine Länge von nahezu
zweimalhunderttausend deutschen Meilen hat.
[NS.01_047,04] Wenn ihr solches mehr und mehr
zu erwägen beginnt, so wird euch die Großartigkeit einer solchen Straße immer
einleuchtender werden. – Bedenket aber noch hinzu, daß diese Straße
allenthalben gleichmäßig zweitausend Klafter breit ist, so werdet ihr noch mehr
zu stutzen anfangen. Bedenket, über wie viele tausend Täler, die nicht selten
von der Linie der Straße an gemessen eine Tiefe von fünf bis zehn Meilen haben,
diese Brücke führt. – Sehet, aller dieser, für euch kaum glaublichen
Schwierigkeiten ungeachtet, zieht sich dennoch hoch über diesen schauerlichen
Abgründen eine feste und zierlich gebaute Straße!
[NS.01_047,05] Nun hättet ihr schon den
ersten Riß dieser Straße dargetan. Aber hier werdet ihr fragen und sagen: Die
Anlage einer solchen Straße zu denken steht zwar nicht außer dem Bereich der
Möglichkeit, – sie aber zu erbauen, da können wir nichts anderes sagen, als daß
ein solches Werk wohl Gott möglich ist; ob aber dergleichen Werke auch
geschaffene Wesen mit Hilfe der gegebenen Materie und mit der Kraft ihrer Hände
zuwege bringen können, das begreife, wer es kann und mag. Wir aber halten die
Sache so lange für rein unmöglich, als wir nicht wohlaussichtig davon überzeugt
werden, welche höheren Kräfte diesen Menschen zu Gebote stehen, und wie sie mit
diesen Kräften verfahren, damit solche Werke ihren Händen entstammen.
[NS.01_047,06] Ich aber sage: Nur Geduld!
Betrachtet so manche Tiere auf eurer Erde und stellt sie bezüglich ihrer Werke
mit euch in eine entsprechende Vergleichung, – und ihr müßt da notwendig
beschämt erschauern, indem ihr eure größten Händewerke dagegen als armseligste Schneckenhäuser
betrachten müsset. – Damit ihr aber solches ein klein wenig klarer erschauen
möget, so will Ich euch nun fürs erste zu einem nicht selten über eine Klafter
hohen Ameisenhaufen führen. Vergleichet einmal dieses Werk mit der Größe der
Bauleute! Ist es im Verhältnis nicht offenbar größer und in Hinsicht ihrer
Bauleute mehr, als so ihr, vermöge eurer Größe und Kraft, einen Chimborasso
oder ein Himalaja-Gebirge aufgeführt hättet? – Solltet ihr dieses etwa
übertrieben finden, so beliebet nur, ein wenig verhältnismäßig nachzurechnen,
und ihr werdet die Sache als vollkommen bestätigt finden.
[NS.01_047,07] Nehmet zum Beispiel eine
Ameise an, wie sie kaum eine Linie mit ihrem Köpfchen vom Boden der Erde
entfernt ist. Nehmet dann eine Höhe von anderthalb Klaftern, welche Höhe nicht
selten das Maß eines großen Ameisenhaufens ist. – Versuchet, wie oftmal
allenfalls eine halbe Linie in der ganzen Höhe von neun Schuhen enthalten ist.
Setzet dann eure Höhe ebensooft übereinander, und ihr werdet daraus gar leicht
das Verhältnis finden, wie hoch und umfangreich eure Gebäude sein müßten, wenn
sie verhältnismäßig der Größe eines solchen Ameisenhaufens gleichen sollten. –
Ich will dabei der tausend Gänge und Katakomben eines solchen Ameisenhaufens
gar nicht erwähnen, die alle riesenhaft groß für das Verhältnis ihrer Erbauer
sind; denn es genügt die Größe des Haufens selbst, um das Verhältnis der
Baukraft dieser kleinen Tierchen gegen die eurige ins klare zu stellen.
[NS.01_047,08] Also könnet ihr auch das
Gebäude einer Biene betrachten. Sehet, wie kühn dieses Tierchen mittels eines
kaum zwei Linien dicken bräunlichen Wachsstieles an irgendeine Wand ihr ganzes
Zellengebäude hängt, welches gewiß mehr sagen will, als so ihr im gleichen
Verhältnis den größten Palast an irgendeinen hoch in die Luft erbauten Bogen
mittels riesiger Ketten angekettet hättet.
[NS.01_047,09] Ferner könnt ihr noch das
Gewebe einer Spinne betrachten, wie weit dieses Tier oft seine Fäden auszieht
und in der Mitte dieser Fäden in freier Luft seine Wohnung aufrichtet. Will
dieses im Verhältnis nicht ebensoviel sagen, als wenn ihr zwischen den höchsten
Gebirgsspitzen mächtige Seile und Stricke gezogen hättet und hättet dadurch
hängende Brücken zwischen den Gebirgsspitzen über tiefen Gräben und Tälern errichtet!?
[NS.01_047,10] Ich könnte euch noch eine
Menge noch großartigerer Beispiele kleintierischer Baukraft anführen, allein
vorderhand mögen euch diese genügen. Wenn ihr sie gehörig betrachten wollet, so
könnt ihr zur Genüge eure geringfügige Baukraft gegen die Baukraft dieser
Tierchen ersehen. Wenn euch aber schon in dieser Hinsicht diese Tierchen
beschämen, wie soll es demnach gar so unerklärlich sein, daß es irgend Menschen
geben könne, die eure Baukraft in noch größerem Maßstabe hinter das Licht zu
stellen vermögen als eben diese Tierchen?
[NS.01_047,11] Und eben von dieser Art sind
die Menschen dieses unseres sechsten Sonnengürtels. – Ihre Hauptkraft spricht
sich im Bauen aus, dieweil sie in geistiger Hinsicht denjenigen Organen im
Leibe des Menschen entsprechen, durch welche der eigentliche vegetative Bau des
Leibes bewerkstelligt wird.
[NS.01_047,12] Wenn wir nun dieses wissen, so
können wir uns auch auf den mehr speziellen Teil der Erbauung einer solchen
Riesenstraße einlassen. – Wo diese Straße über weitgedehnte Gebirgsebenen
hingeht, da ist ihre Erbauung auch natürlicherweise leicht und mit geringen
Kraftanstrengungen verbunden. Geht sie aber über tiefe und weitgedehnte Täler
oder Gräben, so nehmen dann, nach der größeren Tiefe der Täler und Gräben, auch
die Schwierigkeiten und Kraftanstrengungen zu. Denn da kann die Straße nur
mittels hoher Brücken geführt werden. Wie sind aber diese Brücken erbaut?
[NS.01_047,13] Diese Brücken sind in Etagen
eingeteilt. Ein Bogenwerk über das andere erhebt sich, und natürlich so hoch
über dem Boden eines Tales oder Grabens empor, bis das Bogenwerk die Höhe der
Straßenlinie erreicht hat. Ist solches der Fall, so werden die Bogengräben
ausgefüllt und darüber massive, wohlbehauene, feste Steinplatten gelegt und zu
beiden Seiten die so entstehende Straße mit einem mehrere Klafter breiten und
verhältnismäßig hohen, steinernen Geländer versehen. – Die Etage eines
Bogenwerkes mißt nicht selten fünfzig bis hundert Klafter; und ihr könntet auf
Stellen kommen, wo oft von einer bedeutenden Taltiefe nahe zweitausend
Bogenwerke übereinander stehen.
[NS.01_047,14] Es fragt sich hier wieder,
besonders wenn ein Tal oft über hundert Meilen eures Maßes breit ist, wie lange
diese Baumeister wohl zu tun haben, um ein solches riesiges Bogenwerk zu
vollenden? – Ich sage euch: Kaum so lange, wie ihr Zeit brauchet, um ein
Wohnhaus von mittlerer Größe aufzuführen. Denn fürs erste greifen bei einer
solchen Gelegenheit nicht selten mehrere Millionen Hände ein solches Werk an,
die da allein mit dem Bauen beschäftigt sind; ebensoviele Hände, die das
Baumaterial bereiten, und dann ebensoviele, die es herbeischaffen.
[NS.01_047,15] Auch hier werden gewöhnlich
nur die untersten Bogenwerke aus behauenen, großen Quadersteinen gebaut, welche
mittels eines eigenen, klebrigen Steinkitts miteinander verbunden werden. – Die
höheren Etagen aber werden dann aus gebackenen Steinen verfertigt, welche aus
einem zähen Ton (welcher in den riesigen Gebirgen dieses Gürtels überaus häufig
vorkommt) verfertigt und sodann an den alleinigen Strahlen des Sonnenlichts so
lange getrocknet werden, bis sie ein bräunliches Aussehen bekommen und beim
Anschlage einen festen Klang von sich geben. Haben sie diese bestimmte
Gediegenheit erreicht, dann sind sie auch schon vollkommen geeignet zum Baue.
[NS.01_047,16] Also haben wir jetzt auch
gesehen, wie eine solche Straße über Täler und Gräben geführt wird. – Nun aber
haben wir noch Flüsse, Seen und sogar Meeresbuchten vor uns; wie wird denn
darüber die Straße geführt?
[NS.01_047,17] Nur eine kleine Geduld, und
wir werden sogleich sehen, wie unternehmend und wie geschickt und ausdauernd
diese Baumeister die Straße allda zu bauen und zu führen anfangen. – Sie
verfertigen eine Art Schiff aus festem Holz, welches Schiff eine Breite von
zwanzig und eine Länge von tausend Klaftern hat; denn solches können sie auch
leichtlich tun, indem sie allenthalben reichliche Wälder von solchen Bäumen
besitzen, welche die Pyramidenbäume im Saturn nicht selten übertreffen dürften.
[NS.01_047,18] Ist ein solches Schiff oder
vielmehr eine solche großartige Plätte fertig, dann wird auf der Plätte zu
bauen begonnen. Durch die Schwere des Materials sinkt natürlich die Plätte
tiefer ins Wasser. Sobald dann aber der erste Plättenkranz ungefähr mit der
Oberfläche des Wassers in eine gleiche Höhe zu stehen kommt, wird sogleich
wieder auf den alten Kranz ein neuer, allzeit mehrere Klafter hoher Kranz von
beschlagenen und glatt behauenen Bäumen gelegt und mittels starken Klammern mit
dem ersten fest verbunden. Sodann wird gewisserart das Joch auf der Plätte
wieder höher gebaut. Drückt die Schwere des Materials wieder so tief ins
Wasser, daß der neue Kranz sich der Oberfläche des Wassers nähert, so wird
wieder ein neuer Kranz auf den früheren gelegt und sodann wieder weitergebaut.
Und solches wird so lange fortgesetzt, bis die Bauleute wahrnehmen, daß die
Plätte wenigstens auf einer Seite angefangen hat, am Boden des Wassers
aufzusitzen. Ist der Boden des Wassers eben, so hat es weiter keine
Schwierigkeiten mehr, und das Joch kann dann viele tausend Klafter hoch
fortgeführt werden.
[NS.01_047,19] Wenn aber der Boden oder der
Grund eines Wassers uneben ist, so vermehrt das freilich die baulichen
Schwierigkeiten außerordentlich, und bei dieser Gelegenheit ist nichts anderes
zu tun, als daß sich gewisse, eigens dazu abgerichtete Wassertaucher bequemen
müssen, ins Wasser zu steigen und im Wasser selbst dann entweder den Grund zu
ebnen oder, wenn derselbe etwa aus Klüften und Abgründen besteht, dieselben
mittels nachgesenkter Materialien auszufüllen.
[NS.01_047,20] Manchmal jedoch sind die
Klüfte so tief, daß sie unausfüllbar sind, und doch sollte das Joch über ihnen
feststehen. – Was wird denn dann getan? – Dann wird ein überaus massiver,
metallener Rost verfertigt und in das Wasser versenkt und unter dem Wasser dann
auf die Klippen, welche aus dem Abgrund hervorragen, so geschickt unter das
Plättenjoch gelegt, daß dann das Plättenjoch auf diesen riesigen Rost
niedersitzt und überaus fest stehenbleibt.
[NS.01_047,21] Ihr möchtet hier wohl fragen:
Ersticken die Arbeiter denn nicht, wenn sie so lange im Wasser arbeiten müssen?
– Nein, solches ist allda nicht leicht der Fall. Fürs erste, weil zwischen der
Sonnenluft dieses Gürtels und den Gewässern kein so großer Unterschied ist wie
bei euch. Denn die Luft allda ist viel intensiver, daher aber auch die Gewässer
viel subtiler. Und so kann ein Geübter auch unter dem Wasser recht wohl atmen
und bekommt anstatt der Luft das Wasser in seine kräftige Lunge. Doch muß
solches von frühester Jugend auf gewöhnt sein. Ist dies nicht der Fall, so geht
freilich wohl auch der Mensch im Wasser erstickend zugrunde. Darum aber werden
schon allzeit mehrere Menschen so an das Wasser gewöhnt, wie allenfalls bei
euch so manche Schiffsmatrosen, die auch nicht selten eine halbe bis nahezu
eine volle Glockenstunde unter dem Wasser ganz wohlerhalten leben können.
[NS.01_047,22] Solche Joche werden dann zu
gleicher Zeit in Entfernungen von zwanzig Klaftern, je nach der Breite eines
Stromes oder Sees, zu mehreren Tausenden auf einmal begonnen. Und sind dann die
Joche auf dem Grunde feststehend, so werden sie zuerst über dem Wasser mit
schweren und überaus starken, metallenen Stangen gegenseitig verbunden. Sodann
erst werden über diesen Jochen neue Joche in Bogen gezogen. Und also wächst da
ein Bogengang über dem andern so lange fort, bis endlich die Linie der Straße
erreicht ist, – bei welcher Gelegenheit dann wieder ebenso verfahren wird wie
über den Tälern.
[NS.01_047,23] Was tun diese Straßenbauer
aber allda, wo sie an ziemlich breite Meeresbuchten stoßen und, wenn sie diese
mittels ihrer Fahrzeuge visieren, bei jeder möglichen Verlängerung ihrer
Meßruten auf keinen Grund stoßen? Denn es kommt nicht selten vor, daß so eine
Meeresbucht nicht nur etwa mehrere hundert oder tausend Klafter, sondern
manchesmal fünfzig bis hundert Meilen tief ist.
[NS.01_047,24] Bei solcher Gelegenheit wird
dann zu den Schiffbrücken die Zuflucht genommen. Aber die Schiffe, die dazu
dienen, sind dann von einer ebenso kolossalen Art wie die Straße selbst. Nur
wird dann über diesen Schiffen keine steinerne, sondern eine aus den massivsten
Bäumen zusammengefügte Brücke erbaut, welche aber über den Schiffen ebenfalls
die Höhe der Straßenlinie erreichen muß.
[NS.01_047,25] Ein solches Schiff wird fürs
erste aus den allerkolossalsten Bäumen verfertigt und gleicht eigentlich mehr
einem ungeheuren Korbe als einem Schiffe. Ein solcher Schiffkorb hat dann
gewöhnlich eine Länge von einer deutschen Meile und eine Breite von wenigstens
fünfhundert Klaftern. Die Wände dieser Schiffkörbe haben gewöhnlich eine Höhe
von dreihundert Klaftern und sind mit den massivsten Eisenstangen und
Eisenklammern wie für ewig aneinander von Kranz zu Kranz befestigt. Der Boden
eines solchen Schiffes, der gewöhnlich aus den allermassivsten Bäumen, dreimal
übereinandergelegt, gebaut ist, ist zudem noch ganz mit einer Art dickem
Metallblech beschlagen. Dieses Holz versteinert im Wasser. Über dem Wasser aber
wird es mit einer eigenen Masse getränkt, daß es dadurch dann auch wie für ewige
Zeiten unzerstörbar ist. Und bei einer solchen Schiffbrücke schließt sich dann
auch ein Schiff fest an das andere an und ist durch überaus starke
Metallklammern am andern so befestigt, daß am Ende diese großen Schiffkörbe
eine ununterbrochene Linie über die ganze Meeresbucht bilden.
[NS.01_047,26] Blicket demnach im Geiste von
irgendeiner Höhe über eine solche Schiffbrücke hin, und ihr müßt doch offenbar
eingestehen, daß euch in dieser Hinsicht selbst eure allergroßartigsten
Phantasien dagegen wie kleine Miniaturbilder vorkommen müssen.
[NS.01_047,27] Freilich wohl wird in dieser
Zeit keine solche Straße mehr gebaut; denn diese Straße ist schon älter, als
eure Erde von Menschen bewohnt ist, und weiset ungefähr ein Alter von
sechzigtausend Jahren auf. Dessenungeachtet aber werden noch zu dieser Zeit
kleinere Nebenstraßen mit dieser Hauptstraße verbunden und die Hauptstraße
selbst hier und da schadlos gehalten, wozu öfter auch nicht viel weniger gehört
als zu einer streckenweise ganz neuen Anlage.
[NS.01_047,28] Nun sehet, somit ist auch der
riesenhafteste Bau der Bewohner dieses Gürtels dargetan. – Da sich darüber
nötigerweise nichts mehr sagen läßt, so wollen wir das nächste Mal zur
Besichtigung eines Tempels übergehen.
48. Kapitel – Eine Tempelanlage auf dem
sechsten Gürtelpaar. – Die Vorwerke des Tempels.
[NS.01_048,01] Was da einen Tempel zur
Verehrung Gottes bei den Bewohnern dieses Gürtels betrifft, so ist zwar an und
für sich ein solcher Tempel nicht von einer so fortgesetzten, riesenhaften
Bauart wie die uns jetzt schon bekannte Straße. Dessenungeachtet aber ist er
dennoch, was die kunstvolle Bauweise betrifft, das außerordentlichste
Meisterstück der gesamten Baukunst der Bewohner dieses Gürtels. – Zwei Dinge
sind vorerst bei dem Bau dieses Tempels zu berücksichtigen, und dieses ist
seine Größe und seine Höhe.
[NS.01_048,02] Was seine Größe betrifft, da
wäre zum Beispiel euer Ungarn kaum groß genug dazu, um den gesamten Bau eines
solchen Tempels auf seinem Boden aufzunehmen. – Was aber seine Höhe betrifft,
da dürften wohl eure höchsten Berge kaum als Verzierungen an den verschiedenen
Ecken und Ausrundungen des Tempels dienen.
[NS.01_048,03] Ist der Tempel ein Gebäude? –
O nein; sondern ein solcher Tempel ist wie ein Wohnhaus auf diesem Sonnengürtel
gewisserart ein Vielgebäude und gleicht eher einer Riesenstadt als einem
einzelnen Gebäude.
[NS.01_048,04] Das Vorgebäude eines solchen
Tempels besteht in einer über hundert Klafter hohen Ringmauer, welche aber
nicht in ein gerades Viereck gezogen ist, sondern sich allzeit nach der
Bodengestaltung des Landes richtet, allda ein solcher Tempel erbaut ist.
[NS.01_048,05] Etwa in einer Entfernung von
tausend Klaftern hinter dieser Mauer sind in verhältnismäßigen Entfernungen
Türme erbaut in der Art, wie ihr euch den sogenannten Turm Babylons vorstellt.
Diese Türme sind alle von gleicher Höhe und überragen die Ringmauer um zwei
Drittel ihrer Höhe.
[NS.01_048,06] Ist der Grund innerhalb der
Ringmauer nicht vollkommen eben, so wird er an den Stellen der Vertiefungen ausgefüllt
und eben gemacht; denn auf der Tempelstandfläche darf durchaus weder eine
Erhöhung noch eine Erniederung vorkommen; und da heißt es im buchstäblichen
Sinne: Die Berge müssen erniedriget und die Täler zu einem ebenen Wege werden.
[NS.01_048,07] Wozu dienen denn diese Türme?
– Diese Türme dienen gewisserart dazu, wozu einst bei euch die großen Pyramiden
Ägyptens gedient haben. Sie sind nämlich Grabmäler der Bewohner dieses Gürtels,
welche zum Bezirke eines oder des andern Tempels gehören. – Aber ein solcher
Turm ist nicht etwa das Grabmal eines einzelnen Menschen, sondern er ist als
Friedstätte für viele Tausende und Tausende von Menschen errichtet. Sein Umfang
zuunterst beträgt nicht selten vier deutsche Meilen, und seine Höhe ist über
dem Boden etwas über dreihundert Klafter. Ein solcher Turm sieht dann freilich
mehr einem gemauerten Berge als eigentlich einem Turme gleich. Bei manchem
Tempel gibt es innerhalb der Mauer einige Hunderte solcher Türme.
[NS.01_048,08] Weiter gegen das Innere zu,
ungefähr eine deutsche Meile von den Türmen entfernt, erhebt sich dann ein
großes Rundgebäude bis zu einer Höhe von tausend Klaftern. Dieses Rundgebäude
hat keine Etagen, sondern besteht aus lauter Bogen, über welche eine über
zweitausend Klafter breite Straße führt. Diese Straße selbst ist mit den
großartigsten und wohlverzierten Geländern sowohl nach außen wie nach innen
umfaßt. Allenthalben, wo ein Bogenpfeiler dem Boden entsteigt, ist über der
Straße noch eine Art großartiger Triumphbogen errichtet, der ebenfalls eine
Höhe von fünfhundert Klaftern über der Straße hat. – Durch einen jeden Pfeiler
kann man auf einer in dessen Mitte errichteten Wendeltreppe auf die Straße
gelangen. Von der Straße aber führt dann wieder in der Seitenmauer eines
Triumphbogens eine zweite Wendeltreppe bis auf die hohe Galerie des
Triumphbogens selbst, welcher zuoberst flach ist und abermals mit festen,
metallenen Geländern umfangen ist.
[NS.01_048,09] Diese Straße über diesen Bogen
wird die Straße der göttlichen Ehre genannt. Auf dieser Straße pflegen die
Menschen dieses Gürtels eine Art Prozession zu halten und loben auf dieser
Wanderung die große Macht und Ehre Gottes.
[NS.01_048,10] Mit diesem Gebäude, welches
noch immer einen Umfang von zwei-, drei-, manchmal auch bis vierhundert Meilen
hat, wären wir fertig. – Nun gehen wir wieder eine deutsche Meile weiter. Allda
erblickt ihr abermals einen Kranz von himmelhohen Türmen, welche aber mehr das
Aussehen riesenhafter Obelisken als das der eigentlichen Türme haben.
[NS.01_048,11] Auf dem Boden seht ihr
gleichhohe, kegelförmige Fußgestelle dieser riesenhaften Obelisken, wovon ein
jedes Fußgestell schon eine Höhe von zweitausend Klaftern hat. Über diesen
Fußgestellen erheben sich dann erst die riesenhaften Obelisken, die aber nicht
viereckig, sondern kegelförmig rund sind und sich über den Fußgestellen zu
einer Höhe von viertausend Klaftern erheben. Diese Rundobelisken sind aber
nicht glatt aufsteigend wie ein Kegel, sondern steigen stufenförmig auf, so
zwar, daß man von dem mit starken Geländern umfaßten Postamente außen bis zur
Spitze dieses Obelisken gelangen kann. Damit solche Obelisken aber auch samt
den Fußgestellen bestiegen werden können, führt durch ein jedes Fußgestell an
einer Seite desselben eine Wendeltreppe bis zum Fuße des Obelisken, der auf
diesen Fußgestellen ruht.
[NS.01_048,12] Wozu dienen denn diese
Obelisken? – Sie dienen den Menschen zur Betrachtung der Stärke der göttlichen
Weisheit. Denn die Bauleute dieses Gürtels sind natürlicherweise auch gute
Rechenmeister und wissen, daß in einem Kegel der Meßkunst größte Geheimnisse
verborgen sind, darin sie auch der Weisheit Grund suchen. Aus diesem Grunde
stellen sie auch dieses Monument zur Ehre der Stärke der göttlichen Weisheit
auf. – Also hätten wir auch diesen Teil des Tempels gesehen.
[NS.01_048,13] Verfügen wir uns nun wieder
eine gute Meile landeinwärts. Hier erblicken wir kein Gebäude, sondern einen
über eine deutsche Meile breiten Graben, der aber bis zuoberst mit Wasser
gefüllt ist. Über dieses Wasser führt keine Brücke, sondern nur mittels
zierlicher Kähne, welche an den Ufern fast in einer Unzahl vorhanden sind, kann
man darüber gelangen. Der Graben aber darf nie tiefer sein als nur so, daß das
Wasser einem Manne allenthalben bis zum Kinn reicht.
[NS.01_048,14] Setzen wir nun über dieses
Wasser und begeben uns eine deutsche Meile weiter! – Sehet, hier ragt in
schauerlicher Höhe uns schon der erste Vorhof des eigentlichen Tempels
entgegen. – Eine achttausend Klafter hohe Mauer, ganz glatt und ohne Fenster
nach außen, starrt uns an. Über dieser Mauer erblicken wir noch in bläulicher
Ferne regelmäßige, weiße Spitzen wie Nadeln; an und für sich aber sind dies
ebenfalls runde Ziersäulen des obersten Randes dieser Mauer, welche Säulen noch
für sich eine Höhe von zweitausend Klaftern und einen Umfang von tausend
Klaftern haben.
[NS.01_048,15] Sehet, hier ist ein geräumiges
Bogentor durch dieses Riesengebäude. Aber so geschwinde, als ihr meint, werden
wir nicht durchkommen; denn der Weg durch dieses Tor wird sich bis zu drei
Stunden eures Maßes erstrecken. Das Tor bildet sonach einen großartigen Tunnel
und zeigt zugleich die ganze Breite dieses riesigen Gebäudes an. Sehet es aber von
inwendig und zählet alle die Galerien und die nahe zahllosen, tunnelartigen, in
das Innere dieses Gebäudes führenden Bogengänge, und sehet auch zugleich, wie
lebendig es auf diesen Galerien, deren es wohl Hunderte übereinander gibt,
zugeht.
[NS.01_048,16] Was hat wohl dieses
riesenhafte Gebäude für einen Zweck? – Das ist das eigentliche Schulhaus, in
welchem es verschiedene Klassen gibt, wo die jungen Menschen in allem Möglichen
unterrichtet werden.
[NS.01_048,17] Sehet zu ebener Erde dieses
riesigen Gebäudes, – wie da im Hintergrunde der großen, tunnelartigen Gänge
Feuer lodern, und höret ein wenig zu, wie es da knallt und klirrt. Sehet, das
ist die Schule der Schmiede, in welcher sie allerlei Dinge aus Metall
verfertigen lernen. Und so werdet ihr auf jeder Galerie etwas anderes finden.
[NS.01_048,18] Also wissen wir auch, wozu
dieses Gebäude dient. Daher können wir auch dieses verlassen und unsere
Tempelreise weiter fortsetzen.
49. Kapitel – Das Kunstmuseum des Tempels.
[NS.01_049,01] Sehet vor uns eine drei Meilen
breite Fläche mit den herrlichsten Fruchtbäumen reihenweise besetzt. – Gehen
wir durch diese duftenden Alleen, und sehet, hier sind wir schon wieder bei
einem ebensobreiten Wassergraben.
[NS.01_049,02] Was erblicken wir denn über
diesem Wassergraben? – Setzen wir wieder auf Kähnen darüber und tun noch einen
Weg über eine glatte Fläche von etwa einer deutschen Meile!
[NS.01_049,03] Sehet, hier erhebt sich ein
noch kolossaleres Gebäude als das frühere. Es ist zwar nicht so breit, aber
wenigstens noch einmal so hoch wie das frühere. Es hat nach außen hinaus
ebenfalls keine Fenster, aber dafür desto mehr nach innen.
[NS.01_049,04] Das ganze Gebäude ist hier nur
in sieben Etagen eingeteilt, welche sich außen wie innen durch die Farben des
Regenbogens unterscheiden. – Von außen erscheinen die Farben der riesigen Mauer
nur als ununterbrochen fortgesetzte Streifen, welche parallel übereinander
fortlaufen. – Innen aber sind die ungeheuer kolossalen Galerien also gefärbt,
daß da jede eine andere Farbe des Regenbogens hat.
[NS.01_049,05] Jede Galerie hat an und für
sich eine Höhe, daß ihr unter deren Bogengängen gar leicht Europas höchste
Berge hinstellen könntet. Von den Galerien gehen dann in das Gebäude hinein
ebenmäßige Bogengänge.
[NS.01_049,06] Wozu dient denn hernach das
ganze Gebäude? Das ganze Gebäude dient zu höheren geistigen Betrachtungen. Es
ist an und für sich ein Kunstmuseum, in dem allerlei Kunstwerke in jeder
Hinsicht sowohl zur Anschauung als auch zum Studium ausgestellt werden.
[NS.01_049,07] Es könnte jemand fragen: Wozu
denn zu diesem Zweck so unmäßig hohe Gemächer? – Geduldet euch nur ein wenig,
und ihr werdet sogleich erschauen, daß die Sache nicht so unzweckmäßig ist, wie
sie im ersten Augenblick erscheint. Denn das Kunstfach der Bewohner dieses
Gürtels, besonders das Fach derjenigen Mechanik, die zum Bau notwendig ist, ist
außerordentlich großartig und manchmal auch sehr kompliziert, – wie zum
Beispiel ihre außerordentlichen Hebemaschinen, wie auch ihre Wurfmaschinen von
einer nicht selten außerordentlichen Größe und vielfachen Komplikation sind. –
Denket euch nur einmal die Riesenbauten dieser Menschen; denket euch, bis zu
welcher, für euch kaum begreiflichen Höhe sie Steine von mehreren tausend
Zentnern im Gewichte heben. Wenn ihr dieses nur ein wenig beachtet, so wird
euch auch sicher nicht gar zu unbegreiflich sein, daß zur Erreichung solcher
Zwecke auch entsprechende Mittel dasein müssen.
[NS.01_049,08] Wenn Ich nun sage, daß diese
überaus hohen Gemächer angefüllt sind mit dergleichen mechanischen
Kunstprodukten, so werdet ihr sie auch nicht im geringsten für zu hoch finden,
sondern werdet euch noch obendrauf denken müssen, daß in diesen Gemächern nur
Modelle, nicht aber die wirklichen Maschinen der allerverschiedensten Art
aufgestellt sein können.
[NS.01_049,09] Aber ihr werdet sagen: Warum
denn hier sieben Galerien übereinander und jede derselben von für euch so
schauerlicher Höhe? – Solches wird sich dadurch erklären: Nehmet zum Beispiel
nur ein Gerüst an, welches doch notwendig dasein muß, um nicht nur viele
klafter-, sondern im Ernste meilenhohe Gebäude aufzuführen. Ein solches Gerüst
besteht aus sieben Abteilungen, und jede Abteilung ist anders konstruiert; denn
wäre eine wie die andere, so vermöchte die unterste das Gewicht der über ihr
stehenden Abteilungen ja nicht zu tragen. Daher ist hier in diesen sieben
Abteilungen übereinander ein ganzes Gerüst aufgestellt, und zwar in der
Abteilung zu ebener Erde das erste Grundgerüst. – Wird ein Gebäude nicht höher
geführt als diese erste Abteilung an und für sich ist, so genügt
natürlicherweise dieses Gerüst. Wird aber ein Gebäude noch einmal so hoch
geführt, so kann da jedermann in der zweiten Galerie, in dem gerade über dem
Erdgeschoß stehenden Gemache, den Aufsatz oder die zweite Abteilung des
Gerüstes beobachten und zugleich studieren; und so wird da für jede künftige,
höhere Abteilung das Gerüst mit all seinen Bestandteilen weitergeführt. –
Sollte ein Gebäude noch höher geführt werden, wie es bei den Tempeln auch gar
wohl noch der Fall ist, so ist in der nächst anstoßenden Zelle, und zwar zu
ebener Erde, der nächste Aufsatz zu sehen; und über dem wieder die allenfalls
notwendigen anderen, noch höheren Aufsätze. – Nach der Verschiedenheit der
Gebäude gibt es auch verschiedenartige Gerüste, die alle in diesem Kunstmuseum
von Stufe zu Stufe zu sehen sind.
[NS.01_049,10] Also ist es auch der Fall mit
den Hebemaschinen, mit den Zugmaschinen, mit den Wurfmaschinen, mit den
Bindungsmaschinen, mit den Schubmaschinen, mit den Druckmaschinen und noch
mehreren dergleichen Maschinen, welche alle zum Bau solch riesenhafter Gebäude
notwendig sind.
[NS.01_049,11] Nun wüßten wir, zu welchem
Zweck dieses riesenhafte Gebäude dient.
[NS.01_049,12] Sehen wir aber von diesem
Gebäude nun hinweg wieder vorwärts, und wir erblicken abermals ein bei drei
Meilen breites Feld vor uns, welches fürs erste mit allerlei Fruchtbäumen
reichlich besetzt ist, mitten unter den Fruchtbäumen aber auch zugleich von
allerlei kleinen baulichen Versuchen strotzt. Aus allem geht hervor, daß hier
zugleich die Schule der Baukunst zu Hause ist. Daher gibt es hier auch eine
große Menge kleiner Wohnhäuser für Zöglinge sowohl als für Lehrer, denen somit
auch dieser Fruchtgrund zur freien Benutzung zukommt. – Das nächste Gebäude
aber wollen wir erst das nächste Mal in Augenschein nehmen.
50. Kapitel – Die Hochschule der geistigen
Erkenntnisse und der innerste Haupttempel.
[NS.01_050,01] Sehet, hier in einer
Entfernung von etwa einer Meile vom Baumkreis ein staffelförmiges Gebäude,
welches ungefähr aus siebzig Staffeln besteht, wovon jede eine Höhe von tausend
Klaftern hat. In jeder Staffel erblickt ihr vier Stockwerke, welche mit
Fenstern versehen sind, etwa nach der Art wie die gotischen Fenster bei euch
auf der Erde; nur natürlich ein jedes Fenster um wenigstens das Fünfzigfache
größer als bei euch. – Alsdann läßt sich hier fragen (da dieses Gebäude von
aus- und inwendig also staffelförmig erbaut, und jede dieser Staffeln, sowohl
nach außen wie nach innen, mit guten Geländern versehen ist), wozu wohl dieses
Gebäude diene, welches, obschon es ein ziemlich innerer Teil des Tempels ist,
aber dennoch einen Umfang von etlichen siebzig Meilen eures Maßes hat?
[NS.01_050,02] Dieses Gebäude dient
einerseits zur Bildung der höheren geistigen Erkenntnisse und ist zugleich die
Wohnung der Diener des eigentlichen, inneren, größten Tempelheiligtums.
[NS.01_050,03] Diese Diener werden in siebzig
Klassen eingeteilt, und jegliche Klasse hat ihre eigene Beschäftigung im
Tempel. Diejenige Klasse, welche die vier Etagen der ersten Staffel bewohnt,
ist die niederste und gemeinste. Jede eine höhere Staffel bewohnende Klasse ist
dann auch in ihrer Amtssphäre höherstehend und kommt immer seltener zur
Tempelhandlung. Diejenige Klasse, welche die alleroberste, also die siebzigste
Staffel bewohnt, kommt nur äußerst selten von ihrer Höhe herab zum Dienste des
Tempels. Diese Staffel bewohnen demnach auch nur die obersten und tiefweisesten
Priester eines solchen Tempels.
[NS.01_050,04] Ihr werdet hier fragen: Aber
wer bringt denn diesen Menschen die Nahrung auf solche schauerliche Höhe? –
Sehet, dafür ist schon gesorgt; denn eine jede solche, ebenfalls tausend
Klafter breite Staffel ist zugleich ein vollkommener Garten, belegt mit guter,
fruchtbarer Erde und bepflanzt mit allerlei mäßig großen Fruchtbäumen und
anderen wohlgenießbaren Pflanzen und Wurzeln. Auch notwendige Tiere werden
allda gehalten; denn sie haben in diesen Gärten hinreichendes Futter.
[NS.01_050,05] Es fragt sich noch etwas:
Woher kommt denn das Wasser? – Durch großartige und künstliche Wasserleitungen.
Denn dazu werden die Röhren von dem über hundert Meilen hohen Ringgebirgswall
bis zu einem solchen Tempelgebäude gezogen, durch welche dann das Wasser nicht
selten gegen tausend Meilen weit eures Maßes geleitet wird. Auf diese Art und
Weise ist dann auch dieses riesenhafte Staffelgebäude durch vielfache
Wasserleitungen allenthalben reichlichst mit Wasser versorgt. Ja auf diesen
Staffeln sind nicht selten also große Wasserbassins errichtet, daß auf ihnen
die Bewohner mit zierlichen Kähnen weit und breit herumfahren können; und auf
dem Plateau der siebzigsten Staffel sind zwischen den Fruchtbäumen und Gärten
sogar eine Menge Springbrunnen angebracht, wo das Wasser aus ziemlich hohen
Obelisksäulen emporschießt und dann als ein reichlicher Regen in ein bedeutend
großes Wasserbassin herabfällt.
[NS.01_050,06] Aber ihr werdet hier wieder
sagen: Die Wohnungen aber werden feucht sein müssen, wenn das ganze Gebäude
allenthalben also bewässert ist! – Sorget euch nicht darum! Denn dieses Gebäude
ist aus lauter massiven Quadersteinen also zusammengekittet, daß es förmlich
als ein überaus festes Schöpfungswerk zu betrachten ist. Durch diese nicht
selten bei hundert Klafter dicken Mauerwerke dringt kein Tropfen Wasser
hindurch; und das durch dieses Gewässer ganz unmerklich angesogene Mauerwerk
wird durch die tüchtige Wärme der Sonne stets sogleich wieder getrocknet, daß
da in den Gemächern nicht die allerleiseste Spur von Feuchtigkeit zu gewahren
ist.
[NS.01_050,07] Auf dieses Gebäudes Staffeln
kann man sowohl innen durch zahllose Stufen und Treppen, wie auch außen auf
gerade gelegten, überaus bequemen und breiten Staffeln gelangen. Ihr würdet
zwar auf diesen Staffeln nicht gut vorwärts kommen, da eine jede Staffel zwei
Klafter hoch ist; aber für die sechzehn bis zwanzig Klafter großen Bewohner
dieses Gürtels gehören dergleichen Staffeln zu den bequemsten, da sie auch
Staffeln haben, wovon jede Stufe vier bis fünf Klafter hoch ist.
[NS.01_050,08] Neben einer jeden Stufenreihe,
die außen bis zur höchsten Höhe hinaufführt und auf beiden Seiten mit tüchtigen
Geländern versehen ist, führt, auch besonders nach dem innern Teil des Gebäudes
hinein, eine sogenannte Rutschbahn. Diese dient etwa nicht dazu, als sollten
die Menschen auf derselben herabrutschen; sondern sie dient vielmehr dazu, wozu
bei euch die sogenannten Ausgüsse dienen. Denn diese Bahn ist eine offene
Halbröhre; und es kann in dieselbe von einer jeden Staffel alles Unbrauchbare
wie auch aller Unrat hineingeworfen werden, wonach er dann in diesem Schlauch
hinabrutscht; und bleibt irgend etwas stecken oder hängen, so wird solches
entweder durch einen nachgelassenen Wasserstrahl fortgeschwemmt, oder es kann
auch über das Geländer der Stufen hinaus abgekehrt werden.
[NS.01_050,09] Da wir dieses Gebäude links
und rechts als ein Staffelwerk gesehen haben, so wird es von selbst
einleuchtend sein, daß es ein gleiches Dreieck bilden würde, so wir es irgend
mitten durchschneiden würden. Daraus geht aber hervor, daß es unten zu ebener
Erde nahe ebenso breit sein muß, als es von der Erde bis zur höchsten Staffel
hoch ist. Aus diesem Grunde hat es dann ebenfalls auch einen Durchmesser von
siebzigtausend Klaftern. Und die Eingangs- und Durchgangstore sind demnach auch
nichts anderes als bei tausend Klafter hohe und bei hundert Klafter breite
Tunnels, die im Innern sogar durch künstliche Leuchten erleuchtet werden
müssen. Solches ist aber in diesem Gürtel, wie auch in anderen Gürteln, eben nicht
so kostspielig, als ihr meinet. Denn es gibt in der Sonne eine überaus große
Menge weißer Steine, welche so stark von sich selbst leuchten, daß ihr das
Licht eines solchen Steines so wenig ertragen würdet als das Licht der Sonne
selbst am hellen Mittag. Aus diesem Stein werden große, etwa bei zwei Klafter
im Durchmesser habende Kugeln gemeißelt und dann sowohl in solchen weiten
Tunneln, wie auch in den inneren Gemächern dieses Gebäudes, in gerechten
Entfernungen auf viereckige Postamente gestellt. Dadurch werden dann sowohl die
Tunnel als die inneren Gemächer sogar noch um einige Grade stärker erleuchtet,
als euer Erdkörper erleuchtet ist am hellen Mittage. – Dieses Licht ist in der
Sonne freilich ums ziemliche schwächer als das äußere Naturlicht; aber
dessenungeachtet noch immer hinreichend stark, um alles recht deutlich
auszunehmen und zu beschauen.
[NS.01_050,10] Solcher Eingänge oder vielmehr
Durchgänge gibt es bei tausend durch dieses riesenhafte Gebäude. Wenn ihr
imstande seid, eure Phantasie ein wenig zu beleben, so wird euch das Großartige
und Wunderbare dieses Gebäudes nicht entgehen. – Gehet mit den Füßen eurer
Phantasie auch hinauf auf die siebzigste Staffelei dieses Gebäudes und blicket
von dieser hohen Terrasse in die fernen Gegenden herum wie auch auf alle diese
Gebäude, die wir bisher schon kennengelernt haben, so werdet ihr euch von der
außerordentlichen Pracht und Größe eines solchen Gebäudes überzeugen.
[NS.01_050,11] Kehret euch aber auf eben
dieser hohen Terrasse, welche schon über siebzehn Meilen dem Erdboden entrückt
ist, um und blicket in den innern Raum dieses Gebäudes, so werdet ihr schon den
eigentlichen Tempel in keiner weiten Ferne mehr erblicken.
[NS.01_050,12] Sehet, dieses (Tempel-)Gebäude
sieht keinem Gebäude gleich, sondern es ist vielmehr ein Berg von etwa einer
Höhe von zwanzig Meilen eures Maßes; sein Umfang dürfte auch kaum mehr
betragen. Und so sieht dieser eigentliche Tempel mehr einem (keineswegs
symmetrisch, sondern wie zufällig erbauten oder hingestellten) riesenhaften
gotischen Turme gleich, allda sich Spitzen über Spitzen und Zinnen über Zinnen
erheben.
[NS.01_050,13] Dieser Tempel ist von tausend
und tausend hohen Gewölben durchbrochen, und allenthalben seht ihr sowohl innen
wie außen Staffeln emporsteigen. Die höchsten Spitzen dieses Tempels verlieren
sich schon mehr und mehr dem Auge des Beschauers in den lichten Dunstkreis der
Sonne; nur hier und da erblicket ihr noch einzelne Spitzen gleich hellen
Sternen herab in die Tiefe blitzen.
[NS.01_050,14] Dieses ganze Gebäude, wie ihr
in eurer Phantasie es mit ansehen könnt, ist aus lauter, euch schon bekannten,
weißen Glanzsteinen erbaut und ist dadurch innen wie außen überall gleich hell.
– Wenn ihr mit euren Augen euch einem solchen Tempel nur auf hundert Meilen nahen
würdet, so würde euch das gewaltige Leuchten desselben plötzlich erblinden
machen; denn im Freien glänzt dieser Stein noch ums Tausendfache stärker, als
das freie Licht der Sonne von eurer Erde aus betrachtet. Aber für die Augen der
Bewohner dieses Gürtels hat ein solches Gestein nur ungefähr denselben Grad des
Lichtes wie bei euch eine Schneefläche, wenn sie von der Sonne beschienen wird.
[NS.01_050,15] Wie aber die Bewohner in einem
solchen Tempel Gott verehren, davon wird erst bei Gelegenheit der Religion
dieser Bewohner die Rede sein.
[NS.01_050,16] So hätten wir denn nun
gesehen, wie ein solcher Tempel bei den Bewohnern dieses Sonnengürtels
aussieht, und welche Größe er hat, und können somit wohl den Vergleich machen,
welche von den drei Gebäudegattungen die großartigste und riesenhafteste ist.
[NS.01_050,17] Wenn ihr die Sache recht
betrachtet, so müßt ihr offenbar sagen: Die große Straße bleibt noch immer der
riesenhafteste Mittelpunkt baulicher Größe der Bewohner dieses Gürtels. – Was
aber eigentlich die wunderbare, überaus mannigfaltige Baukunst betrifft, so
steht ein solcher Tempel im Vergleich mit der Straße sicher höher und erscheint
gewisserart als Höhepunkt der künstlerischen Baugröße der Bewohner dieses
Gürtels.
[NS.01_050,18] Daß ein solcher gesamter
Tempel auch von mehreren Millionen Menschen bewohnt wird, braucht kaum noch
hinzu erwähnt zu werden. – Wie viele solcher Tempel mögen wohl in diesem
Sonnengürtel vorkommen? – Nicht eben gar so viele. Mehr als zehn dürftet ihr
wohl schwerlich finden. – Wie groß ist denn hernach der Bezirk eines solchen
Tempels? – Dem Raume nach dürfte er wohl größer sein als auf eurer Erde Europa,
Asien und Afrika zusammen.
[NS.01_050,19] Wieviel Wohnhäuser dürften
hernach auf einen solchen Bezirk kommen? Der Zahl nach eben auch nicht gar zu
viele, vielmehr dürfte die Zahl sich nur hier und da um zwei Einheiten über die
Zahl zehn belaufen. – Fragt ihr aber dabei um die Zahl der Menschen, so dürfte
dieselbe wohl auch auf ziemlich viele Millionen zu stehen kommen. Denn solches
wisset ihr schon, daß die Wohnhäuser überaus bevölkert sind, daß sogar in
manchem Wohnhause zwei bis drei Millionen Menschen leben. Rechnet ihr noch dazu
die mehreren Millionen Tempelbewohner, so dürfte euch der Bezirk in Hinsicht
der Bewohner sicher großzähliger erscheinen, als die Zahl der Tempel und
Wohnhäuser vermuten läßt.
[NS.01_050,20] Alles andere Land, bis auf die
tiefstgelegenen Ufergegenden des Meeres, wird zum Frucht- und Baumanbau
verwendet. Talgegenden werden zumeist mit Wäldern bepflanzt, deren riesige
Bäume dann zu den verschiedenartigen Bauten verwendet werden. Hochebenen und
selbst die nicht gar zu steilen Hügelabhänge aber werden samt und sämtlich zur
Anpflanzung fruchttragender Bäume wie auch anderer Pflanzen verwendet.
[NS.01_050,21] Wohnhäuser und Tempel aber
werden allzeit auf solchen Stellen erbaut die sonst weder für die eine noch die
andere Fruchtgattung gut taugen; gewöhnlich werden dazu sehr steinige
Landgebiete verwendet. An der Hauptstraße gibt es wohl auch Kleinhäuser, wovon
eines nur von höchstens hundert Menschen bewohnt werden kann; daher sind diese
Häuser auch stets nur in geringen Entfernungen voneinander errichtet. Die
Entfernungen betragen nach Verschiedenheit des Geländes höchstens zehn, zwanzig
bis dreißig Meilen. Die Bewohner dieser Häuser führen die Aufsicht über die
Straße und müssen auch kleine Mängel derselben ausbessern. Geschieht irgendwo
ein größerer Schaden, so muß solches den Tempelbauleuten angezeigt werden.
[NS.01_050,22] Das ist jetzt aber auch alles,
was wir in äußerer, naturmäßiger Hinsicht auf diesem Gürtel als denkwürdig zu
beachten haben. Und so wollen wir uns denn nächstens wieder zu den drei
Verfassungen, nämlich der häuslichen, staatlichen und religiösen, wenden. – Und
somit gut für heute!
51. Kapitel – Häusliche, staatliche und
religiöse Verhältnisse auf dem sechsten Gürtelpaar.
[NS.01_051,01] Ihr werdet euch wohl
vorstellen und bei euch selbst sagen: Wo es so große Häuser gibt, da wird es
wohl auch überaus große häusliche Verfassungen geben müssen, damit ein solches
Haus in der gerechten Ordnung erhalten werden möchte. Allein solches ist hier
mitnichten der Fall. Bei aller Großartigkeit des Hauses ist dennoch dessen
Verfassung so höchst einfach, als ihr sie euch nur immer vorstellen möget. Und
mit der häuslichen Verfassung ist auch zugleich die staatliche in eins
zusammengeschmolzen.
[NS.01_051,02] Als einziges, was die
häusliche Verfassung betrifft, ist besonders zu beachten: daß da jede
Parteifamilie ihre Wohnung in steter, guter Ordnung und Reinheit zu erhalten
hat; und ist allenfalls an dem großen Wohnhause irgendein beträchtlicher
Schaden entstanden, welches zwar überaus selten zu geschehen pflegt, so müssen
alle Glieder und Bewohner des großen Hauses zusammengreifen und den Schaden wieder
ausbessern.
[NS.01_051,03] Ferner gehört noch zur
häuslichen Verfassung, daß die Bewohner des ersten Stockwerkes, oder vielmehr
des ersten Randgebäudes, die weitesten Gründe, die des zweiten Stockwerkes die
etwas näheren, die Bewohner des dritten Stockwerkes die noch näheren, und so
fort die Bewohner der höheren Stockwerke die immer näheren Gründe zu benutzen
haben.
[NS.01_051,04] Ferner ist noch eine
Hausregel, daß die Häuser bis zum sechsten Stockwerk keine Wasserleitungen
haben dürfen, da sie wegen der geringen Höhe der Wohngebäude das nötige Wasser
ohnehin leicht in ihre Wohngebäude bringen. Vom sechsten Stockwerkgebäude aber
angefangen, muß jedes Wohnhaus mit Wasserleitungen versehen sein. – Also dürfen
auch auf den obersten Terrassen der fünf ersten Gebäude keine Anpflanzungen
geschehen; auf den hohen Terrassen der nächsten Gebäude aber können schon
Gärten angelegt werden, in denen genießbare Pflanzen und Wurzelfrüchte gezogen
werden.
[NS.01_051,05] So haben auch die Jüngeren
immer die Verpflichtung, die höheren Stockwerke eines und desselben Hauses zu
bewohnen. Die Stammväter aber wohnen allzeit in dem inwendigsten Gebäude,
welches zugleich das höchste und prachtvollste ist.
[NS.01_051,06] Diese Stammväter haben dann
auch den inwendigen, großen Garten zu benutzen und bewohnen auch darum dieses
höchste Gebäude, damit sie von der hohen Terrasse dieses Gebäudes alle anderen
übersehen können. Wenn sie auch gerade nicht in eigener Person allzeit solches
zu tun pflegen, so haben sie aber an ihrer Statt stets einige Wächter auf der
höchsten Terrasse aufgestellt, welche wechselweise das ganze Wohnhaus zu
übersehen und den Patriarchen sogleich Nachricht zu geben haben, sobald sich
nur immer irgendwo etwas zeigt, das da in einer kleinen Unordnung den Grund
haben dürfte. Zu dergleichen Erscheinungen gehört irgendein ungewöhnlich
emporsteigender Rauch oder auch eine Staubwolke. – Im übrigen aber hat ohnehin
jeder Einwohner des Hauses die unausweichliche Verpflichtung, was immer für ein
Ereignis sogleich an das Patriarchat anzuzeigen.
[NS.01_051,07] Dann besteht ebenfalls eine
staatlich-häusliche Verfassung, derzufolge alle Kinder männlichen Geschlechtes
zum Unterricht in den Tempel gebracht werden müssen. Nur das weibliche
Geschlecht wird daheim für die betreffende Hauswirtschaft erzogen.
[NS.01_051,08] Wenn die Knaben aus den
Tempelschulen wieder heimkehren, müssen sie vor den bestehenden Patriarchen
Prüfungen ablegen über die Tauglichkeit, die sie sich in den Tempelschulen zu
eigen gemacht haben. – Werden sie für vollkommen befunden, so können sie
alsbald ehelichen und eine Wohnung für sich beziehen, deren es natürlich in
einem so großen Wohngebäude eine Menge zu solchen Zwecken im Vorrate gibt. –
Werden sie aber nicht vollkommen befunden, so müssen sie sich schon wieder
gefallen lassen, noch einmal in dem Tempel den ziemlich gestrengen Lehrern
einen eben nicht gar zu willkommenen Besuch zu machen. Dieser Besuch mundet
weder den Lehrern noch den wiederkommenden Schülern, weil sich fürs erste die
Lehrer dadurch kritisiert erschauen, wenn irgend Patriarchen mit ihren Schülern
nicht zufrieden sind. Die Schüler werden dann aus diesem Grunde eben auch nicht
auf die ausgezeichnetste Weise von den Lehrern empfangen, und der nachträgliche
Unterricht wird auch allzeit ums Bedeutende unbarmherziger erteilt als der
erste. – Da aber dann solche Schüler gewöhnlich bedeutend fleißiger sind als
diejenigen, welche das erstemal in der Tempelschule sind, so geschieht es nicht
selten, daß solche sehr geschickte Repetenten mit der Zeit selbst zu angehenden
Tempellehrern werden und auf diese Weise sonach eben nicht gar zu schweren
Herzens, wie ihr zu sagen pflegt, ein leichtes Kreuz über ihre Heimat machen.
Denn die Tempelbewohner, besonders die Lehrer, stehen in einem überaus großen
Ansehen, aus welchem Grunde einer auch lieber ein kleines Häuschen in dem uns
schon bekannten Garten des Tempels bewohnt, als daß er ein erster Patriarch in
einem Wohnhause sei.
[NS.01_051,09] Das wären aber sonach auch im
wesentlichen alle häuslichen und staatlichen Regeln beisammen, das heißt, die
da ein oder das andere Wohnhaus für sich beachtet. – Es gibt da nur noch
nachbarliche Verhältnisse, vermöge welcher jeder Bewohner eines Wohnhauses bei
außerordentlichen Fällen die Unterstützung zweier nachbarlicher Wohnhäuser
ansprechen kann und darf, welche ihm dann auch ohne Widerrede nach seinem
Verlangen gewährt werden muß. Sollte jedoch irgendwo ein ganz neues Wohnhaus
errichtet werden, so darf solches niemals ohne den Tempelrat und ohne die
Gutheißung des obersten Priesters geschehen. – Das wäre hernach auch das äußere
staatliche Verhältnis.
[NS.01_051,10] Daß natürlich alle Wohnhäuser
in allgemeinen Sachen dem Tempel die pünktlichste Folge zu leisten haben, wird
sich in dem materiellen Teil der Religion deutlich bekunden.
[NS.01_051,11] Da wir so mit diesen zwei
ersten Verfassungen zu Ende sind, können wir uns füglichermaßen zur Religion
der Bewohner dieses Gürtels wenden. Damit wir aber diesen wichtigsten Zweig so
vollkommen als möglich und dann auch so kurz als möglich beschauen mögen, wird
es nötig sein, die Religion in zwei Teile, nämlich in den materiellen und in
den geistigen, zu scheiden.
[NS.01_051,12] Und wir wollen daher auch
sogleich die erste Frage stellen: Worin besteht denn allhier der materielle
oder, besser gesagt, der werktätige Teil der Religion der Bewohner dieses
Gürtels? – Dieser besteht in nichts anderem, als daß da jedermann alles, was er
nur immer tut, zur Ehre Gottes tun solle; und soll daher auch seine Handlung
wohl prüfen, ob diese zur Ehre Gottes tauge. Kann eine solche Handlung, das
heißt eigentlich die Vornahme zu einer bevorstehenden Handlung, von jemandem
nicht vollkommen als Gottes würdig erkannt werden, so hat dann ein solcher die
Verpflichtung, seine beabsichtigte Handlung vor dem häuslichen Patriarchat
kundzugeben und durchprüfen zu lassen, ob sie zur Ehre Gottes tauge oder nicht;
wird sie hier als tauglich bezweifelt, so muß er solches ohne weiteres vor die
Hohepriesterschaft des Tempels bringen. Hat diese die vorgenommene Handlung als
zur Ehre Gottes für tauglich erkannt, so kann der Vorhaber seine Handlung ohne
weiteres ins Werk setzen; wird sie aber da nicht für Gottes würdig erkannt, so
muß der betreffende Anfrager fürs erste sogleich von seinem Vorhaben abstehen
und fürs zweite für sein der Ehre Gottes unwürdiges Vorhaben eine Art Buße
verrichten. Diese besteht darin, daß er eine bestimmte Zeitlang in dem Tempel
irgendeinen untergeordneten Dienst versehen muß, wonach er sich dann wieder in
seine Heimat begeben kann.
[NS.01_051,13] Das wäre somit eine Regel des
materiellen Teils der Religion. – Eine zweite Regel besteht darin, daß alle
Bewohner eines Hauses im Verlaufe von sieben oder auch zehn Sternlichtzeiten
sich einmal zur Ehre Gottes im Tempel einfinden müssen, um allda die Lehren
über Gott aus dem Munde der Hohenpriester in den verschiedenen Gemächern des
Tempels zu vernehmen.
[NS.01_051,14] So hat auch jedermann die
Verpflichtung, einmal in seinem ganzen Leben die höchste Spitze des Tempels zu
ersteigen und allda seinen Dank für alles Empfangene und seine Bitte für alles
noch Künftige Gott vorzutragen.
[NS.01_051,15] Also hat auch ein jeder
Bewohner die Verpflichtung, nach Ablauf von zehn Sternlichtzeiten, von denen
eine gewöhnlich etwas über neunundzwanzig Tage eurer Zeitrechnung andauert,
einen gewissen Teil von den Hauptfrüchten seiner drei Hauptbäume an den Tempel
abzuliefern.
[NS.01_051,16] Dann ferner, da die
Hauptstraße ein Eigentum der Tempel ist, welche gewöhnlich allzeit in der Nähe
dieser Hauptstraße erbaut sind, so muß ein jeder Hausinwohner allzeit bereit
sein, mit all seinen Kräften, im Falle der Notwendigkeit, zur Erhaltung dieser
Straße beizutragen.
[NS.01_051,17] Es wird hier sicher jemand
fragen: Zu welchem Zweck ist denn eigentlich diese Straße erbaut? – Der erste
Hauptzweck ist, daß durch diese Straße die Verbindung und die Einheit aller
Bewohner dieses Gürtels, und somit auch aller Tempel, zur Ehre Gottes
bewerkstelligt wird. – Ein zweiter Zweck dieser Straße aber ist, daß besonders
diejenigen Menschen männlichen Geschlechts, welche Oberpriester werden wollen,
Zeugnisse von allen bestehenden Tempeln haben müssen, daß sie zur Ehre Gottes
diese ganze, bei zweimalhunderttausend Meilen eures Maßes lange Straße
überwandert und dadurch die Bekanntschaft mit allen Tempeln gemacht haben. –
Das ist somit der zweite Zweck dieser Straße. – Der dritte Zweck aber besteht
auch darin, daß eben auf dieser Straße jedermann, der da Lust hat, sich viele
Kenntnisse und Fertigkeiten zu sammeln, die schnellsten und zugleich bequemsten
Reisen machen kann.
[NS.01_051,18] Denn auch hier hat man eine
Art Wagen, mit denen man überaus schnell über die ebene Straße dahinfährt. Die
Wagen werden aber nicht von Tieren, noch weniger von Menschen gezogen, sondern
sie werden durch eine eigene Maschine in eine so schnelle Bewegung gebracht,
daß, wenn sie so im schnellsten Zuge sind, eine abgeschossene Kanonenkugel sie
nimmer einholen würde.
[NS.01_051,19] Wer hat denn für diese Wagen
zu sorgen? – Fürs erste die Bauleitungen des Tempels; fürs zweite aber haben
wir schon gehört, daß da an der Straße überall kleine Wohnhäuser bestehen,
deren Einwohner fortwährend die Straße zu überwachen haben; ein jeder Einwohner
eines solchen Straßenhauses muß dann auch beständig mit einer bedeutenden
Anzahl solcher Wagen versehen sein, welche immer in Bereitschaft sein müssen,
um allfällige Reisende aufzunehmen und bis zur nächsten Station
weiterzubefördern. – Solches gehört eben auch, als vom Tempel Ausgehendes, in
den materiellen Teil der Religion. – Nächstens die Fortsetzung.
52. Kapitel – Weiteres über die Religion der
Bewohner des sechsten Gürtelpaares.
[NS.01_052,01] Ferner besteht vom Tempel aus
eine Regel, vermöge welcher alle Seitenstraßen sich mit der Hauptstraße
vereinen müssen. Auch muß von jeglichem Wohnhause eine gute, fahrbare Straße
sowohl zum Tempel als auch zur Hauptstraße bewerkstelligt sein, und jede Straße
muß gerade sein.
[NS.01_052,02] Muß eine Straße irgend bergauf
gehen, so darf sie deswegen keine Windungen machen, um zur höher gelegenen
Hauptstraße zu gelangen, sondern muß ebenfalls über Hügel und Gräben errichtet
sein und sachte steigen, so lange, bis sie die Hauptstraße erreicht. Sind bei
dieser Gelegenheit bedeutende Geländeschwierigkeiten vorhanden, so muß solches
dem Tempel angezeigt werden. Und sobald werden dann vom Tempel aus die Nachbarn
berufen, um einem oder dem andern Hause das Werk vollenden zu helfen; und
solches tun sie dann auch alsogleich ohne Widerrede. – Ist aber irgendein
Wohnhaus höher gelegen als die Hauptstraße, so darf der Weg nicht etwa sich
winkelrecht mit der Hauptstraße verbinden, sondern muß eine solche Wendung
nehmen, daß er sich wenigstens in einem Winkel von fünfundvierzig Grad mit der
Straße verbindet.
[NS.01_052,03] Auch darf kein Seitenweg sich
entgegengesetzt mit der Straße verbinden, etwa vom Aufgang der Sterne her,
sondern allzeit vom Niedergange her, damit da niemand von seiner Wohnung zur
Hauptstraße sich gegen den Niedergang, sondern jedermann sich gegen den Aufgang
bewegen muß.
[NS.01_052,04] Ferner besteht wieder eine
Regel, derzufolge niemand über den hohen Gebirgsringwall steigen darf, weil
jenseits in dem fünften Gürtel, bald nach einer kleinen Abdachung, die endlos tiefen
Steilen folgen, über die niemand weiter einen Fuß ohne die
alleraugenscheinlichste Lebensgefahr zu setzen vermag. Denn die Bewohner dieses
sechsten Gürtels können wohl von dem höchsten Ringgebirgswall in den fünften
Gürtel schauen, ersehen aber allda nichts als ein endlos großes Meer. Von den
Ländern des fünften Gürtels aber können sie vermöge der zu großen Entfernung
nichts entdecken.
[NS.01_052,05] Daher sind sie auch der
Meinung, daß mit diesen Gebirgshöhen die Welt aufhört, und dann ewige Gewässer
anfangen. Von ihrer eigenen Welt aber haben sie die Vorstellung, als sei sie
ein großer Ring, der zwar um und um über die großen Gewässer hervorragt, aber
innerlich hohl und von den großen Gewässern allein nur ausgefüllt sei. – Dieses
ist also die Volksidee. – Die ersten Weisen des Tempels aber wissen, da sie
auch mit den Geistern in Verbindung stehen, gar wohl, welch eine Bewandtnis es
mit ihrer Welt hat, aber sie teilen solches dem Volke nicht mit; denn sie
sagen: Wüßte unser Volk, daß die Welt, die wir bewohnen, noch bei weitem größer
ist als der Teil, den wir bewohnen, – so würde es unter den großen
Gebirgsringwall einen Tunnel graben, durch denselben riesige Fahrzeuge an das
jenseitige Meer setzen und das Land anderer Völker besteigen. Solches aber ist
nicht der göttliche Wille. Also soll das Volk auch bei seiner unschuldigen Idee
von seiner Welt verbleiben und da allzeit bereit sein, zur Ehre des großen,
allmächtigen Gottes zu dienen.
[NS.01_052,06] Das wäre demnach wieder eine
Regel. – Ferner besteht noch eine Regel darin, daß alle Straßenhäuser beständig
mit reichlichen Eßwaren versehen sein müssen, um damit die reisenden Gäste
bewirten zu können. Aus diesem Grunde aber hat dann auch jedes Wohnhaus die
Verpflichtung über sich, die in seinem Bezirk vorkommenden Straßenhäuser damit
zu versehen. – Sind hier und da manche Wohnhäuser der Hauptstraße zu fern
entlegen, so müssen sie ihren Teil bis zu den Nachbarn befördern, welche dann
denselben an die Straßenhäuser abliefern. – Das wäre somit alles Wesentliche,
was den äußeren, werktätigen Teil ihrer Religion ausmacht.
[NS.01_052,07] Worin besteht denn dann der
geistige Teil? – Der geistige Teil besteht in ganz einfachen Grundlehren über
Gott, die jedermann wissen und somit auch in dem werktätigen Teil seiner
Religion treulichst befolgen muß. – Wie lauten denn demnach diese Grundsätze? –
Diese Grundsätze lauten also, wie da folgt:
[NS.01_052,08] Gott ist ein alleiniges Wesen
und hat kein Wesen mehr außer Sich, das da wäre wie Er. – Er ist daher allein
über alles mächtig, über alles erhaben, über alles heilig und voll der
allerhöchsten Ehre. Sein Geschäft ist die Freiheit Seines Willens. Und Seine
Weisheit ist die Beachtung Seiner eigenen, ewigen Ordnung. Er ist der Schöpfer
aller Dinge. Alles, was Er macht, macht Er aus Seinem Willen; die Elemente sind
Seine Gedanken, und Sein Wille formt sie zu Wesen. Er bedarf keiner Materie,
wenn Er eine Welt baut, sondern die Materie sind Seine Gedanken, und Sein Wille
ist der Baumeister nach der ewigen Ordnung in Ihm. Wir können Gott vorerst
nicht anders erkennen als aus Seinen Werken, welche uns Seine große Macht und
Seine große Ehre verkündigen. Darum können wir Gott auch nicht anders ehren,
als so wir Seine Natur nachahmen und aus der von Ihm gegebenen Materie Werke nach
der Freiheit unserer Erkenntnis zu Seiner Ehre errichten. Gott bedarf zwar
unserer Werke nicht; denn Größeres erschafft Er in einem Augenblick, als wir
mit all unserer Kraft in vielen Jahrtausenden. Dennoch aber bauen wir Werke, so
groß und erhaben wir sie nur können, um dadurch Ihm werktätig darzutun, daß wir
von Seiner ewig unendlichen Ehre unserem ganzen Wesen nach durchdrungen sind.
Wenn wir auch noch so Großes errichtet haben, und haben darob von Gott kein Lob
empfangen, so soll uns aber das dennoch nicht abhalten, noch immer Größeres zu
tun. Denn wie sollten auch all unsere noch so großen Werke eines göttlichen
Lobes sich erfreuen können, da sie alle zusammengenommen nichts vor Seinen
Augen sind!? – Wenn aber Gott auch schon nicht auf unsere Werke sieht, so sieht
Er aber doch auf unsern Willen und auf unsere Ausharrung zu Seiner Ehre. Und so
werden wir von Ihm nicht zufolge unserer Werke, sondern nur zufolge der
Beharrlichkeit unseres Willens gesegnet.
[NS.01_052,09] Da wir aber wissen, wonach
sich Gottes Wohlgefallen richtet, so richten wir uns auch danach, daß wir uns
allzeit dieses Wohlgefallens würdig machen können. – Um sich aber Gott
wohlgefällig zu machen, muß ein jeder folgende Haupttugenden in sich
unerläßlich beachten:
[NS.01_052,10] Erstens: Weil Gott der
Allerhöchste ist, müssen wir die Allerniedrigsten sein. – Zweitens: Weil Gott
allein nur allmächtig ist, so müssen wir allzeit unsere Ohnmacht vor Ihm
bekennen. – Drittens: Weil Gott voll der höchsten Ehre ist, so müssen wir
allzeit voll der tiefsten Demut sein. – Viertens: Weil Gott über alles heilig
ist, so müssen sich allzeit unsere Knie vor Seinem Namen beugen. – Fünftens: Da
Gott allein nur alle Dinge angehören, so dürfen wir sie uns nie zueignen und
müssen Ihm allzeit dankbar sein für jede Gabe, und wäre sie nur ein einziger
Wassertropfen; denn auch einen Wassertropfen vermag der Mensch nicht zu
erschaffen. – Sechstens: Da in Gott allein alle Kraft und Macht ist, so soll
ein jeder wissen, daß auch seine Kraft aus Gott ist, und daher auch niemand
ohne Gott etwas zu tun vermag; wem aber Gott Seine Kraft verleiht, der vermag
alles. Gott aber wird niemandem eine erbetene Kraft vorenthalten, wenn er
dieselbe nur zu Seiner Ehre verwenden will. – Siebtens: Die größte Ehre, die
wir aber Gott bezeugen können, besteht darin, daß wir uns gegenseitig lieben
und achten und aus dieser Liebe und Achtung dann auch in Seinem Heiligtume es
wagen, in aller Demut unseres Herzens Ihn Selbst zu lieben.
[NS.01_052,11] Sehet, in dem besteht nun das
ganze geistige Wesen der Religion der Bewohner dieses Gürtels; aber ja nicht
etwa allein in Worten, sondern allzeit vollkommen ernstlich in der Tat. – Daher
es aber auch für alle Bewohner dieses Gürtels die größte Seligkeit ist, den
Tempel zu besuchen und allda Gott die Ehre ihres Herzens geben zu können.
[NS.01_052,12] Und somit wären wir auch mit
diesem Gürtel vollends fertig und wollen uns daher fürs nächste Mal auf den
siebenten und letzten Gürtel der Sonne begeben. – Daß übrigens auf dem sechsten
südlichen Gürtel sich alles genauso verhält wie auf dem nördlichen, ist ohnehin
schon bei Gelegenheiten erwähnt worden.
53. Kapitel – Das siebente Gürtelpaar –
entsprechend dem lange unbekannten Planeten Neptun (Miron).
[NS.01_053,01] Da auch dieser siebente
Gürtel, den wir jetzt besuchen wollen, einem euch jetzt noch unbekannten
Planeten entspricht, so wird es, um sich von diesem Gürtel einen vollkommenen
Begriff machen zu können, notwendig sein, auch hier dem Planeten einen kurzen
Besuch abzustatten, – da fürs erste ohne die Bekanntschaft mit dem Planeten der
Sonnengürtel ohne Entsprechung dastünde, und fürs zweite dieser auch nicht so
gründlich beschaut und erkannt werden könnte, wenn nicht zuvor sein
korrespondierender Planet einigermaßen wenigstens beschaut und erkannt würde.
[NS.01_053,02] Also können wir uns
füglichermaßen sogleich zu diesem Planeten wenden. – Damit wir aber einen
Anhaltspunkt haben, um ihn in die Reihe der Planeten zu stellen, so wird es
notwendig sein, ihm vorerst einen Namen zu geben. Demnach fragt es sich, da
dieser Planet bisher von eurer Seite noch keinen Namen hat, welchen man ihm
beilegen solle? – Ihr würdet da sagen: Das ist wohl gleichgültig, wenn er nur
einen Namen hat, laute er wie er wolle; man wird sich dennoch allzeit dasselbe
unter diesem Namen vorstellen.
[NS.01_053,03] Im Grunde hättet ihr freilich
wohl recht. Aber wenn ihr bedenket, daß der Name eines Dinges eben nicht so
gleichgültig ist, wie es ein oder der andere denken möchte, so wird es wohl
auch hier sehr darauf ankommen, daß wir diesem Planeten keinen Ehren-, sondern
einen wahren Namen beilegen. – Wo werden wir aber diesen finden? – Auf der Erde
sicher nicht; denn diese weiß noch nichts von ihm. – In dem entsprechenden
Sonnengürtel etwa? – Diesen kennen wir noch nicht. – Es wird somit am besten sein,
diesem Planeten den Namen zu geben, den er von seinen Bewohnern hat. – Ihr
würdet hier freilich wohl sagen: Aber diese kennen wir ja auch nicht. – Ich
aber sage: Wenn auch ihr sie nicht kennt, so kenne doch Ich sie und weiß sehr
genau, wie sie ihren Planeten nennen. – Nun fragt es sich: Wie heißt denn
einmal dieser Planet? – Miron, was so viel besagt als: „Welt der Wunder“ – ist
sein Name.
[NS.01_053,04] Sehet, aus diesem rechten
Namen geht schon der erste Begriff hervor, und er sagt gewisserart mit einem
Wort, was es mit diesem Planeten für eine Bewandtnis hat. Die Folge wird aber
die Sache noch mehr rechtfertigen. – Und so können wir uns denn schon auf die
ersten Elemente des Planeten Miron einlassen.
[NS.01_053,05] Wie weit ist er denn von der
Sonne entfernt? – Etwas über eintausend Millionen Meilen in der größten
Sonnenferne. – Wie groß ist er denn? Er ist seiner Größe nach ein Planet, der
da zwischen dem Uranus und dem Saturn das Mittel halten dürfte, also um
anderthalbtausendmal größer als eure Erde. – Was aber seinen Luftkreis
betrifft, so ist dieser größer als der Luftkreis des Planeten Jupiter und hat
einen Durchmesser von beinahe einmalhunderttausend eurer Meilen.
[NS.01_053,06] Wie schnell bewegt er sich
denn um die Sonne? – Da dieser Planet eine sehr langsame Bewegung hat, so
braucht er wohl nahe fünfhundert Jahre, bis er einmal seine Bahn um die Sonne
vollendet.
[NS.01_053,07] Hat dieser Planet auch Monde?
– Dieser Planet hat zehn Monde, welche in verschiedenen Entfernungen um ihn
herumkreisen und durch ihre verschiedenen Stellungen die Nachtzeit dieses
Planeten ziemlich gut erleuchten. – Sie sind von ihm ziemlich weit entfernt, so
daß der erste schon über sechzigtausend Meilen von ihm absteht, und der letzte
sich über eine Million Meilen von ihm entfernt hält. – Nach der Umlaufszeit
dieses letzten Mondes, zu welcher er beinahe dreizehn eurer Monate braucht,
werden dort auch die Jahre gezählt. Die Sonnenjahre dagegen werden dort nicht
gezählt, weil sie fürs erste auf dem Planeten keine merklichen Unterschiede
hervorbringen, fürs zweite aber wären sie auch zu lang, und fürs dritte könnten
sie zufolge der nicht so langen Lebensdauer eines Menschen auch schwer gezählt
werden, weil in einem solchen Sonnenjahre schon wenigstens fünf bis sechs
Menschenalter inbegriffen sind.
[NS.01_053,08] Auch in diesem Planeten sind
nur die Äquatorgegenden bewohnt; seine Polarländer aber sind von ewigem Schnee
und Eis so sehr überdeckt, daß allda an eine Bewohnbarkeit dieser Gegenden gar
nie zu denken ist.
[NS.01_053,09] Wenn ihr euch auf diesem
Planeten befinden würdet, so möchtet ihr die Sonne kaum so groß erblicken als
allenfalls einen kleinen Taler bei euch. Aber die Bewohner dieses Planeten
erblicken sie dessenungeachtet so groß, wie ihr sie erblickt von eurer Erde. Der
Grund liegt in der größeren Bildung des Auges, wodurch die Pupille mehr
abgeflacht erscheint und daher auch ein größeres Strahlenbündel fassen kann als
euer Auge. Der zweite Grund aber liegt auch in der für diesen Planeten überaus
hoch über die Oberfläche reichenden Luftregion, durch welche auf dem äußersten
Grenzgebiete derselben noch immer ein bedeutendes Quantum der Sonnenstrahlen
aufgenommen wird, welche nach dem Gesetz der euch bekannten Strahlenbrechung
gedrängter und gedrängter auf die Oberfläche des Planeten fallen und daselbst,
besonders in den Äquatorgegenden, noch immer eine recht angenehme Temperatur
bewirken.
[NS.01_053,10] Da dieser Planet aber auch
natürlicherweise schon einer andern Sonne, welche von ihm freilich wohl noch
sieben Billionen und neunmalhunderttausend Meilen absteht, um wenigstens
tausend Millionen Meilen näher steht als eure Erde, und zudem auch noch sein
Luftkreis von solcher Bedeutung ist, wie ihr schon vernommen habt, so geschieht
es, daß ihm das Licht und auch einige Erwärmung von Seite der andern Sonne
zugute kommt. Aber der Unterschied zwischen der Wärme der eigentlichen Sonne
und dieser fremden ist dessenungeachtet so verschieden, wie allenfalls bei euch
der tiefe Winter vom hohen Sommer.
[NS.01_053,11] Auf diese Weise benutzt dieser
Planet auch die Strahlen noch anderer Sonnen, wodurch in seinen Polarländern
das übermäßige Anwachsen des Eises verhindert wird; denn das Eis besteht dann
nur bis zu einer gewissen Höhenregion, wie ungefähr solches auch auf eurer Erde
der Fall ist. Über dieser Region aber, wo sich die Strahlen von allen Seiten
her schon wieder zu begegnen anfangen, wird die Temperatur der Luft auch wieder
insoweit mehr und mehr gemildert, daß sich allda weder Schnee noch Eis mehr zu
bilden imstande ist. Solches, wie gesagt, könnt ihr auf eurer Erde selbst
bemerken. Denn so da irgendeine Gebirgsspitze über sechzehntausend Fuß
hinausragt, so ragt sie auch schon über die Eisregion hinaus. Aus diesem Grunde
werdet ihr die höchsten Punkte des Chimborasso in Amerika sowie des
Himalajagebirges in Asien, und noch mehrere andere Gebirgsspitzen dieser beiden
Kontinente, schnee- und eislos erblicken. – Was die polarischen Verhältnisse
dieses Planeten betrifft, so sind sie dieselben wie die eurer Erde.
[NS.01_053,12] Das bewohnbare Land selbst
gleicht einem Gürtel und ist sowohl südlicher- als nördlicherseits von beinahe
unübersteigbaren Gebirgszügen eingeschlossen, über welche niemand leicht in die
Meeresgegenden gelangen kann, an welchen es schon beständig ungefähr so kalt
ist wie etwa bei euch im nördlichen Teil Sibiriens. Das Meer wird fortwährend
vom sogenannten Treibeis belastet; daher es auch nicht eben sehr rätlich wäre,
sich mit Hilfe der Schiffahrt auf dasselbe zu wagen.
[NS.01_053,13] Da dieser über tausend Meilen
breite Gürtel somit ein eingeschlossenes Tal bildet, welches nur von wenigen
kleineren Gebirgszügen verunebnet ist, und dieser ganze Erdkörper sich binnen
zehn Stunden um seine Achse dreht und daher eine Nacht von kaum fünf Stunden
Länge gibt, – so ist eben dieser Gürtel auch so wohltemperiert wie allenfalls
bei euch ein mittelwarmer Sommer. Diese Temperatur aber unterliegt dann gar
keinem Wechsel mehr, außer nur demjenigen, welchen manchmal die Winde und die
häufigen Mondeswechsel bewirken. Und es läßt sich von selbst daraus schließen,
daß die Bewohnbarkeit dieses Planeten, trotz seiner großen Entfernung von der
Sonne, eben nicht die unangenehmste und zur Hervorbringung und Belebung der
nötigen Pflanzen- und Tierwelt gar wohl tauglich ist.
[NS.01_053,14] Also hätten wir die
notwendigen Elemente dieses Planeten kennengelernt. – Es dürften zwar hier
einige Sternkundige einwenden und sagen: Wenn es je noch irgendeinen Planeten
gäbe in unserem Sonnengebiete, so hätten wir ihn sicher schon lange entdeckt,
nachdem wir sogar die viel kleineren Kometen entdecken, wenn sie auch dem
freien Auge gänzlich unsichtbar bleiben. – Ich aber sage hier: Solches
Unentdecktbleiben hat darin den Grund, weil dieser Planet eine so langsame
Bewegung hat, daß sie von all den astronomischen Instrumenten, zufolge der
großen Entfernung und dann mehr noch zufolge des zu kurzen Zeitraumes der
Beobachtung, nicht wahrgenommen wird. So geschieht es noch immer, daß dieser
Stern als ein Fixstern beobachtet wird, – und zwar natürlich von einer ganz
unbedeutenden Größe –, und auf diese Weise noch nicht als Planet erkannt werden
kann. – Der gleiche Fall war ja auch mit dem viel näher stehenden Planeten
Uranus, der ebenfalls mehrere tausend Jahre hindurch durch schwache Instrumente
nur vorübergehend als ein kaum beachtenswerter Fixstern betrachtet wurde. Und
somit dürfte es den Gelehrten auch einleuchtend sein, daß es trotz ihrer
scharfen Beobachtungen noch immer einen Planeten geben kann, den sie als
solchen, zufolge der Unzulänglichkeit ihrer Instrumente und Beobachtungen, noch
nicht haben erkennen und näher bestimmen können.
[NS.01_053,15] Nachdem wir auch solches
dargetan haben, können wir uns füglichermaßen über die Beschaffenheit dieses
Planeten selbst hermachen. Unter der Beschaffenheit aber wollen wir nicht die
Analyse des Planeten selbst, sondern nur dessen bewohnbaren Boden, dessen
Beschaffenheit, Vegetation und dann die Bewohner verstehen.
54. Kapitel – Wunderbarer Pflanzenwuchs auf
dem Planeten Miron (Neptun). – Veränderlichkeit der Lebensformen.
[NS.01_054,01] Was da den Boden dieses
Planeten betrifft, so ist er im Durchschnitt mehr eben als gebirgig. Die Ebenen
werden gewöhnlich von Bächen, Flüssen und Strömen durchfurcht, wobei dann die
Ströme sich durch irgendeine Gebirgsschlucht unter großem Toben und Brausen in
das Meer ergießen. Stehende Gewässer, wie Seen, findet man nirgends von einiger
Bedeutung; die größten darunter dürften kaum einige Stunden im Umfange haben.
[NS.01_054,02] Aber desto mehr gibt es sowohl
an der nördlichen als auch an der südlichen Gebirgsbegrenzung Vulkane und somit
auch häufig siedendheiße Quellen, ja manchmal sogar ganz heiße Bäche, wodurch
in diesem Lande auch um einen bedeutenden Teil die Wärmetemperatur erhöht wird.
Denn fürs erste wird die Luft, welche diese Ebenen und Täler durchströmt,
erwärmt, und so kann da von irgendeinem kalten Winde nicht leichtlich die Rede
sein; fürs zweite wird aber dadurch auch das Land, oder vielmehr das Erdreich,
schon von innen aus erwärmt und somit, wie gesagt, in der Temperatur erhöht,
wodurch es dann aber auch sehr fruchtbar wird und allenthalben die
merkwürdigsten Früchte hervorbringt.
[NS.01_054,03] Was da die Vulkane an und für
sich betrifft, so ist bezüglich ihres Feuers zu bemerken, daß dessen Flamme,
wie auch die Glut, nicht also wie bei euch auf der Erde eine schmutzig-rötliche
Färbung in sich birgt, sondern eine lichtgrüne, welche fürs erste viel heller
ist als die rote, und fürs zweite als Erwärmung eben auch wohltätiger wirkt als
die rote Farbe des Strahles.
[NS.01_054,04] So erblicken die Bewohner
dieses Planeten auch die Sonne selbst in einem grünlichweißen Licht. Der Grund
davon liegt in der weitgedehnten atmosphärischen Luftregion wie auch in deren
besonderen Reinheit. Aus eben dem Grunde erscheinen auch entfernte Landteile
nicht also blau wie bei euch, sondern grün; die Ursache liegt ebenfalls im
Lichte und zumeist, wie schon gesagt, in der atmosphärischen Luft. Dafür aber
sind die Blätter der Bäume, der Gesträuche, der Pflanzen, wie auch das Gras
blau; und es ist somit gerade umgekehrt der Fall, als es auf eurer Erde zu sein
pflegt. Wir haben zwar auch schon im Saturn die blaue Farbe vorherrschend
gefunden; aber sie ist allda noch bei weitem nicht so intensiv und lebhaft wie
hier.
[NS.01_054,05] Hier dürfte mancher fragen:
Wie ist wohl solches möglich? – Solches ist ganz leicht möglich und kann von
jenen, welche tiefere Kenntnisse hinsichtlich der Farbenbrechung des Lichtes
haben, gar leicht begriffen werden. Die grüne Farbe des Lichtes ist die
intensivste und daher auch die kräftigste, weshalb sie auch auf den der Sonne
näher liegenden Erdkörpern fast die ganze Pflanzenwelt durchdringt und aus
derselben in den Blättern und jüngeren Zweigen widerstrahlt. Alle anderen
Farben sind demnach auch weniger intensiv und können daher nur zartere
Gegenstände durchdringen. – Die blaue Farbe aber ist die am wenigsten
intensive, weshalb von ihr auch am wenigsten verzehrt wird und die Luft mit ihr
stets angefüllt sein kann; aus welchem Grunde auf eurem Erdkörper entfernt
liegende Gegenstände auch allzeit blau gefärbt erscheinen.
[NS.01_054,06] Aber auf unserem Planeten
Miron ist es wegen seiner großen Entfernung wie auch wegen seines großen
Luftreichtums, der ganz entgegengesetzte Fall. – Die grüne Farbe des Lichtes
hat bei dieser weiten Entfernung des leuchtenden Körpers, als da ist die Sonne,
notwendigerweise an der Intensität verloren; denn ihr könnt es annehmen, daß
auf den ganzen Planeten Miron nicht so viele Sonnenstrahlen fallen wie auf das
alleinige Afrika eurer Erde. Wenn nun diese wenigen Sonnenstrahlen auf die
weitgedehnte Oberfläche der Mironluftregion fallen, so werden sie, als die
wohltätigsten, alsbald von ihr aufgezehrt. Nur der blaue Strahl, als viel
weniger belebend, wird durch die reine Luft hindurch gelassen und fällt auf das
Pflanzenreich, – aus welchem Grunde dann auch, wie schon bemerkt wurde, die
Pflanzen mit Ausnahme der Blüten zuallermeist in der schönsten blauen Färbung
erscheinen. Jedoch dergleichen weitere mathematische Erörterungen sind für
unsern Zweck nicht notwendig; auch ist in dem bereits kurz Erwähnten für jeden
denkenden Geist schon ohnehin überaus viel gesagt. Daher wollen wir uns
sogleich zur eigentlichen vegetativen Welt dieses Planeten wenden!
[NS.01_054,07] Was die vegetative Welt dieses
Planeten betrifft, so ist sie für eure Begriffe im wahren Sinne genommen etwas
außerordentlich Wunderbares.
[NS.01_054,08] So wächst zum Beispiel ein
Fruchtbaum bis zu einer bestimmten Größe und Höhe von etwa hundert Klaftern mit
der größten Üppigkeit fort, und das bis zu einem Alter von etwa zwanzig bis
dreißig Mironjahren, – wobei nicht zu vergessen ist, daß ein Mironjahr beinahe
dreizehn eurer Monate lang und kein Sonnenjahr, sondern nur ein Mondjahr ist.
Hat ein solcher Baum seine höchste Vollendung erreicht, alsdann geht mit dem
Baume von einem Tage bis zum andern eine plötzliche Umwandlung vor sich.
Entweder verschwindet er plötzlich aus dem Dasein, und an seiner Stelle
entdeckt der Forscher eine Menge ganz neuer Insekten; oder der Baum wirft seine
Äste ab, die sich von ihm also losmachen wie etwa bei euren Bäumen die Blätter
im Herbst, und dieser Stamm treibt nun ganz andere Äste und bringt mit der Zeit
auch eine ganz andere Frucht zum Vorschein. – Wird der Baum zu Insekten, so
leben diese eine Zeitlang, aber nur an der Stelle, da der Baum stand; dann aber
sterben sie ab, und aus ihrem leicht verweslichen Moder entwickelt sich in
kurzer Zeit eine neue Pflanzengattung, welche aber mit dem vorherigen Baum
durchaus keine Verwandtschaft hat. – Ihr müßt auch nicht annehmen, daß da bei
einer solchen Verwandlung zu jeder Zeit dieselben Insekten zum Vorschein
kommen. Solches hängt dort vielmehr von der verschiedenartigen Stellung der
Monde ab; und daher kann ein solcher zugrunde gegangener Baum zu verschiedenen
Zeiten und an verschiedenen Orten entweder in verschiedene Arten von Insekten
übergehen, aus denen dann auch wieder verschiedene neue Pflanzen entstehen
können, – oder der Baum kann nach Abwurf der Äste nach ebensolchen Umständen in
verschiedene andere Baumgattungen übergehen.
[NS.01_054,09] Wie es aber mit einem oder dem
andern Baum der Fall ist, so ist es auch mit den kleineren Pflanzen derselbe
Fall.
[NS.01_054,10] Das Gesetz solcher Übergänge
erstreckt sich auch auf das Tierreich bis zu den vierfüßigen, größeren und
größten Landtieren. Das Reich der Amphibien, das Reich der sämtlichen Insekten,
wie auch das Reich der sämtlichen Vögel ist dem Gesetze solcher Übergänge
unterworfen. Aber nicht etwa auf die Weise wie auf eurer Erde das Reich der
Raupen und der Insekten; denn bei euch wird aus derselben Raupe auch immer
derselbe Schmetterling und aus demselben Wurm dasselbe Insekt. Allein auf
unserem Planeten Miron geschieht das alles nach Umstand der Sache und der Zeit;
daher kann dort niemand bestimmen was hier oder dort zum Vorschein kommen wird.
[NS.01_054,11] Aus diesem Grunde verlegen
sich die Bewohner dieses Planeten auch durchaus nicht viel auf die
Naturwissenschaft, besonders was die Pflanzenwelt und die untere Tierwelt
betrifft. Wohl aber stellen sie ihre Beobachtungen in dem Punkte an, wo die
Natur konsistent zu werden anfängt.
[NS.01_054,12] So geschieht es auf dem Miron
auch zu öfteren Malen, daß da ein oder der andere Vogel, Schmetterling oder ein
anderes fliegendes Insekt, seine Eier legt, und aus diesen Eiern, welche
gewöhnlich in das warme Erdreich gelegt werden, kommt statt ähnlichen oder
anderen Tieren eine neue Pflanzenwelt zum Vorschein, welche eine Zeitlang
besteht, dann aber wieder gänzlich ausstirbt. Aus dem Moder dieser
ausgestorbenen Pflanzen, wie auch nicht selten aus ihren Samenkörnern,
entstehen anstatt der ähnlichen Pflanzen wieder neue Tiere; manchmal kann man
sogar in den bedeutend großen und ziemlich festen Samenschalen oder Hülsen,
wenn man diese eröffnet, schon ein ziemlich wohlausgebildetes Tierchen finden,
welches entweder so gestaltet ist, daß es eine Ähnlichkeit mit einem schon
irgendwann gesehenen Tier hat oder ein ganz neues, noch nie gesehenes ist.
[NS.01_054,13] Es dürfte vielleicht einer
oder der andere sagen: Desgleichen finden ja auch wir auf unserer Erde; denn
wem sollte es nicht bekannt sein, daß fast eine jede Frucht- und Kerngattung
nicht selten ihr Gewürm in sich trägt, und daß die Gallusäpfel,
Buchblattkörner, die Knopper des Eichbaumes, die rauhe Knorre des Rosenstrauches
und dergleichen mehr nichts anderes sind als ganz eigentümliche Pflanzeneier,
in denen ein lebendiger Wurm ausgeboren wird. – Ich sage aber: Solches ist zwar
richtig, allein es liegt ein großer Unterschied zwischen einer fortwährend
gleichartigen Erscheinung und einer stets veränderten.
[NS.01_054,14] Aus diesem Grunde kann dieser
Planet denn auch wohl mit allem Recht Miron (Welt der Wunder) heißen, indem
seine vegetative wie auch zum großen Teile animalische Gestaltung so
außerordentlich veränderlich ist, daß da eine ausgestorbene Pflanze, ein
ausgestorbener Baum oder eine ausgestorbene Tiergattung nicht wieder als
vollkommen dieselbe zum Vorschein kommt. – Inwieweit aber dieser Planet noch
seinem seltenen Namen entspricht, wird die Folge noch ins größere Licht
stellen.
55. Kapitel – Der Treubaum, das lebendige
Schilf und der fliegende Brotbaum.
[NS.01_055,01] Da wir schon unsere
Betrachtungen auf diesem Planeten bei der Pflanzen- und Tierwelt angefangen
haben, so wollen wir uns auch noch eine Zeit dabei aufhalten und allda noch so
manches Seltsame erschauen.
[NS.01_055,02] Unter den überaus vielen
Baumgattungen dieses Planeten zeichnet sich der sogenannte ewige Baum
vorzüglich aus. Dieser Baum ist auch der einzige dieses Planeten, der niemals
seine Form und Beschaffenheit ändert; weshalb er auch von den Bewohnern des
Planeten Miron als ein Sinnbild der Treue aufgestellt wird. Er wächst überaus
hoch, macht wenig Äste, und diese nie weit vom schlanken Stamme treibend. Seine
Frucht ist daher auch stets eine und dieselbe. – Wie sieht aber die Frucht aus,
und in was besteht sie?
[NS.01_055,03] Damit wir diese Frage voll
beantworten können, wird es notwendig sein, zuvor mit dem Baume selbst eine
etwas nähere Bekanntschaft zu machen, durch welche sich dann obige Frage von
selbst beantworten wird. Dieser Baum wächst ungefähr also aus dem Erdboden wie
bei euch die Korallenbäumchen aus dem Grunde des Meeres. Er hat nicht ein
eigentliches Holz, das da sein wesenhafter Bestandteil wäre, sondern der Stamm
samt den Wurzeln und Ästen besteht aus einer mineralischen Substanz, ungefähr
aus derselben wie die Muscheln bei euch. Er ist daher auch ohne Rinde und ganz
glänzend glatt, ins Weißbläulichmetallene schillernd. Die Äste jedoch sind ganz
vollkommen weiß. Der Stamm dieses Baumes, besonders eines solchen von einem
hohen Alter, ist nicht selten bei drei- bis vierhundert Klafter hoch und hat am
Boden einen Umfang von zwanzig bis dreißig Klaftern. – Wie wenig Äste ein
solcher Baum im Verhältnis zu seiner Größe hat, könnt ihr aus dem ersehen, daß
selbst der größte deren nicht über zwanzig zählt; und keiner der Äste reicht
über fünf Klafter vom Stamme hinaus.
[NS.01_055,04] Diese Äste selbst sind ebenso
fest und unbeweglich wie der Stamm selbst; sie bestehen bloß in einem ziemlich
runden und starken Stiel, der sich ganz waagrecht vom Stamme hinwegzieht. Zu
beiden Seiten, in horizontaler Richtung, ist ein solcher Ast mit einer Art
Rechen versehen, das heißt, er sieht so aus, als hätte man diesem Aste an
beiden Seiten verhältnismäßig lange Sprossen eingepfropft. Diese Sprossen
werden natürlich gegen das Ende des Astes kürzer und schwächer. – Das sind
sonach die Zweige des Astes.
[NS.01_055,05] Ein jeder solcher Zweig läuft
in eine Menge kleiner Röhrchen aus, durch welche fortwährend ein süßer Saft
dringt, sich allda zu Tropfen bildet, und dann, etwas klebrig, auf die Erde
hinabträuft. Dieser Saft bildet fürs erste den ganzen Baum und alle seine
Bestandteile; was davon zur Bildung des Baumes tauglich ist, wird von ihm auch
aufgenommen; nur das für den Baum Untaugliche wird als ein süßer und etwas
klebriger Tropfen ausgeschieden. Wenn dieser Saft eine Zeitlang der Luft
ausgesetzt ist, so wird er am Ende zu einem süßen Mehle, gleich dem Mannatau, –
welches Mehl dann die Bewohner dieses Planeten sammeln, es mit der Milch ihrer
Hausziegen vermengen und sodann als eine ihnen besonders wohlschmeckende Speise
verzehren.
[NS.01_055,06] Nun sehet, hier ist die vorige
Frage schon beantwortet; aber auch zugleich dargetan, warum dieser Baum der
„ewige“ und „getreue“ genannt wird. – Der „ewige“, weil er fürs erste, wie
schon gesagt, seine Form nie ändert, fürs zweite aber beinahe nie abstirbt, und
fürs dritte, weil er durch sein beständiges Tropfen unablässig Früchte abwirft.
– Aus diesem Grunde wird er auch der „getreue“ genannt, weil man unter seinen
Ästen allezeit seine Früchte findet. Daher planieren auch die Bewohner dieses
Planeten den Boden unter diesem Baume beinahe spiegelglatt, damit dadurch ja
nichts von seinem köstlichen Safte verlorengehen möchte.
[NS.01_055,07] Sehet, obschon dieser Baum
beständig ist, so ist er aber dessenungeachtet von einer sehr wunderbaren Art
und gehört mehr unter das Tierreich als unter das Pflanzenreich. Denn sein
ganzer, gewisserart mineralischer Wesensgehalt ist nichts als eine Ansammlung
von kleinen Tierchen, welche sich auf irgendeinem ihnen zusagenden Teil des
Erdbodens angesammelt und durch das Ablegen ihrer Hüllen eben diesen Baum
gestaltet haben.
[NS.01_055,08] Ihr werdet hier fragen, wie
solches wohl zuging und wie in einem solchen mineralischen Klumpen ein Saft in
die Höhe steigt? – Nur eine kleine Geduld! Sogleich soll euch diese Sache
anschaulicher gemacht werden. – Diese Tierchen, woraus ein ganzer solcher Baum
von der Wurzel aus gebildet wird, sind lauter runde Scheibchen, welche
zuunterst, in der Mitte des Scheibchens, zwei kleine Füßchen zum Auf- und
Niedersteigen haben. Auf der einen Kante des Scheibchens, vor den Füßen,
befindet sich eine Saugöffnung und an der hinteren Kante des Scheibchens der
Entleerungskanal. – Diese Tierchen, wenn sie sich einmal satt gesogen haben und
sich auch jedes tausendfach reproduziert hat, kriechen sodann vollkommen
horizontal übereinander und bilden dadurch lauter vollkommen runde Säulchen,
wovon ein jedes Säulchen wohl kaum eine Zehntellinie im Durchmesser hat. Diese
Säulchen reihen sich fest nebeneinander auf, so daß immer drei Säulchenreihen
aneinanderstoßen. Dadurch aber entsteht zwischen einer jeden solchen
Dreisäulchenreihe eine spitzig dreieckige Röhre, durch welche der Saft vom
Grunde auf, nach dem Gesetze der Haarröhrchen-Anziehungskraft, zu jeder Höhe emporsteigt.
[NS.01_055,09] Hat der Saft irgendeine
ausmündende Stelle erreicht, – welche allzeit an den Ästen angebracht ist, und
das zwar durch den natürlichen Instinkt dieser Tierchen, besser gesagt aber
durch die ihnen innewohnende geistige Intelligenz, – so wird er von den an
solchen Mündungen befindlichen, noch fortwährend lebenden Tierchen alsbald
eingesogen oder aufgezehrt. Der Unrat hernach, welchen diese Tierchen von sich
lassen, ist dann eben dieser klebrige Saft, der da von den Ästen herabträuft und
als die Frucht dieses sicher denkwürdigen Baumes angesehen wird. – Wenn ihr nun
dieses bedenket, so wird euch das Wunderbare dieses Baumes nicht entgehen.
[NS.01_055,10] Es fragt sich nur noch dabei,
ob ein solcher Baum im Ernste gar nie abstirbt? – Dieser Baum stirbt geradeso
ab, wie bei euch das Gestein der Gebirge. Wenn er nämlich durch irgendwelche
Elementarereignisse beschädigt wird, so geschieht es, daß er zu verwittern und
nach und nach wieder ins gewöhnliche Erdreich überzugehen anfängt. – Das wäre
sonach ein sehr beachtenswerter Baum.
[NS.01_055,11] Ein zweites Gewächs fast
derselben Art ist das sogenannte lebendige Schilf. Dieses wächst ebenfalls zu
einem ziemlich hohen Stamme empor, manchmal zu einer Höhe von hundert Klaftern,
und sieht beinahe so aus, wie wenn ihr lauter Trichter ineinandergesteckt
hättet, welches natürlich also aussieht, als hättet ihr an eine Stange ziemlich
große Ringe an Ringe gesteckt. Zwischen diesen Ringen oder Trichtern schwitzt
ebenfalls ein süßer, klebriger Saft hervor, welchen besonders das Reich der
Insekten sehr liebt. Wenn sich aber die Insekten an dem Safte satt gespeist
haben, so gehen sie auch bei ihrer Mahlzeit zugrunde. Auf diese Weise werden
dann auch diese Ringgalerien mit den Leichen der Insekten angefüllt. Und gar
bald geht auch allda eine Übergangsszene vor sich, und man erblickt aus diesen
Ringen allerlei Kraut hervorwachsen, durch welches dann dieser im Grunde
tierische Baumstamm ein ganz vollkommen vegetatives Aussehen bekommt. Er macht
beinahe die Figur, wie bei euch auf der Erde in den Gärten die beschnittenen
Pappeln, welche da ebenfalls, wie ihr schon öfters gesehen haben werdet, das
Aussehen von grünen Säulen haben. – Sind allfällige Früchte einer solchen
metamorphosischen Anpflanzung genießbar, so werden sie ohne weiteres von den
Bewohnern in Empfang genommen. Sind aber die Früchte nicht genießbar, so werden
sie natürlicherweise unangetastet und unbeschädigt gelassen. – Dieser
Schilfbaum ist demnach an und für sich, bloß als Stamm betrachtet, ebenfalls
unveränderlich; aber durch diese Metamorphose ändert er sich dann
natürlicherweise dem Äußeren nach, indem aus dem Pflanzentum, das aus seinen
Ringen auf die vorbeschriebene Weise entsteht, bald wieder ein Tierreich und
bald wieder ein Pflanzentum entstehen kann. – Sehet, das wäre demnach wieder
ein denkwürdiges Gewächs.
[NS.01_055,12] Einer der merkwürdigsten Bäume
dieser Art aber ist das dort sogenannte fliegende Brot. Wie ist denn solches
möglich, eine fliegende Pflanze, ja sogar einen fliegenden Baum zu sehen? –
Dies nimmt euch im ersten Augenblick wohl etwas wunder; allein die Folge wird
die Sache ganz begreiflich machen. – In den mehr sumpfigen Gegenden entwächst
dem Boden eine Art Baum, der beinahe den sogenannten Korallen- oder auch
Hirschhornschwämmen bei euch gleicht. Dieser Baum wächst nicht selten zu einer
Höhe von fünfzig Klaftern und hat zuunterst an dem verhältnismäßig sehr kurzen
Stamme manchmal einen Umfang von sechzig Klaftern. – Der Baum besteht in seiner
Wesenheit aus lauter Zellchen und Röhrchen, die durch ihre eigene
Anziehungskraft recht fest aneinanderhängen und also ein Ganzes bilden, wie
ungefähr die Zellchen und Röhrchen des vorher erwähnten Schwammes bei euch; nur
mit dem Unterschied, daß die Zellchen und Röhrchen eures Schwammes sehr zart
und gebrechlich sind, während sie bei diesem Baum unseres Planeten von zäher
und elastischer Art sind. – Wenn dieser Baum einmal seine gehörige Größe und
sein Alter von etwa zehn Jahren erreicht hat, sodann verschließen sich
zuunterst seine Einsaugkanälchen (denn Wurzeln hat dieser Baum keine, da er
auch dort ins Reich der Schwämme gehört). Haben sich aber diese
Einsaugkanälchen geschlossen, dann vertrocknet in den Zellchen und Röhrchen der
Saft. Durch das Vertrocknen dieses Saftes aber entwickelt sich dann in einem
jeden Zellchen und Röhrchen eine Luft, welche zufolge der elastischen Zähe der
Röhrchen nicht entweichen kann. Da diese Luft bei weitem feiner und leichter
ist, als die schwere atmosphärische Luft dieses Weltkörpers, so geschieht es dann,
daß die leicht gewordene Materie des Baumes von seiner eigenen Luft vom
Erdboden gewisserart abgerissen wird; und der Baum selbst steigt dann, gleich
einem Luftballon bei euch, in die Höhe und verweilt manchmal mehrere Tage lang
in der Luft herumfliegend. – Hat sich mit der Zeit diese leichte Luft aus
seinen Zellchen und Röhrchen durch die freilich wohl sehr engen Poren entladen,
dann fängt auch der Baum wieder an, hinab zum Erdboden zu sinken. Wenn die
Bewohner dieses Planeten irgend so einen schon ziemlich nieder in der Luft
schwebenden Baum erblicken, so geben sie sich alle erdenkliche Mühe, mit Haken
und Stangen sich dieses Baumes zu bemächtigen. Wie sie seiner habhaft werden,
so wird er alsbald zerlegt und an den Strahlen der Sonne noch mehr getrocknet.
Wenn er aber nach ihrer Wissenschaft den gehörigen Grad der Trockenheit erlangt
hat, so wird er auch sogleich als ein recht wohlschmeckendes Brot bei Butz und
Stengel aufgezehrt, – das heißt, nicht auf einmal, sondern nach und nach dem
Bedarf gemäß.
[NS.01_055,13] Sehet, jetzt wissen wir, warum
dieser Baum das fliegende Brot heißt, und was die Ursache seines Fliegens ist.
– Nächstens des Wunderbaren mehr!
56. Kapitel – Blitzende Wälder. – Der
Blasenbaum.
[NS.01_056,01] Auf den Gebirgen, welche in
der Nachbarschaft bedeutender mineralischer Quellen oder wohl gar
feuerspeiender Berge sich befinden, erwachsen oft in sehr kurzer Zeit ganze
Wälder von den sogenannten blitzenden Bäumen. Diese Wälder aber haben
natürlicherweise keinen Bestand; ihre Dauer erstreckt sich höchstens auf drei
Jahre. Aber diese drei Jahre sind besonders den nachbarlichen Bewohnern sehr
lästig, wenn auch eben nicht nachteilig; fürs erste, weil durch die Zeit des
Daseins solcher Bäume eine solche Gegend ohne Lebensgefahr nicht zu passieren
ist; fürs zweite aber, weil die sehr schwingungsfähige Luft dieses Planeten
durch das unablässige Knallen von seiten dieser Bäume also angefüllt wird, daß
da beinahe niemand in einiger Nähe eines solchen Waldes seines eigenen Mundes
Laut vernehmen kann.
[NS.01_056,02] Ihr werdet hier fragen: Sind
diese Bäume denn wirklich vegetabilischer Art? – Nein, das sind sie nicht,
sondern sie sind, wie ihr in eurer Kunstsprache zu sagen pflegt, rein nur
elektroplastisch. Wenn sich nämlich in der vorbesagten Gegend, entweder durch
große mineralische Quellen oder durch feuerspeiende Berge, eine überschwenglich
große Menge Elektrizität entwickelt, für deren Reichtum ihr auf eurer Erde
keinen Begriff haben könnt, so zieht die in der Luft haftende Elektrizität die
ihr verwandten mineralisch atomischen Teile aus dem Boden und aus der Luft
zusammen; und durch diese Tätigkeit entstehen gar bald sichtbare Kügelchen und
auch Häkchen, die sich aneinanderhängen und dann auf einen Teil des Erdbodens
hinfallen, wohin sie am meisten angezogen werden. Durch solche elektrische
Tätigkeit entstehen bald ganze Stämme über dem Erdboden mit mannigfaltig
gestalteten, knorrigen Ästen versehen. Diese Äste saugen dann noch mehr
Elektrizität an sich und lassen das Plus ihrer Fassungsfähigkeit bald wieder
blitzend und knallend von sich.
[NS.01_056,03] Solches dauert gewöhnlich so
lange, bis sich ein etwa in der Nähe befindlicher Feuerspeier zur Ruhe gelegt
hat, oder bis überhaupt der elektrische (Über-)Reichtum einer Gegend sich mit
der allgemeinen Elektrizität ins Gleichgewicht gestellt hat. Ist solches
geschehen, sodann braucht es nur eines mäßigen Luftzuges, und der ganze Wald
wird gleich einer Staubwolke von seinem Territorium gehoben und über Ländereien
hin verstreut. Und dieses ist dann auch das Ende eines solchen Waldes.
[NS.01_056,04] Haben die Bewohner wohl auch
einen Nutzen von solch einer Naturproduktion? – O ja, und das keinen geringen.
Sie passen recht sorgfältig die Zeit ab, wann die Bäume eines solchen Waldes
mehr und mehr anfangen, ihre Elektrizität zu verlieren. – Wann solches der Fall
ist, dann nähern sie sich behutsam einem solchen Walde, nehmen Körbe mit sich
und ziemlich lange, mit Spitzen versehene Stangen und auch auf langen Stielen
befestigte Schaufeln. Mit den Stangen bestreichen sie vorerst einen solchen
Baum und untersuchen, ob noch elektrische Tätigkeit in ihm vorhanden ist. Ist
solche vorhanden, so wird ein solcher Baum mit dergleichen spitzigen Stangen so
lange bestochen, bis dadurch alle Elektrizität von ihm entwichen ist. Ist
solches der Fall, so fangen sie dann an, mit den Schaufeln die knorrigen Äste
abzustechen und dann endlich den ganzen Baum in ihre Körbe zu fassen. Die Masse
sieht dann ungefähr also aus wie eine Lava-Asche eurer Feuerspeier und ist
unstreitig der allerbeste Dünger für ihre Felder. – Das ist sodann aber auch
schon der ganze Gebrauch dieses Baumes.
[NS.01_056,05] Ihr werdet hier sagen: Warum
gibt es denn bei uns keine solchen Erscheinungen? – Ich aber sage euch: Fürs
erste ist eure Erde bei weitem nicht so elektrizitätsreich wie der Planet
Miron, und fürs zweite kennt ihr auch die Erscheinungen eures Erdbodens und
ebenso auch die Wirkungen der Elektrizität noch viel zu wenig, als daß ihr ganz
begründet sagen könntet: Warum kommen ähnliche Erscheinungen auf unserem
Erdkörper nicht vor? – Verfüge sich nur jemand zum Beispiel in
mittelafrikanische Gegenden, und so noch in manche Gegenden unter dem Äquator,
und er wird gar bald auf die seltsamsten, chimärenartigen elektroplastischen
Gegenstände stoßen. Aber dennoch ist ein Unterschied zwischen der
Elektroplastik eurer Erde und der dieses Planeten. Denn was bei euch nur im
kleinen Maßstabe geschieht, geschieht dort in riesenhaften Umrissen, so daß
sich dieses Verhältnis also gestaltet wie etwa eins zu ein- bis zweitausend.
[NS.01_056,06] Und so denn wären wir auch mit
diesem merkwürdigen Baume fertig und wollen nun nur noch eines Gewächses
erwähnen. Dieses Gewächs wird dort der Blasenbaum genannt. Dieser Baum wächst
gewöhnlich in großer Gestalt an den Ufern der Seen, welche, wie ihr schon wißt,
eben nicht von zu großer Ausdehnung sind. Die Gestalt dieses Baumes ist
folgende: An einem bei dreißig Klafter hohen und bei drei Klafter im
Durchschnitt habenden, ziemlich glattrindigen Stamme sind ungefähr drei, ein
wenig nach aufwärts gehende, aber sonst geradgestreckte Astreihen befindlich;
und zuoberst des Stammes schießen eine Menge solcher geraden Äste nach allen
Richtungen hinaus. Am Ende eines jeden Astes ist eine Art Trichter gebildet,
durch welchen eine Mündung durch den ganzen Ast, wie durch den ganzen Baum,
sich kleinröhrig zieht. Dieser Baum ist ebenfalls mehr eine Schwammgattung als
ein eigentlicher Baum, da er keine Wurzeln, sondern bloß einen stumpf-konischen
Stiel im Erdreich hat.
[NS.01_056,07] Es fragt sich jetzt: Warum
wird denn dieser Baum der „Blasenbaum“ genannt? – Sehet, an den euch schon
bekannten Mündungen der Äste schwitzt ein Saft klebriger Art durch die Röhren
heraus, und das bis zu einer gewissen Zeit; alsdann versiegt der Saft im Innern
dieses Schwammbaumes und löst sich in einer Art Luft auf, welche Auflösung auch
hier durch die große Tätigkeit der reichhaltigen Elektrizität bewirkt wird. –
Da in diesen Trichtermündungen der Äste sich der Saft angehäuft und mehr
elastisch verdichtet hat, so kann er nicht aufgelöst werden, hindert aber
dadurch der im Innern des Baumes entwickelten Luft den freien Austritt.
[NS.01_056,08] Was geschieht dadurch für eine
leicht begreifliche Erscheinung? – Keine andere, als welche ihr selbst schon
oft als Kinder spielend mit dem Loder einer Seife gemacht habt. Nämlich: Die
Luft tritt aus der Röhre hinter den elastisch klebrigen Saft in der
trichterartigen Mündung des Astes, erhebt dann denselben und treibt ihn nicht
selten zu einem mehrere Klafter im Durchmesser habenden Ballon auf. Wenn die
Bewohner solches an dem Baume bemerken, so eilen sie mit starken Schnüren
herbei, ziehen oder binden solch einen Ballon an der Mündung des Astes fest
zusammen und schneiden ihn, zusammengebunden, vom Trichter ab. Und wenn die
Masse dann vollkommen getrocknet ist und die gehörige elastische Intensität
erreicht hat, lösen sie die Schnüre wieder und erhalten dadurch die schönsten
und dauerhaftesten Beutel und Säcke, in denen sie alles aufbewahren können.
Denn eine solche Blase ist in ihrem reifen Zustande noch viel haltbarer als
eure Gummielastikum-Blasen und ist so zähe, daß sie selbst mit sehr scharfen
Werkzeugen nicht leichtlich zerschnitten werden kann.
[NS.01_056,09] Der Baum selbst aber wird dann
ebenfalls nach Hause gebracht und wird allda als ein hauptsächliches
Brennmaterial betrachtet; fürs erste, weil seine Masse in getrocknetem Zustande
fast nur Harz ist; fürs zweite, weil sich bei der Verbrennung der Materie
dieses Baumes ein sehr angenehmer Geruch entwickelt, den die Bewohner dieses
Planeten überaus lieben; und fürs dritte, weil die Flamme von dieses Baumes
Materie überaus schön hell-lichtgrün ist, und bei der Verbrennung sich zudem
nur sehr wenig Rauch entwickelt.
[NS.01_056,10] Dies wären sonach die
seltensten Gewächse dieses Planeten, welche sonst wohl nirgends vorkommen. –
Daher wollen wir uns nun der Kürze wegen für das nächste Mal auch sogleich zu
dem noch wunderbareren Tierreich wenden.
57. Kapitel – Das Tierreich auf dem Planeten
Miron. – Der Dampfer, der Donnerer und der Windmacher.
[NS.01_057,01] Was hier das Tierreich
betrifft, so ist zum Teil erwähnt worden, wie dasselbe bis zu einer gewissen
Stufe der immerwährenden Formenverwandlung unterliegt, und zwar wechselweise
von den Pflanzen zu den Tieren und von den Tieren zu den Pflanzen. Sonach
wollen wir nicht bei dieser unteren Stufe der Tiere, welche so sehr der
Formenverwandlung unterliegt, unsere Betrachtungen anfangen, sondern wollen uns
sogleich zu jener höheren Klasse der Tiere wenden, welche auf diesem Erdkörper
schon einen bleibenden Standpunkt einnimmt.
[NS.01_057,02] Zu der Klasse dieser Tiere
gehört vor allem eine bedeutende Gattungsanzahl verschiedener großer,
vierfüßiger Tiere, welche das Land bewohnen. Ferner eine sonst nirgends als auf
diesem Planeten vorkommende Tierklasse, nämlich die der zweifüßigen
Tiergattungen; sodann einiges Geflügel. – Und endlich erst wollen wir den
Menschen selbst in Augenschein nehmen.
[NS.01_057,03] Ein Tier aus der vierfüßigen
Reihe unter dem Namen „der große Dampfer“, ist eines der seltensten Tiere
dieses Planeten. Dieses Tier hat eine Größe, derzufolge es von den Füßen bis
auf den Rücken bei dreißig Klafter mißt und hat um den Bauch einen Leibumfang
von wenigstens sechsunddreißig Klaftern. Seine Füße sind verhältnismäßig lang
und stark und nahe so gebaut wie die Füße eines Elefanten bei euch; nur sind
sie zuunterst an den Tritten, anstatt mit stumpfen Klauen, mit starken, einer
Bärentatze ähnlichen Krallen versehen. – Dieses Tier hat ebenfalls einen
verhältnismäßig langen und starken Schweif, der mit einem reichlich gekrausten
Haarbusch versehen ist, etwa so wie der Schweif eines Löwen bei euch. Der Kopf
dieses Tieres sitzt auf einem kurzen, aber desto stärkeren Halse und hat eine
bedeutende Ähnlichkeit mit dem Kopf eines Rhinozeros bei euch.
[NS.01_057,04] Statt des Horns auf der Nase
hat es einen weiten und sehr geräumigen Trichter, welcher mehrere Klafter im
Umfange hat. Über dem Trichter, an der Stirn, hat es zwei Rüssel, die bis zu
dreißig Klaftern dehnbar sind. Mit diesen Rüsseln sammelt dieses Tier Wurzeln
und allerlei andere, für dasselbe genießbare Früchte, legt diese in den weiten
und geräumigen Trichter; und ist der Trichter angefüllt, so läßt es gar bald
einen ganz heißen Dampf durch seine Nüstern in diesen Trichter. Dadurch werden
die Früchte förmlich gekocht, und wenn sie gehörig weich geworden sind, so
langt dieses Tier mit dem Rüssel in den Trichter, hebt die erweichten
Nahrungsmittel nach und nach heraus und schiebt sie in seinen ziemlich weiten
Rachen. Der Rachen aber ist zahnlos und besitzt statt der Zähne nur sehr starke
Quetschmuskeln, mittels welcher es die in den Rachen gelegten und zuvor in dem
Trichter schon gekochten Nahrungsmittel zerquetscht und sodann zu seiner
Sättigung verschlingt.
[NS.01_057,05] Wenn dieses Tier seine Speisen
kocht, so verbreitet es aus seinem Trichter nicht selten einen bei weitem
stärkeren Dampf, welcher in dichten Wolken aufsteigt, als wenn bei euch auf der
Erde ein sehr großes Gebäude in Flammen stünde, – weshalb das Tier auch, wie
schon anfänglich bemerkt wurde, der große Dampfer genannt wird.
[NS.01_057,06] Auf keinem Planeten gibt es so
viele entgegengesetzte tierische Polaritäten, die sich aus dem Grunde allzeit
feindlich begegnen, wie auf dem Miron. Und so geschieht es denn auch, daß unser
großer Dampfer eine Menge tierischer Feinde hat, welche ihm nach dem Leben
streben. – Aber alle dieses Tier anfeindenden anderen Tiere kommen im Kampfe
mit ihm sehr übel weg; denn so groß dieses Tier ist, so ist es aber dennoch
äußerst behende und ganz besonders mit seinen beiden Rüsseln pfeilschnell. Wenn
sich ihm demnach Feinde nähern und dieses Tier solches merkt, so stellt es
sich, als ob es sie nicht merkte und läßt dadurch die Feinde ganz an seinen
Leib kommen; sodann aber schießt es mit seinen Rüsseln plötzlich nach den
Feinden, wirft sie in seinen weiten Dampftrichter, welcher sehr fest ist, und
läßt alsogleich seinen heißen Dampf über sie los. Wenn noch einige andere sich
ebenfalls nahenden Feinde solches Spektakel erblicken, so kehren sie gewöhnlich
um und machen keine Miene mehr, diesen Feind anzufallen, sondern ziehen sich,
wie ihr zu sagen pflegt, ganz bescheiden zurück und versparen ihren feindlichen
Groll auf eine bessere Gelegenheit, bei welcher es aber einem und dem andern um
kein Haar besser ergeht, als wir es soeben gehört haben. Nur gegen Menschen,
vor welchen dieses Tier eine eigene Achtung hat, übt es nie diese Art
Verteidigung aus, sondern treibt diese, wenn sie es zu sehr reizen, mit seinen
stark schwingenden Rüsseln davon; läßt aber bei dieser Gelegenheit dennoch eine
solche Masse Dampf seinem Trichter entsteigen, daß darob die Menschen in eine
ganz dichte Wolke eingehüllt werden und dann nicht leicht merken können, wohin
das Tier seinen Weg genommen hat. Die Menschen aber, wenn sie sich noch in
dieser eben nicht gar zu angenehm duftenden Dampfwolke befinden, verhalten sich
ebenfalls so lange ruhig, bis sich die Wolke wieder gelichtet hat; und ist
solches geschehen, so ziehen sie sich gewöhnlich unverrichteter Sache zurück.
[NS.01_057,07] Das ist sonach schon ein
denkwürdiges Tier dieses Planeten. Seine Nützlichkeit hat zumeist nur das
metaphysische Feld zum Grunde, vermöge dessen es eine Übergangsstufe bildet von
dem gewöhnlich metamorphosischen Pflanzenleben in das konstante Tierleben. Seine
Farbe ist grünlichgrau.
[NS.01_057,08] Ein zweites nicht minder
denkwürdiges Tier dieses Planeten ist der sogenannte Donnerer. Dieses Tier ist
um ein Drittel kleiner als das vorige und ist in seiner Art einzig und allein
diesem Planeten eigen. Dieses Tier hat einen besonders großen Bauch, welchen es
noch obendrauf bei gewissen Gelegenheiten durch die Entwicklung einer innern
Luft so außerordentlich auftreiben kann, daß es dann nicht selten einen Umfang
von mehr als vierzig Klaftern um die Bauchgegend bekommt, während es sonst nur
einen Umfang von etwas über zehn Klaftern hat. Dieses Tier hat nahezu die
Ähnlichkeit mit einem sogenannten Känguruh, welches Tier bei euch auch den
Namen „Beuteltier“ führt; nur hat es einen runden Kopf, ungefähr wie ein Affe bei
euch, und seine Füße sind ebenfalls so gestaltet wie die eines Affen, aber
natürlicherweise im Verhältnis zur übrigen Größe des Tieres gehörig stark und
fest.
[NS.01_057,09] Auch dieses Tier nährt sich
von Kräutern, mitunter auch von Baumfrüchten, und hält sich vorzugsweise in der
Nähe der Gewässer auf. – Warum aber wird es der Donnerer genannt? – Solches
wird sogleich ersichtlich werden.
[NS.01_057,10] Wenn dieses Tier von seinen
Feinden verfolgt und irgend in die Enge getrieben wird, so treibt es seinen
Bauch auf, wodurch es dann ein überaus lächerlich fürchterliches Aussehen
bekommt. Ist der Bauch nun aufgetrieben, so begibt es sich augenblicklich ins
Wasser und schwimmt behende vom Ufer hinweg. Ist es nun etwa bei zehn oder
zwanzig Klafter vom Ufer entfernt, so fängt es, im Wasser schwimmend, mit
seinen Vorderfüßen auf seinem stark gespannten Bauche zu trommeln an. Dadurch
verursacht es einen solchen Lärm, daß darob sogar das Ufer in eine Art
Schwebung gerät, als wäre ein kleines Erdbeben vorhanden. Durch diesen Lärm
erschreckt es dann seine Feinde nicht selten so gewaltig, daß sich diese nicht
so leicht wieder in eine solche schauderhafte Gegend zu begeben getrauen.
[NS.01_057,11] Selbst Menschen sind eben
nicht die größten Freunde von diesem ziemlich unangenehmen Lärm, welcher
manchmal, besonders bei den Männchen, von so intensiver Art wird, daß sich bei
euch auf der Erde ein ziemlich naher Kanonendonner weidlichst schämen müßte.
[NS.01_057,12] Die Nützlichkeit dieses Tieres
ist der des vorhergehenden ähnlich. Es wird auch von seiten der Menschen nie
Jagd auf dasselbe gemacht, weil es sonst überaus sanfter Natur ist und keinem
andern Wesen etwas zuleide tut, außer, wenn es verfolgt wird, durch seinen
Lärm, den es gewöhnlich so lange fortsetzt bis sich die Feinde weithin
geflüchtet haben; sodann aber begibt es sich wieder ans Ufer, entladet seinen
Bauch von der Luft und treibt da wieder seine gewöhnliche Lebensweise fort. –
Die Farbe dieses Tieres ist rücklings dunkelblau, vorn aber am Bauche ins
Grünlichgelbe übergehend.
[NS.01_057,13] Das wäre sonach das zweite
denkwürdige Tier dieses Planeten. – Und so gehen wir wieder zu einem andern
über, welches ebenfalls nicht weniger merkwürdig ist.
[NS.01_057,14] Dieses dritte sonderbare Tier
hat den Namen „der Windmacher“. – Bevor wir aber die Ursache seines Namens
betrachten wollen, werden wir uns mit seiner etwas sonderbaren Gestalt
beschäftigen. Wie sieht denn diese aus? – Für euch, wie ihr zu sagen pflegt, im
wahren Sinne komisch. – Ihr habt auf eurer ganzen Erde nicht eine so
lächerliche Tiergestalt wie die dieses Tieres. Ein Esel bei euch könnte dagegen
als ein wahrer Weiser des Morgenlandes auftreten. Aus diesem Grunde wird auch
dieses Tier gewöhnlich zahm gehalten, weil es den Bewohnern dieses Planeten sehr
viele erheiternde Schauspiele macht, wovon sie große Freunde sind, da sie auch
in geistiger Hinsicht in dem großen (Schöpfungs-)Menschen den Lachdrüsen des
Bauches entsprechen.
[NS.01_057,15] Dieses Tier hat die zehnfache
Größe eines Pferdes bei euch. – Die Farbe dieses Tieres ist ungefähr so rot wie
ein schmutziger Ziegel bei euch. – Die Füße sind im Verhältnis ziemlich lang
und etwas auswärts gebogen, besonders in dem Teil unter dem Kniegelenk, und
sind vom Bauche an bis auf die beiden kamelartigen Stumpfklauen mit plump
gekrausten Haaren stark bewachsen. Die Hinterfüße sind ebenfalls, wie die
vorderen, nach auswärts gebogen und sind so behaart wie die vorderen. Die
Bauchgegend ist mit zwei Reihen nackter Zitzen behangen, welche nicht selten
eine halbe Klafter lang sind. Das Männlein hat zwar etwas kürzere Zitzen, aber
desto ausgezeichnetere Geschlechtsteile; besonders ist der Hodensack bis zu den
Knien der Hinterfüße herabhängend. Der Schweif ist vom Rücken weg ebenfalls mit
plump gekrausten Haaren reichlich versehen und ist sehr lebhaft beschäftigt, um
allfällige Insekten vom Leibe zu treiben. Die Rückengegend ist ebenfalls mit
plump gekrausten Haaren versehen. Und so sieht der Mittelleib, besonders da der
Steiß ziemlich stark aufgeworfen ist, der Form nach einem riesigen Pavian bei
euch nicht unähnlich, bis auf die Füße und den Schweif. – Von dem ziemlich
plump voluminösen Leib erhebt sich ein schlanker Schwanenhals; auf diesem
zierlichen Schwanenhalse sitzt ein euren Mauleseln nicht unähnlicher Kopf; nur
sieht er noch stumpfer aus als der Kopf eines Maulesels und hat auch noch bei
weitem größere und weniger gespitzte Ohren als eure Maulesel. Die Ränder der
Ohren sind ebenfalls stark behaart in der Art wie die Füße. Und vom unteren
Kinnbacken hängen ein paar lange, ganz nackte Zitzen von graulicher Farbe,
welche nur hier und da mit einigen ziemlich langen Haaren bewachsen sind. Zudem
hat das Tier einen sehr weit aufzusperrenden Rachen, aus welchem es eine
mehrere Klafter lange Zunge nach Bedarf strecken kann. – Also wäre die Gestalt
dieses Tieres.
[NS.01_057,16] Warum heißt es aber der
„Windmacher“? – Wenn dieses Tier, zufolge seiner für die Bewohner dieses
Planeten sehr lächerlichen Gestalt, über die Maßen geneckt und gereizt wird, so
bläht es sich auf, rollt seine Zunge zu einem Rohr zusammen und bläst dann aus
diesem Rohr so gewaltig, daß es einen Menschen, der auf diesem Planeten eine
sehr beachtenswerte Größe hat, wenn er sich nicht versieht, mit leichter Mühe
umwirft. Besonders aber wendet dieses Tier seinen Wind allda gerne an, wo es
vor sich eine Menge lockerer und zugleich schmutziger Gegenstände erblickt.
Diese bläst es dann seinen Neckern und Beleidigern zu; und da geschieht es dann
nicht selten, daß einige zu mutwillige Necker dieses Tieres ganz übel bedient
werden. Aber eben diese Erscheinung macht dann erst den sogenannten Hauptspaß
dieser Bewohner aus, und zwar nicht so sehr wegen des Faktums selbst, als
besonders wegen der überaus lächerlichen Stellung, welche dieses Tier bei
dergleichen Operationen einnimmt.
[NS.01_057,17] Das ist aber auch, von seiten
der Menschen betrachtet, die ganze Nützlichkeit, für welche sie sich dieses
Tieres bedienen. Sonst aber ist seine Nützlichkeit ähnlich der der zwei
früheren Tiergattungen. Und so sind wir denn mit diesem Tier fertig und wollen
unsere Betrachtungen das nächste Mal fortsetzen.
58. Kapitel – Die Miron-Ziege. – Der
Bodendrucker.
[NS.01_058,01] Aus der Reihe der vierfüßigen
Tiere dieses Planeten wollen wir noch drei Klassen, oder vielmehr drei Gattungen,
erwähnen und kurz beschauen; sodann nach einem allgemeinen Überblick sogleich
zu den zweifüßigen übergehen.
[NS.01_058,02] Das nächste Tier, das wir aus
der Reihe der Vierfüßler betrachten wollen, ist die gemeine Ziege, welche
ebenfalls einheimisch ist und von den Bewohnern als ein nützliches Haustier
gehalten wird. Dieses Tier hat ungefähr die zehnfache Größe einer großen Kuh
bei euch, sieht aber weder einer Kuh noch einer Ziege eurer Erde ähnlich, und
ist daher so, wie es in diesem Planeten vorkommt, auf keinem andern Planeten
wiederzufinden. – Wie sieht denn hernach dieses Tier aus? – Der Mittelleib ist
überaus voluminös, so daß der Umfang des Bauches nicht selten zwölf Klafter
beträgt. Die Füße aber sind im Verhältnis ganz stelzenhaft mager. Statt der
Klauen eurer Ziegen hat dieses Tier, fast nach der Art eurer Gänse oder Enten,
mit starker Zwischenhaut versehene Zehen; jedoch vorne nicht mit spitzigen,
sondern mit stumpfen Krallen. Der Steiß dieses Tieres läuft in zwei förmliche
Kegel aus, wovon ein jeder über anderthalb Klafter sich über dem Rückgrat
erhebt. Zwischen diesen beiden Steißkegeln sitzt ein verhältnismäßig langer,
rüsselartiger Schweif, welcher am Ende mit einem mäßigen Haarbusch bewachsen
ist. Bis auf die Rückenzeile hat das Tier kurze Haare; auf der Rückenzeile aber
stehen lange und steife Borsten reichlich und dicht aneinander, welche nicht
selten über zwei Ellen lang sind und manchmal so dick wie ein schwacher
Gänsekiel bei euch. Allda aber, wo die Füße den Leib verlassen, sind sie mit
einem dichten Wulst von gekrauster Wolle ringförmig umfangen; ebenso auch mit
einem kleineren unter dem Kniegelenk. Vor den beiden Füßen erhebt sich dann ein
vollkommen runder Hals, der ebenso lang ist wie der ganze Körper und durchweg
mit kurzen Haaren bedeckt ist. Auf diesem Halse sitzt dann ein Kopf fast von
der Gestaltung eines Kamels bei euch, nur ist er dadurch unterschieden, daß er
von der Stirn geradeaus drei ziemlich lange und wohlgespitzte Hörner hat, wovon
das mittlere etwas stärker und länger ist als die beiden äußeren. – Gerade in
der Mitte des Bauches hängen bei dem Weibchen, welches gemolken werden kann,
vier starke Zitzen herab, – wodurch den Bewohnern eine recht wohlschmeckende
und sehr fette Milch zuteil wird. – Also sähe demnach dieses Tier der Form nach
aus.
[NS.01_058,03] Was ist aber so eigentlich das
Merkwürdige dieses Tieres? – Das Merkwürdige dieses Tieres ist, daß es in drei
Elementarreichen seine Nahrung suchen kann, nämlich auf dem Wasser, auf dem
Lande und in der Luft. – Hier werden einige sagen: Das finden wir nicht so
merkwürdig! Also leben bei uns alle vierfüßigen Tiere; denn auch sie leben vom
Wasser, vom Lande und von der Luft. – Allein die Sache verhält sich hier
anders. Diese Ziege kann ins Wasser gehen und da, gleich den Gänsen bei euch,
herumschwimmen und die häufig vorkommenden Wasserkräuter verzehren. Dieses wäre
noch nicht so sehr merkwürdig, denn auch auf der Erde gibt es vierfüßige Tiere,
welche sehr gute Schwimmer sind und denen auch die Wasservegetation gar wohl mundet.
– Dieses Tier aber kann sich auch frei in die Luft erheben und fängt allda,
sich hurtig nach allen Seiten bewegend, die vom Winde getragenen Blätter wie
auch noch sonstige plötzliche Luftvegetationen ab und verzehrt sie. Denn
solches muß noch hinzubemerkt werden, daß die Luft dieses Planeten von allerlei
seltenen meteorischen Erscheinungen überfüllt ist und nicht leichtlich ein Tag
verstreicht, wo nicht ganze Wolken von fremdartigen Pflanzen, Samenkörnern,
fremdartigen Tieren und dergleichen mehr auf kurze Zeiten die Luft erfüllen.
Diese meteorischen Erscheinungen aber fallen selten auf den Boden, sondern
schwimmen in der Luft ganz behaglich fort, welches allda um so leichter der
Fall ist, weil die Luft dieses Planeten viel intensiver und schwerer ist als
die Luft eures Erdkörpers.
[NS.01_058,04] Wenn demnach dieses Tier eine
frugale Luftpromenade machen will, so bläht es seinen Bauch durch die
Entwicklung einer innern Luft recht auf, dirigiert sich dann mit seinen
leichten Füßen nach allen möglichen Richtungen und befindet sich da am besten,
wo es in eine solche meteorisch planetarische Wolke kommt. Hat es sich allda
satt gefressen, sodann segelt es wieder seiner Heimat zu und hat sich zwischen
seinen beiden Steißkegeln auch noch einen kleinen Vorrat mitgenommen.
[NS.01_058,05] Dieses Tier ist sonst überaus
gutmütiger Art, hat aber dessenungeachtet mehrere tierische Feinde. Diese
Feinde aber werden dieses Tieres, wenn es sie nur frühzeitig genug erspäht hat,
nicht leichtlich Meister. Denn beim Anblick eines oder des andern Feindes
erhebt es sich schnell in die Luft, schwimmt dann in derselben eiligst seinen
Feinden zu und stößt mit seinen Hörnern mit großer Behendigkeit von der Luft
herab auf seine Feinde. Wenn diese von geringer Größe sind, so faßt es dieselben
wohl auch mit seinen festen Zehen, trägt sie schwindelnd hoch in die Luft und
läßt sie dann fallen. Die Feinde wissen und merken sich aber solches auch;
daher machen sie sich auch alsbald aus dem Staube, sobald sich dieses Tier
anfängt in die Luft zu erheben.
[NS.01_058,06] Den Menschen aber ist dieses
Tier überaus zugetan, tut ihnen nie etwas zuleide und kostet sie auch soviel
wie nichts. – Es geschieht daher nicht selten, daß sich bei einer Haushaltung
mehrere Hunderte solcher Tiere aufhalten und den Einwohnern einen reichlichen
Unterhalt verschaffen. Die Tiere verlassen eine Haushaltung nicht leicht; es
müßte nur sein, daß ein Mensch eines oder das andere dieser Tiere getötet
hätte. Dann ist es aber auch auf längere Zeit aus; denn da begeben sich sämtliche
Tiere, und wenn es mehrere Hundert an der Zahl wären, von solch einer
Haushaltung hinweg und bereichern eine andere.
[NS.01_058,07] Die Farbe dieses sicher sehr
denkwürdigen Tieres ist im allgemeinen grünlichrot; die größeren Haarwüchse
sind dunkelblau, die Borsten und der Schweif, die Steißkegel und der Hals sowie
die drei Hörner auf dem Haupte sind blendend weiß.
[NS.01_058,08] Ein ferneres, ebenfalls sehr
denkwürdiges Haustier ist der dort sogenannte Bodendrucker. Dieses Tier hat
ungefähr die Gestalt eines Elefanten bei euch; nur sind seine Füße, wie auch
sein Rüssel, anders beschaffen als die eines Elefanten; denn die Füße sehen
also aus, als wären dem Tiere vier Kegel angehängt, deren breite Teile
zuunterst, und deren Spitzen mit dem Leibe also verbunden wären, als wären sie
in denselben hineingesteckt. Der sonstige Leib aber hat, bis auf das zehnmal
größere Volumen, vollkommene Ähnlichkeit mit einem Elefanten bei euch. Der Kopf
gleicht bis auf den Rüssel ebenfalls dem Kopfe eures Elefanten; nur der Rüssel
ist im Verhältnis etwas kürzer und am Ende noch einmal so breit wie am Kopf,
von dem er als eine verlängerte Nase ausgeht. – Also sähe demnach dieses Tier
aus.
[NS.01_058,09] Warum hat es aber den Namen
„der Bodendrucker“? – In diesem Namen bekundet sich größtenteils auch die
Nützlichkeit dieses Tieres. Denn allda, wo es sich aufhält, stampft es den
Boden ganz eben und ruht nicht eher, bis es eine Fläche, die es sich zu seiner
Wohnung ausersehen hat, vollkommen ebengestampft hat.
[NS.01_058,10] Dieses Tier wird ebenfalls
gezähmt und von den Bewohnern bei der Erbauung ihrer einfachen Wohnhäuser
gewisserart als Grundsteinleger gebraucht. Bei dieser Gelegenheit dürfen die
Menschen nur eine Furche ziehen, insoweit sie einen vollkommen ebenen Grund haben
wollen. Wenn ein und das andere Tier dann auf eine solche befurchte Stelle
hingeführt wird, so beginnt es sogleich den Boden zu ebnen, wühlt da mit seinen
zwei geraden, langen Fangzähnen und mit seinem sehr kräftigen Rüssel das
Erdreich auf und planiert auf diese Weise – trotz eines mathematischen
Baumeisters – die vorgezeigte Fläche. Ist die Fläche einmal locker planiert,
alsdann geht das Stampfen an. Durch dieses Stampfen wird ein solcher Boden so
eben und fest gemacht, daß fürs erste sogar eine Wasserwaage, darauf gelegt,
sicher das Medium halten würde; und fürs zweite, was die dadurch bewirkte
Festigkeit des Bodens betrifft, so würdet ihr mit euren Krampen und Picken zu
tun haben, um ihn wieder aufzulockern.
[NS.01_058,11] Dieses Tier ernährt sich
ebenfalls von Kräutern und Wurzeln und hat ausnahmsweise beinahe keine Feinde,
bis auf einige manchmal vorkommende Insekten. – Seine Farbe ist fahlgrün. Und
da sich von diesem Tiere nichts von Bedeutung mehr erwähnen läßt, so wollen wir
zu dem nützlichsten, zugleich aber auch merkwürdigsten Haustier dieses Planeten
übergehen.
59. Kapitel – Die Miron-Kuh.
[NS.01_059,01] Was ist das für ein Tier? – Es
ist kein anderes, als was da ist die Kuh bei euch, nur sieht sie bei weitem
anders aus als die Kuh auf der Erde. Auch übertrifft ihre Nützlichkeit ums
Vielfache und Mehrseitige die Nützlichkeit eures gleichen Tieres. – Damit wir
uns aber von allem einen hinreichenden Begriff machen können, was da dieses
Tier betrifft, so wird es notwendig sein, uns auch hier vorerst mit der Gestalt
dieses Tieres bekannt zu machen.
[NS.01_059,02] Wie sieht demnach dieses Tier
aus? – Fürs erste, was da betrifft seine Größe, so mißt es vom Steiße
angefangen bis zum Scheitel des Kopfes zwanzig Klafter und vom Fußtritte bis
zur Höhe des Rückgrates zehn. – Der Mittelleib dieses Tieres zeichnet sich
ebenfalls durch einen beinahe unverhältnismäßig großen Bauch aus. – Die Füße
aber sind im Verhältnis nahe also, wie bei der uns schon bekannten Ziege mehr
schwach und mager. Am Steiße sitzt ein langer, buschiger Schweif, der durchaus
mit Mähnen, beinahe also wie bei einem Pferde bei euch, bewachsen ist. – Der
Rücken dieses Tieres ist fast kamelartig; nur ist er nicht so plötzlich
aufgebogen wie bei einem Kamel, sondern allmählich vom Steiße angefangen, und
verliert sich also wieder abnehmend bis zur Schultergegend der beiden
Vorderfüße. – In der Gegend der beiden Schultern erheben sich zwei oval
zusammengedrückte Kegel, ungefähr eine halbe Klafter über den Rücken, und geben
dadurch dem Tier ein etwas schroffes Ansehen; denn wenn das Tier geht, so
bewegen sich auch diese zwei zusammengedrückten Ovalkegel stets verschoben
kreuzweise zueinander.
[NS.01_059,03] Gleich über den Schultern
hinaus erhebt sich ein von oben bis unten breiter, aber bezüglich des ganzen
Leibes recht schmaler Hals, auf welchem ein verhältnismäßig großer Kopf sitzt,
welcher nahe das Aussehen hat wie der Kopf eines Maulesels bei euch, nur ist er
verhältnismäßig groß. Auf dem Kopfe hat dieses Tier nur ein Horn; dieses aber
ist aufrechtstehend und nicht so von der Stirn nach vorwärts auslaufend, wie es
bei euch auf der Erde bei den selten gewordenen Einhörnern der Fall ist. Auf
diesem Horn sitzt eine vollkommen runde Knolle wie eine Kugel, die etwa eine
kleine Klafter im Umfange hat und von einer sehr harten Masse ist, etwa so wie
der Quarz bei euch. Dieses Horn ist an der Stirn, an seinem Fuß eigentlich, mit
einem starken, etwas struppigen Mähnenbusch umwachsen. Unter diesen Mähnen erst
sind zwei große und feurige Augen, welche an Schärfe alle anderen tierischen
Augen übertreffen. Die Zunge dieses Tieres ist ausgestreckt über eine Klafter
lang, das heißt über den Rachen hinaus, und ist ganz stachelig, etwa so wie die
Haut eines Igels bei euch. Mit dieser stacheligen Zunge kann dieses Tier seine
Nahrung bequem und fest ergreifen, sie dann in seinen Rachen hineinziehen,
zwischen den starken Druckzähnen zermalmen und sodann zu seiner Ernährung
verschlingen.
[NS.01_059,04] Was die Behaarung des ganzen
übrigen Leibes betrifft, so hat er bis auf die Extremitäten die schönste,
feinste und reichste Wolle zu seiner Behüllung; nur die Füße, die beiden schon
benannten Kegel über den Schultern und die Ohren sind kurzhaarig. Dieses Tier
ist auf diesem Planeten das einzige, welches ungefähr solche Klauen hat wie
eine Hirschkuh bei euch. Etwas vor den zwei Hinterfüßen, am Bauche, befindet
sich ein verhältnismäßig großes Euter, welches bei diesem Tier mit sechs Zitzen
versehen ist, welche aber nicht in zwei Reihen, sondern in einer Linie
fortgehen. – Die Wollfarbe dieses Tieres ist ganz weiß, die am Schweife und am
Horn vorkommenden Mähnen aber sind dunkelbraunrötlich; die kurzbehaarten Teile
aber sehen fahl aus. – Also hätten wir die ganze Gestalt dieses Tieres vor uns.
[NS.01_059,05] Wenn wir dieses Tier
betrachten, wie es sich nun gestaltlich vor uns befindet, da muß ein jeder von
euch sagen: Dieses Tier scheint wohl nützlich zu sein; aber etwas
Außerordentliches und Denkwürdiges sieht doch nirgends heraus. Allein Ich sage
hier, wie ihr zu sagen pflegt: Obschon zwar nicht alles Gold ist, was da
glänzt, so kann aber auch ebensogut recht vieles Gold sein, was nicht glänzt.
Denn wer das Gold glänzend haben will, muß es ebensogut zuvor polieren wie ein
anderes Metall. Also wollen wir uns auch an die Politur dieses Tieres machen,
und es wird sich da wohl zeigen, wieviel des merkwürdigen Goldes hinter ihm
steckt. Wir wollen daher auch zuerst das Denkwürdige und wahrhaft in das
Wunderbare gehende dieses Tieres in Augenschein nehmen, bevor wir dessen
vielseitige Nutzwirkung betrachten wollen.
[NS.01_059,06] Die erste Merkwürdigkeit
dieses Tieres besteht darin, daß es sich mit dem Menschen dieses Planeten
förmlich durch eine Art Sprache verständigen kann. Diese Sprache besteht in
Zeichen, welche dieses Tier mittels seiner Vorderfüße tut, und die es dann mit
der Mimik seines Kopfes, seiner Zunge und seiner Augen begleitet. – Ihr müßt
nicht glauben, daß solches dem Tier erst eingelernt werden muß, etwa auf die
Art, wie ihr auf eurer Erde so manches Tier lehret, sondern solches ist dem
Tier schon von Grund an eigen. Diese Fähigkeit wird freilich wohl durch einen
zeitgemäßen Umgang mit Menschen sehr erhöht; aber gelehrt braucht sie auf
keinen Fall zu werden.
[NS.01_059,07] Diese Tiere sind dadurch auch
für allerlei künftige Erscheinungen die verläßlichsten Propheten. Und wenn sie
in ihrer Eigentümlichkeit durch den Umgang mit Menschen es zu immer größerer
Fertigkeit gebracht haben, so bestimmen sie künftige Erscheinungen wie etwa
große Ungewitter, große Luftverfinsterungen durch allerlei meteorische Gebilde,
große Erdbeben, zukünftige Entstehung von blitzenden Bäumen und dergleichen
mehr, was diesen Planeten betrifft, nahe bis auf eine Sekunde voraus.
[NS.01_059,08] Aus diesem Grunde aber haben
die Menschen dieses Planeten vor diesem Tier auch eine ganz besondere Achtung,
welche sich hier und da sogar in eine Art Abgötterei verloren hat. Allein da
die Bewohner dieses Planeten auch in Verbindung mit der Geisterwelt ihres
Planeten stehen, so ist eine solche Abgötterei nie von langer Dauer, sondern
gleicht vielmehr einem kurzen Übergang, der da ähnlich ist der Begeisterung so
mancher albernen Dichter bei euch, die da nicht selten vor einer aus Holz oder
Stein geschnitzten Statue Lieder schreien, als ständen sie vor einem
Engelsgeist des dritten Himmels. Solches ist ebenfalls eine Abgötterei; aber,
wie ihr es schon zu öfteren Malen werdet erfahren haben, eben nie von zu
intensiver und zu langer Dauer. So ist es auch auf diesem Planeten um so mehr
der Fall, wo sie immer mehr einer starken Verwunderung über die Fähigkeiten
dieses Tieres als einer Abgötterei gleicht.
[NS.01_059,09] Sehet, diese Eigenschaft des
Tieres übertrifft schon sicher alle anderen Eigenschaften der Tiere, die wir
bisher kennengelernt haben. – Hat dieses Tier noch mehr denkwürdige und
wunderbare Eigenschaften? – O ja; höret nur weiter!
[NS.01_059,10] Die zweite wunderbar
merkwürdige Eigenschaft dieses Tieres besteht darin, wie es seinen Feinden,
deren es auch eine Menge zählt, begegnet. Wie verteidigt es sich denn gegen
seine Feinde? – Fürs erste merkt dieses Tier genau, wo ein Feind seiner lauert.
Wo irgend aber solches der Fall ist, da streckt es seine stachelige Zunge aus
dem Rachen und geht schnurgerade auf seinen Feind los. Durch das Herausstrecken
der Zunge hat sich dieses Tier, zufolge seiner innern Organisation, mit einer
ungeheuren Masse von positiver Elektrizität gefüllt. Merkt das Tier nun, daß es
vollgeladen ist, sodann macht es seinen Rachen zu, nachdem es die Zunge zuvor
eingezogen hat, kehrt sein Kugelhorn gegen den Feind und läßt alsbald die volle
elektrische Ladung von diesem seinem Kugelhorn auf den Feind losbrechen, der
bei dieser Gelegenheit, wenn schon nicht ganz getötet, aber dennoch von dem
außerordentlich heftigen elektrischen Schlag so gedemütigt wird, daß er sicher
auf der Stelle seinen Lauerplatz verläßt und nicht leichtlich einen zweiten
Versuch mehr wagt, sich diesem Tier feindlich zu nähern. Das wäre sonach eine
zweite, sicher denkwürdige Eigenschaft dieses Tieres.
[NS.01_059,11] Die dritte merkwürdige
Eigenschaft dieses Tieres aber besteht darin, daß die Bewohner, wenn sie von
ihm die Milch haben wollen, es nie zu melken brauchen. Sie brauchen nur ein
Gefäß hinzustellen, und sobald tritt dieses Tier mit seinem milchreichen Euter
über das Gefäß und läßt anfänglich freiwillig seine Milch aus seinen Zitzen in
das Gefäß; ist aber das Euter nicht mehr so voll, daß die Milch nicht
gewisserart freiwillig den Zitzen entträuft, sodann melkt sich das Tier selbst
mit seinen Vorderfußklauen bis auf den letzten Tropfen aus, indem es
geschickterweise seine Zitzen zwischen die zwei Klauen faßt und dann behutsam
abstreift; und hat es sich vollends ausgemolken, sodann zeigt es dies den
Menschen an, die dann das Gefäß nehmen und die Milch zu ihrem Gebrauch
verwenden können.
[NS.01_059,12] Eine vierte denkwürdige
Eigenschaft dieser Tiere besteht darin, daß sie bei Gelegenheit großer Stürme
lebendige Blitzableiter bilden. Denn dieses Tier hat die natürlichste Anhänglichkeit
zum Blitz. – Wenn da irgend mit Elektrizität schwer beladene Wolken
daherziehen, so stellen sich diese Tiere gesellschaftlich auf einem höheren
Punkte auf, strecken da ihre Zunge gegen die Wolke und entladen sie dadurch
nicht selten gänzlich von ihrer Elektrizität; entladen aber dann diese nie
plötzlich durch das Horn, sondern lassen sie allmählich durch die beiden
Schulterkegel ausströmen, welche zu diesem Zweck den Tieren eigen sind. –
Vermöge dieser Eigenschaft sind sie auch die besten Nachtwächter menschlicher
Wohnungen dieses Planeten. Denn zur Nachtzeit ist es, außer einem den Tieren
bekannten Menschen, nicht ratsam, sich einem solchen Hause zu nahen. Wer
solches täte, setzte sich der größten Gefahr aus, vom Blitz entweder erschlagen
oder aber zum wenigsten doch sehr beschädigt zu werden.
[NS.01_059,13] Daß dieses Tier vermöge
solcher Eigenschaften noch zu manchem verwendet wird, läßt sich aus dem bereits
Bekannten wohl sehr leicht schließen. Daß es zum Beispiel bei den Jagden, die
da häufig vorkommen, und bei noch so manchen anderen Gelegenheiten nicht fehlt,
könnt ihr euch leicht denken. Und so haben wir denn mit der Betrachtung der
merkwürdigen Eigenschaften dieses Tieres auch schon dessen Nützlichkeit gar
wohl wahrgenommen. Es braucht nur noch hinzu erwähnt zu werden, daß es mittels
seiner reichlichen Wolle die Menschen mit der besten Kleidung versieht, so
haben wir das ganze, nützliche Tier vor uns; und wir wollen uns daher für das
nächste Mal zu den Zweifüßlern wenden, nachdem wir noch zuvor einen ganz
kleinen Blick über das sonstige Tierreich werfen werden. – Und somit gut für
heute!
60. Kapitel – Der große Reichtum der Tierwelt
auf dem Miron. – Die zweifüßigen Tiere.
[NS.01_060,01] Wir haben schon bei
Gelegenheit der Darstellung des Planeten Saturn recht klärlich vernommen, daß
in einem jeden Planeten sich ähnliche oder verwandte Dinge vorfinden, wie sie
auf einem andern Planeten vorhanden sind, der zu einer und derselben Sonne
gehört. – Somit könnt ihr auch füglich annehmen, daß auf diesem Planeten, den
wir soeben vor unseren Augen haben, auch sicher ähnliche Tiere wie auf eurer
Erde vorkommen, welche freilich wohl in den einzelnen Teilen sich von den
eurigen unterscheiden, sowohl in der Gestalt als in der Größe und Farbe; –
dessenungeachtet aber würdet ihr eben nicht mit zu großer Schwierigkeit
diejenigen Tiere dieses Planeten bald herausfinden, welche mit denen eures
Erdkörpers verwandt sind. – Aber nicht nur die Tiere eures Erdkörpers, sondern
auch die Tiere anderer Planeten existieren hier unter manchen Abartungen,
sowohl der Größe als der Form und der Farbe nach.
[NS.01_060,02] Ja es fehlt hier sogar das Mud
des Saturns nicht und bewohnt ebenfalls nur einige Inseln außerhalb des
eigentlichen Kontinentlandgürtels; aber es ist ein großer Unterschied bezüglich
der Größe zwischen dem Mud des Planeten Miron und dem des Planeten Saturn. Denn
auf dem Planeten Miron ist dieses Tier kaum zwanzigmal so groß als etwa ein
Elefant bei euch. Wenn ihr das gegeneinanderhaltet, so wird euch der Unterschied
sicher auffallen.
[NS.01_060,03] Also gibt es auch noch andere
Tiere; aber wie schon gesagt, mit so mancher Veränderung, welches alles
kundzugeben für den Zweck dieser unserer Mitteilung zu viel Zeit benötigen
würde. Denn auf diesem Planeten gibt es allein über hunderttausend
Tiergattungen der Vierfüßler, welche nicht der Metamorphose unterliegen. –
Denket euch erst das Heer derjenigen Tiere, die man dort die Übergangstiere
nennt; endlich das ebenso sehr zahlreiche Reich der Zweifüßler. Daraus wird euch
wohl klar werden, welche Zeit es benötigen würde, um jede Gattung dieser Tiere
beschaulich darzustellen. – Daher genüge für das ganze Tierreich dieser
allgemeine Überblick und zugleich die Versicherung, daß es beinahe auf keinem
Planeten so wesenbunt wie auf diesem zugeht, – ohne daß darum der Mensch in
irgendeiner Sphäre seines Seins und Wirkens beeinträchtigt wird. Denn des
Platzes, von dem solche Tiergenerationen allein Besitz nehmen können, gibt es
eine Menge – und das von großer Ausdehnung. – Besonders dienen dazu die
transmontanischen Ufergegenden der Meere, in denen es wahrhaft wimmelt von
Wesen aller Art, welche nur selten, und manche gar nie, über die beiden großen
Gebirgszüge kommen, um im eigentlichen, für Menschen bewohnbaren Lande ihre
Wohnung aufzurichten; und kommen auch manchmal einige über diese Gebirge, so
werden sie als Fremdlinge auch gar bald wieder von den landeinheimischen Tieren
zum Rückzug genötigt.
[NS.01_060,04] Da wir sonach mit den
Vierfüßlern nichts Besonderes mehr unternehmen wollen, so wenden wir uns
sogleich zu den Zweifüßlern hinüber. – Ihr werdet hier wohl fragen und sagen:
Was Wunder müssen denn das für Tiere sein? Sind es Vögel oder Affen? Denn diese
zwei Tiergattungen sind wohl so beschaffen, daß sich der Vogel auf zwei Füßen
bewegen muß, und der Affe sich zumeist auf seinen zwei Hinterbeinen bewegen
kann.
[NS.01_060,05] Ich sage euch aber: Mit den
Zweifüßlern hier hat es eine ganz andere Bewandtnis; denn sie sind weder Vögel
noch Affen. – Ihr werdet euch vielleicht hier denken, daß darunter etwa gar
eine Art Viertel-, Drittel- oder Halbmenschen zu verstehen sind? – Auch dieses
ist nicht der Fall; denn diese Tiere haben nicht selten mit dem Menschen kaum
die allergeringste Ähnlichkeit. – Jetzt fragt es sich erst, was denn das
eigentlich für Tierwesen sind? – Sehet, da auf diesem Planeten schon alles
einen gewissen wunderbaren Anstrich hat, so ist solches auch mit dieser nur
allein diesem Planeten eigentümlichen Tiergattung der Fall!
[NS.01_060,06] Damit wir aber, wie ihr zu sagen
pflegt, auf einen Hieb einen Baum zum Fallen bringen und gleich einem Helden
Mazedoniens einen verworrensten Knoten lösen, so sage Ich euch, um diese
Tiergattung mit einem Strahl zu beleuchten: daß sie im Grunde nichts anderes
ist als eine Wiederholung sämtlicher vierfüßigen Tiere, die sich aber statt auf
vier Füßen allein nur auf zwei Füßen bewegen.
[NS.01_060,07] Was die Körper anbetrifft, so
besteht in den Formen bloß darin ein Unterschied, daß sie durchaus mehr als ums
Fünffache kleiner sind als die der eigentlichen Vierfüßler, und daß die zwei
Füße natürlicherweise etwas verschiedener sind als die Vorder- oder Hinterfüße
der Vierfüßler. Denn fürs erste sind die zwei Füße im Verhältnis durchaus
stärker als bei den Vierfüßlern; und fürs zweite sind die Tritte der Füße
gedehnter und ausgezeichneter. Sie sind aber dessenungeachtet von den Füßen des
Menschen dadurch allgemein unterschieden, daß sie die Knie ihrer Füße nach
rückwärts haben, während der Mensch sie nach vorwärts hat.
[NS.01_060,08] Ein besonders merkwürdiger
Unterschied der Füße dieser Zweifüßler von denen der Vierfüßler besteht darin,
daß die Füße dieser Zweifüßler vom Bauche bis zum Knie mit einer sehr leichten
und dehnbaren Haut verbunden und somit gewisserart zusammengewachsen sind, welche
Haut aber dessenungeachtet diese Tiere nicht im geringsten in ihrem Gehen
behindert. Weshalb diesen Tieren solche Haut gegeben ist, wird sich im Verfolg
ganz klar zeigen. Wenn diese Tiere große, weitgedehnte, vogelartige
Krallentritte haben, so sind diese Krallen mit einer solchen Haut verbunden,
die Füße aber dann nur bis zum Knie mit der vorbenannten Haut versehen.
[NS.01_060,09] Diejenigen Tiere, deren Füße
bis zum Tritt mit der Haut verbunden sind, haben in der Gegend, da der Hals den
Leib verläßt, verhältnismäßig große und starke Fächerarme, nicht unähnlich den
Flossen der Fische bei euch. Diejenigen Tiere aber, die da nur bis zum Knie mit
der Haut bewachsen sind, da sie behäutete Krallen besitzen, haben diese
Fächerarme nicht, dafür aber einen ziemlich langen, ebenfalls fächerartigen
Schweif.
[NS.01_060,10] Warum sind denn sonach diese
Tiere also eingerichtet? – Diese Tiere sind darum so eingerichtet, weil sie
samt und sämtlich Bewohner des Landes sowohl als auch der Luft sind, – fast auf
dieselbe Weise wie bei euch die Fledermäuse und noch andere Flattertiere. –
Alle diese Tiere können sich, zufolge einer in ihrem Organismus entwickelten,
überaus feinen und leichten Luftgattung, gleich euren Ballonen in die auf
diesem Planeten besonders intensive Luft erheben; und wann sie sich also in die
Luft erhoben haben, so können sie mittels dieser Zwischenfußhaut und der
Fächerarme, oder mittels der Krallenhäute und des Fächerschweifes, in der Luft
sich nach allen Richtungen so geschickt bewegen wie die Flattertiere bei euch.
[NS.01_060,11] Ihr werdet hier wohl fragen:
Was haben denn diese Tiere eigentlich für einen Zweck auf diesem Planeten? –
Einen sehr bedeutenden. Denn fürs erste bilden sie in metaphysischer Hinsicht
die Übergangsstufe vom eigentlichen Tierreich zum Menschen. Fürs zweite aber
sind sie in naturmäßiger Hinsicht die in diesem Planeten allernotwendigsten und
allerbewährtesten Luftreiniger. Denn wie sehr die Luft dieses Planeten nicht
selten bis zu einer Höhe von fünfzig bis hundert deutschen Meilen mit allerlei
meteorischen und zugleich metamorphosischen Tier- oder mitunter auch
Pflanzenwesen erfüllt und belebt ist, wurde zum Teil schon erwähnt. Aber es
bleibt uns noch dessenungeachtet ein Bedeutendes zu erwähnen übrig, und ihr
könnt es mit größter Zuversicht annehmen, daß sich dergleichen Erscheinungen
besonders gegen die Abendzeit so anzuhäufen anfangen, daß darob die Sonne so
gänzlich verfinstert wird, wie solches bei euch noch gar nie, außer einer
totalen Finsternis, bemerkt wurde. Wenn denn eine solche meteorische oder
metamorphosische Erscheinung im Anzuge ist, dann erheben sich auch bald
Millionen solcher Tiere mit ungemeiner Steigschnelligkeit von den Gebirgen,
manchmal auch mehr unwirtlichen Tälern und Gräben, und erreichen gar bald eine
solche meteorische oder metamorphosische Wolke. Daß diese Tiere hier eine ihnen
wohlschmeckende Mahlzeit halten, braucht kaum erwähnt zu werden. Sie speisen
nicht selten eine über hundert Kubikmeilen große inhaltsschwere Wolke in einem
Zeitraum von wenigen Stunden beinahe ganz rein auf. Daß solches dann für die
Menschen eine große Wohltat ist, braucht ebenfalls kaum erwähnt zu werden.
[NS.01_060,12] Auch das auf diesem Planeten
fast durchgängig metamorphosische Reich der Vögel, welches ebenfalls in jeder
Hinsicht sehr reichhaltig ist, wird von diesen Gästen in gehörigem Zaume
gehalten.
[NS.01_060,13] Ihr werdet hier fragen: Fallen
aber diese sonderbaren Zweifüßler nicht auch mitunter den Menschen zur Last? –
O nein! Denn diese Tiere sind überaus scheu und bewohnen daher stets nur solche
Punkte, Plätze und Gegenden des Landes dieses Planeten, die sonst für Menschen
und auch andere Tiere nicht leicht zugänglich sind, oder, wo sie noch
zugänglich sind, in einer solchen unwirtlichen Nacktheit erscheinen, daß
Menschen und andere Wesen hier nicht viel zu suchen haben.
[NS.01_060,14] Somit wären wir auch mit
dieser Tiergattung fertig und wollen uns daher zum Menschen dieses Planeten
wenden.
61. Kapitel – Die Menschen des Miron. –
Wohnhäuser und Dörfer daselbst.
[NS.01_061,01] Was die Menschen dieses
Planeten betrifft, so sind sie nicht so groß wie die Bewohner des Planeten
Saturn, aber doch wieder größer als die des Planeten Uranus, – obschon sie
unter sich selbst bedeutenden Größenunterschieden unterworfen sind. So gibt es
nicht selten Menschen, die eine Höhe von vierzig Klaftern, und wieder Menschen,
die oft kaum eine Höhe von etwas über zwanzig Klaftern erreichen. In dieser
Hinsicht gleicht denn dieser Planet beinahe eurer Erde, allda es auch für das
Verhältnis menschlicher Leibesgrößen sehr verschiedene Varianten gibt. Dies ist
auf unserem Planeten Miron auch der Fall mit dem weiblichen Geschlecht.
[NS.01_061,02] Was hernach die körperliche
Form beider Geschlechter betrifft, so ist sie gewöhnlich von sehr schöner Art,
obschon es auch hier bedeutende Abweichungen gibt. Um uns also von der Gestalt
der Menschen dieses Planeten in aller Kürze einen möglichst vollkommenen
Begriff machen zu können, wollen wir uns an die Mittelklasse in jeder Hinsicht
halten; denn von diesem Standpunkt werden sich dann ohnehin leicht alle
möglichen Nebenlinien erkennen lassen. Und so wollen wir fürs erste den Mann von
dreißig Klaftern Höhe und das Weib von etwa achtundzwanzig Klaftern in
Augenschein nehmen.
[NS.01_061,03] Wie sieht denn der Mann aus? –
Der Mann hat ein ziemlich ernstes, aber durchaus nicht abstoßendes Aussehen.
Seine Gliedmaßen sind vollkommen männlich nach der Art eines vollkommenen
Mannes bei euch. Sein Haupt ist mit langen, zumeist ringelartig gelockten
Haaren versehen, welche von dunkelgrüner Farbe sind. Die Hautfarbe des Mannes
ist weiß, hier und da nur ein wenig ins Lichtgrüne übergehend. Die Lippen sind
zwar rot, schillern aber auch etwas ins Grüne. So sind auch die Augen niemals
blau oder grau, sondern variieren in der grünen Farbe. Der reichliche Kinnbart
des Mannes ist ebenfalls grün; nur ein wenig blasser als die Kopfhaare. Auch
die Nägel an den Fingern sehen so aus, wie ein recht starkes grünes Glas;
während die Finger gewöhnlich vollkommen weiß sind, wenn sie reinlich gehalten
werden, was in diesem Planeten übrigens zuallermeist der Fall ist. – Die Zähne
im Munde sind also bläulich wie Perlmutter bei euch und schillern ganz sanft in
verschiedenen Färbungen. – Die Stimme des Mannes ist sehr wohlklingend, aber
gewöhnlich sehr tief, so daß ein gewöhnlicher Redeton sich beständig in der
tiefsten Region eurer Kontratöne bewegen dürfte, und das in einer für eure
Ohren so sonoren Stärke, daß ihr ihn in einer Entfernung von zwei bis drei
Meilen noch gar wohl einem Donner ähnlich vernehmen würdet. – Obschon aber auch
das Weib ziemlich tief spricht, ist dennoch ihre Stimme angenehmer und
gewisserart biegsamer als die des Mannes. Sie ist daher besonders für das
männliche Geschlecht dieses Planeten überaus anziehend; um so mehr, weil dieser
Planet gewisserart die eigentliche Heimat der Tonkunst ist. Man pflegt nämlich
hier diese Kunst nicht nur mittels der verschiedenartigen und beugsamen
Menschenstimmen, worunter sich freilich wohl die weiblichen am meisten
auszeichnen, sondern auch durch mannigfaltige musikalische Instrumente.
[NS.01_061,04] Also hätten wir gesehen, wie
der Mann aussieht, und zwar in seinem nackten Zustande; und so wollen wir auch
das Weib unbekleidet betrachten. – Es dürfte vielleicht einer oder der andere
fragen, warum denn nicht auch die Kleidung zugleich mit der dargestellten
Gestalt? – Der Grund liegt darin: Weil hier die Kleidung fast so
verschiedenartig ist wie bei euch, so läßt sich hier nicht wie auf einem andern
Planeten darüber eine feste Form aufstellen. – Denn auch hier tragen die Männer
(nach Verschiedenheit des Landes und ihrer Sitten) verschiedene Röcke, Mäntel,
Beinkleider, Schuhe und Hüte, – und ebenso auch das Weib. Wollt ihr demnach
einen bekleideten Menschen männlichen oder weiblichen Geschlechts vor euch
haben, so müßt ihr ihn schon selbst anziehen, welches euch eben nicht gar zu
schwer werden dürfte. Ihr dürft zu dem Zweck nur die besseren europäischen und
asiatischen Nationaltrachten, freilich wohl im vergrößerten Maßstabe, auf die
Bewohner dieses Planeten übertragen, so habt ihr sie denn auch bekleidet vor
euch! – Und da wir solches wissen, so können wir füglichermaßen ohne Bedenken
uns einem nackten Weibe nahen und dasselbe beschauen nach seiner Art.
[NS.01_061,05] Das Weib ist gewöhnlich von
ungemein schöner Art, ja manchmal von wunderbarer Schönheit. In seiner
Erscheinung spricht sich eine wunderbare Süße und Anmut aus; Rundung, Weichheit
und Zartheit sind die beinahe niemals mangelnden Auszeichnungen des weiblichen
Körperbaues. – Die Haut ist ungemein zart und von blendend weißer Farbe, etwa
wie frisch gefallener Schnee auf einer Alpe bei euch, nur die Wangen gehen zumeist
ins sanft Grünrötliche über. – Die Haare sind schwarzgrün und schillern bei
Lichte wie eine Pfauenfeder bei euch; so sind auch die Dunstlocken unter den
Armen ausgezeichnet und schillern wie Diamanten; und ebenso sind auch die
Schamlocken. – Die Nägel an den Fingern sind äußerst lebhaft grün und glänzen
wie fein poliertes Glas, welches sich auf den überaus weißen und runden Fingern
bei den Weibern dieses Planeten überaus gut ausnimmt.
[NS.01_061,06] Das Antlitz dieser Weiber hat
zumeist diejenige Form, die ihr nach euren Grundsätzen zu den schönsten
rechnet. Eine glatte, hohe Stirne, ziemlich starke Augenbrauen, große und sehr
lebhafte Augen, deren Pupille ein feuervolles Grün mit manchmal rot
durchbrechenden Strahlen spielt. Die Nase ist gerade und allenthalben sanft
abgerundet. Also ist auch der Mund im rechten Verhältnisse zu allen übrigen
Teilen. – Das Kinn ist weder zu spitz noch zu breit, sondern es hat mehr eine
vollkommen eiförmige Gestalt, in der Mitte mit einer mäßigen Einbiegung
versehen.
[NS.01_061,07] Der Hals ist mittelmäßig lang
und rund; der Nacken vollkommen, daß da nirgends irgendein Knochenausdruck zu
bemerken ist. – Die Brust ist überaus voll. Und unter der Brust wird das Weib
bis an die Hüfte schlank; dann aber wird es wieder sehr zunehmend und ist in
der Gegend der Schenkelgelenke so breit wie ihre Schultern, das heißt von einer
Schulterlinie über den Rücken zur andern. – Daß auch die Füße in der Ordnung
sind, braucht kaum erwähnt zu werden.
[NS.01_061,08] Nun möget ihr das Weib noch
nach eurem Belieben bekleiden, so könnt ihr euch dann schon einen Begriff
machen, wie da ein so recht wohlgestaltetes Frauenzimmer aussieht. Nur müßt ihr
sie nicht etwa zu einer Pariser Putzdocke machen, sondern, wie gesagt, nach
irgendeiner Nationaltracht der Landvölker müßt ihr sie kostümieren.
[NS.01_061,09] Nun hätten wir den Menschen
vor uns. Dieser Mensch aber hat noch keine Wohnung. Somit wird es vor allem
notwendig sein, ihm auch eine Wohnung zu geben. Denn die Menschen dieses
Planeten wohnen so gut wie ihr in Häusern. Also ist es nur notwendig, zu
wissen, wie die Häuser aussehen; ob sie einzeln oder vergesellschaftet, wie
etwa die Dörfer bei euch, beisammenstehen; und wir haben dann unsere schönen
und großen Menschen dieses Planeten schon mit Wohnung versorgt.
[NS.01_061,10] Wie sehen denn die Häuser aus?
– Die Häuser sehen hier beinahe so aus wie bei euch; nur haben sie nie mehrere
Stockwerke, sondern allein das Erdgeschoß, und sind der Wand nach nie höher als
höchstens anderthalbmal so hoch, als wie da der Mann groß ist. Die Dächer sehen
ebenfalls so aus wie die Dächer eurer Landwohnhäuser; nur sind sie etwas
zugespitzter als bei euch, etwa so wie die Dächer gotischer Bethäuser.
[NS.01_061,11] Ein Haus hat nie mehr als drei
Zimmer; eines zur Wohnung fürs männliche Geschlecht und eines zur Wohnung fürs
weibliche Geschlecht und eines, welches gewöhnlich das mittlere ist, zum
allgemeinen gegenseitigen Verkehr. – Wie groß sind denn solche Zimmer? – Im
Verhältnis zu den Menschen dieses Planeten nicht zu groß und nicht zu klein. So
groß aber ist jedes, daß es eine Gesellschaft von hundert Menschen leicht
fassen kann.
[NS.01_061,12] Aus welchem Material sind denn
die Häuser gebaut? – Durchgehends aus behauenen Steinen. – Die Fenster der
Zimmer sind hoch, aber nicht zu breit, und sind ebenfalls mit einem elastischen
Naturglas, von der Art wie etwa euer Frauenglas, versehen, welches ebenfalls in
Rahmen, gewöhnlich aus Metall, eingefaßt ist. Die Farbe dieses Glases ist
verschieden, je nachdem es die freie Werkstätte der Natur liefert. Die Bewohner
haben zwar auch ein künstliches Glas; dieses aber verwenden sie zu ganz anderen
Zwecken; wovon noch später die Rede sein wird.
[NS.01_061,13] Neben den Wohnhäusern sind
auch wirtschaftliche Gebäude, sowohl zur Wohnung für ihre Haustiere wie auch
noch für allerlei andere hauswirtschaftliche Zwecke, aufgeführt. – Dann sind
vor den eigentlichen Wohnhäusern auch noch Kinderhäuser von nicht mehr als
einem Zimmer erbaut. Diese Häuser sind so hoch wie das Wohnhaus, nur sind sie
natürlicherweise dem Umfange nach kleiner.
[NS.01_061,14] Es braucht nur noch
hinzuerwähnt zu werden, daß die Menschen hier zumeist in Dörfern beisammen
wohnen, so haben wir sie schon gehörig untergebracht und wollen nächstens ihre
weiteren Verhältnisse verfolgen.
62. Kapitel – Eigentumsverhältnisse auf dem
Miron. – Gemein- und Sondereigentum.
[NS.01_062,01] Wenn wir unsere Mironbewohner
unter das Dach gebracht haben, so wird es zu dieser Unterbringung doch sicher
notwendig sein, ihnen auch Grund und Boden hinzuzufügen; denn ohne den wird es
sich hier, ebenso wie allenthalben, ein wenig schwer leben lassen. Es fragt
sich demnach: Wie ist denn das Grundwesen bestellt? Hat ein Dorf
gemeinschaftliche Gründe, oder hat jeder Hausbewohner seinen eigenen, ausgemessenen
Grund, auf welchem er die notwendigen Nährfrüchte für sein Haus gewinnt?
[NS.01_062,02] Es ist hier, ganz genau
genommen, weder das eine noch das andere der Fall; sondern beide Fälle sind
hier auf eine für euch sicher merkwürdige Weise vereinigt. – Wie aber solches?
Das wird gleich die Folge zeigen! – Fürs erste hat ein jedes Dorf einen
vollkommen gemeinschaftlichen Grund, welcher im Verhältnis zu den Bewohnern und
ihren Bedürfnissen groß genug ist, um alle in überhinreichender Fülle mit
Nährfrüchten aller Art zu versehen; und niemand kann sagen: Das ist mein Grund
und Boden! Aber ein jeder kann vom ganzen Grunde die Früchte ernten, und so
kann doch wieder ein jeder sagen, und das zwar auf jeder Stelle des
gemeinschaftlichen Grundes: Das ist unser Grund!
[NS.01_062,03] Solches wäre richtig. Aber es
steckt jetzt im Hintergrunde die Frage: Wenn somit das ganze Dorf einen Grund
gemeinschaftlich besitzt, wie verhält sich dann zu diesem Allgemeinbesitz ein
sonderheitliches Besitztum? – Ich sage euch: Nichts leichter als das! Das
sonderheitliche Besitztum erstreckt sich nur auf solche Flächen, die ein oder
der andere Bewohner für eine gewisse Zeiternte mit eigener Hand für die
Hervorbringung von Kleinfrüchten bearbeitet hat. Ist dann ein Fleck von einem Hause
eines Dorfes eigens bearbeitet, so muß er mit dem des Hauses eigenen Zeichen
abgesteckt werden. Von der Zeit dieser Absteckung bis zur Zeit der Ernte ist
dann ein solcher Grundfleck dem Bearbeiter von keiner Seite her bestreitbar
eigen. Nach der Erntezeit aber fällt er wieder der Allgemeinheit anheim und
kann sogleich ohne alle Widerrede des vorigen Besitzers von einem andern Hause
besteckt werden.
[NS.01_062,04] Was aber die Großfrüchte
betrifft, deren Produzenten natürlicherweise die euch schon bekannten Bäume
sind (welche nicht der Metamorphose unterliegen), so sind diese samt und
sämtlich ein Gemeingut des ganzen Dorfes. Wenn da ein Baum beerntet wird, so
wird die Ernte von allen Dorfbewohnern zu gleichen Teilen in Beschlag genommen.
[NS.01_062,05] Was aber die sogenannten
metamorphosischen Früchte betrifft, wie etwa die Kleinpflanze und das
Kleingesträuch, welches eine Zeitlang als solches dasteht, dann wieder vergeht
und sich in einer tierischen Art reproduziert, so ist hier das Recht der
Eigennehmung dem ersten, der so etwas antrifft, eingeräumt; nur hat ein solcher
Erntenehmer den ganzen Gewinn der ganzen Dorfgemeinde anzuzeigen. Und wenn sich
ein oder das andere Haus äußert, als möchte es auch einen Teil daran haben, so
ergeht nach den dort üblichen Humanitätsgesetzen eine freundliche Bestimmung,
wie viel zum Verhältnis der ganzen Ernte ein oder das andere Haus wünscht. Ist
eine solche Bestimmung ergangen, so wird ihr von dem Haupterntenehmer auch
alsogleich gewillfahrt.
[NS.01_062,06] Derselbe Fall ist es auch mit
dem euch schon bekannten fliegenden Brot. Wer es fängt, ist der Hauptbesitzer
davon und teilt es ebenfalls, nach den freundschaftlichen Bestimmungen von
seiten der anderen Häuser, eben an diese anderen Häuser aus. Doch müssen die
Bestimmungen also bestellt sein, daß sie nicht über die Hälfte einer solchen
zufälligen Ernte ansprechen; denn diese muß dem Haupterntenehmer zu eigen
verbleiben.
[NS.01_062,07] Was aber da die Haustiere
betrifft, so gehören diese wieder zum allgemeinen Besitztum. Aber dennoch, was
ihre Produkte, wie Milch und Wolle betrifft, so sind diese nicht genau teilbar.
Denn allda tritt das Recht des „primo occupanti“ ein. Jedoch mit der Bedingung,
daß ein Nachbar nicht das Recht hat, sein Besitzrecht auf die Milch auszudehnen,
welche eine Kuh vor dem Hause eines andern gelassen hat. – Vielmehr kommt hier
das Recht des „primo occupanti“ dem Hause zu, allda die Kuh ihre Milch gelassen
hat, und nicht demjenigen Nachbarn, welcher allenfalls zuerst seine Hand auf
den Milchtrog gelegt hätte.
[NS.01_062,08] Ferner aber gehören dennoch
wieder alle mineralischen Produkte vollkommen zu gleichen Teilen allen
Dorfbewohnern zu; und es müssen daher auch von allen Häusern eine gleiche
Anzahl Arbeiter dazu beschickt sein. – Wie mit den mineralischen Produkten
verhält es sich aber auch mit den Jagdgewinnen; auch diese werden als eine
allen Bewohnern gleichteilig zugute kommende Beute betrachtet.
[NS.01_062,09] Erzeugnisse aber, welche der
häuslichen Kunst angehören, sind jedem Hause vollkommen eigentümlich und können
nur entweder durch Tausch oder Freundschaft an ein anderes Haus übertragen
werden. Dazu gehören vorzugsweise verschiedene musikalische Instrumente und
wohl auch andere mechanische Produkte, welche hier sehr häufig verfertigt
werden, und das von gewöhnlich vielfach nützlicher Art. Worin aber diese, wie
auch die musikalischen Instrumente, bestehen, wird am gehörigen Platze schon
näher bestimmt werden.
[NS.01_062,10] Da diese Menschen, wie euch
schon bekanntgegeben wurde, sich nahe also kleiden wie ihr, so könnt ihr wohl
auch voraussetzen, daß sie zur Erzeugung ihrer Kleidungsstoffe aus aller Art
tierischer Wolle auch allerlei Weber haben müssen. Diese Weber sind nicht in
allen Häusern; sondern für diese ist gewöhnlich in der Mitte des Dorfes ein
eigenes, großes Fabrikhaus erbaut. – Wenn die Wolle in den Häusern in Fäden
gesponnen ist, so wird sie mit dem Zeichen des Hauses in das große Fabrikhaus
gebracht. Allda wird sie dann bald zum verlangten Zeug gewebt und von dem
Hause, welches sie hingeschafft hat, wieder als Kleidungsstoff in Besitz
genommen.
[NS.01_062,11] Es dürfte hier einer fragen:
Was haben denn da die Weber für einen Lohn dafür? – Einen allgemeinen und
keinen sonderheitlichen. – Ein solches Fabrikhaus wird fürs erste von der
ganzen Dorfgesellschaft erbaut. Die Weber haben dann für nichts zu sorgen,
sondern ein jedes Haus gibt alljährlich einen bestimmten Teil seiner ganzen Ernte
an dieses Fabrikhaus ab. Dafür aber haben dann diese Weber die Verpflichtung,
jedem Hause die verlangte Arbeit zu liefern, und das ohne sonderheitliches
Entgelt.
[NS.01_062,12] Derselbe Fall gilt auch für
die Kleidungsverfertiger. Denn hier gibt es auch im Ernste Schneider und
Schuster, welche aber ebenfalls ohne sonderheitlichen Lohn arbeiten müssen, da
sie auch, so wie das Weberfabrikhaus, von der ganzen Gemeinde versorgt werden.
[NS.01_062,13] Nun wüßten wir beinahe schon
alle häuslichen Verhältnisse, und wie rechtlich diese Dorfgemeinden miteinander
leben. – Es fragt sich demnach nur noch, ob hier ein Vorsteher ist oder keiner?
[NS.01_062,14] Im Grunde ist hier kein
Vorstand; sondern alles beruht auf dem gegenseitigen Übereinkommen.
Dessenungeachtet werden aber dennoch die Ältesten des Dorfes, welche auch
zugleich Priester und Lehrer sind, in wichtigen Fällen als Ratgeber betrachtet;
und wenn sie zusammen etwas beschlossen haben, so wird ein solcher Beschluß von
der ganzen Gemeinde unwiderruflich angenommen.
[NS.01_062,15] Gibt es hier keine Kaiser und
Könige? – O nein! Ein jedes Dorf in seiner Allgemeinheit ist sein eigener Herr
in allem. – Aus diesem Grunde gibt es hier denn auch keine Steuern und keine
Kriege. – Zudem sind auch die Dörfer gewöhnlich in solchen Entfernungen
voneinander angelegt, daß darob ein jedes Dorf zu seinem Unterhalt ein gehörig
großes Landtum besitzt, welches nicht selten größer ist als euer ganzes
Kaisertum Österreich.
[NS.01_062,16] Und so denn wüßten wir, bis
auf die kleinhäuslichen Verhältnisse, alles, was die Bewohner dieses Planeten
betrifft. – Die kleinhäuslichen Verhältnisse, wie auch die mit den
nachbarlichen Dörfern, wollen wir nächstens in Augenschein nehmen. – Und somit
gut für heute!
63. Kapitel – Häusliche Verhältnisse, gute
gesellschaftliche Lebensregeln, Musik und Musikinstrumente auf dem Miron.
[NS.01_063,01] Was wird denn unter den
kleinhäuslichen Verhältnissen verstanden? – Nichts anderes als allein nur
diejenigen Regeln, welche in bürgerlicher Hinsicht von jedem einzelnen Hause an
und für sich zu beachten sind. – Zu solchen Regeln gehören demnach alle
Freundschaftsverhältnisse und die von ihnen abgeleiteten gegenseitigen
Tunlichkeiten, wodurch die Familie eines Hauses sich gegenseitig beliebetätigt
und zu erkennen gibt, daß die Glieder in einem Hause sich allernächst verwandt
sind.
[NS.01_063,02] Die erste Regel heißt demnach:
Achtung auf Achtung, Liebe auf Liebe und Freundschaft auf Freundschaft! –
Dieser ersten Regel folgt eine zweite, und diese lautet: Auge auf Auge, Hand
auf Hand und Herz auf Herz! – Eine dritte Regel lautet: Tritt für Tritt, Ohr
für Ohr und Gang für Gang! – Nach diesen angegebenen Regeln richtet sich alles
in einem Hause.
[NS.01_063,03] Das Elternpaar ist das
Oberhaupt der Familie, der Vater für den männlichen und die Mutter für den
weiblichen Teil. Da aber Vater und Mutter hier wahrhaft einen Leib ausmachen,
so vereinigen sich diese beiden obersten Pole zu einem Wirkungspunkte. Was
demnach der Vater will, das will auch die Mutter. Und so ist im ganzen Hause,
sowohl männlicher- als weiblicherseits, eine und dieselbe Verfassung.
[NS.01_063,04] Darum ist die Regel: „Achtung
auf Achtung“ im ganzen Hause allgemein. Es achtet der Hausvater sein Weib und
dieses den Hausvater, und beide werden dadurch eins, weil nur aus solcher
Achtung die wahre, reine Liebe hervorgehen kann. – Also achten demnach auch die
Brüder ihre Schwestern und die Schwestern ihre Brüder, und also in
aufsteigender Linie alle Kinder ihre Eltern, wie auch wieder umgekehrt die Eltern
ihre Kinder. Und der jüngere Bruder achtet den älteren und der ältere den
jüngeren. Und also ist es auch der Fall bei den Schwestern, und also auch
gegenseitig von einer älteren Schwester zu einem jüngeren Bruder und von einem
älteren Bruder zur jüngeren Schwester.
[NS.01_063,05] Dadurch ist dann alles auf der
Grundfeste der gegenseitigen Achtung durch das Band gegenseitiger Liebe
verbunden, welche sich in der gegenseitigen, überaus süßen Freundlichkeit
ausspricht. – Dadurch aber sind ja auch alle anderen Regeln schon erfüllt. Denn
Aug' auf Aug' heißt doch unter solchen liebefreundlichen Verhältnissen sicher:
zusammensehen, einstimmigen Herzens sein und mit Händen einander unterstützen,
und ferner auch gerne einander die Füße leihen, gerne einander anhören und
gerne dahin gehen, wohin einer oder der andere geht.
[NS.01_063,06] Manchmal wohnen in einem Hause
nicht nur eine, sondern oft drei, vier bis fünf Familien, so daß es gewisserart
fünf Paare Eltern gibt, die alle mit mehr oder weniger Kindern bereichert sind.
Aber alle diese Familien in einem Hause stehen also zusammen, daß da von
irgendeinem Zanke wohl nie die Rede ist; im Gegenteil, je mehr Familien oft in
einem Hause beisammen wohnen, desto inniger und somit auch gesegneter, geht es
da zu. Diese Menschen sind wahrhaft so verliebt ineinander, daß sie sich eher
alles antun ließen, bis da einer imstande wäre, einem Gliede der Familie über
die Schranken der Achtung nur im geringsten zu nahe zu treten; sondern ein
jedes, – selbst schon von den kleinsten Kindern angefangen, die da ihr
Kinderhaus verlassen haben, – wird solche gegenseitige Achtung mit der
größtmöglichsten Zartheit beachten.
[NS.01_063,07] Aus diesem Grunde lieben diese
Menschen auch die Musik so sehr, weil sie ihrem innern Charakter, unter allen
Künsten und Wissenschaften die sie besitzen, am meisten entspricht; und die
Musik gehört denn auch zu einer häuslichen Hauptbeschäftigung.
[NS.01_063,08] Damit wir uns aber von diesen
tonkünstlerischen Menschen einen näheren Begriff machen können, wollen wir
zuerst ihre musikalischen Instrumente ein wenig durchmustern und sodann erst
einer kleinen musikalischen Produktion unsere Ohren leihen.
[NS.01_063,09] Was die musikalischen
Instrumente betrifft, so haben sie durchaus keine Ähnlichkeit mit den euren;
daher auch die Musik dort ganz anders klingt als bei euch. – Blasinstrumente
wie auch Saiteninstrumente sind hier nirgends anzutreffen. Aber statt der
Saiten- eine Art Glockeninstrumente, dann Scheibeninstrumente und auch
Kugelinstrumente sind hier zu Hause.
[NS.01_063,10] Was das Glockeninstrument
betrifft, so wird dieses aus einer Art sehr wohlklingenden Metalls also
angefertigt: Es werden mehrere Glocken in der Art von Halbkugeln gegossen;
diese Glocken werden dann von groß bis zu klein auf einer Spindel befestigt;
nachdem sie zuvor gehörig poliert und nach eurer chromatischen Tonleiter reinst
gestimmt worden sind. Auf einer Spindel stecken bei einem vollkommenen
Instrument allzeit für drei Oktaven solche Glocken, nach der Stimmung ungefähr
von eurem D in der Kontraoktave anfangend und von da drei Oktaven aufwärts
steigend. – Die Töne werden auf doppelte Weise den einzelnen Glocken dieses
Instruments entlockt, entweder durch das Anschlagen mit einem etwas weichen
Hammer oder durch das Reiben mittels der Finger, welche zuvor in ein wenig
gesalzenes Wasser gehalten werden. Dieses Instrument wird gewöhnlich von den
Männern gespielt und ist kein Soloinstrument, sondern ein harmonisches
Begleitungsinstrument zum Gesange der Weiber.
[NS.01_063,11] Nach diesem Instrument kommt
das Scheibeninstrument. Dieses ist aus dem schon einmal erwähnten Glase
verfertigt. Die Scheiben stecken ebenfalls auf einer Spindel, welche so wie die
frühere gedreht wird, und der Ton wird durch das Reiben mit beharzten Fingern
hervorgebracht. Dieser Ton ist überaus durchdringend, und das Instrument ist
gerade allenthalben um eine Oktave höher gestimmt als das frühere und wird
somit nur zur Verstärkung der Harmonie des schon bekannten Glockeninstruments
gebraucht.
[NS.01_063,12] Das vorzüglichste und zugleich
Soloinstrument ist dasjenige, was wir schon früher mit dem Namen
Kugelinstrument bezeichnet haben. Da aber dieses Instrument einer ziemlichen
Mechanik unterworfen ist, so wollen wir davon bei der nächsten Gelegenheit
ausführlich sprechen, wie auch über die Art und Weise, wie dieses Instrument
von den Musikern sehr geschickt gehandhabt wird. – Und somit gut für heute.
64. Kapitel – Kugelinstrument, Tonkunst und
Tonschrift, Optik, Mechanik und Schreibkunst auf dem Miron.
[NS.01_064,01] Das Kugelinstrument ist
zusammengesetzt aus lauter gewundenen Röhren, die nach außen hin mehr
abgeflacht sind; nur gegen innen zu haben sie eine vollkommen runde Gestalt. –
Die Kugel hat in ihrer weitesten Ausbauchung drei Klafter im Durchmesser; unter
dieser weitesten Bauchung der Kugel sind auch die dicksten Röhren gewunden.
Gegen die Pole der Kugel aber, welche trichterförmig offen sind, sind nach
abstufender Ordnung auch stets kleinere Röhren angebracht.
[NS.01_064,02] Diese Kugel ruht auf einem
offenen Dreifuß, unter welchem ein starkes Windgebläse angebracht ist, aus
welchem Gebläse durch die Füße unseres Dreifußgestells der Wind in die Kugel
geleitet wird. Neben den schon erwähnten Haupttonröhren laufen noch kleinere
Windröhren, deren Mündungen über den Löchern angebracht sind, welche von den
Haupttonröhren aus der Kugel etwas erhaben hervorbrechen. Da, wo der Wind in
die verschiedenen Röhren verteilt wird, ist allenthalben eine Ventilklappe
angebracht, welche durch einen eigenen Mechanismus geöffnet oder wieder
geschlossen werden kann. Wird die Klappe geöffnet, so wird dadurch der Wind
durch die Mündung an das tonbildende Loch des Tonrohres gebracht; im Gegenteil
aber dann abgeschlossen, und der Ton hat mit dem Abschlusse natürlicherweise
auch ein Ende, ungefähr also wie bei euren Orgeln.
[NS.01_064,03] So wüßten wir demnach, wie
dieses Instrument beschaffen ist. Es fragt sich jetzt nur: Wie wird dieses
Instrument denn gespielt? – Dieses Instrument wird, ungefähr so wie eure
Orgeln, mittels einer Art Tastatur gespielt; nur hat die Tastatur eine andere
Gestalt, und die halben Töne sind anders eingeteilt als auf euren Klavieren.
Denn die Skala, die ihr die diatonische nennt, ist hier keine Grundskala;
sondern ihre Grundskala besteht aus lauter ganzen Tönen, zwischen welchen
überall ein halber Ton sitzt. – So ist demnach auch die Tastatur. Diese besteht
eigentlich aus zwei Reihen länglicher, ungefähr einen Schuh breiter Halbkugeln.
Diese Tastatur wird die untere genannt. Zwischen einer jeden solchen untern Taste,
etwas höher und auch etwas kürzer, ist ebenfalls eine, aber nur einen halben
Schuh breite, längliche Halbkugel angebracht. – Ihr werdet hier sagen: Wären
denn flache Tasten nicht besser als solche abgerundete? – Für eure Finger mögen
flache Tasten wohl dienlicher sein als abgerundete; aber für die starken Finger
unserer Mironbewohner sind wieder diese Tasten besser. Denn hätten sie flache
Tasten, so müßten diese wenigstens noch einmal so breit sein, damit sie einzeln
könnten abgedrückt werden, – da ein Finger eines Mironbewohners vorn nicht
selten bei zwei Schuh im Durchmesser hat. Durch die Erhabenheit der Taste aber
kann der Spieler jede einzelne Taste, welche einen sehr geringen Fall hat, gar
leicht und unbeschadet der zwei Nebentasten eindrücken. Nun seht ihr schon den
Vorteil dieser Tastaturform für unsere Bewohner.
[NS.01_064,04] Jetzt wäre uns das ganze
Instrument bekannt. – Es fragt sich nur, was für einen Ton es denn eigentlich
hat? – Der Ton dieses Instruments gleicht zumeist einem Flötentone bei euch;
nur ist er ums Unvergleichliche stärker, kann aber durch eine eigene
Vorrichtung, durch welche die Polarschalltrichter dieses Instruments entweder
mehr geöffnet oder gedeckt werden, vom Fortissimo bis ins Pianissimo übergehen.
[NS.01_064,05] Auf diesem Instrument sind
unsere Mironbewohner hin und wieder wirklich große Künstler. Manche besitzen
eine solche Fertigkeit in der Behandlung dieses Instruments, daß sich die
größten Künstler bei euch hoch verwundern würden, dort einen solchen
Kugelspieler zu hören. Dieses Instrument fehlt daher auch in keinem Hause und
ist so allgemein beliebt, daß ein Mensch, der wenigstens nicht etwas auf
demselben hervorzubringen vermag, für sehr einfältig gehalten wird, welcher
Fall jedoch nur äußerst selten vorkommt.
[NS.01_064,06] Ihr möchtet wohl auch wissen,
was für Musikstücke diese Musiker spielen, und ob sie etwa auch Tondichtungen
haben so wie ihr? – Ihr könnt es glauben, an dergleichen Produkten ist auch
hier durchaus kein Mangel. Denn fast in einem jeden Hause ist sicher auch ein
Komponist daheim, der mittels farbiger Zeichen zwischen drei gezogenen Linien,
durch welche die drei Oktaven bedeutet werden, seine Ideen entweder auf
Metallplatten oder auch auf Steintafeln, manchmal wohl auch auf dünne, glatt
gehobelte Holztafeln niederschreibt.
[NS.01_064,07] Diese Tonzeichen sind viel
einfacher als die eurigen. Denn durch sechs Farben bezeichnet er die sechs
ganzen Töne, und zwar durch runde Punkte wie bei euch. – Die halben Töne aber
werden durch gleich große Nullen von derjenigen Farbe gemacht, aus welcher der
vorliegende Grundton besteht. Dadurch kann er auf einer Linie die ganze Skala
von einer Oktave schreiben. – Will er nun einen Akkord setzen, so setzt er
diese Punkte von verschiedener Farbe, so wie ihr, übereinander; aber so, daß
sie nicht die zweite Linie beirren, aus welchem Grunde auch die drei Linien
allzeit in gehöriger Distanz voneinander gezogen sind.
[NS.01_064,08] Ihr werdet hier sagen: Solches
wäre ganz gut und richtig; wie aber bringt er da die rhythmische Einteilung
heraus? – Auf die leichteste Weise! – Er zieht die nacheinander in gleichem
Zeitmaße zu spielenden Tonzeichen mittels einer Linie zusammen, unter diese
Linie setzt er dann entweder eine Zahl oder drückt diese Zahl auch durch Punkte
aus. Soll eine Note länger ausgehalten werden, so steht sie für sich allein da;
und durch ein bestimmtes, unter der Note angebrachtes Zeichen wird angedeutet,
wie lange sie auszuhalten ist. Und zu Anfang eines jeden Tonstücks wird, ebenso
wie bei euch, ein bestimmtes Zeitmaßzeichen gesetzt, nach welchem sich die
fernere Einteilung eines Tonstücks rhythmisch zu richten hat; und der Rhythmus
wird, ebenso wie bei euch, durch kleine Querlinien bezeichnet.
[NS.01_064,09] Das ist aber auch das
Wesentlichste über die Art und Weise, wie unsere Mirontondichter ihre Ideen
aufzuzeichnen pflegen. – Da sich ihre Instrumente allzeit nur innerhalb dreier
Oktaven bewegen, so langen sie mit diesen drei Linien auch vollkommen aus und
haben somit auch nur einen einzigen Schlüssel. Geht auch zum Beispiel das
Scheibeninstrument um eine Oktave höher, so hat dieses mit der Sache keine Not;
denn das Ganze liegt dann nur am Instrument, welches dieselben Tonzeichen in
seiner Lage geradeso spielt, wie das um eine Oktave tiefer liegende. – Was aber
hier für die Instrumente gilt, dasselbe gilt um so mehr noch für die Sänger,
welche nur gar selten mit ihren Kehlen den Umfang ihrer Instrumente erreichen.
[NS.01_064,10] Ein ganzes, volles Orchester
besteht außer den Sängern demnach nur aus drei Personen und – bei dem
Kugelinstrument –, einem Blasewerkrührer. Diese drei Menschen bringen aber mit
Hilfe des einzigen Blasewerkrührers einen solchen Toneffekt hervor, daß ihr bei
einer solchen Produktion in einer dreistündigen Entfernung noch vollauf zu hören
hättet. Denn fürs erste haben diese Instrumente, zufolge der sehr intensiven
und elastischen Luft dieses Weltkörpers, einen außerordentlich starken Ton, und
fürs zweite sind die Sänger hier auch überaus gut bei Stimme; denn ein recht
forcierter Ton eines solchen Mironsängers dürfte bei euch auf der Erde mit
seiner Kraft wohl eine ziemlich lebhafte Kanonade unvernehmbar machen.
[NS.01_064,11] Für eure Ohren wäre ein
solches Konzert in der Nähe wohl ein wenig zu stark; aber in einer gehörigen
Entfernung würde euch dasselbe sicher nicht wenig entzücken. Denn ihre
Tondichtungen sind von sehr erhabener Art, bewegen sich sehr selten in den
Dur-Tonarten, sondern meist in den Moll-Tonarten, welche bei ihnen halbe
Tonarten genannt werden.
[NS.01_064,12] Sie haben in ihrer
Musiktheorie drei Tonarten: eine ganz harte, welche der Grund der übrigen ist;
dann eine ganze Tonart, welche ähnlich ist eurer Dur-Tonart; und dann haben sie
eine halbe Tonart, welche eurer Moll-Tonart entspricht. Diese nennen sie die
allein genießbare Frucht ihres Tonbaumes; die ganze Tonart ist bei ihnen der
ungenießbare Stamm des Baumes; und die harte Tonart ist die Wurzel dieses
Baumes, welche, so wie der Stamm, als ungenießbar erklärt wird. – Und so denn
hätten wir auch das Wesen der Tonkunst der Bewohner dieses Planeten
kennengelernt.
[NS.01_064,13] Es bleibt uns demnach nur noch
zu erwähnen übrig, daß die Menschen dieses Planeten auch im Fache der Optik
dasselbe leisten wie im Fache der Akustik. – Und ihr könnt schon aus diesem
Umstand gar leicht entnehmen, daß sie auch im Fache der Rechenkunst und
Astronomie bewandert sind.
[NS.01_064,14] Daß sie zur Erzeugung von
dergleichen Instrumenten auch im Fache der Mechanik bewandert sein müssen,
braucht kaum erwähnt zu werden. Ihr würdet euch verwundern, so ihr hier sogar
die allerzweckmäßigsten Zeitmesser mechanischer Art fast allenthalben antreffen
würdet, welche viel sicherer und genauer als eure besten Uhren die Zeit messen
und die kleinsten Teile derselben genau bestimmen. Solche Techniker sind in
einem jeden Dorfe gleich den Professionisten zu Hause und haben dazu auch
eigene Werkstätten nebst den Wohnhäusern.
[NS.01_064,15] So besitzen die Menschen
dieses Planeten auch Schriftzeichen, durch welche sie Worte niederschreiben
können, und zwar auf dasselbe Material wie das, auf welches sie ihre Tonzeichen
niederschreiben. – Aus diesem könnt ihr doch sicher schließen, daß die Menschen
dieses Planeten in jeder Hinsicht sehr gebildet sind.
[NS.01_064,16] Was aber ihre religiöse
Geistesbildung betrifft, davon wollen wir ein nächstes Mal ausführlich
sprechen. – Und daher gut für heute!
65. Kapitel – Innerliche, tatfreudige
Religion auf dem Miron. – Zeugung und Totenbestattung. – Sternkunde als Mittel
der Gotteserkenntnis.
[NS.01_065,01] Bei den Bewohnern dieses
Planeten gibt es durchgehends keinen zeremoniellen sogenannten Gottesdienst;
und ihr ganzes Religionswesen hat nichts anderes aufzuweisen als allein die
innere Erkenntnis eines Gottes.
[NS.01_065,02] Sie haben sogar keine Gebete,
sondern an deren Statt die alleinige innere Bildung des Geistes, durch welche
sie in alle ihre sonstige Wissenschaft und Weisheit geleitet werden. Sie sagen:
Einen Gott mit Worten anbeten ist läppisch, eines unsterblichen Menschen
unwürdig und einem allerhöchsten Gott unwohlgefällig. Wer aber in seinem Geiste
die wahre Bestimmung seiner selbst erkannt hat und derselben zufolge lebt, der
ist Gott angenehm. Und das beste Gebet und die größte Ehre, die wir Gott
erweisen können, ist es, so wir der Bestimmung gemäß leben, die Er in uns
gelegt hat und uns allzeit getreulich in uns selbst finden läßt. – Sehet, das
ist aber auch schon das Ganze ihrer Religion, oder: nach diesem Grundsatze
leben und handeln die Menschen dieses Planeten; und dieses Leben und Handeln
ist der eigentliche Gottesdienst, den sie allezeit begehen.
[NS.01_065,03] Darum haben sie auch keine
eigentlichen Feiertage, sondern ein jeder Tag ist bei ihnen ein solcher. Denn
sie sagen: An so viel Tagen wir leben, an ebensoviel und an denselben Tagen
leben wir aus Gott. Darum soll in den Tagen kein Unterschied sein, und es soll
keine Stunde geben, in der wir Gottes weniger eingedenk sein sollen als in
einer andern und darum auch in keiner mehr als in einer andern. Denn wie wir
vom Eingange in diese Welt bis zum Ausgange aus derselben ein beständig
fortwährendes Leben haben, und wie wir nicht sagen können, daß wir in einer
Stunde weniger oder mehr leben, also sollen wir auch in einer oder der andern
Stunde nicht mehr oder minder andächtig sein als in einer gewöhnlichen Stunde
unseres Lebens. –
[NS.01_065,04] Ferner sagen sie noch, weil es
hier und da auch manchmal eigentümliche Andächtler gibt: Was nütze es dem
Menschen, so er zu Zeiten mit seinem Munde gewisse Gebete herlallen und wieder
andere Zeiten davon ruhen möchte? Sollte denn Gott, der beständig Heilige, nur
zu gewissen Zeiten von unserer menschlichen Seite einer Verehrung würdig sein
und zu anderen Zeiten wieder nicht? Wie würde sich solches wohl vertragen mit
einem reinen Geiste, der da erkennet, daß Gott allzeit gleich heilig ist und
daher auch allzeit gleich von dem Menschen durch sein ganzes Tun und Lassen
verehrt werden soll? – Was sollte unsere ohnmächtige Zunge allein, – als wäre
sie der alleinige Teil des Menschen, der Gott die Ehre geben könnte? So wir aber
dem ganzen Wesen nach von Ihm erschaffen sind, sollen wir darum nicht auch dem
ganzen Wesen nach und allezeit Gott die Ehre geben? – Ja, solches ist recht und
des Menschen allein würdig. Daher handeln wir, wie wir zu handeln in unserem
Geiste die ewige Bestimmung finden. Wer also handelt, der handelt allzeit der
göttlichen Ordnung gemäß. Wer aber der göttlichen Ordnung gemäß allzeit
handelt, so wie er dieselbe erkennt in sich, der ist es, der mit seinem ganzen
Wesen in jedem Augenblick seines Lebens Gott die gerechte Ehre gibt. –
[NS.01_065,05] Sehet, wenn ihr die
Religionsgrundsätze der Bewohner dieses Planeten nur ein wenig in euch
beachtet, so werdet ihr auch das verstehen, wovon Paulus spricht, indem er
sagt: „Betet ohne Unterlaß!“ – Denn wer nach Meiner Ordnung lebt und darum
Meine leichten Gebote hält, der ist es ja, der da betet oder Mir die Ehre gibt
– ohne Unterlaß. Wer aber da meinet, er müsse Tag und Nacht mit seinen Lippen
wetzen, der ist entweder ein Narr, oder er ist ein Betrüger. Denn es ist ja
doch oft genug in der Schrift erwähnt, in was für einem Ansehen lange
Lippengebete bei Mir stehen.
[NS.01_065,06] Wie sonach ein jeder Mensch
auch auf dieser Erde leben sollte, also leben in unserm Planeten Miron die
Menschen mit höchst seltener Ausnahme. – Es gibt wohl auch hier und da
mannigfaltige Abirrungen. Aber die Verirrten werden sobald von den Weisen
zurechtgebracht, und es ruht ein Weiser nicht leichtlich eher, als bis er einen
verirrten Bruder oder eine verirrte Schwester wieder auf den rechten Weg
gebracht hat. – Die Verirrungen in diesem Planeten aber sind nie von so grober
Ausartung wie bei euch. Die meisten sind im Bereiche der Meinungen zu finden,
welche sich aber mit viel leichterer Mühe wieder berichtigen lassen, als bei
euch die großen Ausartungen auf dem Wege der blindesten Selbstsucht.
[NS.01_065,07] Wenn ihr aber schon auf dem
Felde der Religion etwas Zeremonielles haben wollt, so möget ihr dazu die
Zeugung des Menschen und dann endlich das Hinscheiden desselben für eine solche
religiöse Zeremonie betrachten.
[NS.01_065,08] Denn die Zeugung geschieht
alldort, wenn schon durch den Beischlaf, auf eine höchst erbauliche Art. Dieser
Akt wird allzeit am Morgen vollzogen, und das nie im Hause, sondern in einem,
auf einem benachbarten hohen Berge eigens zu diesem Behufe erbauten Tempel.
[NS.01_065,09] Ebenso werden die Leiber der
Verstorbenen auf einen andern hohen Berg gebracht, allwo sie dann unter einem
wieder eigens erbauten Tempel auf dem Boden der Erde, mit den Gesichtern nach
aufwärts gekehrt, gelegt und da mit abgemähtem Grase bedeckt werden, wodurch
sie dann auch alsbald verwesen und im Verlaufe von etwa drei Tagen so ganz
zunichte werden, daß da vom ganzen, großen Leichnam nicht mehr die
allerleiseste Spur anzutreffen ist. – Solches wäre demnach ebenfalls als eine
Zeremonie zu betrachten.
[NS.01_065,10] Ihr Hauptgottesdienst und ihre
vornehmlichste göttliche Verehrung aber besteht in der Musik und in der
Astronomie. – Was die Musik betrifft, davon haben wir ohnehin schon
umständlichermaßen gesprochen. Aber bezüglich der Astronomie bleibt uns noch so
manches zu erwähnen übrig. Denn aus der Astronomie lernen diese Menschen Meine
Allmacht und Größe und zugleich auch die überaus große Ordnung, welche darum in
Mir sein muß, weil schon in der sichtbaren Welt alle die großen Werke in einer
solch erstaunlichen Ordnung sich bewegen und miteinander verbunden sind.
[NS.01_065,11] Daß auf dem Felde der
Astronomie vorzugsweise ihre Monde die Hauptaufmerksamkeit auf sich ziehen,
läßt sich daraus leicht entnehmen, weil fürs erste die Bewohner dieses
Planeten, zufolge ihrer großen Entfernung von der Sonne, von all den der Sonne
näher stehenden Planeten nie etwas zu sehen bekommen, außer höchstens dann und
wann den Uranus, – und weil dann ferner der ganze gestirnte Himmel außer ihren
Monden nahe keine beweglichen Weltkörper aufzuweisen hat, außer höchst selten
irgendeinen zaudernden Kometen, welcher aber in dieser Entfernung von der Sonne
allzeit schweiflos und somit nur ganz unansehnlich erscheint.
[NS.01_065,12] Das Merkwürdigste bei ihrer
Mondesastronomie und zugleich ihren Geist sehr Beschäftigende ist, daß sie im
Grunde nur drei Monde und doch wieder zehn Monde haben.
[NS.01_065,13] Ihr werdet fragen: Wie ist
dies wohl möglich? – Fürs erste sage Ich euch: Nichts leichter als das! – Wie
aber? – Solches soll euch sogleich durch ein anschauliches Bild bekanntgegeben
werden.
[NS.01_065,14] Nehmet an, was ihr auch
füglichermaßen annehmen könnt, daß die Sonne ein vollkommener Planet ist. Ist
aber die Sonne ein vollkommener Planet, was sind demnach die Erdkörper als da
zum Beispiel der Merkur, die Venus, die Erde usw.? – Ihr werdet sagen: Das sind
Monde der Sonne. – Wenn Ich euch nun frage: Wieviel solche Monde hat denn die
Sonne? – Da werdet ihr sagen: Merkur 1, Venus 2, Erde 3, Mars 4, Pallas, Ceres,
Juno und Vesta 8, Jupiter 9, Saturn 10, Uranus 11 und Miron 12. – Nun aber sage
Ich: Wieviel Monde hat die Erde? Ihr sagt: Einen. – Wieviel hat denn der
Jupiter? – Ihr sagt: Vier. – Wieviel hat deren der Saturn? – Ihr sagt: Sieben.
– Wieviel hat deren der Uranus: – Ihr sagt: Fünf. – Wieviel hat deren der
Miron? – Ihr sagt: Nach der ersten Zahl drei. – Das gibt somit zusammen zwanzig
Monde. – Was sind denn diese Monde hernach zur Sonne? – Ihr könnt unmöglich etwas
anderes sagen als: Das sind Nebenmonde. – Gut! Mehr brauche Ich nicht! – Nun
begeben wir uns wieder auf unsern Miron.
[NS.01_065,15] Dieser etwas wunderbare Planet
hat das Eigentümliche, daß sein erster Hauptmond ebenfalls noch zwei Nebenmonde
hat, die sich um ihn bewegen und mit ihm erst gemeinschaftlich die Bahn um den
Hauptplaneten machen – also wie euer Mond mit der Erde um die Sonne. – Der
zweite und höher stehende Mond hat ebenfalls wieder zwei Nebenmonde und ist
größer als der erste. – Der dritte Mond, als der höchste, hat sogar drei
Trabanten oder Nebenmonde, wodurch er auch von den anderen zwei Monden leicht
unterschieden wird, damit dann durch seinen Umschwung die euch schon bekannte
Jahreszeit dieses Planeten berechnet wird. – Nun habet ihr das ganze,
undurchdringliche Geheimnis gelöst vor euch!
[NS.01_065,16] Aber, wird jemand sagen: Warum
war denn nicht gleich in der anfänglichen, allgemeinen Andeutung davon die
Rede? – Ich aber frage euch: Warum seht denn ihr mit freiem Auge die vier
Trabanten des Jupiter nicht, sondern sie müssen zufolge der starken Entfernung
jedem Beobachter mit dem Jupiter selbst wie auf einem Punkt zusammengeschmolzen
erscheinen, und erst ein tüchtiges Fernrohr vermag diesen fünffachen Einpunkt
also zu lösen, daß ihr dann sowohl den Planeten als auch dessen Monde gehörig
voneinander abgesondert erblickt. – Ihr werdet sagen: Der Grund liegt in der
Ordnung unserer Augen, derzufolge wir nicht selten eine fernliegende Vielheit
als eine konkrete Einheit erschauen. – Und Ich aber antworte euch auf die
frühere Frage: Ebenso liegt es auch in Meiner Ordnung, euch geistig noch
fernliegende Dinge, wenn sie zusammengenommen ein Ganzes ausmachen, nur als ein
Ding aufzuführen und dieses eine Ding erst dann in seine Mehrheit aufzulösen, wenn
wir uns im Geiste demselben also genähert haben, wie allenfalls ihr euch dem
Jupiter durch die Hilfe eines guten Fernrohres genähert habt. – Sehet, das ist
demnach doch auch eine Ordnung und ist vollkommen gerecht bemessen nach Meinem
Plan.
[NS.01_065,17] Wenn euch Gelehrte eurer Erde
sagen: Wir haben drei Nebelsterne entdeckt! –, haben diese Gelehrten richtig
oder falsch gesprochen? – Ich sage euch: Richtig und falsch! – Denn richtig,
weil sie wirklich nicht mehr als drei Nebelsterne entdeckt haben; falsch aber,
weil ein jeder solcher Nebelstern nicht selten ein wahrhafter Trillionstern
ist. Wie groß der Unterschied zwischen „drei“ und „mehreren Trillionen“ ist,
brauche Ich euch nicht auseinanderzusetzen; und ihr müßt von selbst erkennen, wie
irrig die Zahl drei sich gegen die Vielheit der entdeckten Sterne in diesen
angegebenen drei „Nebelsternen“ verhält.
[NS.01_065,18] Ich meine aber nun: Diese
angeführten Beispiele werden hinreichen, um darzutun, daß die Art und Weise,
wie Ich ein oder das andere Ding nach und nach enthülle, eine sowohl naturmäßig
als auch geistig vollkommen ordnungsmäßige ist.
[NS.01_065,19] Nur dürften einige fragen: Aus
welchem Grunde müssen denn bei dem Planeten Miron, wie sonst bei keinem andern,
dessen drei Hauptmonde noch Nebenmonde haben? – Auf diese Frage will Ich so
ganz eigentlich keine Antwort geben; sondern setze dieselbe nur bedingend an. –
Wer solches aus gelehrt kritischer Lust wissen möchte, der beliebe Mir zuvor
aus seinem Geiste darzutun, warum zum Beispiel die Planeten Merkur, Venus und
Mars und die vier kleinen Planeten gar keine Monde haben? Warum hat der bei
weitem größte Planet Jupiter nur vier Monde und der kleinere Planet Saturn
nebst seinem Ringe sieben? – Wer Mir dieses gründlich dartun kann, dessen Geist
will Ich auch die Ursache der Nebenmonde des Planeten Miron enthüllen.
[NS.01_065,20] Unsere Sache aber ist
vorderhand die Sonne und nicht eine speziellste Darstellung eines Planeten.
Somit wissen wir von diesem Planeten auch hinreichend, was wir für unsern Zweck
zu wissen notwendig haben, und wollen daher nicht mehr länger auf seinen
Gefilden verweilen; sondern uns für ein nächstes Mal ungesäumt auf unsern
siebenten Sonnengürtel zurückbegeben. – Und somit lassen wir die Sache für
heute wieder gut sein!
66. Kapitel – Das siebente Gürtelpaar und
seine riesenhaften Bewohner.
[NS.01_066,01] Der siebente und letzte
bewohnbare Gürtel der Sonne ist vom sechsten Gürtel zwar durch keinen gar zu
hohen Gebirgswall getrennt, aber dafür durch einen desto breiteren
Wassergürtel.
[NS.01_066,02] Was aber die Berge betrifft,
so sind sie hier zumeist von beständig feuerspeiender Natur. – Wie groß hier
und da ihre Krater sind, ist schon einmal erwähnt worden.
[NS.01_066,03] Nach dem breiten Wassergürtel
folgt ein eben nicht zu sehr gebirgiges, bewohnbares Festland. Dieses Land ist
zugleich auch das allerfesteste der ganzen Sonne, sowohl südlicher- als
nördlicherseits, und hat in sich, ohne die Meeresbreite gerechnet, bis zum
Polargebirgsstock hin eine Breite von sechstausend Meilen, das heißt im
Durchschnitt genommen.
[NS.01_066,04] Die Polargegenden der Sonne,
oder vielmehr ihre Pole, sind, wie die Pole der Planeten, für alle Zeiten der
Zeiten unbewohnbar. Darum sind sie auch von diesem letzten bewohnbaren Gürtel
durch einen überaus steilen und hohen, blanksteinigen Gebirgskranz
abgeschnitten. Die Berge sind so hoch, daß sie mit ihren Spitzen nicht selten
sogar über die glänzende Sonnenluft hinausreichen, welche, im Durchschnitt
genommen, bei sechshundert Meilen über dem eigentlichen Sonnenboden sich
befindet. Jedoch soll diese angegebene Zahl nicht als eine normalmäßige
betrachtet werden. Denn wie es schon auf eurem Erdkörper große Varianten
zwischen den Lufthöhen über der Erde gibt, um so mehr werden solche Varianten auch
in der Sonne vorkommen, welche in ihrem innern Wesen noch viel lebendiger ist
als irgendein Planet.
[NS.01_066,05] Da wir nun den Gürtel vor uns
haben, so wollen wir eben nicht zu lange mehr das tote Land betrachten, sondern
uns dafür sogleich zu seinen Einwohnern wenden.
[NS.01_066,06] Was die Einwohner, das heißt
die Menschen dieses Gürtels, betrifft, so unterscheiden sie sich von ihren
entsprechenden Brüdern in dem Planeten Miron beinahe in nichts anderem als
lediglich in ihrer, für euch im Ernste fabelhaften Größe. Denn die Menschen
dieses Gürtels sind so groß, daß sie auf der Erde sicher eure Himalaja- und
Chimborasso-Höhen zu Spazierstäbchen gebrauchen könnten. Ihr müßt euch freilich
nicht denken, als seien hier alle Menschen vollkommen gleich groß. Denn fast in
keinem Gürtel und auf keinem Planeten gibt es so viele Größenunterschiede unter
den Menschen wie auf diesem. – Dessenungeachtet aber werden Menschen von etwa
zwei- bis dreihundert Klaftern Höhe von den eigentlichen Bewohnern als
kleinwinzige Zwerglein betrachtet. Denn was die eigentliche Größe eines
vollkommenen Menschen dieses Gürtels betrifft, so ist er von der Fußsohle bis
zu seinem Hauptscheitel nicht selten vier-, fünf- bis sechstausend Klafter
hoch. – Doch dergleichen Riesen sind auch keine Normalmenschen in diesem
Gürtel. Sondern was die Normalmenschen betrifft, so schwankt ihre Höhe zwischen
acht- und zwölfhundert Klaftern.
[NS.01_066,07] Zumeist aber wohnen diese
Riesen nahe an dem Polargebirgsgürtel, allda sie auch ihre hinreichende Nahrung
finden. Weiter gegen die Meere dieses Gürtels zu aber werden die Menschen auch
immer kleiner. Und auf den bedeutenden und häufig vorkommenden Inseln wohnen
die sogenannten Zwerge, die aber dennoch größer sind als alle anderen
Gürtelbewohner der Sonne. Daher müßt ihr euch auch diese Inseln in eurer
Phantasie nicht gar zu klein vorstellen.
[NS.01_066,08] Wenn ihr die kleinste etwa
also veranschlagt wie ganz Asien und Europa zusammengenommen, so dürfte euer
Maß ziemlich richtig sein. Diese Inseln sind wohl zumeist durch Landzungen mit
dem festen Lande verbunden; aber sie sind nur für unsere Zwerge passierbar. Die
größeren Bewohner dieses Landes dürften über eine solche Landzunge, oder
vielmehr Landenge, nicht zu leicht kommen, da sie fürs erste für ihre Füße zu
eng wäre; und wäre hier und da auch das nicht der Fall, so wäre aber dennoch
fürs zweite ihr Grund zu wenig fest, um eine wandelnde Last von vielen tausend
Zentnern also zu tragen, daß dieselbe nicht einsinke. – Im Gegenteil aber
können die Zwergmenschen gar wohl ihre Füße an das feste Land setzen und allda
Bereisungen machen bis zu den großen Riesen, von welchen sie allezeit überaus
zärtlich und liebfreundlich aufgenommen werden. Da kann man mit gutem Grunde
sagen: Sie werden von den Großen wahrhaft auf den Händen herumgetragen.
[NS.01_066,09] Wie aber auf diesem Gürtel die
Größen verschieden sind, so unterschiedlich sind auch, wie nicht leichtlich
irgendwo anders – besonders auf der Sonne – die Hautfarben der Menschen. Mit
Ausnahme der alleinigen rein schwarzen Farbe möchtet ihr hier wohl alle
Färbungen antreffen. – So sind zum Beispiel die gar großen Riesen
dunkelfeuerrot, abwärts bis ins ganz Lichtrosenrote. So gibt es auch grün und
blau gefärbte, welche Farbe sich sogar in das Blaßgelbe verliert. Und so gibt
es noch eine Menge Farbenmischungen, welche alle anzuführen ein eigenes Buch
erfordern würde. – Es gibt zwar wohl auch in den anderen Sonnengürteln kleine
Abweichungen in der Farbe; aber dennoch ist überall ein und derselbe Grundton
der Färbung ersichtlich. Hier aber habt ihr nicht nur eine chromatische,
sondern eine wahrhaft enharmonische Tonreihe der Färbungen.
[NS.01_066,10] Wie ist denn die Sprache
dieser Menschen? – Die Sprache ist hier doppelter Art, nämlich: die
Gebärdensprache und die Zungensprache. – Merkwürdig ist, wenn ein Riese mit
einem Zwerge spricht. Sobald er bemerkt, daß der Zwerg mit ihm etwas reden
möchte, so hebt er ihn alsogleich auf und hält ihn an sein Ohr. Spricht aber
der Riese mit dem Zwerge, so hält er ihn so weit als er nur kann von seinem
Munde entfernt und redet dann so hoch und so schwach er nur kann, damit dem
Zwerge durch seinen Ton ja kein Leid geschehen möchte. Denn würde so ein Riese
in seiner gewöhnlichen Tontiefe und Tonstärke reden, so würde fürs erste der
kleine Zwerg das Wort vor lauter Tiefe nicht vernehmen, und die einzelnen
Stimmvibrationen würden ihn zu sehr erschüttern. Um solches zu vermeiden,
gebrauchen diese Großen im Umgange mit den Kleinen die größte Vorsicht. – Wenn
so ein Riese auf eurer Erde ein ziemlich lautes Wort aussprechen würde, so
würde das ein so starkes Erdbeben erzeugen, daß durch dessen Erschütterung
mehrere Länder um den Besitz aller ihrer Städte kämen; auch die Gebirgsspitzen
würden dadurch einen äußerst bedeutenden Schaden überkommen.
[NS.01_066,11] Es dürfte jemand fragen: Wie
steht es denn dann allenfalls mit ihren Wohnungen? – Da sage Ich: Fürs erste
haben diese gar großen Riesen keine anderen Wohnungen als den Sonnenerdboden.
Sie wohnen somit ganz im Freien. Und da der Boden sehr fest ist, so kann er sie
wohl tragen.
[NS.01_066,12] Zudem sind diese großen
Menschen bei all ihrer sonstigen Massivität überaus zartfühlend, und so ist ihr
Gang und all ihr Tun und Lassen von überaus sanfter und zarter Beschaffenheit.
Sie leben untereinander überaus friedsam, und so sie irgendwohin gehen, machen
sie im Verhältnis zu ihrer Größe sehr kurze und zugleich auch sehr langsam
nacheinander folgende Schritte und lassen den Fuß allzeit ganz sanft auf den
Boden, gleichsam als fürchteten sie, unter ihrem Tritte etwas zu zerstören. –
Daher geben sie auch bei jedem Tritt sorgfältig acht auf den Boden, ob sich da
nicht irgend etwas rege oder bewege. Wann sie solches merken, so beugen sie
sich sobald herab und untersuchen, was da ist; und hat sich da etwas Lebendes
vorgefunden, so wird es mit der größten Behutsamkeit zur Seite gesetzt und von
ihnen erst nach solcher Räumung wieder ein behutsamer Schritt weiter getan.
[NS.01_066,13] Aus diesem Grunde kommen diese
Riesen auch nur höchst selten an die sehr belebten Meeresgegenden, weil sie da
zu sehr achtgeben müssen, um mit ihren Tritten nicht etwas zu zerstören. – Wenn
sie so eine Reise unternehmen, gehen sie gewöhnlich in den ziemlich breiten
Flüssen und Strömen. Denn allda gibt es für sie am wenigsten aus dem Wege zu
räumen. Aber auf dem Lande, und besonders an den festen Ufergegenden des
Meeres, werden sie beinahe gar nie gesehen.
[NS.01_066,14] Ihr möchtet wohl wissen, wovon
diese Menschen leben und worin ihre Nahrung besteht? – Diese Menschen leben von
Baumfrüchten, welche auf riesenhaft großen, permanenten Bäumen in reichlichster
Menge vorkommen, dann aber auch von solchen Produkten, welche sie durch ihren
Willen (so wie manche andere Sonnenbewohner, die wir schon kennen) dem
Sonnenboden entlocken. Denn die Willensvegetation ist auf diesem letzten Gürtel
allgemein. – Eine dritte Nahrungsquelle aber ist in diesem Gürtel auch die an
allerlei Meteoren außerordentlich reiche Sonnenluft. Denn es hat hier mit der
Luft beinahe dieselbe Bewandtnis wie mit der des entsprechenden Planeten Miron;
nur natürlich alles in riesenhaft größerer Form als auf dem Planeten. So gibt
es auch hier ein fliegendes Brot; wobei aber manchmal so ein fliegendes Stück
eben nicht ungebührlich einen kleinen Trabanten eines Planeten abgeben könnte.
[NS.01_066,15] Wenn ihr nun solches
betrachtet, so wird es euch auch sicher einleuchtend sein, daß der große
Gastgeber, der so viele Myriaden und Myriaden Zentralsonnen speisen muß, daß
sie stets gesättigt sind, – wohl auch noch Mittel finden wird, um solche
Menschen zu sättigen. Denn die naturmäßige Erhaltung einer Zentralsonne, gegen
welche die Erde nicht einmal als Stäubchen betrachtet werden kann, wird doch
sicher mehr benötigen als die Erhaltung eines Menschen, und wäre er so groß,
daß er von der Erde bis auf den Mond reichen würde. – Es ist eines und
dasselbe, ob ein Körper groß oder klein ist, so wird er in Meiner unendlichen
Speisekammer sicher nicht zugrunde gehen.
[NS.01_066,16] Und so habt ihr euch durchaus
nicht zu sorgen um die Erhaltung solch großer Wesen; denn vor Mir gibt es
nirgends etwas Großes. Das, was ihr groß nennet, ja unnennbar groß, ist vor
Meinen Augen kaum wert, ein Atom genannt zu werden. Der (große
Schöpfungs-)Mensch, der da besteht in zahllosen Hülsengloben-Heeren, ist vor
Mir nicht größer als ein kleinster Punkt in den Tiefen der Unendlichkeit!
[NS.01_066,17] Aus diesem Wenigen werden euch
diese einige tausend Klafter hohen Menschen des siebenten Sonnengürtels sicher
noch ganz bescheiden vorkommen. – Daher wollen wir uns nun auch nicht mehr mit
ihrer leiblichen Größe und Erhaltung befassen, sondern wollen uns dafür zu
ihren Verhältnissen, Verfassungen und endlich zu ihrer Religion wenden. – Und
so lassen wir es für heute wieder gut sein!
67. Kapitel – Lebensverhältnisse und
Geistesart der Bewohner des siebenten Gürtelpaares.
[NS.01_067,01] Was die gesellschaftlichen
Verhältnisse der Bewohner dieses Gürtels betrifft, so sind diese, wie schon
erwähnt, nahe ganz dieselben wie auf dem entsprechenden Planeten. Nur gibt es
hier nirgends, so wie auf dem Planeten, Wohnhäuser und somit auch keine Dörfer.
Aber die Menschen wohnen auf gewissen Gebieten doch stets gesellschaftlich
beisammen und benutzen ein allgemeines Gebietsgrundeigentum, das heißt, der
ganze bedeutend große Grund gehört niemandem einzeln zu eigen.
[NS.01_067,02] Was der Grund somit natur- und
normalmäßig trägt, – damit hat ein jeder allenthalben das Recht, sein Bedürfnis
zu stillen. Was aber jemand zufolge seines Willens dem Boden zu entlocken
vermag, das ist ihm allein eigen. Aber nach den unter ihnen bestehenden
Freundschaftsgesetzen mag er von dem Eigenerzeugten wenigstens ein Drittel der
Allgemeinheit zugute kommen lassen. – Also ist es auch der Fall mit jenen
Besitznehmungen, welche, wie ihr zu sagen pflegt, zu den „zufälligen“ gehören,
oder von welchen ihr zu sagen pflegt: Das ist ein Land, wie sich's gehört; denn
da fliegen einem die gebratenen Vögel von selbst in den Mund!
[NS.01_067,03] Ihr werdet euch noch erinnern
können, daß die Luft des Planeten Miron nicht selten auf wunderbare Weise
Lebensmittel erzeugt, die nur abgefangen und sodann in den Mund geführt zu
werden brauchen. – Noch mehr ist dies aber auf diesem Gürtel der Sonne der
Fall, und ganz besonders auf dem nördlichen. Denn weil eben die Polargegenden
der Sonne diejenigen sind, aus welchen das ganze Heer ihrer Planeten seine
reichliche Nahrung bekommt, so könnt ihr es euch wohl leicht vorstellen, daß
sich bei solch reichlichen Ausspendungen nicht selten eine Menge Brosamen über
den Polargebirgsgürtel in den siebenten Gürtel herein verlieren. – Und so gibt
es für die Bewohner dieses Gürtels auch immer etwas zu naschen.
[NS.01_067,04] Aus eben dem Grunde ist auch
das Klima dieses Gürtels bedeutend kühler als das der anderen Gürtel, – da die
Luft dieses Gürtels beständig mit allerlei fruchtbaren Dünsten erfüllt ist, aus
welchen dann endlich allerlei gute Dinge zur leiblichen Erscheinlichkeit
kommen, – welche Erscheinlichkeiten den Bewohnern dieses Gürtels nicht minder
willkommen sind, als den Israeliten in der Wüste der Mannaregen. – Was sonach
diese Luft freiwillig abwirft, das gehört demjenigen, der es zuerst gefunden
hat und es dann in seinen Besitz nahm; doch mag er davon allzeit der
Allgemeinheit die Hälfte zugute kommen lassen. – Darin also besteht die
gesellschaftliche Verfassung dieser Bewohner.
[NS.01_067,05] Da aber diese größten Menschen
der Sonne keine Häuser haben, so fragt es sich: Wie sind demnach ihre Wohnungen
beschaffen? – Sie suchen sich auf den Hügeln, welche von ziemlicher Bedeutung
sind, die flachen und weichen Stellen aus. Auf diesen lassen sie ein dichtes
Gras wachsen, welches sehr elastisch ist und nicht selten eine Höhe von
mehreren Klaftern erreicht. Eine solche, oft ein, zwei bis drei Quadratmeilen
einnehmende Grasfläche umpflanzen sie dicht mit überaus hochwachsenden, riesigen
Fruchtbäumen. Eine solche Fläche, mit solchen Bäumen umfangen, ist demnach das
allgemeine Wohnhaus, davon ein Teil von den Männern, ein Teil aber von den
Weibern bewohnt wird. Diese Art Wohnhäuser, oder vielmehr Wohnplätze, haben
niemals eine ganz regelmäßige Form, sondern richten sich nach der Fläche eines
solchen Hügels.
[NS.01_067,06] Alles andere Land um einen
solchen Hügel, welches nicht selten einen Flächenraum von achthundert bis
tausend Quadratmeilen einnimmt, ist ein allgemeiner Grund, der den Bewohnern
der Fläche zugute kommt.
[NS.01_067,07] Wer ist denn der Erste einer
solchen Gesellschaft? – Die Ordnung ist dieselbe wie in dem Planeten. Die
Eltern sind den Kindern alles. Und irgend der Älteste, oder – wenn es
dergleichen mehrere sind –, wird in wichtigen Fällen zu Rate gezogen, welcher
Rat aber dann auch allzeit auf das eifrigste befolgt wird.
[NS.01_067,08] Wie stehen denn solche
Gesellschaften sich gegenseitig im Verbande? – Überaus freundschaftlich, wenn
sie zusammenkommen. Denn bei ihnen gibt es keinen Unterschied, und am
allerwenigsten einen solchen, wie ihn die Bewohner dieser Erde finden, indem
sie mit den dunkler gefärbten Brüdern wie mit den Tieren einen Handel treiben.
Im Gegenteil, ein Mensch wird auf diesem Sonnengürtel von einem Andersgefärbten
stets höher geachtet als ein Gleichgefärbter, und das zwar aus dem Grunde, weil
die Bewohner glauben, daß der große Schöpfer dadurch einen neuen Beweis von
Seiner unzugänglichen Weisheit habe anzeigen wollen. Daher studieren dann diese
Menschen emsig nach, ob sie nicht irgendeine Spur finden könnten, um aus ihr
oder in ihr zu erfahren, welche allerweiseste Absicht der große, allmächtige
Schöpfer etwa mit dieser Färbung gehabt haben dürfte. Aus eben dem Grunde
besprechen sie sich auch sorgfältigst mit einem solchen anders gefärbten
Menschen, um etwa durch seine Äußerungen der innern Weisheit auf die Spur zu
kommen. Und da ist dann jedes Wort aus dem Munde eines solchen Andersgefärbten
wie ein gefundener Schatz, welcher nach allen Seiten sorgfältig betrachtet und
dann zergliedert und gezählt wird bis auf den innersten Grund.
[NS.01_067,09] Also sind auch die
verschiedenen Größen der Menschen auf diesem Gürtel ein bedeutender Grund der
gegenseitigen Achtung; denn auch diese werden ebenso wie die Farben betrachtet.
[NS.01_067,10] Sind die Bewohner dieses
Gürtels aber auch so industriös wie die des Planeten? – Das eben nicht. Denn
sie bedürfen vieles dessen nicht, was den Bewohnern des Planeten nötig ist;
denn da sie keine Häuser und sogar auch keine Kleider haben, so fallen damit
auch viele materielle Industriezweige hinweg.
[NS.01_067,11] Aber was da wieder tiefere,
innere, geistige Kenntnisse und Wissenschaften anbelangt, so sind sie darinnen
den Bewohnern des Planeten überaus viel überlegen. – Außer ihrem starken Willen
haben sie auch keine anderen Werkzeuge als ihre beiden Hände und ihre gesunden
Sinne.
[NS.01_067,12] Wie sieht es denn mit der
Musik aus? – In materieller Hinsicht, wie ihr zu sagen pflegt, überaus
schlecht. Denn sie besitzen weder musikalische Instrumente, noch können sie mit
ihrer Stimme, welche zu tief liegt, irgend etwas der Musik Ähnliches
hervorbringen. Aber desto musikalischer sind sie in ihrem Geiste und haben
demzufolge das eigene, innere Vermögen, sich gegenseitig ihre inneren Geisteskonzerte
also vernehm- und fühlbar mitzuteilen, als ihr euch durch Worte eure Gedanken
mitteilen könnt.
[NS.01_067,13] Wie geschieht aber dieses? –
Fast auf dieselbe Art, wie da auch so manche sogenannten Somnambulen bei euch
diejenigen Töne und Harmonien sehr deutlich vernehmen können, welche sich ihr
sogenannter Magnetiseur denkt und in sich fühlt. – Ihr werdet zwar fragen: Wie
ist solches wohl möglich? – Auf diese Frage sage Ich euch fürs erste, daß der
geistige Mensch ebensogut Ohren und alle anderen Sinne hat wie der naturmäßige.
Wie aber der naturmäßige Mensch mit seinen naturmäßigen Sinnen den Gesang eines
andern Menschen vernehmen kann, – so gut, und noch ums unvergleichliche
vollkommener, kann solches der Geist mit seinen unvergleichlich zarteren
Sinnen. – Daraus aber ist ja doch einleuchtend, daß Menschen auch ohne
Instrumente und ohne materielle Gesangsfähigkeit noch immer die tüchtigsten
Musiker sein können. Denn wäre solches nicht der Fall, so wäre auch unter euch
nie eine Musik entstanden. Denn woher hätte es der erste Musiker genommen, so
sein Geist nicht schon ein tüchtiger Musiker gewesen wäre? – Aus diesem nun
Gesagten könnt ihr dann ja recht wohl begreifen, wie unsere Bewohner des
siebenten Gürtels ohne musikalische Instrumente und ohne äußere
Gesangsfähigkeit recht überaus vortreffliche Musiker sein und sich damit auch
gegenseitig, Mich allertiefst lobend, ergötzen können.
[NS.01_067,14] Die Musik des Geistes soll ja
allezeit entsprechen dem tiefsten, innersten Lobe, das ein Geist Mir aus seiner
innersten, himmlischen Tiefe darzubringen vermag, – also wie es der „Mann nach
Meinem Herzen“ und noch andere Sänger Meiner Ehre taten, und wie es allzeit
alle Engelsgeister der Himmel tun. – Wenn aber die Musik so wie bei euch
gehandhabt wird, da wäre gar vielen Musikern besser, sie musizierten mit
Klapperschlangen auf den öffentlichen Bällen, als mit ihren wohlklingenden,
musikalischen Instrumenten, deren Töne da, im Geiste zusammengenommen, nichts
anderes sind, als ein mächtiger Posaunenruf des Satans zum ewigen Tode! – Doch
genug von dem! – Denn zu welcher Entartung die Musik derzeit bei euch gekommen
ist, wisset ihr ohnehin.
[NS.01_067,15] Wie sieht es denn mit der
Astronomie der Bewohner dieses Gürtels aus? – Sehr gut, und gerade so wie mit der
Musik. – Mit ihren Augen sehen sie zwar, ausnahmsweise für diesen Gürtel,
zufolge seiner beständigen Umdunstung, ein Gestirn am weiten Firmamente nie.
Aber desto bestimmter sehen sie solches in ihrem Geiste. Und sie sind auf
diesem Wege in diesem Fache so bewandert, daß ihnen fremde Weltgebiete nahe so
bekannt sind wie ihr Gürtel.
[NS.01_067,16] Sie wissen sogar – wenn auch
nicht alle, aber die Weisesten aus ihnen ganz bestimmt –, wie der vollkommene
Planet Sonne bestellt ist, und was alles für Kostgänger er auf seiner
Oberfläche wie in seinem Innern und auch in den Sphären über sich birgt und
trägt. Aber sie wissen es auch, daß sie mit ihrem Leibe so lange da zu
verbleiben haben, als es ihrem Geiste bestimmt ist, denselben zu tragen. – So
sind die Bewohner dieses Gürtels also im Ernste nicht so auf den Kopf gefallen
und etwa so unbehilflich, wie sie auf den ersten Augenblick in ihrer riesenhaft
großen Nacktheit erscheinen.
[NS.01_067,17] Wenn da jemand fragen möchte:
Warum aber sind diese Menschen dem Leibe nach gar so unglaublich groß, während
ihr Geist bei aller seiner Vollkommenheit dennoch nichts Größeres aufzuweisen
hat als ein anderer vollkommener Geist eines, leiblich genommen, unvergleichbar
viel kleineren Menschen? – Seht, das ist wieder eine Frage, auf welche sich
statt der Antwort nur gewisse andere Fragen geben lassen. Denn könntet ihr
nicht ebensogut fragen: Warum ist denn der Eichbaum zur Tragung seiner
unbedeutenden Frucht so groß? – und warum gerade derjenige Apfelbaum, der die
größten Äpfel trägt, nicht nur im Verhältnis zum Eichbaum, sondern sogar im
Verhältnis zu seinen Bruderbäumen gewöhnlich der kleinste? – Ferner könntet ihr
auch fragen: Warum hat denn der große Elefant die kleinsten Augen, im
Verhältnis zu anderen Tieren; und eine Fliege und noch andere dergleichen
fliegenden Insekten im Verhältnisse zu ihrer Kleinheit die größten Augen?
[NS.01_067,18] Es ließen sich noch eine Menge
solcher etwas lustigen Gegenfragen aufstellen. Allein es mögen diese zwei
hinreichen, um euch und auch so manchen anderen erschaulich zu machen, daß Ich
so eine Menge Eigentümlichkeiten habe, für welche Ich eben nicht allzeit
aufgelegt bin, Rechenschaft abzulegen, – besonders nicht den Menschen in ihrem
naturmäßigen Zustande, in welchem sie aus Meinen, wieder ganz eigentümlich
wohlberechneten Gründen – einer höheren Weisheit unzugänglich sind. – So aber
dieser Zustand der Prüfung ein volles Ende haben wird, dann wird es schon noch
immer Zeit sein, durch die ganze Ewigkeit, die vollkommenen Geister in allerlei
Weisheit zu führen. Daher lassen wir auch unsere großen Menschen auf diesem
Gürtel einstweilen wie sie sind. Einst wird schon für den Geist ein
zuständlicher Zeitpunkt kommen, wo er solches alles wird einsehen lernen.
[NS.01_067,19] Da wir nun die gesellschaftlichen
Verhältnisse der Bewohner unseres siebenten Gürtels durchblickt haben, so
wollen wir uns fürs nächste Mal zur Religion dieser Menschen wenden, in welcher
sich noch so manche scheinbaren Widersprüche über die Darstellung der Sonne
ausgleichen werden. – Und somit gut für heute!
68. Kapitel – Grundsätzliches über die
Religion der Sonnenbewohner und das Wesen göttlicher Offenbarungen.
[NS.01_068,01] Wenn ihr die Religion der
Bewohner des Planeten Miron betrachtet habt, so muß euch darin schon ein kleiner
Vorgeschmack gekommen sein, wie die Religion hier auf diesem siebenten
Sonnengürtel gestaltet sein möchte. Nur muß euch dabei nicht aus den Augen
gehen, daß der entsprechende Sonnengürtel sich niemals gleich-polarisch,
sondern in allem nur gegen-polarisch, das heißt solar zu all den Verhältnissen
eines ihm entsprechenden Planeten, verhält. Und so ist denn solches auch der
Fall mit der Religion.
[NS.01_068,02] Auf einem Planeten geht die
Religion aus dem Materiellen ins Geistige über, und somit ist auch das
Materielle notwendig vorwaltend vor dem Geistigen. – Auf der Sonne ist dies
gerade der umgekehrte Fall. Die Religion geht da aus dem Geistigen ins
Materielle über und erscheint als der schaffende, wesenhafte Grund aller Dinge
daselbst. Aus diesem Grunde ist denn auch alldort das Geistige vorwaltend vor
dem Materiellen.
[NS.01_068,03] Um aber diesen Unterschied
noch deutlicher zu machen, müßt ihr euch die Sache also vorstellen: So ihr
Bewohner eines oder des andern Planeten die Materie und ihre geformten Produkte
vor euch habt, da bewundert ihr dieselben; und so ihr sie recht scharfsinnig
betrachtet, so wird doch sicher ein jeder fragen: Wie entsteht oder entstand
dieses oder jenes? Was ist wohl der Grund davon? – Durch dergleichen Fragen und
möglich darauf erfolgte Antworten führet ihr euch immer tiefer. Und wenn ihr
nach den gerechten Regeln forscht und sucht, so müßt ihr ja endlich notwendig
auf das Geistige kommen, also auf ein selbständiges Leben, indem euch die
regungslose, tote Materie am Ende zuruft: Ich kann mich ja unmöglich selbst
gebildet und noch weniger belebt haben! – Mit andern Worten heißt das aber
nichts anderes als: Ihr geht den antisolaren Weg – vom Materiellen ins Geistige
über.
[NS.01_068,04] In der Sonne ist der Weg ganz
umgekehrt, wie schon oben gesagt wurde. Da sieht niemand ein Ding an, wie es da
vor ihm ist, sondern sein erster Blick ist der Grund, und von diesem aus geht
er dann erst stufenweise diejenigen Wege durch, nach welchen sich aus dem
Geistigen eine naturmäßige Wesenform ausgeboren oder ausgebildet hat, – und
dieser Weg wird dann der solare genannt.
[NS.01_068,05] Also gestaltet ist denn auch
bei euch selbst jede Offenbarung; sie geht vom Geistigen ins Materiell-Formelle
über. Aus diesem Grunde müssen dann ja nicht selten die Außenformen wie
widersprechend erscheinen, während sie von innen, aus der allerhöchsten und
wohlberechneten Ordnung, entspringen.
[NS.01_068,06] Damit euch dieses wieder
einleuchtender wird, so will Ich euch nur ein kleines Beispiel geben: Betrachtet
einmal einen alten Baum! Er würde sich, vorausgesetzt daß er ganz gesund ist,
am besten dadurch betrachten lassen, so ihr den Stamm gerade quer
durchschneiden und sodann von seinem Kerne aus mit scharfen Augen betrachten
möchtet alle die stets unordentlicher werdenden Holzumgebungen des Kernes, –
bis ihr auf seine äußerste rauhe Rindenumgebung kommen möchtet. Wenn ihr da den
Kern und dessen nächste Umgebung sehen würdet, wie dieser ganz vollkommen
ordnungsmäßig gebildet ist, so ist doch sicher vorauszusehen, daß euch dabei
eine große Bewunderung über solche große Ordnung ergreifen müßte. Möchtet ihr
aber dann die stets weiter vom Kerne entfernten Holzkreise zu betrachten
anfangen, so werdet ihr da auf unordentliche Kreise kommen, und ihr werdet euch
sicher fragen: Woher diese Unordnung? Das widerspricht ja offenbar dem
vollkommen runden Kern. Denn wir entdecken da Aus- und Einbüge, die nicht
selten ein, zwei bis drei Zoll ausmachen, und doch ist der Kern rund! Was hat
denn da den Holzkreis eingedrückt und da wieder hinausgeschoben? – Und wenn ihr
dann endlich erst auf die äußere Rinde kommen würdet, – saget Mir, woher werdet
ihr euch da wohl die höchste Unordnung der Rinde selbst und endlich die groben
Furchen des Baumes erklären? – Ihr werdet doch notwendig sagen müssen: Je mehr
bei Lichte wir dieses betrachten, einen desto größeren Widerspruch finden wir
zwischen dem Kerne und der äußern Umhüllung dieses Baumes. – Sehet, solches
lehrt euch schon ein einziger Durchschnitt eines Baumes!
[NS.01_068,07] Damit euch aber die ganze
Sache noch klarer wird, wollen wir sie ein wenig mehr beleuchten. – Wenn ihr
zum Beispiel den Baum auf mehreren Stellen durchschneiden, dann diese
Durchschnitte bei immer gleichem Kerne miteinander vergleichen würdet, wie
mächtig verschieden werdet ihr sie da finden! – Allein diese Verschiedenheiten
sind noch zu wenig auffallend. Daher wollen wir die Sache auch noch ein wenig
tiefer betrachten!
[NS.01_068,08] Nehmen wir zum Beispiel das
Samenkorn eines Baumes! Ihr könntet zum Beispiel hundert Eichnüsse miteinander
vergleichen, ja sie sogar abwägen. Wenn ihr übrigens die vollkommen schönen
Früchte dieses Baumes nehmet, so wird dabei des Unterschiedes in kaum
merklichem Verhältnisse vorkommen. Und wenn ihr aus den Körnern noch dazu die
Keime auslöset und sie an und für sich mikroskopisch betrachtet, so werdet ihr
in einem jeden solchen Keimwärzchen eine und dieselbe Ordnung finden. – Jetzt
aber, Meine Lieben, nehmen wir uns die Mühe und machen einen kleinen
Spaziergang in einen Eichwald! – Ho, ho! werdet ihr sagen, da sieht ja nicht
ein Baum dem andern gleich! Dieser da hat solche Äste, jener wieder andere, und
nicht zwei im ganzen Walde sind sich der Form nach ähnlich! Ihr werdet etwa
meinen, vielleicht herrscht doch in den Wurzeln eine größere Ordnung und
entspricht deren Zustand mehr und mehr dem Keime? – Lassen wir die Bäume nur
ausgraben; denn im Geiste ist solches ja leicht möglich. Besehet da die
Wurzeln, wie sie ebenso verschieden und sich gegenseitig unähnlich sind wie die
Stämme und Kronen der Bäume selbst!
[NS.01_068,09] Wenn ihr solches nur ein wenig
betrachtet, müßt ihr da nicht der Wahrheit gemäß laut ausrufen: Welch eine
Unordnung, welch ein Widerspruch gegen die außerordentlich übereinstimmende und
gleichmäßige Ordnung im Keime! – Wie kann aus solcher Ordnung eine solche, sich
in allen Stämmen, Ästen und Zweigen widersprechende Unordnung entstehen!
[NS.01_068,10] Sehet, darin liegt es, was zu
verstehen und wohl zu begreifen euch überaus not tut, so ihr von jeder
äußerlich-formellen, geistigen Offenbarung durch den Buchstabensinn einen
wahren Nutzen ziehen wollt. Denn das Geistige ist eine in sich selbst bestimmte
Kraft und ist mit sich selbst in der größten Ordnung. Wenn aber diese Kraft,
aus sich selbst hinaustretend, sich äußern will, so muß sie ja doch, als in
sich die größte Ordnung, wohl innewerden, wie sie sich den äußeren
Verhältnissen gegenüber möglicherweise äußern kann, um fürs erste ihr
ureigentümlich Beschaffenheitliches nicht aus den Augen zu lassen, übrigens
aber also zu wirken, daß sie auch mit den äußeren Umständen im Einklang steht.
[NS.01_068,11] Sehet, aus dem wird etwa doch
klar werden, daß wenn Ich, als die Urkraft Selbst, aus der
allerreingeistigsten, ewigen Ordnung Mich für die Außenwelt äußere, Ich auch
stets diese zwei Regeln, als der Grundurheber derselben, auf das genaueste
beachte; und zwar eben dadurch, daß dabei von dem eigentlich Göttlich-Heiligen
in Seiner Fülle nichts vergeben wird, sondern dasselbe allenthalben
allerhöchst-vollkommen beschaffenheitlich innewohnen muß. Was aber dann die
formelle Äußerung nach außen betrifft, so muß sich diese dennoch wieder fügen
nach den äußeren Umständen und muß daher notwendig in der Äußerlichkeit in
allerlei widersprechend erscheinen, während sie doch in sich selbst in dem
allerhöchst ordnungsmäßigen Einklange steht; – also wie die Eichbäume an und
für sich beschaffenheitlich doch immer dieselben sind und sich, zufolge ihrer
Produktionen, immer auf eine und dieselbe Grundordnung zurückbeziehen, wenn sie
sich auch noch so sehr in der äußern Form zu widersprechen scheinen.
[NS.01_068,12] Werden aber hier nicht einige
sagen: Wie steht denn diese Erklärung mit der Religion der Bewohner des
siebenten Gürtels im Einklange? – Ich aber sage: Die Folge wird es zeigen, wie
notwendig diese Erklärung war, um das Fach der Religion, wie auch alles andere
geistige Wesen nicht nur der Bewohner des siebenten Gürtels, sondern auch aller
anderen Gürtel – im wahren Grunde zu verstehen und daraus den gerechten Nutzen
zu ziehen.
[NS.01_068,13] Ich habe schon früher erwähnt,
daß eben bei Gelegenheit der Darstellung der Religion dieser Bewohner des
siebenten Ringes so manche scheinbare Widersprüche im Verlaufe dieser ganzen
Mitteilung sollen ausgeglichen werden. – Wie würdet ihr solches wohl je ohne
diese nun vorangegangene Erklärung ruhig und sicher einsehen? – Da ihr aber nun
solches wisset, so wird es auch weiter keine große Schwierigkeit mehr sein, für
euch alles solches zu berichtigen, und euch den Unterschied zwischen der solaren
und antisolaren Wirkung zu zeigen.
[NS.01_068,14] Aus diesem Grunde wollen wir
denn auch das Fach der Religion so ganz eigentlich erst in der nächsten
Mitteilung beginnen. – Somit gut für heute!
69. Kapitel – Der wahre Verständnis-Schlüssel
für alle Religionen und Offenbarungen.
[NS.01_069,01] Was sonach das eigentliche
Fach der Religion betrifft, so besteht dieses bei den Bewohnern dieses
siebenten Gürtelpaares darin, dem Wesen Gottes aus allen Teilen ein
einstimmiges Lob darzubringen.
[NS.01_069,02] Aus diesem Grunde werden auf
diesem Gürtelpaar auch alle Dinge also erforscht, daß sie, von innen aus
betrachtet, immer einen und denselben Grund haben müssen. Es kommt da nicht auf
groß oder klein an, auch nicht auf viel oder weniger; oder ob da gesagt wird:
Dies ist ein größtes Ding und dies wieder ein kleinstes; oder: hier eine solche
Entfernung, angegeben durch eine Zahl, und gleich daneben eine andere
Entfernung, angegeben mit einer andern Zahl. Werden solche Unterschiede nur von
außen betrachtet, so sind sie sichtbar und widersprechen sich; von innen aus
betrachtet aber sind sie sich völlig gleich.
[NS.01_069,03] So zum Beispiel möchte Ich
euch sagen: Die Entfernung von eurer Wohnstadt bis zu einer nächsten Stadt, zum
Beispiel in eurem Oberlande, beträgt sieben Meilen; wieder möchte Ich euch
sagen: Die Entfernung von eurer Wohnstadt bis zur nämlichen Stadt beträgt zehn
Meilen; und wieder möchte Ich euch sagen: Solche Entfernung beträgt zwanzig
Meilen, und zwar eines und desselben Weges; ja Ich könnte euch noch mehrere
verschiedenartige Entfernungszahlen angeben. Wenn ihr die Sache äußerlich
betrachtet, so könnt ihr nicht umhin, mit gutem Verstandesgewissen zu
behaupten: Das ist ja ein offenbarer Unsinn! – Denn solches muß ja doch ein
Blinder einsehen, daß eine bestimmt ausgemessene Entfernung von etwa sieben
Meilen nicht verlängert oder verkürzt werden kann, vorausgesetzt, daß die
Wegmaßlinie stets eine und dieselbe bleibt. – Dem Außen nach ist diese
Einwendung gegründet und können demnach sieben, zehn und zwanzig Meilen nicht
ein und dasselbe sein. – Welches Gesicht aber bekommt diese Angabe von innen
aus untersucht? – Das ist eine andere Frage.
[NS.01_069,04] Damit ihr aber die Identität
solcher Angaben einsehen möget, so will Ich euch auch in diesem Falle mit einem
anschaulichen Bilde zu Hilfe kommen. – Wie stellt ihr euch etwa die Stadt Bruck
vor? – Ihr saget: Also, wie wir sie noch allzeit gesehen haben. – Ich frage
euch wieder: Wo könnt ihr euch denn das vorstellen? – Ihr werdet sagen: Fürs
erste in uns, das heißt durch die Kraft unserer Einbildung und Rückerinnerung
an das naturmäßige Standbild dieser Stadt. – Gut, sage Ich. Seid ihr bei dieser
Vorstellung in euch auf einen bestimmten Platz angewiesen, oder seid ihr im
Geiste genötigt, diese Stadt euch gerade nur da vorzustellen, wo sie sich
befindet? Ihr könnet im Geiste diese Stadt doch sicher in jede beliebige
Entfernung versetzen. – Nun seht, wir haben unterdessen genug und wollen die
Sache weiter verfolgen. – Wenn es, von innen aus betrachtet, für den Geist so
gut wie einerlei ist, wo er sich diesen Ort vorstellen will, und ihm diese
Vorstellung auch allzeit nur dieselbe Mühe kostet, da fraget dann euern Geist,
welchen Unterschied er wohl zwischen den angegebenen Entfernungen findet? –
Wird er für das sieben Meilen entfernte Bruck, um sich dasselbe irgendwo
vorzustellen, wohl weniger Zeit bedürfen als zu einem hundert Meilen
entfernten? – Wer nur einigermaßen die große Fertigkeit seiner Gedanken kennt,
der wird doch schon in sich die Erfahrung gemacht haben, daß er keinen
Unterschied findet, sich die Entfernung einer Meile und gleich daneben eine
Entfernung von mehreren Trillionen Meilen zu denken. Wenn solches aber für den
„Geist“, oder „von innen aus betrachtet“, vollkommen eines und dasselbe ist, so
wird es ja doch auch klar sein, daß all die Dinge von innen aus betrachtet, wie
sie von einem und demselben Punkte ausgehen, also auch in einem und demselben
Punkte ein und dasselbe sind.
[NS.01_069,05] Solches könnt ihr schon in der
allgemeinen Begriffszusammenziehung finden. – Unter welchem allgemeinen Namen
könnt ihr euch denn alle geschaffenen Dinge, ohne Unterschied ihrer äußeren
Beschaffenheiten, Eigenschaften und Formen, verständig vorstellen? – Ihr saget:
Unter dem allgemeinen Ausdrucke: Wesen oder Geschöpfe. – Gut, sage Ich. Saget
Mir aber: Wie unterschieden findet ihr wohl in solchen allgemeinen
Bezeichnungen die endlose Vielheit der allerverschiedenartigsten Wesen? – Hier
müßt ihr doch offenbar gestehen und sagen: In diesen allgemeinen Ausdrücken ist
durchaus kein Unterschied all des zahllos Erschaffenen sichtbar. Denn in diesen
beiden Ausdrücken spricht sich nur eine gleichbedeutende Vielheit der
geschaffenen Dinge aus. – Ich frage wieder: Warum denn? – Wenn ihr einigermaßen
das Vorhergehende betrachtet, so könnt ihr auf dieses „Warum“ keine andere
Antwort geben, als daß ihr saget: Weil in ihrem Entstehungsgrunde alle die
endlos vielen und verschiedenartigsten Dinge völlig eins sind. – Wenn Ich noch
hinzufüge und frage: Wie und worin? –, so müßt ihr doch gewisserart mit der
Nase euch daran stoßen und sagen: Weil alle Dinge aus der göttlichen Liebe
hervorgehen, so müssen sie ja auch in eben dieser göttlichen Liebe so
vollkommen einig vorhanden sein, wie diese göttliche Liebe in Sich Selbst vollkommen
einig ist.
[NS.01_069,06] Wenn jemand hier allenfalls
einwenden möchte: Ja muß denn gerade alles aus der göttlichen Liebe
hervorgegangen sein? Gott ist ja auch die allerhöchste Weisheit. Ist es daher
nicht füglicher, statt der Liebe Seine endlose Weisheit als das hervorbringende
Prinzip aller Dinge anzunehmen? Denn wir sehen ja doch solches unter uns
Menschen, da es einige darunter gibt, die eine starke Portion Liebe besitzen,
so zwar, daß sie alle ihre Brüder und Schwestern als allerexakteste Philanthropen
aufzehren möchten; wenn sie aber bei all ihrer Liebe nicht auch ihre
Verstandeskräfte auszubilden suchten, so wird aus all ihrer großen Liebe
spottwenig zum Vorschein kommen, – während wieder andere Menschen, welche nicht
mit einer so starken Portion Liebe begabt sind, durch ihre vielseitigen
Kenntnisse große Dinge ins Werk zu setzen vermögen. – Solcher Einwurf wäre wohl
einiger Beachtung wert, wenn Gott und ein Mensch ganz vollkommen eines und
dasselbe wären. Da aber dazwischen ein starker Unterschied obwaltet, so ist
auch bezüglich der Liebe in Gott und der Liebe im Menschen derselbe starke
Unterschied vorhanden; obschon ein eigentlich rechter Mensch in diesem Punkte
seinem Schöpfer am meisten ähnlich sein solle.
[NS.01_069,07] Bei Gott geht die Weisheit
also aus der Liebe hervor wie das Licht aus der Flamme. Wenn auch demnach die
Dinge in ihrer Verschiedenartigkeit von der göttlichen Weisheit gestellt und
geordnet werden, so kann aber doch niemand mehr in Abrede stellen, daß sie im
Grunde des Grundes endlich dennoch samt der Weisheit aus der Liebe hervorgehen
müssen. – Nun sehet, da wir solches nun sicher einsehen, so muß es ja auch klar
sein, daß vom innersten Grunde betrachtet sich alles in der allergrößten
Ordnung also ergreifen und finden muß, als wäre äußerlich kein Unterschied
dazwischen. Die Mannigfaltigkeit der schon in der vorigen Mitteilung
betrachteten Bäume läuft endlich im Samenkorne wieder in die alte, einfache,
unterschiedslose, ewige Ordnung zusammen.
[NS.01_069,08] Wer sonach aus dieser inneren
Ordnung, oder noch mehr deutsch gesprochen, wer aus seiner inneren Liebe zu
Mir, als dem Grundkeime aller Wesen, sich selbst und alle die Wesen betrachtet,
der wird überall eine und dieselbe Einheit und eine und dieselbe sich überall
ergreifende Ordnung finden!
[NS.01_069,09] Betrachtet zum Beispiel den
Baum des Lebens oder das geschriebene Wort, sowohl des Alten als des Neuen
Testaments: wie viele tausend Äste, Zweige und Wurzeln möget ihr wohl an
demselben erkennen? – Nicht eine Wurzel, nicht ein Ast, nicht ein Zweig sieht
dem andern ähnlich. Dem Äußern nach scheint sich alles zu widersprechen.
Lehrsätze über ein und dasselbe lauten verschieden. Prophetische Voraussagen
über ein und dasselbe Ereignis sind von verschiedenen Propheten auch verschieden
bezeichnet. Sogar die vier Evangelisten erzählen ein und dieselbe Sache mit
anderen Worten und unterscheiden sich auch in verschiedenen Zahlenangaben. Ja
sogar manche Orte geschehener Tatsachen werden häufig nicht völlig
übereinstimmend bezeichnet, und so variieren auch nicht selten die Zahlen der
Zeit. – Wer nun von der äußerlichen Anschauung auf den innern Zusammenhang
kommen will, der wird den Weg doch sicher verfehlen und wird das Zentrum so
schwer treffen, wie jemand, der von außen einen Baum anbohren und behaupten
möchte: wie er da den Bohrer angesetzt habe, so müsse er damit bis zum Kerne
dringen. So er aber hernach den Gang seines Bohrers untersuchen wird, da wird
sich doch sicher zeigen, daß er mit seinem Bohrer den Kern um mehrere Zoll
verfehlt hat. – Wenn er aber den Baum eher spaltet und bohrt dann vom Kerne
nach außen, wird er da wohl möglicherweise je die Rinde verfehlen können? –
Warum denn nicht? – Weil im Kerne alles in eins zusammenläuft. – Aber im Äußern
ist der Kern durchaus nicht zu finden. Es könnte jemand nur, wie ihr zu sagen
pflegt, durch einen blinden Zufall mit seinem Bohrer das Zentrum treffen. Was
wird ihm aber solches wohl nützen? Wird er darum nun imstande sein, bei jedem
Baume, den er wieder anbohrt, das Kernzentrum zu treffen?
[NS.01_069,10] Seht, also nützt auch die
äußere, gewisserart antisolare Verstandesweisheit so viel als nichts. Ein solch
äußerlicher Verstandesweiser wird beständig wie ein Blinder herumtappen, und
alles wird nur ein halbes Erraten, aber nie eine volle, innerlich überzeugende
Gewißheit sein. – Wer aber mit seinem Bohrer auf dem solaren Wege die
gespalteten Bäume vom Kerne aus anbohrt, kann der je die Rinde verfehlen?
[NS.01_069,11] Sehet, das ist der richtige
Schlüssel, nicht nur allein zur Beleuchtung und Eröffnung der wahren, innern
Weisheit bezüglich der Religion der Bewohner unseres siebenten Sonnengürtels,
sondern für euch auch noch um vieles mehr bezüglich eurer geoffenbarten
Religion und auch hinsichtlich dieser gegenwärtigen neuen Veroffenbarung, –
damit ihr dann durch eben diesen Schlüssel, oder wahren, innern
Weisheitsbohrer, nicht nur allein das Geoffenbarte, sondern auch alle Dinge und
Erscheinungen von dem wahren, innern, in sich allenthalben einigen, sich nie
widersprechenden Grunde und Hauptstandpunkte der innern Weisheit, also aus dem
Zentrum eurer Liebe zu Mir, betrachten könnt.
[NS.01_069,12] Der weitere Verfolg wird euch
die Religion der Bewohner unseres siebenten Gürtels in ein noch größeres Licht
stellen. Und so mögen wir uns wieder mit dem Gesagten heute begnügen!
70. Kapitel – Gottesinnigkeit als Religions-
und Lebensgrundzug auf dem siebenten Gürtelpaar.
[NS.01_070,01] Wir haben schon gestern
vernommen, daß derjenige, der vom Zentrum aus bohrt, unmöglich je die Rinde des
Baumes verfehlen kann – fürs erste, weil die Rinde den ganzen Baum umgibt, und
fürs zweite, weil vom Zentrum aus bis zum umgebenden Kreise allzeit ein gerader
und sicherer Weg führt. – Wer aber das Zentrum eines Kreises nicht hat, der
wird dasselbe vom Kreise aus allergenaust wohl schwerlich finden, weil er vom
Kreise aus das Zentrum wird suchen müssen.
[NS.01_070,02] Es wird aber jemand sagen: Es
ist alles gut und wahr; wenn man aber einen Baum erst über den Kern spalten
muß, um dann vom Kern aus zu bohren, so ist das doch eine schwierige Arbeit! –
Und Ich sage: Allerdings! Denn zur Erforschung der Wahrheit und allzeitigen
Untrüglichkeit wird auch sicher mehr erfordert als zur Erfindung einer oder der
andern Lüge. Soll man aber darum sich scheuen, die reine Wahrheit zu suchen,
weil zu ihr der Weg schwerer ist als zur Lüge? – Ich meine, solches wird wohl
niemand behaupten. – Also ist es auch mit der Spaltung des Baumes. Es ist da
leichter, von außen nach innen zu bohren und dann zu sagen: man hat das Zentrum
getroffen, – als den Baum zu spalten und vom Zentrum nach außen zu bohren.
[NS.01_070,03] Dessenungeachtet aber
erfordert die Wahrheit solches. Und man muß das Leben suchen, wo es ist, und
dann vom Leben ausgehen, – nicht aber da, wo es nicht ist, und somit als Toter
vom Tode aus das Leben finden und ergründen wollen!
[NS.01_070,04] Wer sonach den rechten Weg
gehen will, der muß allezeit den solaren, aber nicht den antisolaren gehen. Und
der Baum muß gespalten sein, damit des Lebens Zentrum an das Licht kommt.
[NS.01_070,05] Dieses wäre alles gut, wird so
mancher sagen; wie sollen wir aber den Baum spalten? Zuoberst sitzt die Krone,
und zuunterst sind die Wurzeln! – Ich aber sage: Säget die Krone ab, tut die
Wurzeln hinweg, so bleibt euch der Stamm, und dieser kann mit leichter Mühe
gespalten werden.
[NS.01_070,06] Aber hier werdet ihr schon
wieder sagen: Was will dann das bedeuten? Wir verstehen es nicht! – Was ist die
Krone des Baumes? – Das sind die weltlichen Wißtümlichkeiten, die im äußern
Verstande haften.
[NS.01_070,07] Was werden etwa die Wurzeln
sein? – Ihr dürfet nicht weit greifen, sondern nur die Frage beantworten: zu
welchem Zweck oder aus welchem Grunde die Menschen ihren Verstand mit allerlei
Weltkenntnissen bereichern? – Und die Wurzeln werden ganz sichtbar vor euch
auftauchen. – Solltet ihr etwa die schwere Antwort nicht finden, so kann Ich
sie euch sagen! Nämlich – daß darunter all die weltlichen Interessen und
Vorteile verstanden werden. Diese weltlichen Interessen und Vorteile vereinigen
sich zu einem Kerne des Baumes, welcher da bezeichnet die Eigenliebe des
Menschen, – welche Eigenliebe sich dann in den Ästen und Zweigen in allerlei
nützliche Verstandeswissenschaften ausbreitet, damit sie durch dieselben stets
mehr Nahrung für ihr eigenes Wesen finden möchte.
[NS.01_070,08] Sonach wird dieses Bild jetzt
etwa doch verständlich sein. Die Krone hinweg! Die Wurzeln hinweg! Den Stamm
spalten! –, damit die Eigenliebe nach außen gekehrt und zur Liebe zum Nächsten
und zu Gott wird und also umgekehrt den Strahlen der ewigen Lebenssonne
ausgesetzt wird! – Sehet, also nach außen gekehrt wird die Liebe ersichtlich
und kann in sich selbst erforscht werden; und wo immerda ein Bohrer der innern
Weisheit angesetzt wird, wird er ausgehen vom erleuchteten Grunde und wird die
Rinde oder den äußern Kreis allzeit in der geradesten Richtung treffen, ohne
denselben mühsam zu suchen.
[NS.01_070,09] Einige aber werden sagen: Das
Bild ist gut und läßt sich hören; aber bei solcher Operation ist der Baum ja
hin! – Und Ich sage euch: Wenn dieser äußere Baum nicht hin wird, so wird der
innere mit der Zeit samt dem äußern zugrunde gehen. Geht aber der äußere des
innern wegen zugrunde, so wird der innere erhalten. Denn wer das Leben liebt,
der wird es verlieren; wer es aber flieht, der wird es überkommen. Das heißt,
mit andern Worten gesagt: Wer das Weltleben liebt, der wird des Geistes Leben
verlieren; wer aber des Geistes Leben liebt und verachtet das Leben der Welt,
der wird das Leben des Geistes überkommen.
[NS.01_070,10] Wer also das Leben des Geistes
liebt und dasselbe überkommt, der hat sich selbst gespalten und hat sein
innerstes Leben dem Lichte aus Mir geöffnet. Und dieses Licht ist der wahre
Weisheitsbohrer, welcher alles durchdringt, und das zwar von demjenigen Punkte
aus, allda alle Dinge und Wesen in eins zusammenlaufen.
[NS.01_070,11] Da wir nun solches wissen, so
wissen wir auch schon beinahe alles, was die Religion der Bewohner unseres
siebenten Sonnengürtels betrifft. – Diese besteht lediglich in dem: alles von
innen aus zu beschauen, und aus diesen inneren Beschauungen ein wahres,
inneres, lebendiges Lob Mir darzubringen.
[NS.01_070,12] Worin aber besteht dieses Lob?
Dieses Lob besteht in der vollkommenen Einung durch das Zurückkehren alles
äußern Naturmäßigen in das einfach Geistige. Möge die Äußerlichkeit noch so
zerstreut sein als sie will, so muß sie sich endlich im Innern doch als eine
vollkommene, gleichlautende Einheit aussprechen lassen.
[NS.01_070,13] Dieser Ausspruch lautet: Gott
ist die Liebe! Alles was da ist, ist eine Ausstrahlung dieses ewigen
Heiligtums. Und dieses Heiligtum findet Sich in Seiner endlosen Allheit in Sich
Selbst endlos vollkommen also, wie es Sich findet in uns, Seiner Ebenmäßigkeit.
– In dieser Ebenmäßigkeit sind wir dann, zufolge des in uns aufgefundenen,
einigen Heiligtums, selbst einig mit dem urewigen, in Sich Selbst
allervollkommenst einigen Heiligtume, welches ist Gott, die alleinige Liebe. –
Also lieben wir Gott, so wir Seine Liebe haben; denn Gott läßt sich mit keiner
andern Liebe lieben als allein mit der eigenen, einigen. – Wer demnach Gott
lieben will, damit er ewig in Ihm lebe, der muß die Liebe Gottes in sich haben
als eine vollkommene Einigung mit Gott, welche da ist eine Rückbringung alles
dessen in der geheiligten Einheit, was die ewige, einige Liebe zufolge Ihrer
großen Erbarmung in zahllosen Gnadenstrahlen aus Sich gestreut hat.
[NS.01_070,14] Sehet, das ist der eigentliche
Grundsatz der Religion dieses siebenten Gürtels. – Dieser Grundsatz aber ist
demnach auch das Grundprinzip aller Handlungen der Menschen dieses Gürtels.
[NS.01_070,15] Und so stellt auch ihr ganzes
Wesen solchen Grundsatz ersichtlich dar. – Sie sind äußerlich nackt, weil sie
das Äußere nicht achten. Aber desto bekleideter sind sie inwendig, weil ihnen
alles an dem Geiste gelegen ist. – Sie sind großen Leibes, zum Zeugnis, daß sie
alles Äußere umfassend nach innen führen, um es da zu einen. – Sie sind von
verschiedener Größe, damit sie diese äußeren Unterschiede im Geiste aufheben
und einig machen. – Also sind sie auch verschiedenfarbig, welches da entspricht
der Teilung des Lichts oder dem Auswendigen der Dinge, – damit alle diese
Farben in ihrem Geiste zu einem Lichte vereinigt werden. – Sie bewohnen die
äußersten Gürtel der Sonne, zum Zeichen, daß das Äußere zum Inwendigen geführt
und da mit demselben eins werden soll. – Also leben sie von allerlei Früchten, teils
von solchen, die ihnen frei wachsende Bäume und Gesträuche abwerfen, teils von
den Früchten, welche ihr Wille dem Boden entlockt, und teils von denjenigen
Nahrungsmitteln, welche ihnen die Luft wie ein Wunder zuführt, – zum Zeichen,
daß der Mensch alle ausgestreute Gnadenfülle aus der ewigen Liebe in sich
aufnehmen soll.
[NS.01_070,16] Sehet, also geht demnach auch
ihr ganzes Streben dahin, daß sich in ihnen alles in der Liebe zu Gott vereinen
soll. Das Größte dem Äußern nach gilt ihnen gleich wie das Kleinste. – Da sie
wohl die Bewohner der ganzen Sonne aus ihrem Geiste heraus kennen, so sagen
sie: Die Bewohner des Mittelgürtels, als die von aller äußern Pracht am meisten
strotzenden, sind die kleinsten Menschen der Sonne. Würden sie nach dem äußern
Maßstabe sprechen, so würden sie sicher noch kleinere finden, wie wir sie im
Verfolg dieser Eröffnungen über die Sonne und ihre Bewohner gefunden haben.
Allein da sie alle Dinge bloß von innen aus betrachten, so benennen sie
dieselben auch also, wie sie dieselben in sich finden. – Ich mache euch hier
darauf aufmerksam, daß Ich im Verlaufe der Schilderung des Mittelgürtels Selbst
ausgesagt habe, als seien sie die kleinsten; allein solche Aussage verhält sich
eben nach dieser gegenwärtigen Beleuchtung. Denn wo immer das Auswendige
überaus prachtvoll und mannigfaltig ausgestattet ist, da ist das Inwendige am
kleinsten. Wo aber das Äußere ohne allen Prunk dasteht, da ist das Innere desto
größer.
[NS.01_070,17] Hier im siebenten Gürtel haben
wir nirgends einen äußern Prunk gesehen; dafür ist aber auch das Innere am
größten. Wenn hier auch die äußere Form zur größten wird, so schadet das der
Sache nichts; denn solche Größe ist dann nur eine Folge der wahrhaften, innern
Übergröße und ist ein Zeichen dessen, wovon wir schon gesprochen haben. – Also
wird auch manchmal das Maß eben des Mittelgürtels verschieden angegeben; allein
auch solches geschieht zufolge des allezeit mitbegriffenen Maßstabes der
Menschen, die da solchen Gürtel bewohnen. – Und so verhält sich noch so manches
von innen aus betrachtet ganz anders, als es äußerlich ins Auge fällt.
[NS.01_070,18] Da wir nun solches wieder
erfahren haben, so können wir auch das Gegebene allzeit auf eine zweifache Art
betrachten, nämlich von außen und von innen. – Wo irgendeine Spalte im Äußern
ersichtlich ist, da denket, daß auch diese Spalte im Zentrum in eins
zusammenfließt. Und betrachten wir das Gegebene von innen aus, so werden wir
ohnedies allzeit den geraden Weg treffen und werden zum voraus erkennen, daß da
die äußeren Auswüchse und Unebenheiten sich im Zentrum dennoch als eins finden
müssen und demselben unmöglicherweise je eine andere Richtung geben können,
wenn sie sich untereinander auch durch noch so große Klüfte, Sprünge,
Erhöhungen und Vertiefungen unterscheiden sollten.
[NS.01_070,19] Somit wären wir auch mit der
Darstellung der Religion der Menschen dieses Gürtels zu Ende und wollen daher
nächstens nur noch einiges von ihrer Zeugung, Geburt, Ehe und ihrem Absterben
sprechen und sodann uns zur innern Sonne begeben, welche wir so kurz als nur
immer möglich im allgemeinen durchgehen wollen. – Und so lassen wir es für
heute wieder gut sein!
71. Kapitel – Zeugung, Ehe und Sterben auf
dem siebenten Gürtelpaar.
[NS.01_071,01] Da die Zeugung des Menschen
dessen erstes Auftreten ist, oder vielmehr das Eingehen aus dem Geistigen in
die naturmäßige Sphäre, so wollen wir auch damit beginnen. – Wie wird denn hier
bei diesen großen Menschen der Sonne die Zeugung bewerkstelligt?
[NS.01_071,02] Wenn ihr auf die Produkte des
Landes aufgemerkt habt, wie diese aus dreifachen Quellen herrühren, so möget
ihr daraus auch ersehen, daß es mit der Zeugung des Menschen nahe derselbe Fall
ist. Sie wird sonach ebenfalls auf eine dreifache Weise begangen; aber nicht
entweder auf die eine oder auf die andere, sondern allzeit auf die zur Einheit
vereinigte dreifache Art.
[NS.01_071,03] Ihr werdet hier fragen: Wie
ist solches wohl möglich? – Und Ich sage euch, daß solches gar wohl möglich
ist. Denn selbst bei euch ist eine Zeugung ja auch ebenfalls eine dreifache.
Nur ist sie umgekehrter Ordnung, da bei euch die sinnliche zuerst und dann
erst, euch gewisserart zuallermeist unbewußtermaßen, die seelische und geistige
erfolgt. – Bei den Sonnenmenschen aber ist die geistige Zeugung das erste. Dann
folgt die seelische und endlich erst die leibliche.
[NS.01_071,04] Wie geschieht denn die
geistige Zeugung? – Durch das innere Wort an das innere Wort. – Wodurch die
seelische? – Durch den Willen an den Willen. – Wodurch die leibliche? – Durch
ein Sichergreifen, welches ungefähr also aussieht wie eine brüderliche
Umarmung. – Nach einer solchen Umarmung haucht der Mann das Weib an, und der
ganze Akt der Zeugung ist vollbracht; denn was der Johannes von der Werdung des
Fleisches spricht, wird hier buchstäblich ausgeführt.
[NS.01_071,05] Die große Bedeutung liegt dann
in dem werdenden Menschen als Grund verborgen, aus welchem er selbst
hervorgeht, und den er endlich mit seiner Entwicklung als solchen in sich
erkennt; und dieser Grund ist das Zentrum, in welchem sich alles einet auf die
Art, wie Ich es euch zur Genüge gezeigt habe.
[NS.01_071,06] Also hätten wir auch von der
Zeugung nichts mehr zu erwähnen. – Wie geschieht aber die Ehe? – Die Ehe
geschieht ebenfalls wie die Zeugung auf eine dreifache Art. – Irgendein äußerer
Beweggrund führt zwei Gatten niemals zusammen, sondern lediglich der innere.
Sind sie im Worte eins und sodann auch im Willen, so werden sie auch am Leibe
eins.
[NS.01_071,07] Wenn sonach ein Mann im Alter
von etwa hundert Jahren (eurer Zeitrechnung) irgendeines Vaters Tochter also
erkannt hat, daß er in ihr sein Wort und seinen Willen gefunden hat, so geht er
zum Vater und spricht zu ihm: „Siehe, ich habe in dieser deiner Magd mein Wort
und meinen Willen gefunden, also will es demnach der große Gott, daß ich sie
zum Weibe nehmen solle. Solches gebe ich dir kund, damit du deine Magd
erforschen und dann ihren Leib an den meinigen führen möchtest, auf daß ich sie
umarme und in ihr eine neue Frucht des Lebens zeuge.“ – Auf solche Rede beruft
dann der Vater seine Tochter und spricht zu ihr: „Siehe hier vor dir den Mann,
dessen Wort und Willen du trägst nach dem Willen des allmächtigen Gottes; daher
werde sein und lasse dich umarmen von deinem Gatten! Gottes Segen sei mit euch
und Sein Wort sei euer Leben jetzt, allezeit und ewig!“ – Darauf führt er seine
Tochter dem Bräutigam zu, und die Ehe ist geschlossen. – Im Falle aber der
Vater der Tochter nicht mehr am Leben wäre, was jedoch überaus selten
geschieht, – so übernimmt dieses Ehebindungsgeschäft entweder ein ältester
Bruder des Vaters, in Ermangelung dessen aber auch ein anderer, dem ein
verstorbener Vater noch zu seinen Lebzeiten seine Kinder überantwortet hat. –
Also wären wir auch mit dieser Handlung zu Ende.
[NS.01_071,08] Wie geschieht denn das Sterben
dieser großen und zumeist bei tausend Jahre alt werdenden Menschen? – Was den
Akt des Sterbens betrifft, so ist dieser fürs erste ganz wunderbarer Art und
von keinem Manne wie auch von keinem Weibe gefürchtet, sondern im Gegenteil der
Gipfelpunkt der allerseligsten Erscheinungen bei ihnen.
[NS.01_071,09] Von einer Krankheit ist da nie
die Rede. Wenn aber jemand dem Leibe nach absterben soll, so weiß er solches
schon längere Zeit voraus und bereitet in dieser, für ihn seit seinem ganzen
Leben hellsten Zeitperiode alles gehörig und zweckmäßig für diejenige Zeit vor,
in welcher er in das rein Geistige übergehen wird. – Wenn die Zeit schon sehr
naht, dann wird gewöhnlich ein großes Dankfest bereitet, und diesem Dankfeste
folgt ein freundschaftliches Mahl. Sodann steht derjenige, dessen Zeit
herbeigekommen ist, auf, grüßt alle seine Verwandten und sodann die ganze
Nachbarschaft, welche da in einem Baumzirkel beisammen wohnt. Darauf verläßt er
dann behende die Gesellschaft und begibt sich ganz eilig auf eine Anhöhe,
welche von der ganzen Gesellschaft gesehen werden kann. Wenn er sich allda
befindet, so legt er sich mit dem Gesichte aufwärtsgekehrt auf den Boden
nieder; und im Zeitraume von wenigen Minuten verschwindet er so ganz und gar,
daß von ihm nicht die allerleiseste Spur zurückbleibt.
[NS.01_071,10] Bald nach solchem Verschwinden
kommt er völlig im Geiste wieder zu den Hinterlassenen zurück, da ihn dann ein
jeder durch sein inneres Gesicht sieht. Diese Anschauung währt ebenfalls nur
einige Minuten. Sodann aber wird dieser Geist alsbald entrückt, und von ihm ist
dann nie mehr etwas zu sehen auf diesem Platze.
[NS.01_071,11] Wenn dann solches alles
vorübergegangen ist, sodann begibt sich die ganze Gesellschaft auf einen
solchen Berg und bringt Gott einstimmiges Lob und Dank. Darauf begeben sie sich
wieder nach Hause und sind fröhlichen und heitern Mutes der großen Gnade wegen,
welche da Gott einem Bruder aus ihnen hat zukommen lassen. – Dieser Akt des
Sterbens ist im ganzen Gürtel gleich, sowohl auf den Inseln als auf dem großen,
festen Lande.
[NS.01_071,12] Als merkwürdig kann allenfalls
noch das von euch beachtet werden, daß der Mann eher verschwindet als das Weib,
und im ganzen der größte Riese eher als die kleineren Menschen. – Das wäre
sonach auch das Ganze über den Akt des Sterbens der Menschen dieses siebenten
Gürtels.
[NS.01_071,13] Daß auf den beiden Gürteln in
allem bisher Gesagten ein und derselbe Fall ist, braucht kaum erwähnt zu
werden. – Da wir sonach mit der ganzen, bewohnbaren Sonnenoberfläche zu Ende
sind, so wollen wir uns fürs nächste Mal in das Innere der Sonne begeben. – Und
somit gut für heute!
72. Kapitel – Die inneren Sonnen und ihre
Bewohner. – Ordentliches und unordentliches Aufsteigen der
Sonnen-Grundlichtgeister.
[NS.01_072,01] Wir haben schon im Anfange
vernommen, daß die Sonne nicht ein vollkommen kompakter Körper ist, sondern daß
sie aus sieben inneren Sonnen besteht, zwischen welchen immerwährend ein hohler
Raum von mehreren tausend Meilen sich befindet.
[NS.01_072,02] Es ist auch schon erwähnt
worden, daß auch diese Inn-Sonnen bewohnt sind. Nun fragt es sich: mit was für
Bewohnern? – Sind diese Bewohner wirklich leibliche Menschen, oder haben sie
etwa nur Ähnlichkeit mit euren Bergmännlein und den sogenannten Luft-, Feuer-,
Wasser- und Erdgeistern? Oder ist das etwa gar eine ganz besondere Art von
Wesen, die sonst nirgends als eben allein nur in der Sonne vorkämen? – Das
wären somit drei Möglichkeiten, von denen weder die eine noch die andere ganz
verworfen und eben auch nicht ganz bestätigt werden kann. Dem Anscheine nach
hat solches wohl freilich viele Ähnlichkeit mit dem, was da erwähnt wurde, aber
der Wirklichkeit, wie der innern Bedeutung nach hat es keine.
[NS.01_072,03] Denn ihr müßt bei der Sonne
immer vor Augen haben, daß es auf ihr stets nur Wesen primitiver oder solarer
Art gibt, – während sie auf den Planeten sekundärer oder antisolarer Art sind.
Wenn ihr die Form betrachten wollet, so spricht sich diese freilich wohl auf
dieselbe Weise aus wie auf den Planeten; was aber dann die innere
Beschaffenheit und deren Grund betrifft, so ist dieses im schroffsten
Gegensatze gegen alles das, was auf den Planeten sich in dieser Art vorfindet.
[NS.01_072,04] Somit können wir schon einen
Blick auf die Bewohner dieser inneren Sonnen werfen. – Sie sind untereinander
gerade also verschieden wie die Farben eines Regenbogens. Also haben wir
demnach im eigentlichen Sinne weder Bergmännlein, noch Luft-, Wasser-, Erd- und
Feuergeister und noch weniger wirklich naturmäßig leibhaftige Menschen, sondern
Geistermenschen, welche mit der Zeit erst ins naturmäßige Leben entweder auf
der Oberfläche der Sonne oder, im ungünstigeren Falle, auch in das Leben der
Außenheit auf die Planeten übergehen können.
[NS.01_072,05] Wer diese Geisterwesen mit
einem allgemeinen Namen bezeichnet haben möchte, der tut am besten, so er sie
mit dem Ausdrucke Sonnen-Grundlichtgeister benennt. Diese Geister sind unter
sich selbst sich erscheinlich wie naturmäßige Menschen untereinander und können
sich zu diesem Zweck auch aus der dortigen Luft einen Leib bilden, wie und wann
sie wollen; und solches können sie tun bezüglich ihrer vollen Freiheit auf dem
Raume, den sie, als von Mir aus angewiesen, zur Bewohnung innehaben.
[NS.01_072,06] Machen sie von diesem Zustand
ihrer Selbständigkeit und ihrer vollen Freiheit einen gerechten Gebrauch, so
werden sie mit der Zeit fester und haltbarer in ihrer ganzen Wesenheit und
können sodann alsogleich im Wege der Zeugung und Geburt auf die Oberfläche der
Sonne übergehen. Und von da steht ihnen dann schon die fernere geistige Reise,
die da schon besprochen worden ist, zur endlichen Vollendung offen.
[NS.01_072,07] Gebrauchen aber diese Geister
der innern Sonne diesen intelligenten Freiheitszustand auf eine Meiner Ordnung
nicht angemessene Weise, so gestalten sie sich auch unordentlich, und ihre
Formen sind dann von unaussprechlich verschiedener Art. Wenn sie dann den
günstigen Ausgang der Ordentlichen sehen, da rotten sich die Unordentlichen zu Trillionen
und Trillionen haufenweise, wollen sich dann ebenfalls erheben und mit Gewalt
das erreichen, was die Ordentlichen auf dem kurzen und gerechten Wege
erreichen, – nämlich die endliche Oberfläche der Sonne und mit dieser die von
ihnen gewohnte allerabsoluteste Freiheit.
[NS.01_072,08] Am ärgsten oder am grellsten
zeigen sich diese Unterschiede auf der letzten innern Sonne, welche da die
erste ist nach der eigentlichen, sichtbaren Sonne. Denn in den noch weiter
innen befindlichen Sonnen sind die Unterschiede bei weitem nicht so
auffallender Art, das heißt, sie sind wenigstens dem Anscheine nach
gleichartiger als auf der letzten innern Sonne.
[NS.01_072,09] Am wenigsten auffallend sind
die Unterschiede auf der allerinnersten, kompakten Sonne, welche gewisserart
das Herz der Sonne ausmacht. – Von diesem Herzen aus strömen diese geistigen
Wesen in allerlei Formen bis zur obersten Sonne hinauf – also wie das Blut vom
Herzen ausgeht in alle Teile des Leibes, das Nahrhafte allenthalben absetzt und
das weniger Nahrhafte wieder zurückführt.
[NS.01_072,10] Also geschieht es auch nicht
selten, ja im allgemeinen betrachtet beständig, daß die unordentlichen Geister,
wenn sie auch bis zur Oberfläche der Sonne gedrungen sind, daselbst unter
allerlei Formen wieder umkehren müssen, – und das zwar durch die Pole. Sie
werden auf diese Weise dann wieder mit dem Herzen der Sonne vereinigt und
fangen nach langer Zeit wieder an, von da entweder ordentlicher- oder
unordentlicherweise auszugehen und aufzusteigen.
[NS.01_072,11] Solches wüßten wir nun. – Wie
geschieht denn nun das Aufsteigen? – Was das Aufsteigen durch die inneren
Sonnen betrifft, so ist dieses mehr ein geistiges und somit auch zum größten
Teil unverspürbares Aufsteigen. Es ist darum auch mit keinen Eruptionen verbunden.
– Was aber dann das Aufsteigen von der letzten innern Sonne auf die eigentliche
Oberfläche der Sonne betrifft, so äußert sich dieses allezeit auf eine überaus
gewalttätige Weise.
[NS.01_072,12] Den Effekt einer solchen
gewaltsamen Aufsteigung habt ihr schon bei der Erklärung der Sonnenflecken
gesehen. Es wäre hernach nur noch zu erörtern übrig, wie solches von innen aus
geschieht, – und das nicht allein auf dem uns schon bekannten mehr
naturmäßigen, sondern vielmehr auf dem intelligent-geistigen Wege.
[NS.01_072,13] Diese geistigen Wesen der
unordentlichen Art sammeln sich, wie schon bemerkt, zu zahllos vielen
Trillionen etwa zumeist auf einer Äquatorgegend der letzten innern Sonne. Wenn
sie sich gehörig stark fühlen, dann erheben sie sich in Massen und Massen und
dringen also hinauf bis an die innere Fläche der eigentlichen Sonne und
lavieren allda durch ihr Gefühl, wo diese am schwächsten sein möchte. Haben sie
eine solche Stelle gefunden, die auch zugleich nach allen möglichen Seiten eine
Menge Adern und Kanäle hat, so dringen sie da bald ein, fangen dann an, sich
stets mehr und mehr allerintensivst zu entzünden und erglühen dadurch auch nach
und nach die Fläche, wo sie sich angesetzt haben, vergesellschaften sich noch
dazu mit den in dieser Materie gebundenen Geistern und üben nach und nach, sich
stets mehr und mehr entzündend, eine solche Gewalt aus, daß ihnen am Ende die
einige tausend Meilen dicke äußere Sonnenkruste weichen, sich von ihnen auf die
euch schon bekannte Art auftreiben und endlich gar durchbrechen lassen muß.
[NS.01_072,14] Da sie durch ihr höchst
unordentliches Bestreben auch gewisserart ein materielles Gewicht bekommen, so
kommt ihnen dieses zu ihrer Tätigkeit sehr wohl zustatten, indem sie dadurch
sich auch den großartig schnellen Umschwung der Sonne um ihre Achse zunutze
machen. Und es heißt da bei ihnen im buchstäblichen Sinne: Nun helfe, was da
mag und kann; unsern Zweck müssen wir erreichen!
[NS.01_072,15] Wenn ihr nun dieses mit der
ersten Erläuterung der Sonnenflecken vergleichet, so wird euch daraus so
manches klar werden, was euch sonst etwas dunkel geblieben wäre, – wenigstens
wäret ihr mit der Zeit auf einen Widerspruch geraten, den ihr nicht leichtlich
gelöst hättet; und so mancher gelehrte Fuchs hätte da eine gute Nahrung für
seine spitzigen Zähne und scharfen Augen und Krallen bekommen.
[NS.01_072,16] Ich will euch nur einen
solchen Widerspruch andeuten (und dieser wäre folgender): Entstünden die euch
bekannten Geschwülste am Äquator der Sonne lediglich durch die Wurfkraft des
Umschwunges der Sonne um ihre Achse, da möchte Ich den kennen, der da imstande
wäre, einen Tempel, noch dazu auf einem Berge, zu erbauen, wo die Wurfkraft
noch größer ist als in der Tiefe, – ohne daß dann ein solcher Tempel samt den
Bewohnern nicht alsogleich hintangeschleudert werden würde! Wenn es überhaupt
möglich zu denken wäre, bei oberwähnten Umständen irgendeinen solchen Tempel zu
erbauen! – Die Schwungkraft der Sonne ist somit an und für sich im gerechten
Verhältnis zu deren großer anziehender Kraft; kann aber dessenungeachtet
solchen geistigen Unternehmungen gut zustatten kommen und ist ihrer Gewalttat
somit förderlich und nicht hinderlich.
73. Kapitel – Schicksale der Sonnenmeuterer.
– Kometen- und Planetenentwicklung. – Das ewige, unermeßliche Schöpfungswerk. –
Schluß.
(Beendet am 21. November 1842)
[NS.01_073,01] Daß auf diesem Wege solche
Geister einesteils ihren Zweck erreichen, das haben wir schon bei der Erklärung
der Sonnenflecken gesehen. – Wozu sie aber die Erreichung dieses Zweckes danach
verordnet, solches wird sobald noch erschaulicher als bisher dargestellt
werden.
[NS.01_073,02] Wenn diese Geister auf diese
gewaltige Weise ihre erwünschte Freiheit erlangen, dann schwärmen sie zu
Millionen und Millionen hinaus in den unermeßlichen Raum. – Die erste Folge
dieses gewaltigen Ausflugs ist zwar eine für kurze Dauer wohltätige; denn
sämtliche Geister werden in diesem Raume gewisserart abgekühlt und somit auch
in ihrem Bestreben ruhiger.
[NS.01_073,03] Was ist aber die zweite Folge
dieses Zustandes einer absoluten Freiheit? – Solches kann nicht eher begriffen
werden als dann erst, wenn ihr wißt, daß ein jeder Geist, welcher Art er auch
immer sein mag, für seine kräftige und behagliche Fortdauer eine Nahrung haben
muß. Hat er diese nicht, so wird er endlich stets schwächer und schwächer, so
zwar, daß er am Ende in eine Art bewußtlosen Zustandes gerät, welcher einem
tiefen Schlafe gleicht. – Ein solcher Zustand ist demnach auch die Folge der
gewonnenen absoluten Freiheit solcher unordentlicher, gewalttätiger Geister aus
der Sonne.
[NS.01_073,04] Was wird aber wohl die Folge
dieses zweiten Zustandes sein? – Diese Folge zu erraten, wird niemandem großes
Kopfzerbrechen verursachen. Denn so jemand imstande wäre, selbst einen Tiger
auszuhungern und dann vollends tiefst einschlafen zu lassen, so wird es ihm
dann mit dem Fangen dieses wütenden Tieres sicher nicht schwer werden, – da es
zufolge seiner Schwäche sich nicht zur Wehr wird setzen können, und zufolge
seines Schlafes aber auch nicht merken wird, wann es einem Jäger zur Beute
wird. – Sehet, das ist auch ungefähr die sichere Folge für solche absolut
freigewordene Geister aus der Sonne! Sie werden ebenfalls zur Beute der überall
auf sie lauernden Anziehungskraft der Planeten, denen sie sonach zur
willkommenen Sättigung dienen.
[NS.01_073,05] Ein Teil solcher geistigen
Absolutisten aber wird schon bei ihrem Durchbruch wieder von der Kraft der
Sonnengeisterwelt zur Umkehr genötigt, allda dann ein Teil zur Besänftigung und
Abkühlung in die großen Sonnenmeere zurückfällt; ein noch größerer Teil aber,
welcher sich etwas weiter von der Sonne hinweg wagte, wird von der mächtigen
Polarität der Sonne ergriffen und durch diese wieder in den Urzustand geführt,
das heißt, in das eigentliche Herz der Sonne. Auch derjenige Teil, der von den
Gewässern der Sonne aufgenommen wird, macht mit der Zeit durch die vielen
Poren, Adern und Kanäle eine rückgängige Bewegung, manchmal bis zur letzten
innern Sonne, welche, wie ihr wißt, eigentlich die erste nach der Oberfläche
der Sonne ist. Manche solche in die Gewässer zurückgefallenen Geister aber
werden wohl auch zur Nahrung und Auszeitigung der äußern Sonnenoberfläche
verwendet.
[NS.01_073,06] Diejenigen Geister der innern
Sonne, welche eine solche rückgängige Bewegung schon zu öfteren Malen gemacht
haben, verbinden sich nicht leicht wieder mit jenen Geistern, welche wieder
einen neuen Äquatorialdurchbruch unternehmen wollen, sondern sie suchen auf
Seitenwegen gegen die Polargegenden hin sich gewisserart mehr heimlich aus dem
Staube zu machen. Da sie aber allda ebenfalls auf Widerstände stoßen, so
geschieht es denn auch, daß sie in kleineren Partien zu Gewalttätigkeiten ihre
Zuflucht nehmen und kommen dann bald auf einem, bald auf dem andern, zumeist
aber dennoch gegen die Polargegenden hin befindlichen Gürtel zur Erreichung
ihres Zweckes. Ich darf euch nur auf die euch schon bekannten Vulkane
aufmerksam machen, und ihr werdet daraus leicht ersehen, wo für diese Wesen,
wie ihr zu sagen pflegt, der Zimmermann das Loch gelassen hat. Aber auch dieses
Loch nützt ihnen nicht viel; denn dadurch können sie sich oft kaum so weit von
der Sonne entfernen, als die Oberfläche ihrer Glanzluft vom festen Boden
absteht. Bald nach einem solchen, sich fast fortwährend wiederholenden Versuch
werden solche liberal gesinnte Geister wieder von den Polen der Sonne sehr
stark eingeladen, sich die Mühe nicht gereuen zu lassen, wieder einen kleinen
Besuch der innersten Sonne oder eigentlich dem Sonnenherzen, abzustatten, wo
sie dann wieder eine hinreichende Zeit darüber nachdenken sollen, was da besser
ist: der guten Ordnung zu folgen, oder sich eigenmächtig-ohnmächtig zu
verderben und den ordentlichen Zustand auf lange Zeiten der Zeiten gewaltigst
zu verschlimmern.
[NS.01_073,07] Sehet, also verhalten sich die
Sachen. Nur fragt es sich noch, ob das die einzigen Geister sind, denen die
fatale Ehre zuteil wird, von den Sonnenpolen wieder aufgenommen zu werden, –
oder gibt es auch noch andere? – Ja, es gibt auch noch allerlei andere! – Und
diese sind zum Teil Ausreißer aus den die Sonne umgebenden Planeten, zum Teil
aber auch ähnliche Gewaltstreichausführer anderer Sonnen. Solche Geister werden
nämlich, wenn sie in das Planetengebiet dieser Sonne geraten, von der
Polarkraft der Sonne gar bald ergriffen und von derselben zu der Sonne selbst
hingezogen. Nur wenn sie sich auf eine euch schon bekannte Weise in irgendeiner
weiten Sphäre der Sonne vergesellschaften und sodann der Erscheinlichkeit nach
zu Kometen werden, können sie manchmal sich längere Zeiten hindurch um die
Sonne ungeschickt planetarisch bewegen. Kommen sie aber der Sonne
unbehilflicher- und ungeschicktermaßen zu nahe, so werden sie auf jeden Fall
von der Sonne, wie ihr zu sagen pflegt, bei Butz und Stengel verzehrt. Wenn
manche auch mit der Zeit zu wirklichen Planeten werden, so sind sie aber als
solche dennoch nicht ausgenommen, dereinst der Sonne zur Speise zu werden. Denn
was die Sonne einmal mit ihrer polarischen Kraft ergriffen hat, das ist schon
so gut wie eine vollkommene Beute für sie. Denn fürs erste zehrt sie dann
beständig durch ihre Kraft an einem solchen Gaste, schwächt ihn von Jahrtausend
zu Jahrtausend und zieht ihn endlich dennoch in ihren weiten Feuerschoß.
[NS.01_073,08] Solches könnt ihr schon aus
der gegenwärtigen Stellung der Planeten erkennen. Denn einstens, vor vielen
Millionen Jahren, war der Planet Merkur noch an der Stelle eurer Erde, der
Planet Venus ungefähr an der Stelle des gegenwärtigen Planeten Mars und eure
Erde ungefähr an der Stelle des Jupiter. Nun rechnet nach, um wie vieles die
Sonne mit ihrer Kraft sich diesen Planeten genähert hat! Und ihr könnt daraus
gar leicht ersehen, daß die Sonne, wenn auch nach vielen Jahrtausenden, sich
dieser gegenwärtig noch freischwebenden Planeten bemächtigen wird, – allwo und allwann
dann die hartnäckigsten Geister solcher Weltkörper erst wieder zu ihrer
ordentlichen, manchmal auch wieder, zufolge ihrer wiedererlangten intelligenten
Freiheit, zu ihrer unordentlichen Löse gelangen werden.
[NS.01_073,09] Daß an die Stelle solcher, von
der Sonne völlig aufgenommener Planeten wieder andere treten, könnt ihr schon
aus dem Umstande ersehen, daß um eure Sonne allein ein Heer von wenigstens
zehntausend Millionen Kometen schwärmt, aus welcher nicht unbedeutenden Zahl
dann auch immer ein und der andere mehr ausgebildete Komet wieder in den Stand
eines Planeten übergehen kann. Ja es gibt schon gegenwärtig eine große Menge
wohlausgebildeter Kometen in dem weiten Gebiete eurer Sonne, welche sogar schon
zum größten Teile bewohnt sind, – wenn auch noch nicht von Menschen, so aber
doch von Pflanzen und mannigfaltigen Vortieren.
[NS.01_073,10] Sehet, also ist demnach diese
Ordnung. Für eure Begriffe ist ihre Zeitdauer unendlich zu nennen, vor Meinen
Augen aber ist der Anfang wie das Ende gestellt. – Wie aber die Sonne ihre
Planeten wieder löset, also können auch Zentralsonnen ihre Nebensonnen lösen
und endlich die Hauptzentralsonne ganze Heere von Sonnengebieten und
Sonnenallen. – An der Stelle der verzehrten werden dann wieder neue gesetzt,
also, daß dadurch der Gang in der Ordnung Meiner Dinge für ewig nimmerdar
abgebrochen werden kann. Denn solches müßt ihr zu all dem annehmen, daß Ich
ewig nimmer aufhören werde, zu erschaffen, – weil Ich als Gott ewig nimmer zu
denken aufhören kann. Denn Meine Gedanken sind die Wesen.
[NS.01_073,11] Aber es wird mancher sagen:
Wohin denn am Ende mit solcher unendlichen Vielheit der Geschöpfe? – Ich aber
frage dagegen: Wie verhielte sich denn eine, wenn an und für sich noch so
große, aber am Ende dennoch begrenzte Zahl der Geschöpfe und Wesen zu einem
unendlichen Gott?
[NS.01_073,12] Daher soll darob niemandem
bange werden. Denn in Meiner Unendlichkeit hat auch sicher Unendliches Platz
und wird dieselbe ewig nimmer erfüllen, – wenn auch der beständige Wesenzuwachs
noch unaussprechlichmal größer und zahlloser wäre, als er der bestehenden
Ordnung zufolge ist.
[NS.01_073,13] Dieser Überblick aber soll
euch eben auch die Beruhigung geben, daß euer guter, heiliger Vater größer,
mächtiger und vollkommener ist, als sich Ihn ein schwacher Erdengeist selbst in
seinen feierlich hellsten Augenblicken vorzustellen vermag.
[NS.01_073,14] Somit wären wir denn auch mit
der materiellen Sonne zu Ende und wollen darum fürs nächste Mal uns in die
geistige oder vielmehr himmlisch geartete Sonne begeben. – Und so lassen wir es
für heute wieder gut sein!